Wenn Gott segnet

  1. Mose 23, 1 – 12

1 Und Bileam sprach zu Balak: Baue mir hier sieben Altäre und schaffe mir her sieben junge Stiere und sieben Widder. 2 Balak tat, wie ihm Bileam sagte, und beide, Balak und Bileam, opferten auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder.

 Es ist aufwändig. Auf der Höhe werden nach Anweisung Bileams sieben Altäre gebaut. Das lässt fragen: Gab es vorher dort keinen Altar, auf dieser Baals-Höhe? Oder geht darum, neue Altäre zu schaffen, „die nicht durch eine kultische Vergangenheit belastet waren?“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.160)  Mir ist es ein wenig zweifelhaft, ob man gleich so weit gehen muss: Die neuen Altäre „lassen vermuten, dass Bileam sie dem Gott Israels weihen wollte, von dem er annahm, dass er mit den bisherigen Götzenaltären nicht einverstanden sei.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.322) Hinter dieser Deutung sehe ich eine Tendenz, den heidnischen Seher irgendwie doch pro Israel zu vereinnahmen.

Gegen diese Deutung spricht auch, dass auf jedem der Altäre  je ein Jung-Stier und ein Widder geopfert werden, und zwar von Balak und Bileam. Diese Opfernde sind beide keine Priester. Es braucht keine Priesterschaft, um zu opfern. Aber: mit diesem gemeinsamen Opfer rücken die beiden doch auch „geistlich“ oder „spirituell“ näher zusammen.    

  3 Und Bileam sprach zu Balak: Tritt zu deinem Brandopfer; ich will hingehen, ob mir vielleicht der HERR begegnet, dass ich dir sage, was er mir zeigt. Und er ging hin auf einen kahlen Hügel.

             Das Opfer schafft noch keine Gegenwart Gottes. Darum muss sich Bileam auf den Weg machen,  ob mir vielleicht der HERR begegnet. Erst dann wird er etwas zu sagen haben. Das vielleicht ist ein deutlicher Hinweis: Der HERR ist nicht nach menschlichem Gusto verfügbar, auch nicht durch Opfer oder guten Willen. Er muss sich finden lassen.

 4 Und Gott begegnete Bileam; er aber sprach zu ihm: Sieben Altäre hab ich hergerichtet und auf jedem Altar einen jungen Stier und einen Widder geopfert. 5 Der HERR aber gab dem Bileam ein Wort in den Mund und sprach: Geh zurück zu Balak und sprich so!

            Gott – hier steht wieder einmal ’ælohīm  – begegnet Bileam. Der meldet den Opfervollzug. Merkwürdig: dieses Opfer findet keine Echo bei Gott. Es ist, als habe es nicht stattgefunden. Wichtiger ist das andere: Der HERR – diesmal jahwe – gibt Bileam ein Wort in den Mund. Das soll er sagen und sonst nichts.

Die gängige Erklärung für den bunten Wechsel der Gottesbezeichnungen, einmal jahwe, dann wieder ’ælohīm – ein Pluralwort, das auch Götter heißen könnte, aber auch als Gottheit gedeutet werden kann – ist, dass der Text auf unterschiedliche Quellen zurückgeht. Das mag sein, ist aber als Erklärung in meinen Augen dennoch dürftig. Nur: wie der Wechsel wirklich zu erklären ist, muss wohl offen bleiben. Vielleicht signalisiert die Verschiedenheit ja einfach, dass Gott nicht auf einen Nenner zu bringen ist, nicht einfach verfügbar, handhabbar – auch nicht, indem man ihm beim Namen ruft. Er ist und bleibt – ob im „Eigenname“ als jahwe, ob als ’ælohīm, ob als der Allmächtige’, ēl šaddaj, immer der Unverfügbare.

 6 Und als er zu ihm kam, siehe, da stand er bei seinem Brandopfer samt allen Fürsten der Moabiter. 7 Da hob Bileam an mit seinem Spruch und sprach: Aus Aram hat mich Balak, der König der Moabiter, holen lassen von dem Gebirge im Osten: Komm, verfluche mir Jakob! Komm, verwünsche Israel!

             Bileam kehrt von seiner Gottesbegegnung zurück. Alle erwarten ihn, Balak samt allen Fürsten der Moabiter. Jetzt wird Bileam reden und es ist klar, was Balak erwartet: Jetzt wird er sagen, wozu ich ihn gerufen habe. Er tut seinen Spruch, hebräisch maschal.  Es fängt in den Ohren Balaks gut an, wiederholt doch Bileam einfach nur seinen Auftrag, den er von Balak erhalten hat. Komm, verfluche mir Jakob! Komm, verwünsche Israel! Endlich zeigt es sich: das Ehren und Honorieren wird sich gelohnt haben.

8 Wie soll ich fluchen, dem Gott nicht flucht? Wie soll ich verwünschen, den der HERR nicht verwünscht? 9 Denn von der Höhe der Felsen sehe ich ihn, und von den Hügeln schaue ich ihn. Siehe, das Volk wird abgesondert wohnen und sich nicht zu den Völkern rechnen. 10 Wer kann zählen den Staub Jakobs, auch nur den vierten Teil Israels? Meine Seele möge sterben den Tod der Gerechten, und mein Ende werde wie ihr Ende!

             Aber was für eine Wende. Unfähig ist Bileam, Israel zu verfluchen und zu verwünschen. Weil der HERR es nicht verwünscht. Weil er es ihm verwehrt. Bileam sieht gar nicht das Volk – er sieht den HERRN hinter dem Volk. Das macht dieses Volk zu einem besonderen Volk, anders als alle Völker, dass Gott hinter ihm steht, dass es in Gott seinen Lebensgrund hat.

 Das Volk wird abgesondert wohnen und sich nicht zu den Völkern rechnen. Nicht unter die gojim so im Hebräischen. Mir kommt das vor, wie in eine aktuelle Debatte hinein gesprochen. In der Zeit nach dem Exil gibt es die starken Forderung der radikalen Absonderung, weil die Katastrophe des Exils auch auf die Vermischung, religiös und durch Ehen, zurückgeführt wird. Ein Argument für eine späte Überarbeitung der alten Texte?

Die historischen Tatsachen sind eindeutig: „Der Mythos von dem Land ohne Volk für das Volk ohne Land ist im Alten Testament nicht zu finden. Im Gegenteil. Das Alte Testament verheimlicht nicht, dass zu allen Zeiten in dem verheißenen Land auch andere Völker gelebt haben. … Liest man die Geschichte der Landnahme, wird man feststellen, dass israelitische wie nichtisraelitische Stämme und Völker auch während und nach der Landnahme nebeneinander in Kanaan existiert haben.“(M. Raheb, Ich bin Christ und Palästinenser, Gütersloh 1994, S.101)

Was herausgestellt werden muss, ist aber klar: Es gibt keine Verfluchung Israels, weil Gott diesem Volk nicht flucht, sondern es vielmehr segnet: Es wird wachsen, zunehmen, so dass es unzählbar ist. Die alte Abrahamsverheißung leuchtet auf, umgesprochen von den Sternen des Himmels zum Erdenstaub: „Und er, der HERR, hieß ihn hinausgehen und sprach: Sieh gen Himmel und zähle die Sterne; kannst du sie zählen? Und sprach zu ihm: So zahlreich sollen deine Nachkommen sein!“(1. Mose 15,5)  In dieser Zusage der Menge, des Getümmel Israels  ist der Segen Gottes gar zart und künstlich eingewickelt. (M. Claudius 1783, EG 508)

 Ein bisschen zu rätseln gibt der Abschlusssatz des Bileams-Spruches auf: Meine Seele möge sterben den Tod der Gerechten, und mein Ende werde wie ihr Ende!  Bileam wünscht sich hier kein Ende, schon gar nicht ein rasches Ende. Was er sich wünscht ist ein Ende, das der Lebenskraft dieses Volkes entspricht, seinem Gesegnetsein.

 11 Da sprach Balak zu Bileam: Was tust du mir an? Ich habe dich holen lassen, um meinen Feinden zu fluchen, und siehe, du segnest. 12 Er antwortete und sprach: Muss ich nicht das halten und reden, was mir der HERR in den Mund gibt?

             Man kann es nachvollziehen, wie entsetzt Balak ist. Alles, was er erhofft hat, hat Bileam in sein Gegenteil verkehrt. Statt Fluch Segen. Statt Untergang Mehrung. Was für ein grandioses Missverständnis. Er findet aber mit seinem Aufschrei kein Echo bei Bileam. Im Gegenteil Seine Antwort klingt in ihrem Wiederholen, als würde Bileam sagen: Ich habe es dir doch schon früher immerzu gesagt: Ich kann nur sagen, was mir der HERR in den Mund gibt. Mit anderen Worten: Bileam ist die falsche Adresse für die  Beschwerden Balaks. Die richtige Beschwerden-Instanz wäre der HERR. Den aber anerkennt Balak ja so wenig wie sein Volk.

 

Wo Du, Gott, segnest, dürfen wir nicht fluchen. Wo Du, Gott, Deine Hand zum Schutz erhebst, dürfen wir alles aus den Händen geben.

Wie merkwürdig sind wir doch, dass wir gelegentlich nicht einverstanden sind mit Deinem Segen, mit Deinem Wohltun, mit Deiner Freundlichkeit.

Gib Du mir, dass Dein Segen mir zur Spur wird, der ich gerne folge. Amen