Eingeladen – wir alle

Lukas 14, 15 – 24

15 Als aber einer das hörte, der mit zu Tisch saß, sprach er zu Jesus: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes!

               Da hat Jesus einem zu Herzen und aus dem Herzen geredet. Anders kann man seinen Ausruf doch nicht verstehen: Selig ist, der das Brot isst im Reich Gottes! Da hat es einer gehört: Wichtiger als die Fülle hier ist das kommende Reich. Das Brot des Reiches ist besser als das Brot des Weges. Selig – dem kann man gratulieren, dem die Tür zum Reich aufgetan ist, der da seinen Platz gefunden hat.

Nimmt hier einer das Wort, der sicher ist, heilssicher: Ich bin dabei? Ich kann mich freuen auf die kommende Herrschaft Gottes. „Sein Ausruf zeigt, dass er und seine Genossen ihrem Anbruch mit der Ruhe von Leuten entgegen sehen, die keinen Zweifel an ihrer Berufung haben.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 178f.) Es könnte doch auch sein, dass sich hier nicht falsche Heilssicherheit zu Wort meldet, sondern Sehnsucht. Mir leuchtet es nicht ein, wie der Rufer in seltener Einmütigkeit der Kommentatoren kritische beäugt wird.  Ich höre noch nicht einmal Gewissheit, sondern nur Sehnsucht, nur Hoffnung, in Parallele zur Seligpreisung. „Selig sind, die zum Hochzeitsmahl des Lammes berufen sind.“(Offenbarung 19,9)   

 16 Er aber sprach zu ihm: Es war ein Mensch, der machte ein großes Abendmahl und lud viele dazu ein. 17 Und er sandte seinen Knecht aus zur Stunde des Abendmahls, den Geladenen zu sagen: Kommt, denn es ist alles bereit!

Eine Geschichte, nur für diesen einen – so klingt es. Für ihn, der sich auf das Reich Gottes freut, der sich auf das Festmahl freut. Ist das so – eine Geschichte nur für ihn? Auch noch durch das unscheinbare aber, δέ, zu einer Geschichte macht, die ihn korrigiert? Oder ist diese Geschichte nicht auch für alle, die mit am Tisch sitzen und alle, die sich auf den Tisch im Reich Gottes freuen? Und vor allem: Jesus ist der Erzähler dieser Geschichte – und erzählt von sich selbst und seinem Auftrag. Er ist der eine Knecht, der den Geladenen sagt: Kommt, es ist alles bereit.

               Das Mahl ist bereitet, die Einladungen sind herausgegangen. Der Tisch ist gedeckt. Es ist alles bereit. Kommt, denn es ist alles bereit! Diese Worte sind in die Abendmahls-Liturgie eingegangen. Mit gutem Grund. Es macht keinen Sinn, nur Zuschauer zu bleiben. Es macht keinen Sinn, sich vom gedeckten Tisch fern zu halten. Der Sinn des gedeckten Tisches ist erst dann erfüllt, wenn die Gäste an ihm Platz nehmen. Und der Satz unserer Abendmahls-Liturgie macht damit ernst,  dass es Jesus ist, der uns zum Mahl lädt.

Das Fest ist schon lange angekündigt. Die Einladungen sind vorzeiten schon heraus gegangen – mit dem Hinweis: Um Antwort wird gebeten – U.A. w. g. Jetzt ist alles fertig vorbereitet. δη. Schon. Das Fest hat noch nicht begonnen, aber die Türen sind schon offen. Es ist nur noch Formsache, nur noch gewissermaßen übertriebene und überbesorgte Höflichkeit: Ihr vergesst doch nicht…

 18 Und sie fingen an alle nacheinander, sich zu entschuldigen.

             „Eine Absage in diesem Augenblick deckt einen Mangel an Anstand auf.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S. 509) Es gehört sich nicht.  Es geht gar nicht –  sich jetzt so zu entschuldigen. Wer einen ordentlich geführten Terminkalender hat, der wird nicht von solchen Erinnerungen unangenehm überrascht.

 Der erste sprach zu ihm: Ich habe einen Acker gekauft und muss hinausgehen und ihn besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 19 Und der zweite sprach: Ich habe fünf Gespanne Ochsen gekauft und ich gehe jetzt hin, sie zu besehen; ich bitte dich, entschuldige mich. 20 Und der dritte sprach: Ich habe eine Frau genommen; darum kann ich nicht kommen.

             Das weiß der Gastgeber. Mein Fest ohne Gäste – das ist Unsinn. Und genau das widerfährt ihm. Sie sagen einer nach dem anderen ab – und erklären damit sein Fest für Unsinn, nebensächlich, nachrangig. Es gibt Wichtigeres als dein Fest zu feiern. Es sind ja alles ehrenwerte Gründe – der Acker, die Ochsen, die Frau. Es sind keine Kleinigkeiten, keine Lappalien.

Aber das ändert nichts an dem, was der Gastgeber erlebt: Mein Fest ist nicht von Bedeutung für meine Gäste. Sie haben Besseres zu tun, Wichtigeres in ihren Augen jedenfalls. Die ursprüngliche Zusage gilt nicht mehr. Sie wird widerrufen.

Immer, wenn die Tagesordnung des Lebens hindert, die Einladung zum Fest Gottes wahr zu nehmen, geschieht die gleiche Kränkung. Gottes Fest ist nicht so wichtig wie das, was auf unserer Tagesordnung steht. Wir nehmen unsere Zusagen zurück – das Ja der Konfirmation, das Ja der Schritte im Glauben, das Ja, das wir einmal zur Wahrheit Gottes gesagt haben und mit dem wir ihm unser Leben anvertraut haben. `Das war voreilig, unüberlegt, wir wussten nicht, was alles noch kommt.’ – `Tut uns Leid, lieber Gott, aber es gibt Wichtigeres.’

Sich in die Situation der Absagenden hinein zu denken ist eine der Herausforderungen des Abschnittes. Sie sagen nicht leichtfertig ab. Sondern mit Bedauern. Immerhin: sie sagen wenigstens ab. Sie sind nicht, wie man heute so ist  – einfach nicht kommen. Den Termin verfallen lassen, obwohl man auf der Liste der Gäste steht. Ohne jedes Echo. Also wenigstens höflich sind sie schon. Aber darin ist ihre Absage durchaus modern: Sie haben andere Prioritäten. Dieses Fest darf die eigene Planung nicht durcheinander bringen.

21 Und der Knecht kam zurück und sagte das seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sprach zu seinem Knecht: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und führe die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen herein.

            Die Enttäuschung mag noch so groß sein. Wohl wahr: Der Hausherr „ist vom „Zorn ergriffen“(ργισθες), von jenem Zorn, der Trauer, Enttäuschung und Erregung anzeigt.“ (F. Bovon, aaO. S.511) Aber er lässt sich sein Fest nicht nehmen, lässt sich seine Fest-Freude nicht verderben. Dann eben die, die zweite Wahl sind. Die Armen, Verkrüppelten, Blinden und Lahmen – das sind ja all die, die nicht kult-fähig sind in Israel. Sie haben kein Anrecht auf einen Platz im Tempel. Ihre körperlichen und geistigen Gebrechen schließen sie aus. Sie stehen draußen vor der Tür. Da ist ihr Platz.

Aber jetzt nicht mehr. Jetzt wird die Tischordnung umgeworfen. Es gibt ein Lumpen-Fest. Aber eben doch ein Fest. Mag sein, jemand verreißt sich das Maul: Das sind ja nur die Fußkranken unserer Gesellschaft. Das sind ja nur die, die es nicht gepackt haben. Das sind ja nur die, die sich selbst nichts leisten können, weil sie nichts geleistet haben. Das sind ja nur Verlierer. Mag alles sein – aber sie haben Platz gefunden an der Tafel des Gastgebers.

Sie sind die Adressaten der Seligpreisungen Jesu. Der da am Anfang das Wort hatte, der wusste nicht, wen er in Wahrheit seligpreist. Jetzt kann er es wissen: Selig sind die, die sich einladen lassen – ohne alles eigene Verdienst und ohne alle eigene Würdigkeit. Selig sind die, die kommen, weil sie gerufen werden und die dem Fest Gottes die erste Priorität in ihrem Leben einräumen. Sich einladen lassen und der Einladung auch wirklich folgen. Ob sie arm sind, traurig, Fußvolk – alles zweitrangig. Was allein zählt: Sie nehmen Platz an dieser Fest-Tafel.

22 Und der Knecht sprach: Herr, es ist geschehen, was du befohlen hast; es ist aber noch Raum da. 23 Und der Herr sprach zu dem Knecht: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.

             Weil immer noch Platz ist, wird die Suche erweitert. Alle, die irgendwo abhängen, alle, die unterwegs sind ohne Richtung und Ziel – sie alle sollen kommen. „Und es soll geschehen: Anstatt dass zu ihnen gesagt wurde: “Ihr seid nicht mein Volk”, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genannt werden.“ (Römer 9, 26) Das ist der große Horizont, der hier aufgerissen wird. Die Einladung Gottes wird ausgeweitet auf alle, auch auf die, die ferne von Gott waren, verloren auf ihren eigenen Wegen.

Nötigt sie. νγκασον εσελθεν. „Der überraschend Eingeladene sträubt sich und zögert, weil er es nicht wagt, die Einladung anzunehmen; der Einladende fasst den Zögernden am Arm und zieht ihn mit sich in das gastliche Haus.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S. 300) Da ist kein Raum für Zwang, auch keine merkwürdige Rechtfertigung für Zwangsbekehrungen. Da ist nur der Versuch, dem Zögernden seine Hemmung überwinden zu helfen.  Ganz so, wie es die folgende Geschichte erzählt:

 Ein Fürst gibt ein großes Fest. Viele wichtige Menschen sind eingeladen. Es beginnt zu regnen, und vor der Toreinfahrt bildet sich eine große Pfütze. Als ein vornehm gekleideter Herr aus seinem Wagen steigt, rutscht er aus und fällt der Länge nach in die Pfütze. Mühsam erhebt er sich, von oben bis unten beschmutzt und nass und sehr geknickt. “So kann ich mich nicht auf dem Fest sehen lassen”, denkt er. Einige Gäste machen schon spöttische Bemerkungen. Ein Diener meldet den Vorfall dem Fürsten. Dieser eilt sofort hinaus und erreicht den Gast gerade noch, als er zurückfahren will. “Bleib doch, mir macht der Schmutz an deinen Kleidern nichts aus”, sagt der Fürst, doch der Gast hat Angst vor den Blicken und dem Getuschel der anderen Gäste. Da lässt sich der Fürst mit seinen kostbaren Kleidern in dieselbe Pfütze fallen, so dass auch er von oben bis unten voller Dreck ist. Er nimmt den Gast an die Hand, und beide gehen in den festlich geschmückten Saal. (R. Johnen in: Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten, Verlag Andere Zeiten Hamburg 2011, S. 22)

In seinem Knecht scheut der Gastgeber, der Fürst, von dem Jesus erzählt, auch die Pfützen nicht. Damit allerdings ist die andere Frage an uns Lesende von heute gestellt: Wenn wir nicht wie die sind, die kurzfristig absagen, sind wir vielleicht wie die Knechte, die geduldig einladen? Das könnte ja doch auch unser „Platz“ in der Erzählung sein; wir sind gesandt zu denen an den Hecken und Zäunen, zu den Armen, Verkrüppelten, Blinden, Lahmen. Das ist die Herausforderung, vor der unsere Kirchen heute stehen: hinaus zu gehen, die sicheren Kirchenmauern zu verlassen, sich unter das Volk zu gehen, auch wenn uns das abverlangt, tiefe Kulturschranken zu überschreiten. Es ist wohl so, dass wir viel zu lange unter uns geblieben sind und es überhört haben: Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen. Vielleicht ist erst dann die Botschaft dieser Gleichnis-Erzählung bei uns angekommen, wenn wir nicht mehr nur mürrisch oder auch ein wenig hochmütig über die nachdenken, die die Einladung ausschlagen, sondern zu denen werden, die sich senden lassen. die im Auftrag des Gastgebers neu auf dem Weg sind. Auch dahin, wo wir noch nie waren.

24 Denn ich sage euch, dass keiner der Männer, die eingeladen waren, mein Abendmahl schmecken wird.

               Die Kehrseite: Wer der Einladung nicht folgt, bleibt draußen. Wer das Fest Gottes missachtet, kann nur noch die eigenen Feste feiern. Es ist die Warnung Jesu an die, die mit ihm zu Tisch sitzen, die Zeit nicht zu versäumen, sich nicht so sicher zu sein, dass das Fest ohne sie ja gar nicht geht.

 

Jesus, Du lädst ein. Du rufst zum Fest Gottes. Du willst unser Vertrauen, unsere Liebe. Du willst, dass wir unseren Platz finden an Deinem Tisch.

Gib, dass wir Deine Einladung nicht missachten über der Tagesordnung der Welt. Gib, dass wir sie nicht zur Seite legen, geschäftig und beschäftigt mit unseren eigenen Dingen.

Hilf, dass ich Deine Einladung höre und ihr folge, heute. Amen