Maßt euch keine Urteile an!

Lukas 13, 1 – 5

 1 Es kamen aber zu der Zeit einige, die berichteten ihm von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit ihren Opfern vermischt hatte.

             Es ist, als würden in das Gespräch Jesu mit den Jüngern und der Menge Leute hineinplatzen. Die dazukommen. Aufgeregt. Sie kommen, „um ihm die schauerliche Nachricht vom Untergang der Galiläer zu bringen.“ (F. Rienecker, Das Evangelium des Lukas, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S. 328) Ihm, weil sie wissen, dass Jesus aus Galiläa stammt. Weil sie ihm vielleicht deshalb eine besondere Nähe zu diesen Leuten unterstellen. Oder auch, um ihn zu warnen? Galiläa – so viel wissen wir, war in dieser Zeit ein Unruheherd, angeheizt mit  sozialem Brennstoff durch Ungerechtigkeit und Gewaltakte.

Pilatus, auch das wissen wir, hat einiges an harten Aktionen zu verantworten. Er kennt kein Zögern, wenn es darum geht, die römische Macht zu behaupten und die Ruhe im Land herzustellen. „Es ist denkbar, dass jene Galiläer in ihrer Unruhe und Empörung in irgendeinen Aufstand verflochten waren, dass Pilatus in seinem Zorn den Befehl gab, sie zu erschlagen, wo auch immer man sie fand.“ (F. Rienecker, ebda.) Es ist in seinen Augen wohl auch nicht schlimm, wenn es eine Friedhofs-Ruhe ist. So geht es hier um ein Ereignis, das die Zeitgenossen Jesu vermutlich heftig erregt hat: Im Tempelbezirk hat Pilatus galiläische Pilger umbringen lassen, die beim Opfer waren. Das weist auf die Passah-Zeit hin, denn nur da gibt ist es so, dass die Pilger selbst opfern. Es ist brutale Gewalt: Beim Vollzug einer religiösen Handlung selbst zum Opfer zu werden, wohl unter dem Vorwurf des Terrorismus. Schon der Verdacht der Unruhen, die Vermutung der möglichen Gewalt genügt den Römern, um hart einzugreifen. Und es spricht für ein Maß an Arroganz und Ignoranz der jüdischen Seite und religiösen Gefühlen gegenüber, das schwer zu ertragen ist.

 2 Und Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer mehr gesündigt haben als alle andern Galiläer, weil sie das erlitten haben? 3 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

Jesus greift den Bericht und die mit dem Bericht gestellte Frage auf: Haben sie es sich selbst zuzuschreiben? Greift auch hier der Tun-Ergehen-Zusammenhang, der von alters her ein Fundament jüdischen Denkens ist, der aber auch unser Denken heute noch tief bestimmt. „Entspricht der gewalttätige Tod nicht der Schwere der Sünde?“(F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 376) So fragen die Erzählenden mit ihrem Erzählen und Jesus bringt ihr Fragen ans Licht.

Aber er lässt es nicht dabei, dass nach „den anderen“ gefragt wird. Er wehrt die Frage nach der größeren Schuld ab, weil er die Frage nach der Schuld jeden Lebens in Blick nimmt. Ihr alle seid doch schuldig. Es geht um euch und euer Leben. Es geht nicht darum, andere zu beurteilen. Es geht immer darum, das eigene Leben Gott zuzuwenden. ΜετανοίαUmkehr; Buße ist das Gebot der Stunde. Buße aber meint hier wie auch sonst in allen Evangelien anderes und mehr als moralische Zerknirschung. Es geht um Umkehr von eigensinnigen Wegen und Hinkehr, Rückkehr auf den Weg Gottes. Die Hinkehr zu Gott ist das, was das Leben in die richtigen Bahnen lenkt, unabhängig davon, was die Römer treiben. Wer glaubt, ohne diese Umkehr leben zu können, der bereitet sich selbst den Untergang. Er wird das Schicksal der Galiläer teilen. Dieser knappe Satz Jesu wird später (21, 5 – 29) wieder aufgegriffen und entfaltet werden.

4 Oder meint ihr, dass die achtzehn, auf die der Turm in Siloah fiel und erschlug sie, schuldiger gewesen sind als alle andern Menschen, die in Jerusalem wohnen? 5 Ich sage euch: Nein; sondern wenn ihr nicht Buße tut, werdet ihr alle auch so umkommen.

Neben den politischen Gewaltakt stellt Jesus den Unglücksfall. Konnte man bei den Pilgern vielleicht noch irgendwie von „Mitschuld“ reden – was ist mit denen, die zufällig zu Tode kommen, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind? Ein Haus stürzt ein und begräbt achtzehn Menschen unter sich. Wer wollte da von Schuld reden?

Und doch gibt es auch in solchen Fällen ja immer die, die es ganz genau wissen. Die deshalb die Toten eines Tsunami nachträglich der ungezügelten und gott-losen Lebensführung bezichtigen. Die deshalb die Opfer eines Verkehrsunfalls immer unter den General-Verdacht „Raser“ stellen. Die es fertig bringen, bei Krebserkrankungen über unsolide Lebensführung und psychische Instabilität als Ursache zu schwadronieren. Der Tun-Ergehen-Zusammenhang als oft genug lieblose Erklärung macht vor Unglücksfällen nicht Halt.

Und wieder sagt Jesus: Schaut auf euch. Urteilt nicht über andere. Maßt euch keine Urteile an. Es ist nicht Gottes Sache, Menschen für ihre verborgenen kleinen und großen Sünden durch öffentliche Unglücksfälle zu strafen. „Jesus ersetzt sowohl den in allem herum schnüffelnden wie den fernen Gott durch einen zärtlichen, der auf uns wartet und der uns, bevor er uns erwartet, einlädt.“ (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas, EKK III/2; S. 378) Aber der Ruf zur Umkehr, zur Metanoia, gewinnt gerade so an Dringlichkeit. Denn wer sich diesem zärtlichen Gott nicht zuwendet, dem ist nach den Worten Jesu das Verderben, das Unheil in der Zeit gewiss. I

Wobei es wichtig ist, genau hinzuschauen: Umkehr dient nicht der Vermeidung von Unglücksfällen und politischen Gewaltakten. Ich finde nirgends in der Bibel das Versprechen: wenn du fromm wirst oder fromm bist, wenn du Umkehr lebst, dann bist du vor den Wechselfällen des Lebens und seinen Ungerechtigkeiten geschützt und sicher. Dann passieret dir nichts Böses. Ich finde vielmehr zuhauf die Klage, warum es guten Menschen schlecht geht, sie arm dran sind, unter die Räder kommen, während die Skrupellosen den Erfolg gepachtet haben und sie kein Unglück zu treffen scheint. Beispielsweise:

Ich  ereiferte mich über die Ruhmredigen,                                       da ich sah, dass es den Frevlern so gut ging.                                    Denn für sie gibt es keine Qualen,                                                   gesund und feist ist ihr Leib.                                                                  Sie sind nicht in Mühsal wie sonst die Leute                                  und werden nicht wie andere Menschen geplagt.                           Sie höhnen und reden böse,                                                                     sie reden und lästern hoch her.                                                         Was sie reden, das soll vom Himmel herab geredet sein;                was sie sagen, das soll gelten auf Erden.                                           Sie sprechen: Wie sollte Gott es wissen?                                           Wie sollte der Höchste etwas merken?                                             Siehe, das sind die Frevler;                                                                    die sind glücklich für immer und werden reich.                            Soll es denn umsonst sein, dass ich mein Herz rein hielt                  und meine Hände in Unschuld wasche?                                            Ich bin täglich geplagt,                                                                          und meine Züchtigung ist alle Morgen da.                                                        Psalm 73, 3 – 5.8 -9. 11-14

So geht es in der Welt zu und Frömmigkeit ändert daran – nichts. Das ist nicht ihre „Aufgabe“. Aber  Umkehr ergreift die Chance, die Gott gibt. Nicht das unbelastete Leben ist das Ziel der Umkehr, sondern den Weg mit allen Lebenslasten auf sich zu nehmen im Vertrauen darauf, dass Gott uns die Tür zu sich selbst offen hält. Umkehr glaubt, dass der Weg Gottes mit uns, mit mir ans Ziel kommen wird. Allen Lebenslasten zum Trotz.

So spricht Jesus hier also nicht davon, dass Leute, die Unheil trifft, damit die Quittung bekommen und es jetzt schon erfahren;: Ausgeschlossen vom Heil für Zeit und Ewigkeit. In alledem, was Jesus hier sagt,  geht es „nur“ um das Heil und Unheil, Wohl und Wehe in der Zeit. Es gilt vorsichtig zu sein, daraus flugs Aussagen über die Ewigkeit abzuleiten. Das allerdings sagt Jesus: Der Weg in die Freiheit, der Weg zum ewigen Heil ist der Weg der Hinkehr, Umkehr zu Gott – in dieser, unserer Lebens-Zeit.

 

Jesus, wie tief bin ich gefangen in diesem Denken von Ursache und Wirkung, Tun und Ergehen. Wie lieblos lässt mich das über andere urteilen. Du willst nicht, dass wir andere beurteilen, verurteilen  und selbst weiter bleiben, wie wir sind.

Du willst unsere Umkehr in unserem Beurteilen, Verurteilen, in unserem Leben – hin zu dem Gott, der uns sucht in Dir. Amen