Am Haderwasser

  1. Mose 20, 1 -13

 1 Und die ganze Gemeinde der Israeliten kam in die Wüste Zin im ersten Monat, und das Volk lagerte sich in Kadesch. Und Mirjam starb dort und wurde dort begraben.

 Man kann den Eindruck haben: Die Wüstenwanderung hat gerade erst begonnen. In Wahrheit aber führt die Erzählung an den Ende der Wüstenwanderung, „kurz vor dem endgültigen Aufbruch ins Verheißene Land.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 270) Kadesch soll der Ort werden, von dem aus der Weg angetreten wird.

Dort, im Lagerort Kadesch, in der Wüste Zin – zwischen Kanaan und der Sinaihalbinsel – stirbt Mirjam. Die Lobsängerin vom Schilfmeer. Die eifersüchtige Schwester Mose´s. Dort wird sie auch begraben. Ein anonymes Grab im Wüstensand. Es gibt keine genauere Angabe zu ihrem Begräbnisort, nur das ungefähre und dort.

Es ist ein karger Text, der keine Würdigung der Verstorbenen erkennen lässt. Späteren Zeiten wird es vorbehalten sein, ein helles Bild von Mirjam zu malen: „Es ist eindrucksvoll, dass die spätere Sicht von Mirjam sehr positiv ist. Das beginnt schon bei Micha 6,4 – Habe ich dich doch aus Ägyptenland geführt und aus der Knechtschaft erlöst und vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam – wo sie Glaubensbeispiel ist und setzt sich im Talmud und bei Josephus fort. Schwankend und doch vom Herrn gehalten, das könnte man als Überschrift über ihr Leben setzen.“ (G. Maier, aaO.; S. 271) Wie zurückhaltend ist dem gegenüber der biblische Text.

 2 Und die Gemeinde hatte kein Wasser, und sie versammelten sich gegen Mose und Aaron. 3 Und das Volk haderte mit Mose und sprach: Ach dass wir umgekommen wären, als unsere Brüder umkamen vor dem HERRN! 4 Warum habt ihr die Gemeinde des HERRN in diese Wüste gebracht, dass wir hier sterben mit unserm Vieh? 5 Und warum habt ihr uns aus Ägypten geführt an diesen bösen Ort, wo man nicht säen kann, wo weder Feigen noch Weinstöcke noch Granatäpfel sind und auch kein Wasser zum Trinken ist?

        Hört es denn nie auf? Durch die ganze Zeit der Wüstenwanderung, vierzig Jahre lang, hat Gott sein Volk versorgt. Haben sie daraus nichts gelernt? So möchte man fragen und muss sich doch gleich selbst erinnern: So sind wir Menschen. Schwierigkeiten werfen uns aus der Bahn und sie lassen uns alle guten früheren Erfahrungen gering achten. Wassermangel ist schrecklich – und in der Wüste eine tödliche Gefahr. Da ist Kadesch dann kein guter Ort mehr. Es ist „die übliche Klage und Anklage des Volkes“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 128), geboren aus der Überzeugung: Gott ist es uns schuldig, uns zu versorgen, für unsere Wohlfahrt und unser Wohlergehen zu sorgen. In diesem Fall für Wasser.

  Einmal mehr die Klage: wenn wir doch umgekommen wären. Was wäre uns an Elend und Angst erspart geblieben! Diese ganze Wüste, das Verenden unseres Viehs. Das alles hätte man doch in Ägypten anders haben können – und plötzlich erscheint das Haus der Knechtschaft verlockend wie ein Schlaraffenland. Hier aber fehlt es an allem. An Feigen, Weinstöcken, Granatäpfel auch am Wasser zum Trinken. Was für ein böser Ort. Es ist die immer gleiche Klagelitanei, die sie anstimmen, nur ein wenig aktualisiert.

 6 Da gingen Mose und Aaron von der Gemeinde hinweg zum Eingang der Stiftshütte und fielen auf ihr Angesicht, und die Herrlichkeit des HERRN erschien ihnen.

Es scheint, Mose und Aaron fällt nichts mehr ein, was sie dem Volk noch antworten könnten. Darum gehen sie – verstummt? – und werfen sich im Eingang der Stiftshütte nieder. Wo sollen sie auch sonst in ihrer Ratlosigkeit hingehen als dorthin, wo sie auf sein Erscheinen hoffen dürfen. Ob sie dorthin gehen, weil sie wissen: „Er wohnt nicht ständig im Zelt wie in den Kulturlandheiligtümern, sondern kommt dorthin, wenn man es aufsucht.“(W. H. Schmidt, Alttestamentlicher Glaube in seiner Geschichte, Berlin, 1968, s, 120) Es ist also an ihnen, die Stiftshütte aufzusuchen und auf sein Kommen zu hoffen.

 Bei ihm suchen sie Halt und Hilfe, indem sie sich niederwerfen. Das ist schon in den Gesten ein schroffer Gegensatz: hier das aufmüpfige, widerspenstige Volk, da die beiden Brüder, die sich vor Gott demütig beugen. Vielleicht darf man es wirklich so sehen: „Gottes Leute werden im Lauf der Zeit nicht selbstständiger, sondern immer abhängiger vom Herrn.“(G. Maier, aaO. S. 272) So suchen sie Gott und sein Erscheinen und er kommt auch. Er lässt sie nicht vergeblich seine Gegenwart erhoffen.

 7 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 8 Nimm den Stab und versammle die Gemeinde, du und dein Bruder Aaron, und redet zu dem Felsen vor ihren Augen; der wird sein Wasser geben. So sollst du ihnen Wasser aus dem Felsen hervorbringen und die Gemeinde tränken und ihr Vieh.

 Es ist eine klare Anweisung, die Mose erhält. Er soll den Stab nehmen, mit ihm zum Felsen treten und zum Felsen reden. Vor aller Augen. Es wirkt wie eine Wiederholung:  „Der HERR sprach zu ihm: Geh vor dem Volk her und nimm einige von den Ältesten Israels mit dir und nimm deinen Stab in deine Hand, mit dem du den Nil schlugst, und geh hin. Siehe, ich will dort vor dir stehen auf dem Fels am Horeb. Da sollst du an den Fels schlagen, so wird Wasser herauslaufen, dass das Volk trinke. Und Mose tat so vor den Augen der Ältesten von Israel. (2. Mose 17, 5 – 6)  Hier wie dort fehlt es am Wasser. Hier wie dort schreit das Volk nach Abhilfe. Und hier wie dort wird Mose nach dem Wort Gottes Wasser aus dem Felsen schlagen.

9 Da nahm Mose den Stab, der vor dem HERRN lag, wie er ihm geboten hatte. 10 Und Mose und Aaron versammelten die Gemeinde vor dem Felsen, und er sprach zu ihnen: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen? 11 Und Mose erhob seine Hand und schlug den Felsen mit dem Stab zweimal. Da kam viel Wasser heraus, sodass die Gemeinde trinken konnte und ihr Vieh.

                    Es ist, so muss man wohl lesen, der gleiche Stab in beiden Erzählungen. Es ist der gleiche Herr, der das Handeln des Mose „segnet“, bestätigt. Der sich durch die Hand seines Boten seines Volkes annimmt. Und es ist, auch daran liegt viel, Mose, der tut, wie er ihm geboten hatte – im Nehmen des Stabes und im Versammeln der Gemeinde vor dem Felsen.

Was beide Erzählungen unterscheidet ist, dass sich Mose hier an das dabeistehende Volk wendet, mit seiner Frage: Höret, ihr Ungehorsamen, werden wir euch wohl Wasser hervorbringen können aus diesem Felsen? Stellt er damit die Gemeinde und ihr Vertrauen auf die Probe? Oder ist sie „eine Äußerung der Verlegenheit und des Zweifels“(M. Noth, aaO. S. 129), der auch in Mose wohnt? So hätte er das Volk zu Recht fragen können, als sie ihn bedrängen. Aber jetzt, nach der Weisung Gottes wirkt die Frage seltsam deplatziert. Man kann schon fragen: Weicht hier Mose vom gradlinigen Gehorsam an?

Und doch: das Wasser sprudelt nur so aus dem Felsen hervor. Genug für Mensch und Vieh. So zeigt sich Gott auch hier, in Kadesch als der, der sein Volk versorgt. Selbst wenn sein Mann Mose sich als ein „untreuer oder eigenmächtiger Prophet“ (G. Maier, aaO. S. 274) erweist, vielleicht auch nur als ein verunsicherter und eigensinniger.

 12 Der HERR aber sprach zu Mose und Aaron: Weil ihr nicht an mich geglaubt habt und mich nicht geheiligt habt vor den Israeliten, darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde.

 Die Unklarheiten sind beseitig; Gott hat in der Frage des Mose den Zweifel gehört, das Versäumnis, am Vertrauen ganz und ungeteilt festzuhalten. Und behaftet Mose und Aaron mit diesem Zweifel als Unglauben, als Mangel an Heilighalten.  Auch Aaron, von dem man in der ganzen Erzählung kein Wort hört! Das ist ihr Fehler, ich scheue mich, von Schuld zu sprechen, dass sie mit ihrer eigenen Unsicherheit Zweifel an der Heiligkeit Gottes, an seiner Festigkeit und Verlässlichkeit genährt haben. Es ist ein hartes Urteil: Dieses Schwanken wird von Gott beantwortet  darum sollt ihr diese Gemeinde nicht ins Land bringen, das ich ihnen geben werde. Mose und Aaron werden das Land der Verheißung nicht erreichen.

„Auch über mich wurde der HERR zornig um euretwillen und sprach: Auch du sollst dort nicht hineinkommen.“ (5. Mose 1,37) Nach diesem Wort wird  Mose mit in die Ungehorsamsschuld des Volkes hineingenommen und weil ihm diese angelastet wird, muss er sie mittragen. Hier ist es eine eigene, individuelle Verfehlung, die das harte Urteil Gottes begründet. Keine Sippenhaft.

 13 Das ist das Haderwasser, wo die Israeliten mit dem HERRN haderten und er sich heilig an ihnen erwies.

 Haderwasser – so wird der Name des Ortes genannt. Wörtlich: Wasser von Meriba. Auch dieser Name weist zurück auf die so ähnliche Erzählung, die auch mit einem doch sehr vergleichbaren Satz schließt: „Da nannte er den Ort Massa und Meriba, weil die Israeliten dort gehadert und den HERRN versucht und gesagt hatten: Ist der HERR unter uns oder nicht?“ (2. Mose 17, 7) Hier wie dort ist es das große Thema: Sind wir allein oder können wir uns auf Gott verlassen? Die Antwort des Glaubens ist Festhalten an dem „Ich-bin-da.“

 

Mein Gott, Dein Tun hängt nicht daran, dass wir immer perfekt wären, nicht einmal daran, dass wir immer zweifelsfrei Deinen Willen tun würden. Du treibst Dein Werk vorwärts mit uns, Leuten voller Skepsis und Fragen, mit ihrem eigenen Kopf und manchmal so kleinem Glauben. Dafür danke ich Dir, dass Du Deine Wunder tust mit Menschen, die fehlerhaft sind und kleingläubig. Amen