Gottes neuer Anfang

Hesekiel 11, 14 – 25

 

14 Da geschah des HERRN Wort zu mir: 15 Du Menschenkind, die Leute, die noch in Jerusalem wohnen, sagen von deinen Brüdern und Verwandten und dem ganzen Haus Israel: Sie sind ferne vom HERRN, aber uns ist das Land zum Eigentum gegeben. 16 Darum sage: So spricht Gott der HERR: Ja, ich habe sie fern weg unter die Heiden vertrieben und in die Länder zerstreut und bin ihnen nur ein wenig zum Heiligtum geworden in den Ländern, in die sie gekommen sind.

             Hesekiel ist im Zweistromland, tausende Kilometer weg von Jerusalem. Da geschieht ein neues Wort des HERRN an ihn. Eines, das über das Gerede in der Heimat informiert, das dort umgeht. Eines auch, das ihn zusammenschließt mit der Exilsgemeinde. Die, unter denen er jetzt lebt, sind deine Brüdern und Verwandten. Das Wort an Hesekiel hält fest, nach wie vor: Haus Israel. Wie anders dagegen denken die, die dort zurück geblieben sind, die der Deportation entgangen sind. Sie bilden sich ihr geistliches Urteil über die Exilierten. Sie sind ferne vom HERRN. Außer Reichweite. Nicht mehr unter dem Schutz und in der Gnade Gottes. In letzter Konsequenz: Nicht mehr Haus Israel.

„Nach dieser landläufigen Theorie ist man Gott nur im Israelland verbunden. Wer „ferne“ ist, wen sogar „Jahwe“ selbst in die Ferne geführt hat, der hat keinen Anspruch mehr auf eine Gemeinschaft mit Gott.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998,  S. 163)Aus dem Nest gefallen, aus den Augen, aus dem Sinn. Es ist hart, aber die Sicht dieser Worte: „Die Exilierten spielen für Jahwe keine Rolle mehr.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 166 ) Man wird wohl auch nicht zu weit gehen, wenn man hinter diesem Urteil fern weg geführt vermutet: Ihre Schuld hat sie eingeholt. Sie ernten, was sie gesät haben.

Ganz anders dagegen der Blick auf sie selbst – in Jerusalem, im Land: aber uns ist das Land zum Eigentum gegeben. Was meldet sich da  zu Wort? Hochmut? Selbstgerechtigkeit? Wir sind noch einmal davon gekommen – weil: wir sind die Guten. Es ist eine enge Sicht, die sich von alters her nährt: sie greift zurück darauf, dass das Land Israel das Gott gegebene Land ist. Und das die, die das Land erhalten, das wahre Israel sind. Die ganze Landnahme-Tradition, wie sie sich im Josua-Buch findet, nährt diese Sicht. Das Land ist eines der Heilsgüter Gottes und Zeichen der bleibenden Zustimmung Gottes. Wenn man so will: Bestätigung Israels. Bis in die Tage heute ist dieses Denken in den Aktionen israelischer Siedler im Westjordan-Land virulent.

Die unbewusste Kehrseite dieses Denkens: Gott wird darauf reduziert, dass er doch nur ein Lokal-Gott ist, gebunden an das Land. Die Selbstbindung Gottes wird so zur Selbstbeschränkung. Wer Gott an irgendwelche heiligen Orte bindet, ob Tempel, Steine, Flüsse, Kraftorte, auch Zeiten, der glaubt an einen beschränkten Gott. „Gottes neuer Anfang“ weiterlesen

Du – in unserem Schmerz

Hesekiel 10, 1 – 22

 1 Und ich sah, und siehe, an der Himmelsfeste über dem Haupt der Cherubim glänzte es wie ein Saphir, und über ihnen war etwas zu sehen wie ein Thron. 2 Und er sprach zu dem Mann in dem leinenen Gewand: Geh hinein zwischen das Räderwerk unter dem Cherub und fülle deine Hände mit glühenden Kohlen, die zwischen den Cherubim sind, und streue sie über die Stadt. Und er ging hinein vor meinen Augen.

             Der Blick des Propheten wird nach oben gezogen – hoch zur Himmelfeste. Aber, so lese ich: Hesekiel ist immer noch im Tempel. Er hat die Cherubim vor Augen, die dort als Wächter des Allerheiligsten stehen, daneben auch so etwas wie einen Thron. Nur: Gott selbst sieht er nicht.

Was er sieht ist der Mann in dem leinenen Gewand. Der Mann, ein Engel, Schreiber-Engel, von dem schon zuvor das Gesicht zu zeugen wusste. Aber es war einer unter ihnen, der hatte ein leinenes Gewand an und ein Schreibzeug an seiner Seite.“(9,2) Dieser Schreiber-Engel ist mitten im Chaos ein Rettungsbote. Im Auftrag Gottes: „Geh durch die Stadt Jerusalem und zeichne mit einem Zeichen an der Stirn die Leute, die da seufzen und jammern über alle Gräuel, die darin geschehen.“(9,4) Wenn dieser Mann glühende Kohle über die Stadt streuen soll, dann ist das womöglich nicht Gerichtssignal, sondern eher ein Reinigungsversuch – ähnlich wie er Jesaja widerfährt: „Da flog einer der Serafim zu mir und hatte eine glühende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und rührte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen berührt, dass deine Schuld von dir genommen werde und deine Sünde gesühnt sei.“(Jesaja 6, 6-7) Daher vermag ich nicht dem exegetischen Urteil zu folgen: „Das Streuen über die Stadt ist also ein Gerichtsakt: Jerusalem wird dem Gericht gewidmet.“(G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 150) Mir scheint vielmehr, hier ist noch einmal ein letztes Zögern vor dem Gericht zu sehen.

             Dieser Engel-Mann – tritt zwischen das Räderwerk – heißt doch: hinein in die Herrlichkeit Gottes.

3 Die Cherubim aber standen zur Rechten am Hause des Herrn, als der Mann hineinging, und die Wolke erfüllte den inneren Vorhof. 4 Und die Herrlichkeit des HERRN erhob sich von dem Cherub zur Schwelle des Hauses, und das Haus wurde erfüllt mit der Wolke und der Vorhof mit dem Glanz der Herrlichkeit des HERRN. 5 Und man hörte die Flügel der Cherubim rauschen bis in den äußeren Vorhof wie die Stimme des allmächtigen Gottes, wenn er redet.

             Es ist der gleiche Tempel, von dem zuvor so viel Missbrauch berichtet worden ist, der dennoch von der Gegenwart Gottes – der Wolke – erfüllt wird. Es wirkt wie eine Anhäufung immer gleicher Ansagen: die Herrlichkeit des HERRN, die Wolke, der Glanz der Herrlichkeit des HERRN. Diese Häufung von Wendungen  ist ein Signal für das Überwältigende dieser Visionserfahrung. „Du – in unserem Schmerz“ weiterlesen

Geistlich verblendet

Hesekiel  8, 1 – 18 

1 Und es begab sich im sechsten Jahr am fünften Tage des sechsten Monats. Ich saß in meinem Hause, und die Ältesten von Juda saßen vor mir. Da fiel die Hand Gottes des HERRN auf mich.

             Ein Jahr später. Hesekiel liegt nicht mehr gebunden auf der Seite. Auch seine Einsamkeit ist durchbrochen. Er ist wieder ein gesuchter Mann. Die Ältesten von Juda saßen vor mir. Was wie eine schlichte Besuchsnotiz wirkt, erzählt doch weit mehr. „Die jüdischen Exulanten begannen schon bald, sich zu organisieren. Diese jüdische Selbstorganisation wurde dadurch erleichtert, dass die Exulanten teilweise eigene Siedlungen bildeten, wie z. B. Tel-Abib. Als Vertretung nach außen und wohl auch als die Spitze ihrer internen, bescheidenen Selbstverwaltung erscheinen die Ältesten. Hier werden sie genauer noch die Ältesten Judas genannt. Vielleicht war dies sogar ihr offizieller babylonischer Titel.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 134) Diese Männer also sind bei Hesekiel, doch wohl, um mit ihm zu ratschlagen, oder um ihn zu befragen, womöglich auch, um durch ihn ein „wegweisendes Jahwewort“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 137) zu erhalten. Und: es ist im Hesekiel-Buch keine einmalige Situation. „Nicht weniger als viermal ist es im Buch erwähnt, dass Menschen, die auf ein (heilvolles) Gotteswort des Propheten warten, vor diesem sitzen.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S.209) So auch in 14,1; 20,1; 33,31.

In dieser Situation, die offen ist, vom Warten geprägt, geschieht es. Die Hand Gottes fällt auf den Propheten. Erwartet und doch nicht berechenbar. Es ist nicht ein Eindruck, den Hesekiel gewinnt, keine innere Stimme – es ist ein überwältigendes Geschehen. Ein Geschehen von außen her.

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Selbstgewählte Lebensmuster

Hesekiel 7, 14 – 27

 14 Lasst sie die Posaune nur blasen und alles zurüsten; es wird doch niemand in den Krieg ziehen, denn mein Zorn ist entbrannt über all ihren Reichtum. 15 Draußen das Schwert, drinnen Pest und Hunger! Wer auf dem Feld ist, der wird vom Schwert sterben; wer in der Stadt ist, den werden Pest und Hunger fressen.

             Es hilft nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, denn die Realität findet doch statt. Es hilft auch nicht, zur Attacke zu blasen, denn es wird keiner dem Bläsersignal folgen. Es hilft auch nicht, sich einzubunkern in angeblich uneinnehmbare Festungen. Zu singen: „Ein feste Burg ist unser Gott.“ Auf das Wunder zu schwören. Es hilft alles nicht. Denn mein Zorn ist entbrannt.

Es ist ein überaus populärer Gedanke, besonders unter friedensbewegten und pazifistisch gesinnten Menschen:

Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin…..                                                   dann kommt der Krieg zu euch                                                                                       Wer zu Hause bleibt, wenn der Kampf beginnt                                                        und lässt andere kämpfen für seine Sache, der muss sich vorsehen; denn              Wer den Kampf nicht geteilt hat, der wird teilen die Niederlage.                     Nicht einmal den Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will;                denn es wird kämpfen für die Sache des Feinds,                                                      wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat.“       C. Sandburg 1936

             Der Text wird Bert Brecht zugeschrieben, was nicht stimmt. Er geht auf den Dichter Carl Sandburg 1936 in seinem Gedichtband „The People, Yes.“ zurück. Trotzdem ist es ein nachdenklicher Text. Von der gleichen Unausweichlichkeit des kommenden Unheils muss Hesekiel reden, zeugen. Alles Hochrüsten und kampfbereit sein ist vergeblich. Es gibt kein Entrinnen, nicht draußen auf dem Feld, nicht drinnen in der Stadt. Weil der Zorn des Herrn entbrannt ist. Weil die Geduld Gottes verbraucht ist.   „Selbstgewählte Lebensmuster“ weiterlesen

Die große Leere

Hesekiel 7, 1 – 13

1 Und des HERRN Wort geschah zu mir: 2 Du Menschenkind, so spricht Gott der HERR zum Land Israels: Das Ende kommt, das Ende über alle vier Enden des Landes. 3 Nun kommt das Ende über dich; denn ich will meinen Zorn gegen dich senden und dich richten, wie du verdient hast, und alle deine Gräuel über dich bringen. 4 Mein Auge soll ohne Mitleid auf dich blicken, und ich will nicht gnädig sein, sondern ich will dir geben, wie du verdient hast, und deine Gräuel sollen über dich kommen, dass ihr erfahrt, dass ich der HERR bin.

             Wieder Jahwes Wort. Ein neues Wort, eine neue Offenbarung. Es raubt dem, der das ansagen soll, dem Propheten, regelrecht die Sprache. „Satzfetzen, Ausrufe, stammelnde Sprache.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 121)Unheil, nichts als Unheil. Unausweichlich. Von allen Seiten. Und: es gibt keinen sicheren Ort mehr. Keinen Zufluchtsort, wo man dem Chaos entgehen kann. Das ganze Land Israel wird in diesen Untergang hinein gezogen.

Manche kennen noch das Lied, das heute gleichwohl kaum noch gesungen wird:

„Wach auf, wach auf du deutsches Land,                                    du hast genug geschlafen.                                                        Bedenk, was Gott an dich gewandt                                         Wozu er dich erschaffen.“     J. Walter 1561, EG 145

Dieses Lied hat seine Vorlage in diesen Worten aus dem Hesekiel-Buch. Das Land Israel wird angesprochen. Nicht nur die Bewohner. Das Land. Das ja nicht irgendein Land ist. es ist das Land, das den Vätern verheißen war, Abraham und seinem Samen ewiglich.“(Psalm 18,51) Es ist das Land, auf dem die Verheißungen Gottes festen Grund haben. Das sie in Jerusalem und den Dörfern und Städten als die unabänderliche Garantie der Gegenwart Gottes angesehen haben. Und nun: das Ende. „Härter als mit dem Wort Ende kann diese Bedrohung nicht mehr ausgesprochen werden.“ (W. Zimmerli, Ezechiel, BKAT XIII/1, Neukirchen 1969, S. 171) „Die große Leere“ weiterlesen

Zumutungen

Hesekiel 4, 1 – 8

1 Und du, Menschenkind, nimm dir einen Ziegelstein; den lege vor dich hin und ritze darauf die Stadt Jerusalem 2 und mache eine Belagerung: Baue ein Bollwerk um sie und schütte einen Wall gegen sie auf und schlag ein Heerlager auf und stelle Sturmböcke rings um sie her.

             Eine prophetische Zeichenhandlung. Hesekiel soll in einen Ziegelstein den Grundriss Jerusalems einritzen. Er soll um diesen Grundriss ein Modell bauen: Jerusalem als belagerte Stadt. Detailgetreu wird alles ins Bild gesetzt, was zu einer Belagerung gehört: Die  Belagerungswerke, ein großer Wall, die Sturmböcke. Vor dem inneren Auge entsteht das Bild einer eingeschlossenen Stadt, aus der es kein Entrinnen geben wird.

            „Es gibt im Alten Orient viele Darstellungen von Belagerungen: Ein assyrische Relief aus dem 9. Jh. zeigt eine Stadtmauer, eine Sturmbock, einen Belagerungsturm (Belagerungsmaschine) und sich bekämpfende Truppen. Berühmt ist das Steinrelief aus dem Palast Sanheribs in Ninive, das die Belagerung von Lachisch im Jahr 701 v.Chr. zeigt.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 91) Im Unterschied zum Modell Hesekiels sind das aber Berichte post festum, nach dem Geschehen. Hesekiel dagegen soll mit seinem Gebilde Zukunft zeigen.

 3 Nimm dir aber eine eiserne Platte und lass sie eine eiserne Mauer sein zwischen dir und der Stadt und richte dein Angesicht gegen sie: Sie soll belagert sein, und du sollst sie belagern. Das sei ein Zeichen dem Hause Israel.

             Mit dem Modell allein ist es noch nicht getan. Der Auftrag geht weiter. Die Person des Propheten wird in das Gesamtbild einbezogen: Zwischen die Stadt und sich stellt er eine Eisenplatte als eine eiserne Mauer. Das ist eine unüberwindliche Barriere, die den Propheten von der Stadt trennt. Ganz nahe ist diese Wendung bei dem Wort, das Jeremia in seiner Berufung hört: „Denn ich will dich heute zur festen Stadt, zur eisernen Säule, zur ehernen Mauer machen wider das ganze Land: wider die Könige Judas, wider seine Großen, wider seine Priester, wider das Volk des Landes, dass, wenn sie auch wider dich streiten, sie dir dennoch nichts anhaben können; denn ich bin bei dir, spricht der HERR, dass ich dich errette.“ (Jeremia 1,18-19) Der Unterschied: Bei Hesekiel fehlt eine Beistandszusage Gottes! Das macht diese Berufung und auch diese Zeichenhandlung noch einmal härter. Die Einsamkeit des Jeremia, in die er später gerät, die wird hier schon im Zeichen Schicksal des Hesekiel.

Verschärft wird diese Trennung noch durch den Ausdruck: richte dein Angesicht gegen sie. Der Wortlaut ist wichtig: Gegen sie – nicht auf. Im Segen richtet Gott sein Angesicht auf die, die gesegnet werden. „Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig;  der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“(4. Mose 6, 25-26) Jeder Israelit kennt diese Worte. Umso härter ist es hier: gegen sie. Das gegen sie gerichtete Angesicht verheißt nicht Güte und Gnade, sondern Gericht und Zorn. Hesekiel wird in Person zum boten des Zorns. Und setzt so den Zorn in Bewegung! Darum ist es auch ausdrücklich gesagt: Du sollst sie belagern.    „Zumutungen“ weiterlesen

Warten auf das Wort

Hesekiel 3, 22 -27

22 Und dort kam des HERRN Hand über mich, und er sprach zu mir: Mach dich auf und geh hinaus in die Ebene; da will ich mit dir reden. 23 Und ich machte mich auf und ging hinaus in die Ebene; und siehe, dort stand die Herrlichkeit des HERRN, wie ich sie am Fluss Kebar gesehen hatte; und ich fiel nieder auf mein Angesicht.

             Wo ist dort? Dem Text nach spielt sich das folgende Geschehen in Tel-Abi ab. Hesekiel wird hinaus geschickt. Ins Freie, in die Ebene. „Hinaus muss Hesekiel, weil ihn Gott an eine stille Stätte führen will, abseits von der Neugierde anderer.“ (G. Maier,  Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 88) Es braucht diese Absonderung, weil Gott da mit ihm reden will.  Man hört die leise Stimme Gottes nicht im Stimmengewirr der großen Straßen. Und man sieht ihn nicht, wenn die Augen an den Reichtümern der Welt hängen.

Der Weg hinaus ist der Anfang einer umstürzenden Erfahrung. Hesekiel findet sich plötzlich der Herrlichkeit Gottes, kabōd jahwe. gegenüber wieder. Er wird ihrer gewahr, so wie er sie am Fluss Kebar gesehen hatte. Das wirft ihn um. Er wird überwältigt und fällt nieder. Man kann die Herrlichkeit Gottes nicht einfach so anschauen.

 24 Und der Geist kam in mich und stellte mich auf meine Füße. Und er redete mit mir und sprach zu mir:

             Hesekiel wird wieder aufgerichtet. Der Geist kommt und stellt ihn auf die Füße. Weil im Hebräischen der Artikel vor Geist fehlt, kann man auch übersetzen: „Und es kam Geist in mich.“ ( K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen 1996, S. 76) Es bleibt offen, ob das Niederstürzen des Hesekiel zuvor etwas von einer Bewusstlosigkeit hat. Es scheint klar: Hier ist von der Rückkehr des Bewusstsein die Rede, nicht von einem Ergriffenwerden durch den Geist Gottes. Die überwältigende Gegenwart Gottes hat ihm möglicherweise das Bewusstsein geraubt. Erst, als er wieder bei sich ist, kann er hören. Vielleicht darf man es so lesen: Gott bereitet seinen Propheten nicht nur vor – er „erschafft“ ihn regelrecht.       „Warten auf das Wort“ weiterlesen

Warnen! Mahnen! Umkehr einfordern!

Hesekiel 3,12 – 21

12 Und ein Wind hob mich empor, und ich hörte hinter mir ein Getöse wie von einem großen Erdbeben. Gelobt sei die Herrlichkeit des HERRN an ihrem Ort! 13 Und es war ein Rauschen von den Flügeln der Gestalten, die aneinanderschlugen, und auch ein Rasseln der Räder neben ihnen, ein Getöse wie von einem großen Erdbeben. 14 Da hob mich der Wind empor und führte mich weg. Und ich fuhr dahin in bitterem Grimm meines Geistes, und die Hand des HERRN lag schwer auf mir.

             Hesekiel wird „versetzt“. Hochgehoben, emporgehoben. Er wird in ein Geschehen hineingezogen, das ihn überwältigt. Und hört – so lese ich – in diesem Tosen einen Lobpreis-Ruf. Gelobt sei die Herrlichkeit des HERRN an ihrem Ort! Es ist also nicht einfach nur Lärm, nur Getöse. Sondern aus diesem Lärm kommt eine Botschaft. Ohne Aufforderung: Sag es weiter! Vielleicht gibt es hier doch eine Nähe zu der so anderen Erfahrung des Jesaja:  „Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der HERR Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll! Und die Schwellen bebten von der Stimme ihres Rufens.“(Jesaja 6,3-4a)

So viel zeigt sich in den Worten: was Hesekiel hier erfährt, übersteigt sein Begreifen. Nicht nur seines. „Gerade hier brechen im Leser Fragen auf: War dieser Vorgang äußerlich oder nur eine geistige Erfahrung?“(G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 81) Vielleicht aber muss man es so in der Schwebe halten, wie es der Text in der Schwebe lässt und sich eingestehen: Wir wissen es nicht. Wir können das nicht auflösen. Auch die Erzählungen von Versetzungen, die es sonst gibt, z. B.: „Als sie aber aus dem Wasser heraufstiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus und der Kämmerer sah ihn nicht mehr; er zog aber seine Straße fröhlich. Philippus aber fand sich in Aschdod wieder.“ (Apostelgeschichte 8,39-40) erklären nichts.

Mehr Gewicht liegt auf dem, was eindeutig innere Erfahrung des Hesekiel ist. Sein Erhobensein erfüllt ihn nicht mit hochgemuter Freude, erregter Erwartung. Was ihn packt, ist  ein bitterer Grimm. Er erlebt alles als Belastung, nicht als froh und dankbar empfangene Horizonterweiterung. Die Hand des HERRN lag schwer auf mir. Innerlich aufgewühlt, spürt er Überforderung. Aufträge Gottes lösen oftmals nicht Freude aus, sondern sie gehen „auf die Knochen“, an die Substanz. „Warnen! Mahnen! Umkehr einfordern!“ weiterlesen

Das Wort verinnerlichen

Hesekiel, 2, 1 – 3,3

 1 Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden. 2 Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.

             Er – ich hörte einen – es bleibt vage. Es ist, als würde Hesekiel vor einer voreiligen Identifikation zurückschrecken. Es ist die Scheu, die jüdische Menschen bis heute davor zögern lässt, den Gottesnamen auszusprechen. Selbst nur direkt von Gott zu reden, so als wäre er umstandslos zuhanden.

Es ist der Geist, der Hesekiel wieder aufrichtet. Durch das Wort, das er an ihn richtet, an das Menschenkind. Adamssohn – bn ’dm Es wird die Anrede sein, die das ganze Buch Hesekiel durchzieht. Nie wird von Gott her sein Namen genannt. Immer bleibt er der Adamssohn, das Menschenkind. „Während im Amos- und im Jeremiabuch Jahwe seinen Propheten auch durchaus mit Namen ansprechen kann, wird der Prophet im Ez. ausschließlich und konsequent mit Menschensohn angeredet. 93-mal.“ (K.F. Pohlmann, Der Prophet Hesekiel, Kap. 1 – 19, ATD 22,1, Göttingen  1996, S. 63) Die Lutherübersetzung aber nimmt nicht das vom Hebräischen her naheliegende Menschensohn auf, sondern übersetzt konsequent mit Menschenkind. Warum? „Menschensohn ist aufgrund von Daniel 7,13 und des Sprachgebrauchs Jesu ein messianischer Titel geworden. Bei Hesekiel geht es aber nicht um einen messianischen Titel, sondern um die Betonung des Abstandes zwischen Gott und Mensch.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 68f.) Der Prophet wird nicht überhöht. Er ist und bleibt Mensch.  

Spannend: er kam in mich. Nicht nur über mich. Geht es also um eine Art Wiederbelebung? Wahrscheinlicher geht es darum, dass es eine völlige Neuausrichtung des Hesekiel geben wird, die in ihm anfängt und die nicht äußerlich bleiben wird. Man könnte auch mit Recht sagen: „Es geht um die Neuschaffung der prophetischen Existenz.“ (G. Maier,  ebda.) Es ist eine Berufungserfahrung, die hier erzählt wird.  „Das Wort verinnerlichen“ weiterlesen

Was bleibt ist Ehrfurcht

Hesekiel  1, 22 – 28

22 Aber über den Häuptern der Wesen war es wie eine Himmelsfeste, wie ein Kristall, unheimlich anzusehen, oben über ihren Häuptern ausgespannt,

             Der Blick des Sehers wandert nach oben, über die Wesen hinaus, über die Räder hinaus. Dorthin, wo eine leuchtende Klarheit ist. Himmelsblau? Wie ein Kristall. Aber unheimlich, furchteinflößend. Der Blick kann sich in dieser Weite regelrecht verlieren.

Es ist ein Sehen über alles Sehen hinaus. Und sein Gegenstand, sein „Objekt“? Hesekiel verweigert hier noch zu sagen, was er sieht, nur ein wie deutet er wieder an. Vielleicht ist, was er sieht „der König aller Könige und Herr aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, der da wohnt in einem Licht, zu dem niemand kommen kann, den kein Mensch gesehen hat noch sehen kann.“(1. Timotheus 6,16) Zu sagen vermag der Seher das aber nicht.

23 dass unter der Feste ihre Flügel gerade ausgestreckt waren, einer an dem andern; und mit zwei Flügeln bedeckten sie ihren Leib. 24 Und ich hörte ihre Flügel rauschen wie große Wasser, wie die Stimme des Allmächtigen, wenn sie gingen, ein Getöse wie in einem Heerlager. Wenn sie aber stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen, 25 und es donnerte im Himmel über ihnen. Wenn sie stillstanden, ließen sie die Flügel herabhängen.

             Was dann wieder beschrieben wird, sind die Wesen, genauer hin ihre Flügel. Je nachdem, was sie tun, ist die Stellung ihrer Flügel – flugbereit, in Ruhe, zur Selbstbedeckung. Von diesem Bild aber geht auch Klang aus, Getöse, Geräusch, wie die Stimme des Allmächtigen, ēl šaddaj. Bis heute rätseln die Ausleger an diesem Gottesnamen herum. „Man hat Schaddai schon erklärt als „der Gewaltige, Starke“, oder als „der genügt“, oder als „Allerhöchster“ oder als „Herr des Berges.“ (G. Maier, Der Prophet Hesekiel, 1. Teil, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1998, S. 65) Kurz: der Namen entzieht sich dem erklärenden Zugriff so, wie sich Gott selbst dem erklärenden Zugriff entzieht. „Solches tut er nur darum, damit die Vernunft zu Schanden werde, da sie nicht glauben, sondern wissen will.“(M. Luther, Schriften, 24.Bd. S. 574, zit. nach: Luther Brevier, Hrsg. Th. Seidel, Weimar 2007, S. 131) Schöner und schärfer noch in der englischen Übersetzung: „Yet He only does this do ring shame upon reason, because it does not try to believe but tries to understand.“ (ebda.)  „Was bleibt ist Ehrfurcht“ weiterlesen