Darunter gemischt

Lukas  13, 18 – 21

 18 Er aber sprach: Wem gleicht das Reich Gottes, und womit soll ich’s vergleichen? 19 Es gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und in seinen Garten säte; und es wuchs und wurde ein Baum, und die Vögel des Himmels wohnten in seinen Zweigen.

        Lukas verzichtet auf irgendeine Übergangsbemerkung. Darum stelle ich mir die Synagoge als Ort für diese Gleichnis-Rede vor. Eben hat Jesus geheilt und jetzt spricht er vom Reich Gottes. Es liegt nicht so fern, in den Worten die geschehene Heilung gedeutet zu sehen. Dann gilt es, sie wie so ein Senfkorn anzuschauen, das er in seinem Garten sät. Und das neu geschenkte Leben dieser Frau ist folglich die Frucht. Sie kann wieder aufatmen, wieder den Himmel sehen, wieder ihren Alltag bestehen.  So also kann das Gleichnis verstanden werden – es legt die eben erlebte und jetzt erzählte Heilung als die Aussaat eines Senfkorns aus, als einen ersten winzigen Anfangs-Schritt des Reiches Gottes.

Es wird aber, das ist die Überzeugung, mehr noch die Gewissheit, die sich hier in den Worten Jesu finden lässt, nicht bei dem winzigen Anfang bleiben. Es ist die Gewissheit Jesu, „dass dem unscheinbaren Anfang der Herrschaft Gottes in seinem Wirken ein überaus herrliches Ende folgen wird.“(K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 171) Diese Gewissheit Jesu bleibt eine Herausforderung an den Glauben, weil es ja nur den Anfang schon zu sehen gibt, nicht aber das Ziel. 

„Lukas weiß, dass das Reich Gottes nicht definiert werden kann.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S. 413) Aber es gibt Zeichen des Reiches, Vorzeichen, Signale, Andeutungen und man kann davon erzählen, weil es eine Entsprechung des Reiches zum Leben in der Welt gibt.  Ist es nicht genau das, wenn es um das Reich Gottes geht: Menschen können leben. Sie können im Vertrauen auf Gott zuversichtlich Schritte tun. Sie können ihre Schwierigkeiten bewältigen. Sie können ihren Hoffnungen eine Gestalt geben, vorläufig, bruchstückhaft, aber doch eine Gestalt. Wo Leben aufblüht, wächst das Reich Gottes. Wo Menschen miteinander zurechtkommen, wo sie Schritte der Versöhnung wagen, wo sie sich gegenseitig helfen in den tausend Aufgaben des Alltags, wächst das Reich Gottes.

Was mir auffällt, lässt mich fragen: Greift Jesus hier auf den Propheten Hesekiel zurück? So spricht Gott der HERR: Dann will ich selbst von dem Wipfel der Zeder die Spitze wegnehmen und ihr einen Platz geben; ich will oben von ihren Zweigen ein zartes Reis brechen und will’s auf einen hohen und erhabenen Berg pflanzen. Auf den hohen Berg Israels will ich’s pflanzen, dass es Zweige gewinnt und Früchte bringt und ein herrlicher Zedernbaum wird, sodass Vögel aller Art in ihm wohnen und alles, was fliegt, im Schatten seiner Zweige bleiben kann. (Hesekiel 17, 22 – 23) Es scheint, als schöpfte er in seiner Reich-Gottes-Erwartung aus diesen prophetischen Worten. Jesus erfindet also keine neue Vorstellung vom Reich Gottes, sondern er führt die Vorstellung, wie sie in der Prophetie da ist, weiter. Verdichtet sie, bezieht sie auf sich und sein Handeln jetzt. Das ist einmal mehr eine Bestätigung dafür, wie sehr Jesus aus den Schriften Israels lebt. Er ist gottesgelehrt und geisterfüllt nicht anders als in diesem Rückgriff auf die Hebräische Bibel.    

Ich weiß für mich, ich habe das Reich Gottes viel zu lange gedanklich eingesperrt in einen frommen Bezirk, in ein frommes Ghetto. Ich habe es mit dem ausgebuchten Gemeindehaus verwechselt. Aber es findet da statt, wo wir leben und nicht da, wo wir fromme Veranstaltungen machen. Es findet da Raum, wo es ein Zuhause anbietet – für die Vögel unter dem Himmel, für die heimatlosen Menschenkindern auf der Erde, für alle, die auf dem Weg und der Suche nach ihrem Zuhause sind.

„Mit der Krankheit nahm er die Unmöglichkeit, sich geborgen zu fühlen, an den Fußsohlen mit. Und erst Jahre später begriff ich, dass der Wunsch, nach Hause zu gehen, etwas zutiefst Menschliches enthält. Spontan vollzog der Vater, was die Menschheit vollzogen hatte: Als Heilmittel gegen ein erschreckendes, nicht zu enträtselndes Leben hatte er einen Ort bezeichnet, an dem Geborgenheit möglich sein würde, wenn er ihn erreichte. Diesen Ort des Trostes nannte der Vater Zuhause, der Gläubige nennt ihn Himmelreich.“ (A. Geiger, Der alte König in seinem Exil, S. 56) Mitten in der Welt ist die Sehnsucht nach dem Himmelreich und sie hat wunderliche Kleider an. Manchmal denke ich: Sie muss sich verkleiden, damit wir sie ernst nehmen.

20 Und wiederum sprach er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen? 21 Es gleicht einem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter einen halben Zentner Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war.

               Und nun der zweite Anlauf und wieder eine Alltagsszene. Diesmal steht eine Frau auf der Erzähl-Bühne. Jesus ist im Wechsel seiner Protagonisten – eben der Mann, jetzt die Frau – durchaus geschlechtergerecht. Eine Frau mengt Sauerteig unter das Mehl. Er verschwindet regelrecht in der Mehlmenge, wird unsichtbar, nicht mehr von außen her nachweisbar. Nur der Geschmack des später gekosteten Brotes wird noch auf den Sauerteig hinweisen.

Der Vergleich des Reiches Gottes mit einem Sauerteig muss die jüdischen Zuhörer Jesu schockieren. Für sie ist – durch ihre uralte Tradition hindurch – Sauerteig nichts Positives. „Sauerteig ist in Israel, bestimmt durch die Passasitte des Ausfegens des Sauerteiges, Bild für das, was dem Willen Gottes entgegen ist.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S. 283) Jesus verdreht hier das negative Bild in einer positiven Verwendung. Er kennt auch die andere Denkweise, wenn er warnt: „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das ist die Heuchelei.“(12,1) Jesus hat keine Scheu vor ungewöhnlichen Bildern – vergleicht er doch auch einmal sein Kommen mit dem eines Einbrechers, eines Diebes!

Hier also: Das Reich Gottes wird verglichen mit dem, was Israel in der Passanacht ausfegt, vermeidet. Das könnte auch der Hinweis sein: Was in Israel verworfen wird, ist gleichwohl das, was von Gott her das Reich Gottes in Kraft setzt. So wie es auch das Wort vom Stein andeutet: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden.“ (20,17)

So ist es mit dem Reich Gottes. Ausgefegt und missachtet  von den Menschen. Es wird darunter gemengt, unter unsere Alltagsbeschäftigungen. Es trägt keinen Heiligenschein. Und weil es drunter gemengt ist, „inter esse“, sehen wir es nicht und spüren es nur. Wir schmecken es. Weil Friede anders schmeckt als Streit, weil Verständnis anders schmeckt als Härte, weil Geduld und Sanftmut anders schmecken als Antreiben und Fordern.

Es braucht für das Drunter-Mengen Zeit. Es ist die Aufgabe, die Jesus hat, dass er das Reich Gottes in die Zeit hinein senkt, dass er es zu den Menschen trägt mit seinen Worten, mit seinem Heilen, mit seinem Rufen zum Vertrauen. Seine Wanderschaft durch die Dörfer und Städte, sein Umgehen mit den Menschen ist dieses Einmischen des Reiches Gottes in den Alltag, in das ganz normale Leben mit seinen Ängsten und Nöten, Freuden und Feiern.

Für das Lesen heute ist es eine Hilfe zu unterscheiden: Das Reich Gottes ist mehr als die Kirche. Wenn es gut geht, dient die Kirche dem Reich Gottes. Aber sie ist nicht seine Realisierung. Das bewahrt vor der Depression, vor dem Verzagen: Es wird ja doch nichts mit dem Reich Gottes. Das befreit auch diese Hoffnung von den derzeitigen Zuständen der Kirche, die ja eher geeignet sind, in Resignation zu stürzen. Die Kirche wird kleiner, älter, sie verliert für viele an Relevanz. Es geht auch ohne sie. Aber dass Reich Gottes wächst, unsichtbar, unseren Augen entzogen wie das Mehl im Sauerteig. Aber es wächst.

Es ist ein Aspekt, der mir zunehmend wichtiger wird – Jesus mischt das Reich Gottes in das Leben hinein – indem er Menschen begegnet, mit ihnen spricht und lacht, klagt und seufzt, ihre Tränen sieht und ihre Hoffnungen, ihnen den Himmel zeigt und sie mit ihrer irdischen Existenz versöhnt. Und ganz häufig sagt man wohl: Da ist ja nur ein Mensch unter Menschen und es ist gar nichts Besonderes – und doch ist genau so das Reich Gottes da.

 

Jesus, Du redest, lachst, isst, weinst mit Menschen. Du tröstest, ermutigst, richtest auf, bestärkst. Du widersprichst, streitest, bist hart in Deinen Worten.

Du bist Mensch unter Menschen, einer wie wir, der das Leben teilt, austeilt, mit Hoffnung infiziert und der Resignation widersteht.

Du sagst: So kommt das Reich – wie ein Samenkorn, wie ein Sauerteig, tief hinein gehüllt, dazwischen getan, in unsere Alltags-Mühen und Alltagshoffnungen. Danke für dieses Dazwischen Dein Inter-esse. Amen