Gott sucht Frucht

Lukas 13, 6 – 9

 6 Er sagte ihnen aber dies Gleichnis:

             Am Ende dieses langen Rede-Abschnittes steht noch einmal ein Gleichnis. Παραβολή. Eine Parabel, die zum Nachdenken auffordert, herausfordert. Das ist jetzt nicht mehr Auseinandersetzung mit Einwänden, nicht mehr Lehrgespräch und Schülerfrage. Jesus erzählt und indem er erzählt, sucht er Verstehen – das der Jünger so gut wie das derer, die ihm einfach aus Neugier zuhören. So sind ja die Gleichnisse immer beides: Lehre für  die Jünger und Einladung für die, die noch fragend, suchend, beobachtend am Rande stehen.

 Es hatte einer einen Feigenbaum, der war gepflanzt in seinem Weinberg, und er kam und suchte Frucht darauf und fand keine. 7 Da sprach er zu dem Weingärtner: Siehe, ich bin nun drei Jahre lang gekommen und habe Frucht gesucht an diesem Feigenbaum und finde keine. So hau ihn ab! Was nimmt er dem Boden die Kraft?

Das versteht jeder sofort. Jeder, der aus der Landwirtschaft kommt. Jeder, der mit Weinbergen zu tun hat. Da fällt nichts aus dem Rahmen: „Der Feigenbaum ist wie üblich in einen Weingarten gepflanzt worden.“ (F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S. 380) Jeder, der die Mühe einer bäuerlichen Existenz kennt, versteht das Suchen nach Frucht. Man kann es sich nicht leisten, jahrelang fruchtlos zu arbeiten. Die eigene Existenz steht auf dem Spiel, wenn Bäume keine Frucht tragen, wenn die Arbeit umsonst ist. Feigenbäume werden ja nicht gepflanzt, weil sie schön sind. Es geht um die Ernte. Darauf hebt die Suche nach der Frucht ab.

Es braucht so etwas wie Effektivität, nicht erst heute. Das Land ist knapp. Das Land in einem Weinberg ist auch in Israel nicht beliebig vermehrbar. Es gilt, mit den knappen Ressourcen Erträge zu erwirtschaften, die das Leben sichern. Wie viel Frust ist es da, wenn Jahr für Jahr der suchende Blick keine Früchte findet.

Der Erzähler Jesus kann sich sichern sein: Seine Zuhörer verstehen ihn. Sie verstehen den Weinbergbesitzer in seinem Zorn. Sie würden wohl auch so handeln: Jetzt ist genug gewartet. Hau ihn ab! Es hat wieder etwas von einer prophetischen Erzählung, wie Jesus hier spricht. Er lockt seine Zuhörer zu einem Urteil, über dem sie doch nur erschrecken könnten.

Was wäre denn, wenn er fortführe: So seid ihr – fruchtlose Feigenbäume im Weinberg Gottes. Wo ist eure Erkenntnis der Wahrheit – dafür steht ja der Feigenbaum als Baum der Erkenntnis. Wo ist die fruchtbare Konsequenz eures Lebens, auf  die Gott wartet?

Es könnte gut mit so einer Gerichtsankündigung weiter gehen – das hat eine lange Tradition in Israel: „Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er verwüstet werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“ (Jesaja 5,1-7)

Gott sei Dank – Jesus erzählt nicht in der Tradition des Jesaja. Seine Geschichte geht anders aus.

8 Er aber antwortete und sprach zu ihm: Herr, lass ihn noch dies Jahr, bis ich um ihn grabe und ihn dünge; 9 vielleicht bringt er doch noch Frucht; wenn aber nicht, so hau ihn ab.

Jesus erzählt die Geduld Gottes. Er erzählt vom Zuwarten Gottes. Er erzählt seinen Zuhörern, dass noch Raum zur Umkehr ist, dass noch neue Schritte möglich sind, weil der Herr des Weinbergs zum Warten überredet wird. Es ist Jesus selbst, der das tut, der so sagt: Lass ihn noch dieses Jahr. Er ist es, der der Axt in den Weg tritt. „Noch ist Gnadenzeit. Aber nur die Anwesenheit und die Arbeit Jesu bewahren das Volk vor dem Untergang.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 170) Gerade wenn und weil es so ist, drängt die Zeit, gilt es, die richtige Entscheidung zu treffen, denn es ist ja keine unbegrenzte Zeit: Noch dieses Jahr.

Das „Vorbild“ für die Erzählung findet sich für den in den Schriften Israels Beheimateten in den Geschichten der Wüstenwanderung Israels. Da geht es Gott auch so: er sucht Frucht, Frucht des Vertrauens auf sein Führen, seine Fürsorge, sein Leiten. Was er findet ist aber Murren. Klagen über die Härte des Weges. Fehlender Glaube in den Willen Gottes, das Land zu geben, das er verheißen hat. Stattdessen Heimweh nach Ägypten, dem Haus der Unfreiheit. Wenn Gott die Geduld zu verlieren droht mit diesem halsstarrigen Volk, dann ist da Mose, der die Rolle des Weingärtners „übernimmt“. Der für das Volk bittet. Der Gott Geduld mit ihnen abringt.

Paulus hat dieses Gleichnis Jesus mit einer ganz knappen Wendung im Römerbrief inhaltlich aufgegriffen, auch wenn es gar keinen Wortanklang an das Gleichnis gibt. „Verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Buße leitet?“ (Römer 2, 4)Wir alle leben vom Langmut Gottes, von der Güte, von seinem Zuwarten auf unsere Umkehr.

Es könnte sein, dass diese knappe Geschichte auch so etwas ist wie eine Platzanweisung an uns. Unsere erste Aufgabe als Christen ist, in der Fürbitte für die einzustehen, die Gottes Geduld strapazieren, die ihm die Frucht des Glaubens und Vertrauens schuldig bleiben. Für unseresgleichen. Leute, die sind wie wir.

 

 

Jesus, Du öffnest uns den Raum zur Umkehr. Du zeigst uns die Geduld des Vaters. Du hältst das Ende auf, damit wir einen neuen Anfang finden.

Aber Du sagst auch: Gott sucht Frucht, Ertrag deines Lebens, sucht Versöhnung, Vergebung, Gerechtigkeit, Geduld und Liebe.

Gott schaut danach, wo dein Leben für andere gut war, Wohltat, Ermutigung und Hilfe.

Jesus, gib Du, dass mein Leben gute Früchte trägt. Stärke Du mich dazu. Amen