Ein verblendeter Seher – ein sehender Esel

  1. Mose 22, 21 – 41

 21 Da stand Bileam am Morgen auf und sattelte seine Eselin und zog mit den Fürsten der Moabiter. 22 Aber der Zorn Gottes entbrannte darüber, dass er hinzog.

             Die Nacht ist vergangen,  der Tag herbeigekommen und es ist Zeit zum Aufbruch. Bileam zieht los. Ein wenig verwundert es schon, dass sein Hinziehen den Zorn Gottes auslöst. Hat es doch, der Erzählung zufolge, zuvor gerade erst die Erlaubnis dafür gegeben. Ist dieser Zorn also ein „Akt unverantwortlicher göttlicher Willkür“?(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.157) Oder haben wir es mit einem nicht geglätteten Übergang zweier Quellen zu tun? Eine andere Lösung sieht so aus: „Gottes Zulassung erlaubte das Mitgehen. Aber „Zulassung“ ist etwas anderes als „Sendung“. Wäre Bileam von Gott gesandt gewesen, wäre Gottes Zorn nicht entbrannt.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.314) Ich gestehe mir meine Ratlosigkeit ein, den Widerspruch aufzulösen. So ist das manchmal mit den biblischen Erzählungen.

 Und der Engel des HERRN trat in den Weg, um ihm zu widerstehen. Er aber ritt auf seiner Eselin, und zwei Knechte waren mit ihm. 23 Und die Eselin sah den Engel des HERRN auf dem Wege stehen mit einem bloßen Schwert in seiner Hand. Und die Eselin wich vom Weg ab und ging auf dem Felde; Bileam aber schlug sie, um sie wieder auf den Weg zu bringen. 24 Da trat der Engel des HERRN auf den Pfad zwischen den Weinbergen, wo auf beiden Seiten Mauern waren. 25 Und als die Eselin den Engel des HERRN sah, drängte sie sich an die Mauer und klemmte Bileam den Fuß ein an der Mauer, und er schlug sie noch mehr. 26 Da ging der Engel des HERRN weiter und trat an eine enge Stelle, wo kein Platz mehr war auszuweichen, weder zur Rechten noch zur Linken. 27 Und als die Eselin den Engel des HERRN sah, fiel sie auf die Knie unter Bileam. Da entbrannte der Zorn Bileams, und er schlug die Eselin mit dem Stecken.

      Was im Folgenden erzählt wird, ist die Konsequenz des Zornes. Oder anders gesagt: in der Rolle und dem Verhalten des Engels wird der Widerstand, gleich Zorn Gottes, gegen den Weg, den Bileam anfängt, sichtbar. Personalisiert. „Dieser ernste Hintergrund wird nun aber so erzählt, dass wir den offensichtlichen Humor nicht übersehen dürfen.“ (E. Kellenberger, Der lange Weg der Befreiung, Exodus bis Numeri,  Bibelauslegung für die Praxis 2; Stuttgart 1986, S. 154) Gott sendet einen Engel, nicht irgendeinen, den Engel des HERRN. mal’āk jahwe „Das hebräische Wort, das wir mit Engel übersetzen bedeutet „Bote“, den mit irgendeinem Auftrag entsandten Menschen oder Himmlischen… Wo von ihm die Rede ist, da tritt er immer sogleich in den Mittelpunkt des Geschehens.“(G. v. Rad, Theologie des Alten Testamentes, Bd. 1, München 1962, S. 299f.)

        So ist es auch hier. Der Engel steht Bileam auf seinem Weg im Weg. Er wird ihm zum „Widersacher“. Wörtlich: zum Satan. Aber: der Seher sieht diesen Engel mit seinem gezückten Schwert nicht. Er ist blind für die göttliche Wirklichkeit. Bileam nimmt nur seinen störrischen Esel wahr. Was er erfährt hält er für eine Laune seines Tieres. Das ist ja  geradezu sprichwörtlich die Eigenschaft der Esel: Sie tun, was sie wollen. Darum prügelt der Seher am Ende auf sein Tier ein, um es „zur Vernunft zu bringen.“ Was für eine Parallelität: am Anfang heißt es: der Zorn Gottes entbrannte – hier: der Zorn Bileams  entbrannte.

          Es ist merkwürdig, wie regelrecht versessen Bileam darauf aus ist, seinen Weg fortzusetzen. Da gibt es kein Zögern, kein Innehalten. Da ist nur Vorwärts. „Ein confuser Prophet“ (J.W. v. Goethe zit. nach G. Maier, aaO. S.317) Eher ein sturer, der die Haltesignale seines Tieres übergeht.

 28 Da tat der HERR der Eselin den Mund auf, und sie sprach zu Bileam: Was hab ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast? 29 Bileam sprach zur Eselin: Weil du Mutwillen mit mir treibst! Ach dass ich jetzt ein Schwert in der Hand hätte, ich wollte dich töten! 30 Die Eselin sprach zu Bileam: Bin ich nicht deine Eselin, auf der du geritten bist von jeher bis auf diesen Tag? War es je meine Art, es so mit dir zu treiben? Er sprach: Nein.

             Es kommt zu einem Dialog zwischen Seher und Esel. Man kann schon fragen: Wer ist hier der Seher und wer der Esel? Wie auch immer: Der Esel stellt Bileam zur Rede. Weil er sich zu Unrecht dreimal geschlagen sieht. Aber mit der Einsicht des Propheten ist es noch immer nicht weit her. Am liebsten würde er sein Tier töten. Weil es Mutwillen mit ihm treibt, ihn zum Narren hält – so kann man auch übersetzen( z.B. Einheitsübersetzung) Vielleicht muss man sagen Bileam fühlt sich in seiner Ehre gekränkt – seiner Reiterehre so gut wie seiner Seher-Ehre.

Was fange ich heute mit diesem Dialog an? Wohl wahr: „Gott, der dem Menschen den Mund geschaffen hat, hat auch die Macht, Tiere reden zu lassen.“(G. Maier, S. 317) Nur; was ist mit diesem Satz wirklich gewonnen? Ist das ein Inhalt meines Glaubens: Tiere können sprechen, wenigstens ab und zu. Wenn der HERR ihnen den Mund auftut. Es geht doch nicht darum, an eine sprechende Eselin zu glauben. An ein Sprechvermögen, das über das gewohnte I-A hinausgeht. Sie steht wahrhaftig nicht im Zentrum des Erzählinteresses dieser Bileam-Erzählung.

Die Bibel insgesamt hat auffallend wenig Interesse an solchen wundersamen Geschichten wie sprechenden Schlangen, Eseln, Vögeln. Sie erzählt auch nicht wirklich von Unterhaltungen zwischen Gott und seinen Tieren. Das Sprechen mit Tieren ist weitgehend – berühmte Ausnahme die Vogelpredigt des Franziskus aus Assisi. – unserer Zeit vorbehalten, in der einsame Damen und Herren mit ihren Hündchen liebevoll kommunizieren, in Ermangelung anderer Gesprächspartner.

Wer hier „realistisch“ denkt, der verkennt das Wesen der poetischen Sprache. Sie zeichnet Wirklichkeit in Bildern, die die Wirklichkeit sprengen. Um uns begriffsstutzigen Leuten zu sagen: Du bist von Grund auf blind für die Wirklichkeit Gottes. Auch wenn du tausendmal ein berufsmäßiger Seher bist.

Aber es ist wohl so: diese Geschichte von der sprechenden Eselin ist eine kräftige Kritik am Seherwesen insgesamt. Erst recht an einem Seherwesen, das so tut, als würde es über sein „Sehen“ verfügen. Es bringt doch die Hörer und Leserinnen damals zum Schmunzeln: der berühmte und gesuchte Seher ist blind und der dumme Esel sieht.  Diese Kritik an den Sehern, die festgemacht wird daran, dass ein Tier mehr weiß und sieht, berührt sich mit späterer, anderer Kritik, mit der Klage Gottes: „Ein Ochse kennt seinen Herrn und ein Esel die Krippe seines Herrn; aber Israel kennt’s nicht, und mein Volk versteht’s nicht.“(Jesaja 1,3)

31 Da öffnete der HERR dem Bileam die Augen, dass er den Engel des HERRN auf dem Wege stehen sah mit einem bloßen Schwert in seiner Hand, und er neigte sich und fiel nieder auf sein Angesicht. 32 Und der Engel des HERRN sprach zu ihm: Warum hast du deine Eselin nun dreimal geschlagen? Siehe, ich habe mich aufgemacht, um dir zu widerstehen; denn der Weg vor mir führt ins Verderben. 33 Und die Eselin hat mich gesehen und ist mir dreimal ausgewichen. Wäre sie mir nicht ausgewichen, wollte ich dich jetzt töten, die Eselin aber am Leben lassen.

Es ist nicht die sprechende Eselin, die Bileam die Augen öffnet! Das Mirakel bewirkt aus sich selbst nur Staunen, aber keine Einsicht. Es muss schon der HERR selbst sein, der ihn aus seiner Blindheit befreit. Das ist biblische Grundüberzeugung: die Wirklichkeit Gottes nimmt nur wahr, wer von Gott geöffnete Augen erhält.

Jetzt also sieht Bileam den Engel des HERRN mit einem bloßen Schwert. Jetzt kommt es zum Niederwerfen, zur Unterwerfung. Es ist ein Niederwerfen der Anbetung – deshalb überträgt die Septuaginta: προσεκνησεν. Jetzt auch ist es erst Zeit für den Engel, das Wort zu nehmen.

Er enthüllt Bileam das Geschehen. Die Gefahr, in der er sich befunden hat. Und die Gefahr, die vor ihm ist. „Denn dein Weg ist verkehrt in meinen Augen.“(Zürcher Bibel) So auch viele anderen Übersetzungen, auch die frühere Luther-Übersetzung. Luther 2017 verunklart an dieser Stelle! Es geht um den Weg, auf dem Bileam sich befindet. Der wird ihm zum Verhängnis werden, wenn er so weiter macht. Das ist eine scharfe Warnung.

Das ist der Kern der Erzählung: Gott leistet in der Gestalt des Engels Widerstand gegen einen allzu glatten Ablauf des Geschehens. In diesen Widerständen erfährt Bileam, das sein Weg problematisch ist, dass er in der Gefahr steht, mit dem Willen Gottes in Konflikt zu geraten. Der Widerstand der Eselin gegen den Weg, auf dem sie Bileam trägt, soll dem Sehen die Augen öffnen für die Gefahr, die in diesem Weg liegt. Geblendet vom Gold, von den Honorar-Versprechen Balaks könnte Bileam sagen, was dem Willen Gottes widerspricht. Fluchworte über Israel. Wie groß die Gefahr dieses Weges für Bileam ist, zeigt sich im bloßen Schwert in der Hand des Engels.

 34 Da sprach Bileam zu dem Engel des HERRN: Ich habe gesündigt; ich hab’s ja nicht gewusst, dass du mir entgegenstandest auf dem Wege. Und nun, wenn dir’s nicht gefällt, will ich wieder umkehren. 35 Der Engel des HERRN sprach zu ihm: Zieh hin mit den Männern, aber nichts anderes, als was ich zu dir sagen werde, sollst du reden. So zog Bileam mit den Fürsten Balaks.

       Die Warnung ist angekommen. Bileam ist einsichtig geworden. Ein wenig klingt es nach Entschuldigung: ich hab’s ja nicht gewusst, dass du mir entgegenstandest auf dem Wege, aber diese Entschuldigung ist gepaart mit der Bereitschaft, das ganze Unternehmen abzublasen. Unwissenheit ist nur dann eine Entschuldigung, wenn sie mit der Bereitschaft verbunden wird, sich neu zu orientieren.

Der Engel aber verfolgt einen anderen Plan. Noch einmal wird der Weg zu Balak freigegeben. Aber wieder verbunden mit der wiederholten und damit nachdrücklich eingeschärften Mahnung: nur das zu reden, was ich zu dir sagen werde. Unter der Hand, so hat den Anschein, ist der Engel des HERRN mit dem Herrn in eins gesetzt. Oder ist das Ich doch „nur“ der Engel?

 36 Als Balak hörte, dass Bileam kam, zog er aus, ihm entgegen nach Ar in Moab, das am Arnon liegt, an der äußersten Grenze, 37 und sprach zu ihm: Hab ich nicht zu dir gesandt und dich rufen lassen? Warum bist du denn nicht zu mir gekommen? Meinst du, ich könnte dich nicht ehren? 38 Bileam antwortete ihm: Siehe, ich bin zu dir gekommen, aber wie kann ich etwas anderes reden, als was mir Gott in den Mund gibt? Nur das kann ich reden!

             Balak hat schon ungeduldig gewortet. Jetzt endlich ist der Prophet, der sich so geziert hat, da. Bileam bekommt, obwohl durch das Entgegenkommen Balaks geehrt, auch Vorwürfe zu hören: Warum bist du denn nicht zu mir gekommen? Gemeint ist wohl: schneller. Und gemeint ist mit dem folgenden Satz: war mein Honorarangebot nicht hoch genug?  Balak, so erfährt man, glaubt fest an die Macht des Geldes, an käufliche Propheten und käufliche Prophetie.

Bileam aber warnt. Dämpft die Erwartungen. Wie kann ich etwas anderes reden, als was mir Gott in den Mund gibt? Balak darf sich nichts vormachen – Bileam ist zwar gekommen und jetzt da, aber nicht frei in seinem Reden, sondern gebunden. An das Wort und den Willen Gottes.

 39 So zog Bileam mit Balak, und sie kamen nach Kirjat-Huzot. 40 Und Balak opferte Rinder und Schafe und sandte davon an Bileam und an die Fürsten, die bei ihm waren. 41 Und am Morgen nahm Balak den Bileam und führte ihn hinauf nach Bamot-Baal, dass er von dort das ganze Volk überblicken konnte.

Jetzt manchen sich beide gemeinsam auf den Weg. Es gibt erst einmal ordentlich zu essen – für Bileam und das ganze Gefolge Balaks. Die Formulierung deutet nicht auf ein Götteropfer hin Aber es könnte schon so sein – mit diesem Opfer und dem gemeinsamen Essen wird Bileam gewissermaßen eingemeindet in die Gemeinschaft der Moabiter. Auch religiös.  Am nächsten Tag dann geht es weiter, nach Bamot-Baal, auf die Höhen des Baal.

Ob bāmōt baal ein wirklicher Ortsname ist oder nur die aktuelle Funktion bezeichnet, ist nicht zu klären. Wichtig ist nur: Von dort hat man einen guten Überblick, auch über das ganze Volk. Blickkontakt.

 

Wie oft, mein Gott,bin ich blind und taub. Ich sehe nicht was ist. Ich höre nicht, wer nach mir schreit. Ich habe mein Herz verschlossen für die Schreie aus der Not, für das Unglück vor meinen Augen, für Dich, der mir in den Leidenden entgegen kommt, für den Schmerz Deiner Kreatur.

Mein Gott. Öffne Du mir die Augen. Öffne Du mir die Ohren. Öffne Du mir das Herz. Amen

 

2 Gedanken zu „Ein verblendeter Seher – ein sehender Esel“

  1. Dass Gottes Zorn gegen Bileam entbrennt, obgleich Gott ihm “erlaubt” hat mit den Moabitern zu ziehen, ist für mich sehr verständlich. Hatte ihm Gott doch in V 12 eindeutig verboten, mit den Gesandten zu ziehen. Die Erlaubnis, die Gott ihm in V 20 erteilt, ist sehr eingeschränkt: Nur das, was ich dir sagen werde, sollst du tun.
    Geht es uns nicht auch oft so, dass wir von Gott eine klare Antwort auf unser Gebet bekommen haben, dann aber immer wieder nachhaken, uns nicht zufrieden geben mit der erhaltenen Antwort. So gibt Gott dem Bileam zwar die “Erlaubnis”, mit den Gesandten zu ziehen, doch Bileam ist von Gott nicht gesandt. Der “Zorn Gottes” bleibt trotz der “Erlaubnis” bestehen.

    1. Ich bin nicht ganz überzeugt. Wenn Gott den Weg frei gegeben hat, auch widerstrebend frei gegeben hat, gibt es, menschlich betrachtet, keine Erklärung für den Zorn. Das ist ja nicht: ich rege mich ein bisschen auf. Der Zorn Gottes ist gefährlich.
      Für mich macht der Satz nur Sinn als Erklärung der nachfolgenden “Esel-Engels-Geschichte”. Sie wird damit als eine Folge des Zornes Gottes gekennzeichnet. Sie ist kein harmloser Spass.

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