Rettungs-Zeichen

  1. Mose 21, 4 – 9

4 Da brachen sie auf von dem Berge Hor in Richtung auf das Schilfmeer, um das Land der Edomiter zu umgehen.

             Erneuter Aufbruch, ein Aufbruch, der wie ein Rückweg aussehen muss –  in Richtung auf das Schilfmeer. Das ist ein erzwungener Umweg, um das Edomiterland zu umgehen. Erzwungen durch die Weigerung der Edomiter, freien Durchgang zu gewähren. Es ist aber auch der Weg, den der HERR geboten hatte, nach den Tumulten, die die negativen Botschaften der Kundschafter ausgelöst hatten: Morgen wendet euch und zieht in die Wüste auf dem Wege zum Schilfmeer!“(14,25). „Das ist zu viel. Sollen wir wieder dorthin gelangen, wo wir begonnen haben? Sollen alle Entbehrungen umsonst gewesen sein? Israel gerät in eine seelische Depression hinein, aus der es nur durch ein Schockerlebnis gerettet wird.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 2, Stuttgart 1987, S. 60) von der Rettung — später.

Und das Volk wurde verdrossen auf dem Wege 5 und redete wider Gott und wider Mose: Warum habt ihr uns aus Ägypten geführt, dass wir sterben in der Wüste? Denn es ist kein Brot noch Wasser hier, und uns ekelt vor dieser mageren Speise.

              Erst kommt die Schilderung der Depression. Umwege haben es in sich. Vermeintlich Rückwege auch und erst recht. Sie machen verdrossen, aufmüpfig, maulig. Erst recht dieses Volk, das schon Übung in Widerspenstigkeit und Murren hat. Wie so oft – es sind die Lebensumstände, die zur Beschwerde führen – gegen Gott und gegen Mose: kein Brot, kein  Wasser nur ekelhaft magere Speise. Gemeint ist mit der mageren Speise, léchem q’loqél,  wohl das Manna, das Brot vom Himmel. „Dass Ägypten gut, die Wüste demgegenüber schlecht ist, wird ohne Wimperzucken vom sich bedrängt fühlenden Volk behauptet…. Damals war der Magen voll – das alleine zählt. Heute ist er leer oder jedenfalls nur kümmerlich genährt.“ (R. Gradwohl, aaO.  S. 64) Das alles führt dazu, dass „die Seele zu kurz wurde.“ (G.Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.287) – so die wörtliche Übersetzung. Aber es gilt schon: „Auch wenn man Undankbarkeit zu begründen vermag, ist sie noch lange nicht zu rechtfertigen.“(R. Gradwohl, aaO. S. 65)

 6 Da sandte der HERR feurige Schlangen unter das Volk; die bissen das Volk, dass viele aus Israel starben.

Kein Wort von Gott zu diesem Gemaule. Kein Wort auch an Mose. Nur eine stumme Aktion – wie eine der Plagen in Ägypten: Der HERR sandte feurige Schlangen unter das Volk.

               Feurige Schlangen oder Serafim-Schlangen oder Saraph-Schlangen. Es mag ein Hinweis sein, dass es eben nicht nur um eine einfache Schlangenplage geht. Sondern hier geht die Erzählung „von äußerlich sichtbaren Giftschlangen aus, versteht diese aber nur als Erscheinungsform von Engelmächten.“ (G.Maier, aaO. S.289)

Eine originelle, wenn auch nicht mit dem Text  bruchlos in Übereinstimmung zu bringende Sicht liefert Jan Dobraczyński. Er erzählt vom Angriff der Israeliten auf eine Stadt Phunon und die Plünderung des Heiligtums der Allat. „Weißt du, wen die Einwohner von Phunon anbeten? Die Göttin Allat, eine Schlange mit Weiberbrüsten und einem Frauenleib“ .“(J. Dobraczyński, Die Wüste, Heidelberg, o. J., S. 243) Die Stadt wird erobert, die Sieger morden und machen Beute. Sie plündern das Heiligtum und vergewaltigen die aus der Stadt geraubten Mädchen. Wenn man so will: Kriegsalltag aus den Zeiten vor der Haager Kriegsordnung    

 Es ist eine einleuchtende Erklärung für das Kommen der Schlangen: „Die Göttin Allat habe diese Schlangen geschickt: sie sei die Göttin der Stadt. Erinnerst du dich an ihr Standbild? Du hast es selbst mit einem Schwertstreich vom Altar gefegt.“(J. Dobraczyński, aaO. S.260) Der Versuch einer Entlastung Gottes wird von Mose zurückgewiesen. „Ihr hat Phunon zerstört. Hättet ihr es nicht verbrannt, die Schlangen wären nicht über euch gekommen. .“(J. Dobraczyński, aaO.  S. 267) Keine Allat – es ist der HERR, der die Schlangen sendet und so auf die Sünde des Volkes antwortet.

7 Da kamen sie zu Mose und sprachen: Wir haben gesündigt, dass wir wider den HERRN und wider dich geredet haben. Bitte den HERRN, dass er die Schlangen von uns nehme.

             Chatánu – wir haben gesündigt. Im Schuldbekenntnis des Volkes wird seine Sünde auf den Punkt gebracht. Es ist kein Feldzug gegen eine Stadt, sondern es ist der Widerspruch gegen den HERRN – und gegen Mose. Das verweigerte Vertrauen. Was in unseren Augen vielleicht nur verständliche und entschuldbare Unzufriedenheit mit den Lebensumständen in der Wüste ist, ist doch viel mehr: Es ist Undankbarkeit gegen Gott, Widerspruch gegen sein Versorgen, Missachten seiner guten Gaben. Es ist das Wesen der Undankbarkeit, dass sie blind macht für die Wohltaten, dass sie den Zugang zu den Lebens- und Kraftquellen und den eigenen  Ressourcen versperrt. Das macht sie zur Sünde, zur Absonderung.

Mit dem Schuldeingeständnis verbindet sich die Bitte um das Entfernen, das Wegnehmen der Schlange. Ganz so hat der Pharao bei den Plagen gebeten: „Bittet den HERRN für mich, dass er die Frösche von mir und von meinem Volk nehme.“(2. Mose 8,4) – und in der Heuschreckenplage: “bittet den HERRN, euren Gott, dass er doch diesen Tod von mir wegnehme.“ (2. Mose 10.17) Es ist Gott, der der Plage, dem Sterben durch die Schlangen ein Ende machen muss.

Und Mose bat für das Volk. 8 Da sprach der HERR zu Mose: Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch auf. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.

Die Fürbitte des Mose findet ihre Antwort in einer Anweisung Gottes. Er soll eine eherne Schlange machen und sie aufrichten. Hoch. So das sie für alle sichtbar ist, die hinschauen. Nicht irgendeine Stange, sondern „ein Zeichen, eine Signalstange, ein Panier.(G. Maier, aaO. S.289) Mit diesem Zeichen verbindet Gott sein Versprechen. Völlig zu Recht heißt es: „Die jüdischen Exegeten sind überzeugt, dass nicht die Kupferschlange zu heilen vermag, sondern die erneute Hinwendung des Verletzten zu Gott. Die Schlange auf der Stange, die schon von weitem zu sehen ist, ist nichts weiter als ein Mittel zum Zweck: zur Umkehr.“ (R. Gradwohl, aaO., S. 69)

9 Da machte Mose eine eherne Schlange und richtete sie hoch auf. Und wenn jemanden eine Schlange biss, so sah er die eherne Schlange an und blieb leben.

             Mose gehorcht und das Wort Gottes wird erfüllt. „Die Befreiung von der tödlichen Wirkung des Schlangenbisses wird an eine von Jahwe nach freiem Ermessen gesetzte Gehorsamsprobe gebunden, die zugleich die souveräne Macht Jahwes auch über die gefährlichen und unheimlichen Wesen der Wüste erweist.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.138)

 Die Spannung zum Bilderverbot aus den Zehn Geboten ist mit Händen zu greifen.  „Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen, weder von dem, was oben im Himmel, noch von dem, was unten auf Erden, noch von dem, was im Wasser unter der Erde ist: Bete sie nicht an und diene ihnen nicht!“(2. Mose 20,4-5) Wie verträgt sich damit, dass hier ein Bild aufgerichtet wird, gar ein Götterbild, das in späteren Zeiten auch noch Aufnahme in den Tempel finden wird – und diesem Bild mit dem Namen n’chuschtán wird auch noch geopfert!

Erste Antwort: Von Anbeten kann keine Rede sein. Ansehen ist nicht Anbeten. 2. Antwort: „Es ist ein Wunder innerhalb des Wunders – es heilt den Schaden durch den Schadensbereiter und die Krankheit durch den Krankheitserzeuger.“(R. Gradwohl, aaO. S.68) 3. Antwort: Nicht das Bild heilt, sondern der Gehorsam. Es geht um das Vertrauen auf das Wort, nicht um das Zutrauen zu einem Götterbild Sie sehen die Folge ihrer Schuld im Gehorsam an. Das macht den Weg zur Heilung frei.

Nur eine kleine Nebenbemerkung. In der Kultreform des Hiskia wird diese eherne Schlange im Tempel zusammen mit anderen Gegenständen vernichtet. „Die Kupferschlange war zur Zeit Moses wichtig, später wurde sie offenbar als Reliquie verehrt. Im bildlosen Kult des unsichtbaren Gottes hat sie nicht oder jedenfalls nichts mehr zu suchen. Sie musste verschwinden!“ (R. Gradwohl, aaO. S.70)

 Wie sollte man das alles als Christ lesen zu können, ohne weiter zu lesen: „Und wie Mose in der Wüste die Schlange erhöht hat, so muss der Menschensohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben. Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde. (Johannes 3, 14-17)

Auf den Gekreuzigten schauen und ihm glauben. Sein Vertrauen auf Gott setzen, der ihn als sein Zeichen, sein Panier erhöht hat. Weithin sichtbar. Dieser erhöhte Christus ist das Zeichen, das die Antwort auf die Sünde ist und das durch das Vertrauen Leben wirkt. Waren in der Wüste die Schlangen von Gott gesandt, so ist es jetzt der Sohn. Die Schlangen – eine Todessendung – der Sohn – ein Gesandter des Lebens, das allem Tod standhält. Hier wie dort: Hinsehen. Nicht wegsehen. Und in dem Todes-Urteil wird der Weg zum Leben frei.

 

Mein Gott, Du hast uns das Zeichen des Kreuzes gegeben, Zeichen unserer Schuld, Zeichen des Urteils über uns, zugleich aber auch Zeichen Deiner Rettung, Deiner Liebe.  

Ich verstehe das nur zu gut, welche Überwindung es kostet, auf dieses Zeichen zu sehen, das uns vor Augen stellt, was alles gegen uns, gegen mich spricht.

Aber ich glaube Dir, dass dieses Urteil den Weg frei macht für uns, dass es ein für alle Mal gesprochen ist, vollzogen und wir sind frei.

Wir werden nicht anders frei als dass wir Dir Deine Liebe glauben, sie sehen an dem Gekreuzigten. Amen