Wen laden wir ein?

Lukas 14, 7 – 14

 7 Er sagte aber ein Gleichnis zu den Gästen, als er merkte, wie sie suchten, obenan zu sitzen, und sprach zu ihnen: 8 Wenn du von jemandem zur Hochzeit geladen bist, so setze dich nicht obenan; denn es könnte einer eingeladen sein, der vornehmer ist als du, 9 und dann kommt der, der dich und ihn eingeladen hat, und sagt zu dir: Weiche diesem!, und du musst dann beschämt untenan sitzen.

Nach dem Schweigen kommt es zu einem neuen Gespräch. Sind es in der Vorstellung des Lukas noch die gleichen Gäste? Die, die eben erlebt haben, wie Jesus sie mit ihrem Alltag konfrontiert, wie er aus hoher Diskussion herunter holt und die Ebene des Lebens in das Gespräch einführt? Ihnen sagt Jesus ein Gleichnis. παραβολ– „Nebeneinanderstellung, Vergleichung, Gleichnis, Denkspruch.“ (Gemoll, aaO. S. 570) Ein Gleichnis ist das, was folgen wird, nicht. Besser trifft die umschreibende Übersetzung:Das nahm er zum Anlass, sie auf etwas hinzuweisen.“(Neue Genfer Übersetzung)

Jesus fordert die Gäste dazu heraus, das eigene Verhalten anzuschauen. Ihr eigenes Verhalten, sich selbst. Auch jetzt ist wieder Alltag im Blick: Das Suchen nach den besten Plätzen. Der Kampf um die Ehre. Damit kennen sich alle aus – damals und heute. Und Jesus sieht nicht nur, dass sie um die besten Plätze eifern, sondern auch wie. πῶς. Die Art und Weise dieses Eiferns greift er auf.

Das ist eine unendliche Geschichte. Tischkarten haben schon mindestens so viel Ärger ausgelöst wie sie zu friedlichem Miteinander geholfen haben. Wehe dem, der wichtige Leute beim Gruß am Anfang einer Veranstaltung vergisst. Wehe dem, der einen bedeutenden Menschen nicht auf seinen, ihm zustehenden, exponierten Platz setzt. Es gibt so viele protokollarische Fettnäpfchen! Und in der Selbsteinschätzung ist es oft genug so, dass die eigene Wertschätzung  nicht in Einklang zu bringen ist mit dem, was andere denken.

Die Peinlichkeiten sind vorprogrammiert: `Da sitzt Herr Müller, für Sie haben wir einen anderen Platz gedacht’ und schon geht es nach hinten. Aller selbst gewähnten Bedeutung zum Trotz. Tischordnungen sind Rangordnungen und das ist kein Kinderspiel, auch wenn es einem manchmal kindisch vorkommen mag.

Immer geht es in solchen Geschichten um Anerkennung. Jeder ist darauf angewiesen, Anerkennung, Zuwendung zu erfahren. Wer als Kind keine Anerkennung erlebt, keine Ansprache, keine Zuwendung, der geht ein – oder er wird ein Leben lang danach gieren. Lob ist lebensnotwendig. „Hast du heute schon dein Kind gelobt?“ war ein Autoaufkleber der 80er Jahre. So mancher stellt alles Mögliche an, nur um zu hören: „Das hast du gut gemacht.“ Und der Platz ganz oben beim Gastmahl zeigt es eben: Das hast du gut gemacht. Nur: diesen Platz kann sich niemand selbst zuteilen!

10 Sondern wenn du eingeladen bist, so geh hin und setz dich untenan, damit, wenn der kommt, der dich eingeladen hat, er zu dir sagt: Freund, rücke hinauf! Dann wirst du Ehre haben vor allen, die mit dir zu Tisch sitzen. 11 Denn wer sich selbst erhöht, der soll erniedrigt werden; und wer sich selbst erniedrigt, der soll erhöht werden.

         Es ist der Kontrast, der hier mitspricht: Weiche diesem! auf der einen Seite wirkt kühl und distanziert. Der so nach unten Versetzte wird tatsächlich distanziert. Wie anders klingt Freund, rücke hinauf! Das ist „neu gefestigte, ihn förmlich umsonnende Liebe von Seiten des Gastgebers.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.147) Der eine wird distanziert, der andere gewinnt neue Nähe.

Es ist das Zeichen der großen Lehrer, dass sie alltägliche Ereignisse beobachten und daraus grundsätzliche Schlussfolgerungen ableiten. Das Suchen nach den besten Plätzen, den Ehrenplätzen ist so normal wie nur etwas. Es ist zugleich Hinweis auf eine tief eingeprägte Lebenshaltung.  Die stellt Jesus in Frage. Dabei geht es aber um mehr als um eine „profane und für die Weisheit typische Klugheitsregel“ (R. Bultmann, Geschichte der synoptischen Tradition, Göttingen 1931, S. 108), auch um mehr, als der so tief sitzenden Sucht nach Ehre entgegen zu treten.

Der Rat Jesu klingt nach Taktik. Zeige dich demütig, damit du Ehre empfängst. Aber in Wahrheit gibt Jesus keinen taktischen Rat. In Wahrheit stellt er das ganze System in Frage. Es geht nicht darum, sich selbst Plätze zu sichern, oben oder unten. „Echte Ehre kann man sich nicht selbst nehmen, man kann sie nur empfangen. Gilt das schon im Verkehr mit Menschen, so vollends vor Gott.“(K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 177) Es geht darum, den Platz Gottes anzunehmen – ob dieser Platz nun oben oder unten ist. Jesus geht einen Weg, der ihn ganz nach unten führt. Er geht ihn nicht deshalb, weil er weiß oder hofft: Dieser Weg wird belohnt werden. Er geht seinen Weg auf den untersten Platz der Welt, ans Kreuz, weil er nichts will als den Willen des Vaters. Der Platz, den der Vater ihm gibt, ist richtig.

            Diese Sätze Jesu haben ihre Bedeutung auch und gerade innerhalb der christlichen Gemeinde. Sie ist nicht die klassenlose Gesellschaft, die wir manchmal glauben. Es gibt Reiche und Arme, Angesehene und Übersehene, Bedeutende und Mitläufer. Aber daraus lassen sich keine Platzansprüche ableiten. Und wo das doch versucht wird, da bringt es nichts als Ärger hervor.

Wo die Gemeinde diese Platzspiele zulässt, da verdirbt sie das Evangelium. „Liebe Brüder, haltet den Glauben an Jesus Christus, unsern Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!, oder: Setze dich unten zu meinen Füßen!, ist’s recht, dass ihr solche Unterschiede bei euch macht und urteilt mit bösen Gedanken?“(Jakobus 2, 1–4) Wie weit ist so ein Denken, auch wenn es in der Gemeinde Platz findet, von Jesus entfernt, der arm wird, damit wir reich werden!

Es ist ein Wort, das die Lebensweisheit Israels atmet. Ein Wort, das auch der Prediger gesagt haben könnte. „Alles ist eitel“ (Prediger 1,2), auch das Ringen um die besten Plätze ist nur Haschen nach Wind (Prediger 1,14). Davor sind auch die Christen nicht naturgegeben sicher. Es braucht Lehrer wie Jesus, um aus diesem natürlichen Verhaltensmuster heraus zu kommen.

12 Er sprach aber auch zu dem, der ihn eingeladen hatte: Wenn du ein Mittags- oder Abendmahl machst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie dich nicht etwa wieder einladen und dir vergolten wird.

                 „Die Zusammensetzung der Tafelrunde lässt offenbar erkennen, dass der Hausherr sich bei der Wahl seiner Gäste durch den Gesichtspunkt der Gegenseitigkeit bestimmen ließ.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 177) Do ut des! Geben, damit etwas zurückkommt. Das ist die Regel der Welt und sie ist so alt wie die Menschheit und sie ist dauerhaft in Kraft. Sie wird schon früh eingeübt – bei Kindergeburtstagen und Weihnachtsgeschenken. Nach dieser Regel wird bei Einladungen, bei Festen verfahren. Nach dieser Regel wird geschenkt. Es ist ein wechselseitiges Geflecht von Verpflichtungen. Und jede neu empfangene Gabe ist eine neue Verpflichtung.

Jesus kennt sich aus – er wird oft eingeladen. Und er lässt sich einladen ohne auch nur daran zu denken, sich irgendwie zu revanchieren. Sondern er kritisiert – ziemlich unverhohlen. Das ist ein Teil seiner frappierenden Freiheit: Kein Gastmahl verpflichtet ihn – weder zu Wohlverhalten noch zu freundlichem small talk noch zu Zugeständnissen an die Gastgeber. Er lässt sich bewirten ohne seinen Gastgebern auch nur die geringste Aussicht einzuräumen, dass es sich irgendwann auszahlen werde.

13 Sondern wenn du ein Mahl machst, so lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein, 14 dann wirst du selig sein, denn sie haben nichts, um es dir zu vergelten; es wird dir aber vergolten werden bei der Auferstehung der Gerechten.

                Jesus huldigt dem anderen Modell. Gib, wo du nichts zu erwarten hast. Verschenke, wo nichts wieder kommen wird. Gib denen, die mit leeren Händen vor dir stehen. Was er hier sagt, lebt er ja auch. Er heilt ohne Gegenleistung. Er richtet auf ohne jede Forderung. Er macht gesund und entlässt in die Freiheit. Jesu Geben geschieht nicht, um Anhänger zu sammeln, Unterstützer zu gewinnen. Er gibt aus seiner Fülle – und das Geben genügt ihm.

„Die Botschaft Jesu ist ebenso klar wie schockierend. Sie bringt die sozialen Gewohnheiten durcheinander. Was ist natürlich und legitimer, als die zu lieben, die uns lieben, die einzuladen, die uns einladen, mit den Verwandten, Freunden und Freundinnen,  und den Menschen in der Nachbarschaft zu verkehren?“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.492)   

Aber genau umgekehrt denkt, lehrt und lebt Jesus. Keine Angst vor leeren Händen. Keine Angst davor, sich zu verausgaben und am Ende  dumm dazustehen. Gott wird vergelten. Gott sieht jede Gabe und alles, was aus Liebe gegeben wird, sieht Gott und vergisst es nie. „Was ihr einem von diesen meinen geringsten Brüdern getan habt, das habt ihr mir getan.“ (Matthäus 25, 40)

Das ist die Überzeugung Jesu: Gott füllt die Hände, die aus Liebe leer geworden sind, weil sie verschenkt haben, was Gott ihnen anvertraut hatte. „Tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (6, 35) Also: Gott nachmachen ist angesagt. Es ist ein Zeichen der Gotteskindschaft, geben zu lernen, wo nichts zurück zu erwarten ist.

So gelesen ist diese „Vermahnung“ an seinen Gastgeber eine zwar ein wenig unpassende, aber durchaus charakteristische Äußerung Jesu. Eben: Typisch Jesus

 

Jesus, so oft stecke ich festgelegt in diesem Denken: Du bist verpflichtet… Du hast doch auch etwas erhalten… Du musst zurückgeben….  Es ist mir ja eingepflanzt worden, schon als Kind, mich zu bedanken für das Geschenk, mir den anderen zu verpflichten durch mein Geben. So funktioniert unsere Gesellschaft, so tragen Beziehungen. Gegenseitigkeit will gepflegt sein. Man muss etwas dafür tun.  

Du aber lebst anders. Du lässt Dich bewirten, einladen, freihalten. Du schenkst großzügig Vergebung, Liebe, Freiheit, Leben aus Deiner Fülle, bis Du selbst am Ende arm bist, mit leeren Händen am Kreuz verlassen.

 Gott hat Dir Recht gegeben. Gib, dass ich Dir  auch Recht gebe und Dich nachahme, mit all meinen Ängsten, ob es sich denn rechnen wird. Amen