Schmerzhafte Trennungen

Lukas 12, 49 – 53

 49 Ich bin gekommen, ein Feuer anzuzünden auf Erden; was wollte ich lieber, als dass es schon brennte!

Wenn es Worte Jesu gibt, die uns schwer zu schaffen machen, dann doch diese Worte. Wir haben uns so sehr daran gewöhnt, dass Jesus für Frieden steht, für Versöhnung, für Harmonie, dass wir mit diesen Worten hoffnungslos überkreuz sind. Ein Feuer statt Frieden? Das kann nicht Jesus im Originalton sein. Brandstifter Jesus? Hat ihn der Täufer doch besser verstanden als wir, der einen nach sich kommen sah mit dem Feuerbrand des Gerichtes? (3,9) „Man wird ihm wohl am ehesten gerecht, wenn man von der Erwartung des Täufers ausgeht. Nach ihr stellt der Kommende die reine Gemeinde dadurch her, dass er durch Geist und Feuer alles Unreine vernichtet.“ (K.H. Rengstorf, Das Evangelium nach Lukas, NTD 3, Göttingen 1967, S. 166) Unheimlich und fremd bleiben diese Worte auch nach dieser Erklärung. Sperrig für eine Christenheit, die den guten Gott beschwört und den lieben Herrn Jesus.

So wie die Forderung nach Wachsamkeit Worte gegen eine schläfrige, selbst-zufriedene Haltung sind, so sind auch diese Worte widerständig gegen Anpassungen und Verharmlosungen der Botschaft Jesu. „Jesus hat das Bewusstsein, dass sein Kommen gleichbedeutend ist mit dem Anzünden eines Feuers. Seine Gegenwart ist nicht von diesem Ereignis zu trennen.“(F. Bovon, EKK III/2, Das Evangelium nach Lukas, Lukas 9,51 – 14,35, Neukirchen 1996, S.350) Mit diesem Jesus ist ein verbürgerlichtes Christentum nicht zu machen.

Wie viel näher ist da Sören Kierkegaard dem, was Jesus hier sagt.

          „Die Geschichte erzählt, dass ein Reisezirkus in Dänemark in Brand geraten war. Der Direktor schickte daraufhin den Clown, der schon zur Vorstellung gerüstet war, in das benachbarte Dorf, um Hilfe zu holen, da die Gefahr bestand, dass über die abgeernteten, ausgetrockneten Felder das Feuer auch auf das Dorf übergreifen würde. Der Clown eilte in das Dorf und bat die Bewohner, sie mögen eiligst zu dem brennenden Zirkus kommen und löschen helfen. Aber die Dörfler hielten das Geschrei des Clowns lediglich für einen ausgezeichneten Werbetrick, um sie möglichst zahlreich in die Vorstellung zu locken; sie applaudierten und lachten Tränen. Dem Clown war mehr zum Weinen als zum Lachen zumute. Er versuchte vergebens die Menschen zu beschwören und ihnen klarzumachen, dass dies keine Verstellung und kein Trick sei, sondern bitterer Ernst. Sein Flehen steigerte nur das Gelächter, man fand, er spiele seine Rolle ausgezeichnet – bis schließlich in der Tat das Feuer auf das Dorf übergegriffen hatte und jede Hilfe zu spät kam, so dass Dorf und Zirkus gleichermaßen verbrannten.“ (Gleichnis von Søren Kierkegaard, Wortlaut aus Ratzinger, Joseph: Einführung in das Christentum. München : Kösel, 4. Auflage 1968, S. 17.)

      So taub und blind kann man werden für die Worte Jesu, wenn sie immer schon eingefügt, eingepasst, angepasst werden an die Erwartung, dass das Evangelium ja nur Bürgerlichkeit, oft genug Kleinbürgerlichkeit und moralisierende Engstirnigkeit zu bestätigen hat. Es kann durchaus auch sein, dass das „Feuer-Wort“ sich aus dem Denken des Lukas erhellen lässt: „Das Feuer, das Jesus auf die Erde wirft, ist der Heilige Geist als die Gabe des Auferstandenen.“ (W. Grundmann, Das Evangelium nach Lukas, Theol. Handkommentar zum NT 3, Berlin 1978, S.270) Freilich steht das noch aus – auch darauf verweist das Wort Jesu.

50 Aber ich muss mich zuvor taufen lassen mit einer Taufe, und wie ist mir so bange, bis sie vollbracht ist!

             Jesus ist im ganzen Evangelium nie einer, der unverbindliche Fensterreden hält. Er ist immer als Person in dem, was er sagt, mit drin. Mittendrin. Er erzählt nicht nur Gleichnisse, er lebt diese Gleichnisse auch. Und hier eben: Er weiß, dass der Feuerbrand, von dem er redet, sein eigenes Leben trifft. So ist das Wort von der Taufe eine Andeutung des Todes. Es geht um sein Leiden und Sterben, „sein Martyrium, das erlösende und reinigende Kraft hat.“(W. Grundmann, ebda.)

Im Lukas-Evangelium fehlt die Szene, in der sich die Söhne des Zebedäus um die besten Plätze neben Jesus bewerben. Markus erzählt sie und überliefert die Frage Jesu: „Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder euch taufen lassen mit der Taufe, mit der ich getauft werde?“ (Markus 10, 38) Das ist der gleiche Sinn wie hier bei Lukas. Jesus geht auf seinen Tod als seine „Taufe“ zu.

„Taufe“ ist hier jedenfalls nicht der harmlose Akt der Wasser-Besprengung, wie wir ihn vollziehen. Taufe ist hier: In den Tod gegeben werden. So sagt es Paulus: „Oder wisst ihr nicht, dass alle, die wir auf Christus Jesus getauft sind, die sind in seinen Tod getauft? So sind wir ja mit ihm begraben durch die Taufe in den Tod, damit, wie Christus auferweckt ist von den Toten durch die Herrlichkeit des Vaters, auch wir in einem neuen Leben wandeln. (Römer 6, 3-4) Das alles klingt hier mit. Weil diese Taufe hart ist, darum ist Jesus vor ihr bange. Jesus geht seinen Weg nicht unerschütterlich und unberührt, nicht ohne innere Auseinandersetzung.

Das wird solange so sein, bis sie vollbracht ist! Hier steht mit τελεσθ eine Verbform des Wortes, das nach dem Johannes-Evangelium das letzte Wort Jesu ist: „Es ist vollbracht.“ Τετλεσται. (Johannes 19,30)

Im Wort von der Taufe steckt mehr als das realitätsnahe Wissen Jesu: mit meiner Botschaft gerate ich in Konflikt mit der Umwelt. Es steckt auch darin das wissen: dieser Weg, den ich gehe, ist Gottes Weg und er ist ein Weg in einer unausweichlichen Notwendigkeit. Der Weg der durchgehaltenen Liebe gegen allen Widerspruch, allen Streit, auch allen Hass führt unausweichlich ins Leiden. Aber der Vater will diesen durchgehaltenen Weg mit mir.

51 Meint ihr, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf Erden? Ich sage: Nein, sondern Zwietracht. 52 Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei gegen zwei und zwei gegen drei. 53 Es wird der Vater gegen den Sohn sein und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen die Schwiegertochter und die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

             Als wäre es damit nicht genug, geht es weiter: Jesus ist nicht der Friedensstifter. Er ist auch nicht der Wächter über der Familienharmonie. Das wird historisch schon an seinen Jünger-Berufungen sichtbar. „Der Bruch mit der persönlichen, kultischen und patriotischen Vergangenheit gehört zusammen mit dem Zusammenschluss zu einer neuen Gemeinschaft. Diese revolutionäre Wirklichkeit, deren sich die Jünger bewusst sind, wird niemanden gleichgültig lassen.“ (F. Bovon, aaO. S.355) Jesus nimmt Männer aus ihren Familien weg. Um der Gemeinschaft willen. Er ruft sie auf den Weg hinter sich.

Es ist wohl eine Erfahrung der ersten Gemeinden, dass der Glaube an Jesus als den Christus Familien nicht nur verbindet, sondern auch trennt. Eltern verstehen ihre Kinder nicht mehr, weil sie diesen Weg gehen. Kinder entfremden sich von ihren Eltern. Eheleute werden über dem Glauben entzweit.

Diese Sätze wiegen besonders schwer in unserer Zeit. Frühere Zeiten in den Anfängen der Kirche haben sie deutliche gehört als wir: „Die patristischen Zeugnisse und die ersten heidnischen Texte über die Christusgläubigen – sie alle bezeugen, dass das Evangelium Familien trennt, indem es einzelne erreicht und Israel entzweireißt.“(F. Bovon, ebda.) Was für ein Widerspruch zu heute. Es sind nicht wenige in den Kirchen, die die Heiligkeit der Ehe und der Familie beschwören. Besonders im Gegenüber zu Anderen, die für eine Aufwertung von alternativen Lebensformen eintreten bis hin zur Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Wenn ich Jesus ernst nehme, so ist beiden Seiten zu sagen: Die entscheidende Bindung des Lebens ist die Bindung an Jesus. Durch diese Bindung werden alle natürlichen und alle sozialen Bindungen relativiert.

„Selig ist, wer sich nicht ärgert an mir.“ (7,23) Von daher ist zu lesen, was hier steht. Es ist in der Stellung zu Jesus begründet, dass wir mit dem einen tief verbunden und von anderen entfremdet sind. Das trifft Ehen, Partnerschaften, Freundschaften. Sie werden von daher zu „Ordnungen 2. Grades“, zweitrangig.

Ich weiß, dass ich mit solchem Denken alle am Hals habe – die Frommen wegen Abwertung von Ehe und Familie, die nicht so Frommen wegen Übertreibung im Blick auf die Bedeutung der Bindung an Jesus. So exklusiv darf man doch nicht reden. Wer aber sagt: „Jesus ist mir konkurrenzlos wichtig.“(Fritz Schwarz), der redet genauso exklusiv – in den Spuren dieses Friedens-Störers.

Wir hätten es bis heute gerne harmonischer. Es gehört aber zur erfahrenen und manchmal eben auch erlittenen Wirklichkeit christlichen Glaubens, dass der Weg des Glaubens auch zu Entfremdungen führen kann, selbst wenn er nicht zwangsläufig dazu führen muss. Die Beispiele in der Kirchengeschichte lassen sich nach beiden Seiten hin erzählen – wo Eltern und Kinder sich im Glauben gegenseitig neu finden und wo sich ihre Wege um des Glaubens willen trennen.

 

Herr Jesus, wie schwer halte ich das aus, dass der Glaube auch trennen kann, dass der Glaube auch fremd werden lassen kann, auch in der eigenen Familie, Eltern, Kindern, Geschwistern gegenüber.

Wie schwer halte ich das aus, dass Gespräche abreißen, wir uns nichts mehr zu sagen haben, weil wir uns nicht einig sind über Dir, über Dich.

 Herr, lehre mich, am Gespräch festzuhalten, wo es geht und loszulassen, wo nichts mehr zu sagen ist. Amen