Keine Gefälligkeitsgutachten

  1. Mose 22, 1 – 20

 1 Danach zogen die Israeliten weiter und lagerten sich in den Steppen Moabs gegenüber Jericho.

             Obwohl das Land zwischen Arnon und Jabbok eingenommen ist, ist Israel noch nicht am Ziel. Die Wanderung geht weiter. Die Steppe Moabs  wird so etwas wie das vorübergehende Hauptquartier der Israeliten, „Für `Steppe´ steht im Hebräischen Arabah, eine Bezeichnung, die heute für die Senke zwischen dem Toten und dem Roten Meer reserviert ist.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.305)   Aber gegenüber von Jericho weist doch deutlich auf die Gegenden nördlich des Toten Meeres. Das Gelobte, verheißene Land in Sichtweite.

Dorthin führen die nachfolgenden Verse, humorvoll und doch biblisch getränkt:

„Gott hat sein Volk vor langer Zeit                                                     aus Pharaos Gewalt befreit.                                                                    Und er versprach, als alle gingen                                                         sie in ein schönes Land zu bringen.                                                     So warn die Großen und die Kleinen                                                 nun viele Jahre auf den Beinen.                                                          Der alte Mose zog voran                                                                        und sprach vom Lande Kanaan.                                                            Die Männer stapften, Schritt für Schritt,                                           die Frauen liefen tapfer mit,                                                                    und, auf den Stock gestützt die Alten                                               bemühten sich, den Schritt zu halten.                                              Am Zug entlang die Kinder rannten                                                   und winkten ihren Patentanten.                                                              Jedoch, so ging´s nun tagelang                                                           von früh bis Sonnenuntergang,                                                         durch Sand und Wüste viele Wochen.                                                Fern war das Land, das Gott versprochen.                                            Sie hatten Durst. Die Mägen knurrten.                                              Die Leute klagten oder murrten….                                                      Da könnt ihr euch die Freude denken                                                  das Lachen und das Armeschwenken,                                                  als eines Tags nach langen Jahren                                                      sie endlich aus der Wüste waren.                                                          Das Land, sie da da vor sich sahn,                                                            das war zwar noch nicht Kanaan.                                                          Doch zeigen fröhlich drauf die Mütter:                                         „Dies ist das Land der Moabiter.                                                    Jetzt, Kinder, wieder Mut  gefasst!                                                      Hier halten wir nur kurze Rast.                                                         Von hier aus ist es nicht mehr weit.                                                        Bald sind wir. Es wird auch Zeit!.“                                                                                           K.P. Hertzsch, Der ganze Fisch war voll Gesang, Stuttgart 1978, S.6ff.

 2 Und Balak, der Sohn Zippors, sah alles, was Israel den Amoritern angetan hatte. 3 Und die Moabiter fürchteten sich sehr vor dem Volk, weil es groß war, und den Moabitern graute vor den Israeliten. 4 Und sie sprachen zu den Ältesten der Midianiter: Nun wird dieser Haufe auffressen, was um uns herum ist, wie ein Rind das Gras auf dem Felde abfrisst. Balak aber, der Sohn Zippors, war zu der Zeit König der Moabiter.

             Was geschehen ist, spricht sich herum. Auch zu Balak, einem Moabiter-König. Wie groß die Macht dieses Balak einzuschätzen ist, der womöglich nur „irgendein Kleinkönig der Frühzeit in der  Nachbarschaft der südostjordanischen Isareliten ist“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 152), muss offen bleiben. Was ihn erreicht, sind Schreckensmeldungen. Durch die Meldungen wird das Volk Israel in ihren Augen zu einer furchteinflößenden Militärmaschine, zum Machtfaktor, der Grauen hervorruft. Moabiter und Midianiter fürchten sich. Widerstand erscheint schier aussichtslos, jedenfalls mit militärischen Mitteln.

 5 Und er sandte Boten aus zu Bileam, dem Sohn Beors, nach Petor, das am Euphrat liegt, ins Land der Kinder seines Volks, um ihn herbeizurufen, und ließ ihm sagen: Siehe, es ist ein Volk aus Ägypten gezogen, das bedeckt das ganze Land und lagert mir gegenüber. 6 So komm nun und verfluche mir das Volk, denn es ist mir zu mächtig; vielleicht kann ich’s dann schlagen und aus  dem Lande vertreiben; denn ich weiß: Wen du segnest, der ist gesegnet, und wen du verfluchst, der ist verflucht.

             So sendet Balak nach anderer Hilfe. Es ist ein weiter Weg, den seine Boten auf sich nehmen müssen,  bis nach  Petor, das am Euphrat liegt. Wie nebenbei wird durch die Wendung ins Land der Kinder seines Volks hier die These sichtbar: Die Moabiter  stammen ursprünglich aus dieser Gegend. Er sendet zu Bileam, einem Seher, dem Fluch- und Segens-Macht zugeschrieben wird. Der Wohnort  Petor am Euphrat deutet es schon an: Bileam ist ein Ortsfremder. Jedenfalls kein Israelit, auch kein Moabiter, kein Midianiter, auch kein Edomiter. Sein Volkszugehörigkeit bleibt im Dunkel – nur, aus der Sicht Israels ist er ein heidnischer Seher, wenn auch weithin bekannt und berühmt.  „Bileam war ein Mann, dessen (segnendes bzw. verfluchendes) Wort als mit unfehlbar wirkender „Macht“ ausgestattet galt.“ (M. Noth, aaO., S. 153) Das ist es, was Balak braucht: ein Machtwort, das Israel stoppen kann. Ein Fluchwort, das ihm seine Macht nimmt.

  7 Und die Ältesten der Moabiter gingen hin mit den Ältesten der Midianiter und hatten Lose zum Wahrsagen in ihren Händen und kamen zu Bileam und sagten ihm die Worte Balaks. 8 Und er sprach zu ihnen: Bleibt hier über Nacht, so will ich euch antworten, wie mir’s der HERR sagen wird. Da blieben die Fürsten der Moabiter bei Bileam.

             Es ist eine würdevolle Gesandtschaft, die da zu Bileam kommt – Älteste der Moabiter und der Midianiter.  Sie haben alles dabei, was man zum Wahrsagen braucht. Lose heißt die Währung, die sie mitbringen – in der Luther-Übersetzung von 1986 noch deutlicher „Lohn“. Vor allem haben sie eine klare Zielvorgabe, weil sie wissen, was sie wollen. Ein kräftiges Fluchwort über Israel. Fluch und Segen sind nicht nur einfach Worte. Sie sind Machtworte, die wirken, was sie sagen. Sie haben ihren Ursprung im Wort, das Gott spricht.

Bileam ist ein höflicher Mensch, darum lädt er die Fürsten der Moabiter zum Übernachten ein. Zugleich gewinnt er so Zeit. „Die Aufforderung „übernachtet“ setzt voraus, dass er in der Nacht Klarheit bekommen will.“(G. Maier, aaO. S. 310) Er hat ja das Wort nicht einfach so bei der Hand, auch nicht das gewünschte Wort. Seine Sache ist es nicht, einfach die Wünsche der ihn Anfragenden zu spiegeln. Er kann nur sagen, wie mir’s der HERR sagen wird. Seltsam – der heidnische Seher sagt: der HERR. Wie er dazu kommt, muss offen bleiben.

Der Seher aus dem Zweistromland-Gebiet nennt den Gottesnamen Jahwe. Damit wird die Klippe dieser Erzählung markiert, ist es doch genau Jahwe, der das Volk erwählt hat, das Bileam nach Balaks Wunsch verfluchen soll. Würde der HERR ihm diesen Fluch erlauben, so wäre das ein Widerruf seiner Geschichte mit dem Volk Israel, seiner Erwählung.

 9 Und Gott kam zu Bileam und sprach: Wer sind die Leute, die bei dir sind? 10 Bileam sprach zu Gott: Balak, der Sohn Zippors, der König der Moabiter, hat zu mir gesandt: 11 Siehe, ein Volk ist aus Ägypten gezogen und bedeckt das ganze Land. So komm nun und verfluche es; vielleicht kann ich dann mit ihm kämpfen und es vertreiben. 12 Gott aber sprach zu Bileam: Geh nicht mit ihnen, verfluche das Volk auch nicht; denn es ist gesegnet.

             Des Nachts kommt Gott – diesmal steht hier nicht der HERR, sondern ’ælohīm  – wir könnten auch Gottheit übersetzen. Aber Gott verkehrt mit Bileam in einer vergleichbaren Weise wie mit Mode, dem Führer Israels. Er will Auskunft und gibt Weisung. Als ob Gott darauf angewiesen wäre, von Bileam zu erfahren, was das für Leute sind, worum es geht. Aber Bileam informiert, sorgfältig, unter Aufnahme der Worte der Gesandten.

Die Antwort Gottes ist eindeutig: Ihr Anfragen ist kein Auftrag für Bileam. Nicht einmal mitgehen, nicht verfluchen. Aus dem einen einzigen Grund: es ist gesegnet. Ein für alle Mal. Der jüdische Leser wird wohl wie von selbst mithören: „Ich will dich zum großen Volk machen und will dich segnen und dir einen großen Namen machen, und du sollst ein Segen sein. Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,2-3) Niemand darf diesem Segen zuwider handeln. Es ist gesegnet – das gilt auch für die Wüsten-Generation, die nicht ins Land kommen wird.

 13 Da stand Bileam am Morgen auf und sprach zu den Fürsten Balaks: Geht hin in euer Land; denn der HERR will’s nicht gestatten, dass ich mit euch ziehe. 14 Und die Fürsten der Moabiter machten sich auf, kamen zu Balak und sprachen: Bileam weigert sich, mit uns zu ziehen.

             Die Boten müssen unverrichteter Dinge abziehen. Bileam ist außerstande, mitzugehen und ihren Wunsch zu erfüllen. Der HERR will’s nicht gestatten. Diesmal wieder Jahwe. Bei Balak aber kommt nur die Botschaft an: Bileam ziert sich.

 15 Da sandte Balak noch mehr und noch mächtigere Fürsten, als jene waren. 16 Als die zu Bileam kamen, sprachen sie zu ihm: So lässt dir sagen Balak, der Sohn Zippors: Wehre dich doch nicht dagegen, zu mir zu ziehen; 17 denn ich will dich hoch ehren, und was du mir sagst, das will ich tun; komm doch und verfluche mir dies Volk.

             Darum lässt Balak nicht locker. Die Gesandtschaft wird hochkarätiger besetzt, die Versprechen werden erhöht.  Er verspricht Ehrungen. „Das „ehren“ meint wahrscheinlich die Entlohnung. Sie wird in glänzenden Farben beschrieben.“ (G.Maier, aaO. S.313) Man fühlt sich an die Boni heutiger Manager erinnert. Balak huldigt der Klugheit des Mazedonierkönigs Philipp, des Vaters Alexanders des Großen: „Keine Mauer ist so steil, dass sie ein mit Goldsäcken bepackter Esel nicht überwinden könnte.“ Man muss nur das Angebot erhöhen.

 18 Bileam antwortete und sprach zu den Knechten Balaks: Wenn mir Balak sein Haus voll Silber und Gold gäbe, so könnte ich doch nicht übertreten das Wort des HERRN, meines Gottes, weder im Kleinen noch im Großen. 19 So bleibt auch ihr nun hier diese Nacht, dass ich erfahre, was der HERR weiter mit mir reden wird.

             Bileam hat offensichtlich verstanden und wehrt ab. Es ist keine Frage nach der Größe des Honorars, das heißt ja „Ehre“!. Ich bin nicht bestechlich, nicht korrumpierbar, ist seine Auskunft. Sondern es geht allein um das Wort des HERRN. Wenn er den Weg nicht freigibt, ist das kein Weg.

Immerhin: auch diese Gesandtschaft soll übernachten  und Bileam will Zeit gewinnen, um zu erfahren, was der HERR weiter mit mir reden wird. Als ob ernsthaft eine andere Botschaft zu erwarten wäre. Es meldet sich deutliche Kritik bei dem jüdischen Autoren Josephus: „Die Madianiter schickten bald aufs Neue eine Gesandtschaft zu Balam, der, um ihrer Bitte willfahren zu können, Gott nochmals um Rat anging. Über diese abermalige Versuchung erzürnt, befahl Gott ihm, den Gesandten ihre Bitte nicht abzuschlagen.“(Josephus, Jüdische Altertümer, IV, Fourier Wiesbaden, o. J, S. 212) Josephus sieht in der Wiederholung schon eine Verirrung Bileams.

 20 Da kam Gott in der Nacht zu Bileam und sprach zu ihm: Sind die Männer gekommen, dich zu rufen, so mach dich auf und zieh mit ihnen; doch nur was ich dir sagen werde, sollst du tun.

Überraschung: es gibt eine andere Botschaft. Der Weg ist frei, wenn auch nicht bedingungslos. Aber Bileam darf, nein, soll mitgehen. Nur das bleibt: er wird streng gebunden an das, was Gott sagen wird. An das Wort.  wie er sich auf diesem Weg verhalten wird, das wird ihm selbst zum Heil oder Unheil werden.

 

Mein Gott, sind wir dazu da, geben wir uns dafür her, Wege zu ebnen, auf denen Siege errungen werden können? Lassen wir uns dafür gewinnen zu segnen, wo nicht zu segnen ist, Rückenwind und ein gutes Gewissen zu geben, wo es um Macht und Sieg geht?

Mein Gott, bewahre Du mich und bewahre Du unsere Kirchen davor, Wege aus Gefälligkeit gut zu heißen, die nicht Deinem Willen entsprechen. Amen