Ein Stern aus Jakob

  1. Mose 24, 1 – 25

 

1 Als nun Bileam sah, dass es dem HERRN gefiel, Israel zu segnen, ging er nicht wie bisher auf Zeichen aus, sondern richtete sein Angesicht zur Wüste, 2 hob seine Augen auf und sah Israel, wie sie lagerten nach ihren Stämmen. Und der Geist Gottes kam auf ihn, 3 und er hob an mit seinem Spruch und sprach:

             „Woran Bileam, nachdem er diesen Platz eingenommen hatte, erkannte, dass Jahwe Israel gesegnet wissen wollte, wird nicht gesagt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.165) Vielleicht ist es ja auch überflüssig, weil die Geschehnisse zuvor eindeutig die Richtung angeben. So verzichtet Bileam jetzt auf eine Suche nach neuer Offenbarung. Stattdessen aber heißt es: der Geist Gottes kam auf ihn. Er wird gewissermaßen von Gott her „besetzt“.

 Es sagt Bileam, der Sohn Beors, es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind; 4 es sagt der Hörer göttlicher Rede, der des Allmächtigen Offenbarung sieht, dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet:

             Gleich mehrfach: es sagt. Ausspruch kann man auch übersetzen.  Hebräisch „ne’um ist ein Wort, das meistens den Gottesspruch bezeichnet.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 233) Dass es hier so mehrfach gebraucht wird, drückt aus: Da spricht zwar Bileam, aber er spricht nicht seine eigenen Worte. Er sagt nicht seine Meinung. Er ist ganz Bote. Werkzeug. Einer, dem die Augen geöffnet worden sind – das ist eine Rückerinnerung an seine Blindheit, als der Engel des HERRN ihm und seinem Esel im Weg stand. Jetzt erst sieht der Seher! Weil ihm die Augen geöffnet worden sind. Und spricht im Auftrag des Allmächtigen, ’ēl šaddaj.

 5 Wie fein sind deine Zelte, Jakob, und deine Wohnungen, Israel! 6 Wie die Täler, die sich ausbreiten, wie die Gärten an den Wassern, wie die Aloebäume, die der HERR pflanzt, wie die Zedernan den Wassern. 7 Sein Eimer fließt von Wasser über, und seine Saat hat Wasser die Fülle. Sein König wird höher werden als Agag, und sein Reich wird erhoben werden. 8 Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, ist für sie wie das Horn des Wildstiers. Er wird die Völker, seine Verfolger, auffressen und ihre Gebeine zermalmen und mit seinen Pfeilen zerschmettern. 9 Er hat sich hingestreckt, sich niedergelegt wie ein Löwe und wie ein junger Löwe – wer will ihn aufstören? Gesegnet sei, wer dich segnet, und verflucht, wer dich verflucht!

Es ist ein Lobpreis Israels.  „Israel erscheint als mit natürlichen Gaben reich bedacht.“ (M. Noth, aaO. S.166) Man muss nicht zwangsläufig schon die Situation der festen Ansiedlung im verheißenen Land mithören, aber zumindest eine Offenheit auf diese Zukunft schwingt mit. Neben dieses Bild tritt der Blick auf Gott, der sie führt, der ihr Schutz ist. Kraftstrotzend wie der Wildstier. Das Horn steht wohl für das ganze starke Tier. Unwiderstehlich ist Gott und darum auch Israel. Die Stärke Israels kann nie von Gott abgelöst werde. Wenn sich Israel von seinem Gott löst, bleibt nur ein „Würmlein Jakob“(Jesaja 41,14) übrig.

 10 Da entbrannte Balaks Zorn gegen Bileam, und er schlug die Hände zusammen und sprach zu ihm: Ich habe dich gerufen, dass du meine Feinde verfluchen solltest, und siehe, du hast sie nun dreimal gesegnet. 11 Geh nun weg in dein Land! Ich dachte, ich wollte dich ehren, aber der HERR hat dir die Ehre verwehrt.

             Balak hört diese Worte und ist entsetzt. Wie verständlich und wie ohnmächtig zugleich ist sein Zorn. Er fühlt sich getäuscht, in die Irre geführt, weil er die Wahrheit nicht ertragen kann. So verabschiedet er den in seinen Augen untauglichen Seher. Ohne weitere Auslegung:

„Zwar rang der König seine Hände                                                    und brüllte: Bist du bald zu Ende?                                                       Ich wollt dir geben Ruhm und Gold,                                                    Gott aber hat das nicht gewollt.                                                         Mach, dass du fortkommst, geh nach Haus                                         Ich gehe auch. Der Krieg ist aus.“                                                                                    K.P. Hertzsch, Der ganze Fisch war voll Gesang, Stuttgart 1978, S.20f.

 12 Bileam antwortete ihm: Hab ich nicht schon zu deinen Boten gesagt, die du zu mir sandtest: 13 Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN und Böses oder Gutes tun nach meinem Herzen, sondern was der HERR redet, das würde ich auch reden? 14 Und nun siehe, ich ziehe zu meinem Volk. So komm, ich will dir kundtun, was dies Volk deinem Volk tun wird zur letzten Zeit.

             Wieder antwortet Bileam geradezu unterkühlt. Die Vorwürfe sind unberechtigt und gehen an der Sache vorbei. Von Anfang an hatte Bileam darauf hingewiesen: Ich bin nicht käuflich. Das Wort Gottes ist nicht käuflich. Ja, er wird der Aufforderung Balaks folgen und heimgehen. Aber zuvor noch – auf ein Wort. „Ohne Honorar, mit aller Schärfe formuliert er die letzte, vierte Prophezeiung.“ (G. Maier, aaO. S.338)

 15 Und er hob an mit seinem Spruch und sprach: Es sagt Bileam, der Sohn Beors, es sagt der Mann, dem die Augen geöffnet sind, 16 es sagt der Hörer göttlicher Rede und der die Erkenntnis des Höchsten hat, der die Offenbarung des Allmächtigen sieht und dem die Augen geöffnet werden, wenn er niederkniet: 17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt; ich schaue ihn, aber nicht von Nahem. Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen und ein Zepter aus Israel aufkommen und wird zerschmettern die Schläfen der Moabiter und den Scheitel aller Söhne Sets. 18 Edom wird er einnehmen, und Seïr, sein Feind, wird unterworfen sein; Israel aber wird Sieg haben. 19 Aus Jakob wird der Herrscher kommen und umbringen, was übrig ist von den Städten.

                     Die Einleitung der Worte ist eine exakte Wiederholung des Anfangs seiner dritten Prophetie. Noch einmal: Bileam redet nicht auf eigene Rechnung, sondern seine Worte sind Gottesworte. Ausspruch des Höchsten – ’el æljōn. Diese Wiederholung ist  – davon bin ich überzeugt – nicht der Zusammenführung unterschiedlicher Quellen geschuldet. Sie ist auch nicht stilistischer Unbeholfenheit entsprungen. Hier wird grundsätzlich gesagt und weit über Bileam hinaus geklärt, was einen Seher als Seher ausmacht: Ihm werden die Augen geöffnet. Er empfängt als Hörer göttliche Rede. Nie verfügt der Seher von sich aus, aus eigenem Können über seine Vision. Er ist ganz abhängig vom Wort-Empfang, von der Einsicht, die ihm zukommt, die ihm Gott eröffnet. Ohne dieses Geschenk von außen bleibt der Seher blind und sein Mund stumm.

Was folgt ist ausdrücklich Zukunft:  Ich sehe ihn, aber nicht jetzt. Es ist Ansage, die in das Kommende verweist, genauer: Auf den Kommenden: Es wird ein Stern aus Jakob aufgehen. Auf einen, der Königsmacht hat, das Zepter. „Seit uralter Zeit wird dieses Zepter auf den Messias gedeutet.“ (G. Maier, aaO. S.339) Überaus vorsichtig wird geschichtlich eingegrenzt: „Es spricht alle Wahrscheinlichkeit dafür, dass mit dem hier als noch künftig zu erwartenden herrlichen Herrscher David ins Auge gefasst ist und dass das geschichtliche Auftreten Davids den Hintergrund dieses Spruches bildet.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.168)

             Wer so argumentiert, unterstellt eine späte Abfassung dieser Worte und er unterstellt auch, dass Prophetie keinen Überschuss über geschichtliche einleuchtende Bilder hinaus haben kann. Es mag ja stimmen, dass die im Folgenden angesagten Siege über Amalekiter und Keniter den Taten Davids entsprechen. Es mag stimmen, „dass von allen Taten Davids nur die Überwältigung der südöstlichen Nachbarn Israels berücksichtigt wird.“ (M. Noth, eda.) Aber das sagt wirklich nichts über den messianischen Überschuss dieser Worte aus. Darüber, dass sie mit David eben noch nicht abgegolten sind.

20 Und als er die Amalekiter sah, hob er an mit seinem Spruch und sprach: Amalek ist das erste unter den Völkern; aber zuletzt wird es umkommen. 21 Und als er die Keniter sah, hob er an mit seinem Spruch und sprach: Fest ist deine Wohnung, und du hast dein Nest in einen Fels gebaut. 22 Dennoch wird Kain ausgetilgt werden. Wie lange noch, dann führt Assur dich gefangen hinweg!

             Es ist ein kriegerisches Bild, das hier vom aufgehenden Stern aus Jakob gezeichnet wird. Das hat die altkirchlichen Ausleger, angefangen bei den Evangelisten Matthäus und Lukas bis hin zur Offenbarung – „ich bin der helle Morgenstern“ (Offenbarung 22,16), aber nicht gehindert, diesen Stern auf Jesus zu  deuten.

Aus der Sicht in die Weite wird hier ein Blick auf die Völker, die Israel jetzt, zur Zeit der Abfassung des Buches und zur erzählten Zeit, zu schaffen machen: Amalekiter und Keniter. Ihr Ende ist nah. Ein Ende, das durch die Weltmacht Assur herbeigeführt wird. Diese Erwähnung Assurs lässt vermuten, dass zumindest eine Bearbeitung des vorliegenden Textes in die Zeit fällt, in der Assur zur Schicksalsmacht für die Völker des Vorderen Orients aufgestiegen ist. Zwischen 750 und 680 vor Christus. Immer wieder spielt in die konkrete Textwerdung der biblischen Botschaft auch die Zeit der Gegenwart hinein, so wie in die Auslegung biblischer Texte ja auch die Zeit und Zeiterfahrung dessen hineinwirkt, der die Texte jeweils auslegt.

23 Und er hob abermals an mit seinem Spruch und sprach: Ach, wer wird am Leben bleiben, wenn Gott das tun wird? 24 Und Schiffe aus Kittim werden Assur und Eber überwältigen; jenes aber wird auch umkommen.

Der Blick weitet sich in die Weltgeschichte hinein. Es ist das ganz „normale Drama“ der Weltgeschichte, das hier angedeutet wird. Weltreiche kommen und gehen. Assur wird überwältigt,  mit Eber kann die semitische Völkerfamilie gemeint sein. Sicher ist das nicht. Und auch die Sieger aus Kittim –  gemeint sein könnte Zypern, vielleicht, wen auch schwer vorstellbar Rom und Griechenland – werden umkommen. Es ist kein Bleiben in der Weltgeschichte. Es gibt keine Nation, die den ersten Platz für immer innehat. Alle Hegemonialansprüche – ob Großdeutschland, Großserbien, Great Britain, Zarenreich, Heiliges Römisches Reich oder America first scheitern. Früher oder später. Sie überleben sich.

 25 Und Bileam machte sich auf und zog hin und kehrte zurück an seinen Ort, und Balak zog seinen Weg.

Bleibt das Schlusswort meines Dichters:

„Der Geist des Herrn hat uns besucht.                                                     Das Gottesvolk ist uns begegnet.                                                             Wer Juda flucht, der ist verflucht.                                              Gesegnet ist, wer Juda segnet.“               K.P. Hertzsch, aaO.  S.21

 

Gott, Du Höchster, Du Herr aller Herren. Unter Deinen Segen ist gut gehen. Unter Deinem Segen ist Bergung. Unter Deinem Segen findet mein Herz zur Ruhe.

Du segnest, wo Du willst, wen Du willst, wie Du willst, ohne Ansehen der Person. Wie gut, dass wir uns Deinen Segen nicht verdienen können- Du legst ihn auf uns, auf Leute, die sind wie sie sind.

Unter Deinem Segen können wir anders werden, so wie Du es Dir gedacht hast, so wie Du uns Dir gedacht hast. Amen