Der Sammelnde

Lukas 13, 22 – 30

22 Und er ging durch Städte und Dörfer und lehrte und nahm seinen Weg nach Jerusalem.

Das ist so ein „Übergangssatz“ des Lukas, wie er ihn öfters verwendet hat, häufig auch ein wenig ausführlicher. Mit einem Satz fasst er Wege und Worte zusammen. Und er deutet: Jesus geht jetzt nicht mehr einfach umher. Sein Lehren ist zielgerichtet. Sein Weg ist schon zielgerichtet. Es geht nach Jerusalem. Und alles, was jetzt folgen wird, steht schon unter diesem Vorzeichen: Jerusalem.

 23 Es sprach aber einer zu ihm: Herr, meinst du, dass nur wenige selig werden? Er aber sprach zu ihnen: 24 Ringt darum, dass ihr durch die enge Pforte hineingeht; denn viele, das sage ich euch, werden danach trachten, wie sie hineinkommen, und werden’s nicht können.

             Wie kommt dieser Eine zu dieser Frage? Wer der Frager ist, scheint nicht wichtig. „Lukas sagt nichts Bestimmtes über die Person des Fragers.“ (F .Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S.338) Auch wie er zu seiner Frage kommt, ob im Blick auf die Jüngerschar, ist nicht von Bedeutung. Nur, dass er so fragt, wird festgehalten. Und nicht kritisiert. Es ist wohl keine Frage, die einer aus der eigenen “religiösen Sicherheit” (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 172) heraus stellt: Wer außer mir?

Mir liegt es näher, diese Frage anders zu verstehen. Sie ist, so denke ich, in Wahrheit eine Frage nach dem eigenen selig Werden. Das ist ja manchmal so, dass einer nach den anderen fragt, nach den vielen oder wenigen und in Wahrheit geht es um mich selbst. „Wie die Antwort Jesu zu verstehen gibt, ist es nicht die objektive Frage der Quote, die den anonymen Zuhörer beschäftigt, sondern seine subjektive Sorge, zu der Zahl zu gehören.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.431)Diese Sorge scheint Jesus gehört zu haben – denn seine Antwort redet nicht über die vielen, sondern ist  eine Aufforderung an die Hörer, also auch an den Fragenden.  

Es ist ein schmaler Weg, es ist eine enge Pforte. Und es gilt, sich um den Weg und die Pforte zu mühen. Das ist keine Aufforderung, andere vom Weg zu schubsen, sich selbst den Zugang als Erster zu sichern. Es geht nicht um Wettlauf und Wettkampf. Aber es geht um Lauf und Kampf. Es geht um ein Bleiben auf dem Weg. Das geht nicht ohne Kampf. Ohne Ringen. Hier steht im Griechischen eine Verform des Wortes γών. Kampf. „Das Heil ist für die, welche den Willen Gottes annehmen und auch im letzten Augenblick nicht abfallen und im beinahe physischen Kampf des Gebetes beständig bleiben.“(F. Bovon, aaO. S.432)So schwingt hier wohl auch mit: Es geht darum, mit ihm auf dem Weg nach Jerusalem zu bleiben und sich nicht „in die Büsche zu schlagen“.

Es sind Worte aus einer uns fremden Welt und einem fremden Denken, die in dem alten Passionslied, das immer  noch Wochenlied ausgerechnet zum Palmsonntag ist, an diese Worte Jesu anknüpfen:

O hilf, dass wir auch uns zum Kampf und Leiden wagen
und unter unsrer Last des Kreuzes nicht verzagen;
hilf tragen mit Geduld durch deine Dornenkron,
wenn’s kommen soll mit uns zum Blute, Schmach und Hohn.                                   A. Thebesius 1663, EG 87

             Wer wollte das in unserer so leidensscheuen Zeit und Gesellschaft ernsthaft singen und für sich erbitten. Uns liegt es näher darum zu bitten, dass uns Leiden erspart wird, dass wir nicht so kämpfen müssen und nicht bis aufs Blut einstehen für unseren Glauben. In anderen Regionen unserer Welt und unserer  Zeit ist aber das die Wirklichkeit. Da werden Kampf und Leiden von Christen  nicht erbeten, aber durch die Zeitumstände eingefordert – in Malaysia,  Ägypten, Syrien, in Kenia und …

  25 Wenn der Hausherr aufgestanden ist und die Tür verschlossen hat und ihr anfangt, draußen zu stehen und an die Tür zu klopfen und zu sagen: Herr, tu uns auf!, dann wird er antworten und zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her?

Das Bild wechselt. Jetzt ist ein Hausherr im Blick, der abends die Tür verschließt. Wer dann nach  diesem Abschließen draußen steht und Einlass begehrt, der hat nur dann noch Chancen, wenn er bekannt ist. Hier spielen uralte Worte mit hinein:

  HERR, wer darf weilen in deinem Zelt?                                             Wer darf wohnen auf deinem heiligen Berge?                                    Wer untadelig lebt und tut, was recht ist,                                               und die Wahrheit redet von Herzen,                                                 wer mit seiner Zunge nicht verleumdet,                                             wer seinem Nächsten nichts Arges tut                                               und seinen Nachbarn nicht schmäht;                                                     wer die Verworfenen für nichts achtet,                                                   aber ehrt die Gottesfürchtigen;                                                                 wer einen Eid hält, auch wenn es ihm schadet;                              wer sein Geld nicht auf Zinsen gibt                                                  und nimmt nicht Geschenke wider den Unschuldigen.                    Wer das tut, wird nimmermehr wanken.                 Psalm 15, 1 – 5

Tor-Einlass-Liturgien nennen wir das. Man macht die Tore der Stadt, der Burg nur für den auf, den man kennt, der deshalb vertrauenswürdig ist. So wird es auch sein, wenn es um Einlass in das Reich der Himmel geht: Es geht darum, ob wir bekannt sind und des Vertrauens Gottes würdig.

Ein Unausgesprochenes aber steckt in diesen Worten: Man kann sich nicht auf eine seit alters her datierte Bekanntschaft berufen. Wir sind Abrahams Kinder. Wir gehören zu Israel. Wir sind doch…  „Die Zugehörigkeit zu Israel hat kein Gewicht mehr.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.286) ) Jedenfalls nicht mehr, wenn es um das letzte offene Tor geht, das Tor der Ewigkeit. Einmal unterstellt, das ist so und wir haben hier ein Wort vor uns, dass die Berufung der „Altgläubigen“, der Israeliten in Fragen stellt. Die christliche Gemeinde aller Zeiten wird dieses Wort aber nicht anders hören dürfen als eine Kritik auch an der eigenen Sicherheit: die Zugehörigkeit zur Volkskirche, zu den Protestanten, zu den Katholiken, zu den Baptisten, zur frommen Gemeinschaft  wird nicht wie von selbst zum Türöffner. Vereinszugehörigkeit ist kein Schlüssel für die Türen Gottes!

26 Dann werdet ihr anfangen zu sagen: Wir haben vor dir gegessen und getrunken und auf unsern Straßen hast du gelehrt. 27 Und er wird zu euch sagen: Ich kenne euch nicht; wo seid ihr her? Weicht alle von mir, ihr Übeltäter!

Bekanntschaft allein tut es nicht. `Wir haben Dich auf der Durchreise gesehen. Wir haben mit Dir auf den Straßen Galiläas gesprochen, gegessen, getrunken.’ Das wird nicht reichen. Es ist bei flüchtigen Begegnungen geblieben. „Sie waren in der Nähe Jesu und verstanden seine Botschaft nicht. Sie blieben vor der Pforte seiner Lehre stehen und kämpften nicht darum, in ihren Sinn einzudringen.“(F. Bovon, aaO. S. 435) Aus ihrer Nähe und den punktuellen Begegnungen ist kein Leben geworden, das im Gottvertrauen seine Gestalt gewonnen hat.

Zum Kennen, auch zum Kennen Gottes, kommt es nicht durch die flüchtige Begegnung. Zum Kennen kommt es durch die Weggemeinschaft. Zum Kennen kommt es durch das Tun des Gerechten. Zum Kennen kommt es durch das geteilte Leben. Das gilt von beiden Seiten her – vom Menschen aus gedacht und von Gott aus gesehen.

28 Da wird Heulen und Zähneklappern sein, wenn ihr sehen werdet Abraham, Isaak und Jakob und alle Propheten im Reich Gottes, euch aber hinausgestoßen.

Es gibt, so sagt Jesus ein Zu-spät-Kommen. Es gibt, das wissen wir aus der eigenen Lebenserfahrung, den Schmerz über die versäumten Lebenschancen. Es gibt ein Sehen, was möglich gewesen wäre und ein Nicht-mehr-gut-machen-können. Diese Erfahrungen überträgt der Herr Jesus auf das ewige Zuhause, auf das Vaterhaus Gottes. Und macht deutlich: wie furchtbar wäre das, draußen stehen, weil man den Zeitpunkt verpasst hat, weil man sich selbst ausgeschlossen hat. Das ist die erschreckende Botschaft dieser Worte Jesu: Der Weg nach Hause ist nicht für immer offen – Du kannst ihn versäumen.

Oberflächlich betrachtet ist das eine Antwort an den Fragenden, vielleicht auch die, die um ihn herumstehen. An jüdische Menschen. Viel zu lange haben die Kirchen diese Antwort nur so gelesen – als die Zurückweisung eines Heilsanspruchs Israels. Aber, wenn es eine Abweisung eines Heilsanspruchs ist, dann doch nicht nur an Israel. Sondern an alle, die sich ihres Heils sicher sein wollen, indem sie irgendwelche irgendwie begründeten Ansprüche auf die offene Tür zum Vaterhaus erheben wollen. Auch Christen haben nicht qua Status diesen Anspruch. Es gilt sich warnen zu  lassen, davor, dass man sich auf die Herkunft verlässt, auf die eigene fromme Vergangenheit. Nein sagt Jesus: nur eines zählt: dass die Tür zum Vaterhaus noch offen ist.

Was er nicht sagt: Ich halte sie offen. Das ist meine Glaube, der mich auch die Angst verlieren lässt, am Ende vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Ich habe keine Angst mehr um die Ewigkeit, weil ich die Tür des Vaterhauses offen glaube. Nicht nur für mich. Weil er, Jesus, sie offen hält. Auch den Worten dieses Abschnittes zu Trotz.

 29 Und es werden kommen von Osten und von Westen, von Norden und von Süden, die zu Tisch sitzen werden im Reich Gottes. 30 Und siehe, es sind Letzte, die werden die Ersten sein, und sind Erste, die werden die Letzten sein.

    Von allen Seiten strömen sie herbei – weil sie die Tür offen glauben. Jesus – die Tür. „Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich hineingeht, wird er selig werden und wird ein und aus gehen und Weide finden.“(Johannes 10,9) Das wäre doch schrecklich: Sehen, was möglich gewesen wäre. Sehen, wie sie aus allen Himmelsrichtungen kommen. Und nichts mehr ändern können. Sich nicht mehr einreihen können in die Schar der Wandernden. Sehen, wie die Tür verschlossen wird.

Es ist die wunderbare Verheißung Jesu an seine Leute, auf dem Weg nach Jerusalem. Es kommt zu einer Wallfahrt der Völker, weil sie sehen, wie der Tisch Gottes gedeckt ist, weil sie sehen, wie das Leben aus Gott wächst und blüht. „Es wird zur letzten Zeit der Berg, da des HERRN Haus ist, fest stehen, höher als alle Berge und über alle Hügel erhaben, und alle Heiden werden herzulaufen, und viele Völker werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns auf den Berg des HERRN gehen, zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir wandeln auf seinen Steigen! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Jesaja 2, 2 – 3)

             Jesus nimmt dieses Prophetenwort auf seinem Weg auf und er deutet damit seinen Weg durch die Dörfer Galiläas. Dieser unscheinbare Weg nach Jerusalem ist die Eröffnung der Völkerwallfahrt. „Es sind die Auserwählten der Völker, die zukünftig Zutritt zum Reich haben werden, und nicht mehr nur die in der ganzen Diaspora zerstreuten Juden und Jüdinnen.“(F. Bovon, aaO. S. 437) Das ist entweder Größenwahnsinn oder es ist eine Verheißung, die einem das Herz und den Glauben abgewinnt. Aber Du und ich, wir sind auf diesen Weg eingeladen.

 

Jesus, Du machst die Tür weit auf. Du rufst auf den Weg in das Reich. Du sammelst Weggefährten. Keiner soll zurück bleiben, keiner muss zurück bleiben. Es ist Deine Sorge, dass wir die Weggemeinschaft mit Dir versäumen.

Jesus, halte mich auf dem Weg, Schritt um Schritt, dass ich nicht müde werde auf dem Heimweg zu bleiben, weil die Tür offen ist. Amen