Sihon und Og

  1. Mose 21, 21 – 35

 21 Und Israel sandte Boten zu Sihon, dem König der Amoriter, und ließ ihm sagen: 22 Lass mich durch dein Land ziehen. Wir wollen nicht abbiegen in die Äcker noch in die Weingärten, wollen auch vom Brunnenwasser nicht trinken; die Königsstraße wollen wir ziehen, bis wir durch dein Gebiet hindurchgekommen sind.

         Der Weg ist weiter gegangen. Er hat Israel „von Bamot in das Tal, das im Feld von Moab liegt bei dem Gipfel des Pisga, der hinunterblickt auf das Jordantal“(21,20) geführt. Dort also, das Land vor Augen, muss man sich die Situation vorstellen.

Weil das Ziel zum Greifen nah erscheint, sucht man einen friedlichen Weg, um es zu erreichen. Das Volk ist keine Kämpfertruppe und die Berufung des Mose ist nicht die zu einem Kriegsherren.  So bitten sie Sihon, den König der Amoriter um Durchzugserlaubnis. Transit-Genehmigung. Unter dem Versprechen, keine Seitenwege zu benützen. Auffällig: Nicht Mose sendet die Boten, sondern Israel. Es ist durchaus sinnvoll, mit dem Amoriter in Verhandlungen zu gehen, die einen friedlichen Durchzug erlauben. „Sihon, der König der Amoriter war kein schwacher König. Er hatte die Moabiter besiegt und ihnen das Gebiet nördlich des Arnon abgenommen.“ (G.Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 297)  

23 Aber Sihon gestattete den Israeliten nicht den Zug durch sein Gebiet, sondern sammelte sein ganzes Kriegsvolk und zog aus, Israel entgegen in die Wüste. Und als er nach Jahaz kam, kämpfte er gegen Israel. 24 Israel aber schlug ihn mit der Schärfe des Schwerts und nahm sein Land ein vom Arnon bis an den Jabbok und bis zu den Ammonitern; das Gebiet der Ammoniter aber reichte bis Jaser. 25 So nahm Israel alle diese Städte ein und wohnte in allen Städten der Amoriter, in Heschbon und in allen seinen Ortschaften.

Im Bewusstsein seiner Stärke schlägt Sihon die Bitte der Israeliten ab. Ähnlich wie zuvor auch schon die Edomiter. Die hatten Israel abblitzen lassen mit ihrer Botschaft: „Edom aber sprach zu ihnen: Du sollst nicht hindurchziehen oder ich werde dir mit dem Schwert entgegenziehen.“(20,18) Darauf hatte Mose das Volk um das Gebiet der Edomiter geführt. Hofft Sihon auf einen ähnlichen Effekt?

Merkwürdig: diesmal weicht Israel nicht aus. Kann es auch gar nicht, weil Sihon offensiv gegen das Volk auszieht. Es kommt zum Kampf in der Wüste und Israel siegt mit der Schärfe des Schwerts. Es fällt auf: Kein Wort von einem Beistand Gottes, von  einem Ratschlag vor dem Kampf. Es wird dem 5. Mose-Buch vorbehalten bleiben, doch einen Auftrag  und ein Versprechen Gottes mit diesem Kampf zu verbinden. „Macht euch auf und zieht aus und geht über den Arnon! Siehe, ich habe Sihon, den König der Amoriter zu Heschbon, in deine Hand gegeben mit seinem Lande. Fang an, es einzunehmen, und kämpfe mit ihm.“(5. Mose 2, 24) Da wird das Gotteswort überliefert, das hier fehlt.

Mit diesem Sieg erobert Israel zum ersten Mal Land. Das Land vom Arnon bis zum Jabbok. Es ist das Gebiet, in dem später die Stämme Ruben und Gad sich ansiedeln werden. (4. Mose 32, 1- 5) Mir stellt sich die Frage: fehlt hier das Gotteswort, weil diese „Landnahme“ noch nichts mit der Verheißung des Gelobten Landes zu tun hat.

 26 Denn Heschbon war die Stadt Sihons, des Königs der Amoriter. Er hatte mit dem früheren König der Moabiter gekämpft und ihm all sein Land bis zum Arnon weggenommen.

         Es wirkt wie eine nachträgliche Erläuterung, die die überraschende Tatsache des Sieges besonders hervorhebt. Früher war Sihon Sieger und er hatte dieses Land samt seiner Stadt Heschbon, die jetzt an die Israeliten gefallen ist, selbst erobert.

Das ist, kurz gesagt, der Lauf der Weltgeschichte. Sieger werden zu Verlierern, unterschätze Völker gewinnen an Einfluss und die Eroberer von einst sind die Vertriebenen von jetzt. In der Sicht der biblischen Autoren ist dieses Kommen und Gehen von Weltmächten und Regionalfürsten regelrecht unausweichliches Geschick. Reiche, auch Weltreiche kommen und gehen. So zeigt es die Daniel-Vision als den Weg Gottes mit den Völkern. Nur eine Ausnahme gibt es: „Aber das Reich und die Macht und die Gewalt über die Königreiche unter dem ganzen Himmel wird dem Volk der Heiligen des Höchsten gegeben werden, dessen Reich ewig ist, und alle Mächte werden ihm dienen und gehorchen.“(Daniel 7,27) So weit aber ist es hier, am Rande der Wüste und in Sichtweite zum Jordan noch nicht.

27 Daher sagen die Spruchdichter: Kommt nach Heschbon, dass man die Stadt Sihons baue und aufrichte. 28 Ja, Feuer ist aus Heschbon gefahren, eine Flamme von der Stadt Sihons; die hat gefressen Ar in Moab und verzehrt die Höhen am Arnon. 29 Weh dir, Moab! Du Volk des Kemosch bist verloren! Man hat seine Söhne in die Flucht geschlagen und seine Töchter gefangen geführt zu Sihon, dem König der Amoriter. 30 Seine Herrlichkeit ist zunichtegeworden von Heschbon bis nach Dibon, sie ist zerstört bis nach Nofach, bis nach Medeba.  31 So wohnte Israel im Lande der Amoriter.

Es ist ein Einschub, das Zitat unbekannter Liedermacher. Sie haben die Macht Sihons besungen und besingen jetzt seinen Untergang. Sie haben seine Stärke bestaunt und besingen jetzt das Erlöschen seiner Herrlichkeit. In meinen Ohren klingt dieser Spruch der dichter von damals wie eine Vorwegnahme eines Liedes aus unserer Zeit:

„Seht, man musste sie begraben,  die der Welt Gebote gaben,
und ihr Wort hat nicht Bestand.
Ihre Häuser wurden Trümmer,  ihre Münzen gelten nimmer,
die man in der Erde fand.
Ihre Namen sind verklungen, ihre Lieder ungesungen,
ihre Reiche menschenleer.
Ihre Spiegel sind zerbrochen, ihre Sprachen ungesprochen,                                 
ihr Gesetz gilt längst nicht mehr.“            R. Wagner  1970, Abakus Music

         Es ist der erste Schritt zur Landnahme.

32 Und Mose sandte Kundschafter aus nach Jaser; und sie eroberten es mit seinen Ortschaften und vertrieben die Amoriter, die darin waren, 33 und wandten sich und zogen hinauf den Weg nach Baschan. Da zog ihnen entgegen Og, der König von Baschan, mit seinem ganzen Kriegsvolk, um bei Edreï zu kämpfen.

         Jetzt erst wird Mose wieder genannt als der, der Kundschaft nach Jaser aussendet. Es m uss eine kampferprobte Gruppe sein, denn sie erobern den Ort und seine Ortschaften. Sie setzen die Vertreibung der Amoriter fort. Doch damit nicht genug. Der Weg soll weitergehen in Richtung Baschan. „Gemeint ist wohl das Gebiet der fruchtbaren Ebenen beiderseits und besonders nördlich des oberen Jarmuk.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.145) Es ist fruchtbares Land. „Seine Eichenwälder, seine fetten Viehweiden, und sein Viehreichtum wurden gerühmt.“ (G. Maier, aaO.S.302) Kurzum, Land, das sich zu verteidigen lohnt. Darum stellt sich Og, der König von Baschan auch mit seinem ganzen Kriegsvolk zum Kampf.

In Klammern gesagt: Man darf sich die Könige dieser Städte nicht zu groß vorstellen. Sie sind nicht König von Frankreich oder England, sie sind eher kleine Regionalkönige.  Zaunkönige.

34 Und der HERR sprach zu Mose: Fürchte dich nicht vor ihm, denn ich habe ihn in deine Hand gegeben mit Land und Leuten, und du sollst mit ihm tun, wie du mit Sihon, dem König der Amoriter, getan hast, der in Heschbon wohnte. 35 Und sie schlugen ihn und seine Söhne und sein ganzes Kriegsvolk, bis keiner mehr übrig blieb, und nahmen das Land ein.

Und doch: sie sind mit ihren Kampftruppen durchaus furchteinflößend. Darum ergeht das Wort Gottes an Mose: Fürchte dich nicht vor ihm. Es ist kein Grund zur Furcht, weil die Entscheidung schon gefallen ist, bei Gott. Sie hängt nicht an der Tapferkeit der Israeliten, auch nicht an der Feigheit der Leute des Og. Er hat ihn in Mose´s  Hand gegeben.

So kommt es dann auch: Die Israeliten schlagen das Heer des Og, seine Söhne kommen mit ihm um. Das Land wird von Israel eingenommen. So hat Israel also das Land Baschan erobert, halb Gilead bis an den Hermon heran.

Diese Siege über Sihon und Og sind tief im Gedächtnis Israels verwurzelt.

 Alles, was der HERR will, das tut er im Himmel und auf Erden,                           im Meer und in allen Tiefen;                                                                                              der viele Völker schlug und tötete mächtige Könige,                                              Sihon, den König der Amoriter,                                                                                          und Og, den König von Baschan,                                                                                   und alle Königreiche in Kanaan,                                                                                      und gab ihr Land zum Erbe, zum Erbe seinem Volk Israel.                                                                             Psalm 135, 6. 10 – 12

 Und in der Psalmenzählung ein Psalm später:

Der große Könige schlug, denn seine Güte währet ewiglich;                               und brachte mächtige Könige um, denn seine Güte währet ewiglich;             Sihon, den König der Amoriter, denn seine Güte währet ewiglich;                        und Og, den König von Baschan, denn seine Güte währet ewiglich;                   und gab ihr Land zum Erbe, denn seine Güte währet ewiglich;                            zum Erbe seinem Knecht Israel, denn seine Güte währet ewiglich                                                                          Psalm 136, 17 – 22

Unsereinem will das nicht über die Lippen in so einem kriegerischen Zusammenhang: denn seine Güte währet ewiglich. Israel aber bekennt in diesen Psalmen, dass es nicht seine Stärke ist, dass es das Land der Verheißung erlangt hat. Es ist Gottes Güte. Die unterlegenen Feinde Israels dürfen das naturgemäß anders sehen und müssen auch nicht in dieses Lob einstimmen.

 

Heiliger Gott, Du Herr der Heerscharen, wir haben die Siegeslieder verlernt. Wir wollen nicht mehr Schlachten schlagen und rufen: Gott ist mit uns. Wir hoffen auf Frieden, auf Lösungen ohne Waffen, ohne Gewalt und durch Machtverzicht.

Sind wir Träumer? Mein Gott, Du hast Dich auf die Seite Israels gestellt, damit wir es lernen, dass Du Dich der Schwachen annimmst, der Kleinen, der Ohnmächtigen. Aber nicht, damit wir an Dich als einen Kriegsgott glauben.

Gib Du unserem Glauben Festigkeit, dass es keinen Weg zum Frieden gibt als den, Frieden zu suchen und zu riskieren. Amen