Was Gott einmal spricht, gilt

  1. Mose 23, 13 – 30

13 Balak sprach zu ihm: Komm doch mit mir an einen andern Ort, von wo aus du gerade sein äußerstes Ende siehst, aber nicht ganz Israel, und verfluche es mir von dort. 14 Und er führte ihn zum Späherfeld auf dem Gipfel des Pisga und baute sieben Altäre und opferte auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder.

Es mag sein, die Texte sind aus verschiedenen Quellen zusammengefügt und wiederholen sich so wechselseitig. Aber daraus entsteht dennoch ein Gesamtbild, Einer der Züge dieses Bildes: Balak gibt nicht schnell auf. Er ist hartnäckig im Verfolgen seines Anliegens. Er lässt es nicht nach dem ersten Fehlschlag auf sich beruhen. Vielleicht darf ich als Leser daraus lernen?

Ein neuer Anlauf, an einem neuen Ort. An einem Ort, von dem Bileam Israel anders sehen wird, nur noch seine Ausläufer, nicht mehr ganz Israel. Die veränderte Perspektive könnte ja, so der Gedanke, auch das Wort über Israel im Munde Bileams verändern. Noch immer also geht Balak davon aus, dass Bileam über seine Worte Herr ist.

Nebenbei: der Gipfel des Pisga – das ist der Ort, von dem aus auch Mose das Land sehen wird, vor seinem Tod: „Und Mose stieg aus den Steppen Moabs auf den Berg Nebo, den Gipfel des Gebirges Pisga, gegenüber Jericho. Und der HERR zeigte ihm das ganze Land.“(5.Mose 34, 1) Zufall? Ich glaube nicht an Zufälle in den Schriften.

 15 Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer, ich aber will dort dem Herrn begegnen. 16 Und der HERR begegnete Bileam und gab ihm ein Wort in seinen Mund und sprach: Geh zurück zu Balak und sprich so! 17 Und als er zu ihm kam, siehe, da stand er bei seinem Brandopfer samt den Fürsten der Moabiter. Und Balak sprach zu ihm: Was hat der HERR gesagt?

             Wieder das aufwändige Opfer.  Und wieder lässt Bileam Balak beim Opfer irgendwie stehen, um Gott zu suchen. „Ich aber will so auf eine Gottesoffenbarung ausgehen.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.326) Auch das ist als Übersetzung möglich.  Bileam kehrt zurück und Balak fragt: Was hat der HERR gesagt?

Zweimal „der HERR“. Jahwe. Einmal im Mund des heidnischen Sehers, einmal im Mund des heidnischen Königs. „Viele Handschriften versuchten, in V. 16 den Gottesnamen „Jahwe“ durch „Elohim“ zu ersetzen. Aber es ist wichtig, dass gerade der Gott der Offenbarung (Jahwe) Bileam begegnete und ihm ein Wort den Mund legte.“ (G. Maier, aaO. S.328) Die wirkliche Erfahrung Gottes ist nicht auf Israel eingegrenzt. Im viel späteren Buch des Propheten Daniel findet sich im Mund und Befehl des heidnischen Königs Daris die folgende Anerkennung Gottes: „Das ist mein Befehl, dass man überall in meinem ganzen Königreich den Gott Daniels fürchten und scheuen soll. Denn er ist ein lebendiger Gott, der ewig bleibt, und sein Reich ist unvergänglich, und seine Herrschaft hat kein Ende.  Er ist ein Retter und Nothelfer, und er tut Zeichen und Wunder im Himmel und auf Erden. (Daniel 6, 27-28)

18 Und er hob an mit seinem Spruch und sprach: Steh auf, Balak, und höre! Nimm zu Ohren, was ich sage, du Sohn Zippors! 19 Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Sollte er etwas sagen und nicht tun? Sollte er etwas reden und nicht halten?

Jetzt also Bileams zweiter Spruch, eingeleitet durch die markante Aufforderung; Höre. Nimm zu Ohren. Wir würden sagen: Lass es dir gesagt sein. Es folgt eine Aussage über die Art Gottes: Gott ist nicht ein Mensch, dass er lüge, noch ein Menschenkind, dass ihn etwas gereue. Was Gott sagt, steht fest. Es bleibt und es wird Tat. Gott ist nicht wankelmütig, wetterwendisch. Und es macht keinen Sinn, auf Wandlung des Segens zu hoffen durch Wiederholung.

             Es gibt eine ähnliche Formulierung in einem thematisch ähnlichen Zusammenhang: „Ich will nicht tun nach meinem grimmigen Zorn noch Ephraim wieder verderben. Denn ich bin Gott und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte. Darum komme ich nicht im Zorn.“ (Hosea 11,9) Auch im Buch des Propheten geht es darum, dass Gott sich Israels, hier durch Ephraim repräsentiert, annimmt, in Treue an ihm festhält. Aller Schwäche und allen Irrwegen Israels zum Trotz. So ist es ja auch im 4. Buch Mose: das Volk, das Bileam im Gehorsam gegen das Wort Gottes segnet, ist kein Musterexemplar an Gehorsam.

20 Siehe, zu segnen ist mir befohlen; er hat gesegnet, und ich kann’s nicht wenden. 21 Man sieht kein Unheil in Jakob und keine Mühsal in Israel. Der HERR, sein Gott, ist bei ihm, und es jauchzt dem König zu. 22 Gott, der sie aus Ägypten geführt hat, ist für sie wie das Horn des Wildstiers. 23 Daher hilft kein Zaubern gegen Jakob und kein Wahrsagen gegen Israel. Zu rechter Zeit wird Jakob und Israel gesagt, was Gott gewirkt hat. 24 Siehe, das Volk wird aufstehen wie ein junger Löwe und wird sich erheben wie ein Löwe; es wird sich nicht legen, bis es den Raub verzehrt und das Blut der Erschlagenen trinkt.

            Es ist ein kunstvoll geformter Segensspruch. Gegen den Segen ist kein Kraut gewachsen. Widerstand zwecklos. Das ist das Geheimnis dieses Volkes: Der HERR, sein Gott, ist bei ihm, und es jauchzt dem König zu. Die Gegenwart Gottes findet ihr Echo im Lobpreis, im Jubel des Volkes. Kein Zauberspruch, und sei er noch mächtig, vermag etwas dagegen auszurichten. Und weil Israel die Wegweisung Gottes hat, auch in der Erinnerung an das, was Gott gewirkt hat, ist im Volk selbst, so lese ich, auch das Hören auf Zauberei und Wahrsagerei völlig obsolet. Diese Gegenwart Gottes gibt dem Volk, diesem Haufen dort in der Ebene, Kraft wie einem Löwen.

             In der Sprache des theologischen Dichters unserer klingt diese Passage  so:

 „Sie stiegen noch ein bisschen höher                                               und kamen auf den Berg der Späher                                                       Die Späher saßen,  gut verborgen                                                            und spähten eifrig in den Morgen.                                                    Auch hier ging Bileam ein Stück,                                                              er sprach mit Gott und kam zurück.                                                         Von allen wurde gleich gefragt:                                                      „Und was hat diesmal Gott gesagt?                                                   Da rief er: „Was Gott einmal spricht,                                                       das gilt. Und er bereut es nicht.                                                         Dies Volk, es ist das Volk des Herrn.                                                         Er segnet es und hat es gern.“                                                                   Von Bergeshang zu Bergeshang                                                          der Ruf des Bileam erklang.“                                                                     K.P. Hertzsch, Der ganze Fisch war voll Gesang, Stuttgart 1978, S.19f.

 25 Da sprach Balak zu Bileam: Wenn du es schon nicht verfluchst, so segne es nicht noch. 26 Bileam antwortete und sprach zu Balak: Hab ich dir nicht gesagt, alles, was der HERR redet, das würde ich tun?

             Balak scheint irgendwie am Ende. Wenn schon kein Fluch, dann doch bitte wenigstens kein Segen. Dann lieber das freie Spiel der Kräfte, unter Absehung von allem göttlichem Einfluss.

Es wirkt wie eine neuzeitliche Wiederaufnahme: „Vor der Schlacht von Kesseldorf schloss der alte Dessauer mit dem berühmten Gebet, in dem er Gott um Neutralität ersuchte: „Lieber Gott, stehe mir heute gnädig bei! Oder willst Du nicht, so hilf wenigstens die Schurken, die Feinde nicht, sondern siehe zu, wie es kommt!“ (Karl Otmar von Aretin, Erhard Bethke (Red.): Friedrich der Große. Herrscher zwischen Tradition und Fortschritt. Orbis Verlag, München 1991, S. 81) 

Bileams Antwort wirkt geradezu unterkühlt, nicht zuletzt, weil es eine wörtliche Wiederholung seiner bereits früheren Antwort ist: Hab ich dir nicht gesagt, alles, was der HERR redet, das würde ich tun? Das ist nicht nur Antwort – Bileam erteilt Balak eine regelrechte Abfuhr.

 27 Balak sprach zu ihm: Komm doch, ich will dich an einen andern Ort führen; vielleicht gefällt es Gott, dass du sie mir dort verfluchst. 28 Und Balak führte ihn auf den Gipfel des Berges Peor, der hinunterblickt auf die Wüste. 29 Und Bileam sprach zu Balak: Baue mir hier sieben Altäre und schaffe mir her sieben junge Stiere und sieben Widder. 30 Balak tat, wie Bileam sagte, und opferte auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder.

Umso erstaunlicher, dass Balak immer noch nicht aufgibt. Wieder schlägt er einen Ortswechsel vor. Und wieder lässt sich Bileam auf das Spiel ein. Er geht mit. „Das ist immer wieder das Befremdliche und Zwiespältige an Bileam. Er weiß, was Gott will. Und dennoch lässt er sich immer wieder von Balak mitnehmen! (G. Maier, aaO; S.332) Hält der Text darin dem Leser, der Leserin eine Spiegel zur Selbstprüfung vor: Wie oft gehst du Wege mit, obwohl du weiß, was Gott will, dass der, der dich auf diesen Weg  mitnimmt, nicht will, was Gott will, sondern seine eigenen Pläne verfolgt.

Je länger ich bei diesen Passagen und den Wiederholungen verweile, diesem ständig neuen Fordern Balaks nach einem Fluch, umso mehr kommt mir der Gedanke: In Balak tritt einer auf, der fordert, dass Israel endlich die Quittung bekommt für das Murren und Weigern. Das Verzagen und Zweifeln. Es wäre doch nur konsequent, wenn Gott seine Hand von diesem Volk abziehen würde, das ihm so oft den Gehorsam und das Vertrauen schuldig leit. Wenn Gott es sich selbst überlassen würde.

Was Balak in seiner Verzweiflung sagt, ist die heimliche Schluss-Logik, an Gott gerichtet: Sei neutral. Lass Israel ein Volk wie alle Völker sein. Entziehe ihm deine immerwährende Hilfe, deine Gnade, deine Treue. Sie haben das alles doch längst nicht mehr „verdient“. So gesehen übernimmt Balak die Rolle des Verklägers. Darin ist er das Gegenbild zu Mose, der immerzu die Rolle des Fürsprechers einnimmt. Und Bileam bleibt nur, die Treue Gottes zu bezeugen, der einem, seinem ungehorsamen und verzagten Volk doch nie seine Nähe und Zuwendung entzieht und verweigert. Gott ist sich in der Treue zu Israel treu.

Das sattsam bekannte Prozedere des Altarbaus und der Opfer wiederholt sich.

 

Herr, verleihe mir, dass ich mich an Dein Wort hänge, dass ich der Versuchung widerstehe, Worte zu sagen, die Beifall finden, die die Erwartungen erfüllen, die sich für mich auszahlen werden.

Gib mir die Einfalt des Herzens, den schlichten Gehorsam, der nichts will als Deinen Willen. Amen