Aus dürrem Holz Leben

  1. Mose 17, 16 – 26

16 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 17 Rede mit den Israeliten und nimm von ihnen zwölf Stäbe, von jedem Fürsten ihrer Sippen je einen, und schreib eines jeden Namen auf seinen Stab. 18 Aber den Namen Aarons sollst du schreiben auf den Stab Levis. Denn für jedes Haupt ihrer Sippen soll je ein Stab sein. 19 Und lege sie in der Stiftshütte nieder vor der Lade des Zeugnisses, wo ich mich euch bezeuge. 20 Und wen ich erwählen werde, dessen Stab wird grünen. So will ich das Murren der Israeliten, mit dem sie gegen euch murren, zum Schweigen bringen.

 Es fängt mysteriös an. Alle Fürsten aus Israel, aus jedem der zwölf Stämme  einer, sollen einen Stab zur Verfügung stellen. Er wird von Mose zu beschriften sein – mit dem Namen des Stammes. Besonders erwähnt wird, dass Aarons Namen auf den Stab des Stammes Levi geschrieben werden soll. Es wird ein wenig umständlich erzählt, bestimmt dadurch, dass  „Aaron, um den es in der ganzen Geschichte geht, den Stamm Levi vertreten muss , da die vorgesehene Zwölfzahl der Stäbe einen besonderen Aaronstab neben dem Stab Levis nicht erlaubt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.116)

Es geht um eine Zeichenhandlung, angeordnet durch Gott. Das Zeichen: einer der Stäbe wird grünen, wird sich als fruchtbar erweisen. „Aus dürrem Holz soll grünendes und sprossendes Holz werden.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 245) Das ist ein Wunderund sein Ziel: Das Murren der Israeliten soll  zum Verstummen gebracht werden.

 Die Frage, die über das Wunder hinausführt, wird nicht beantwortet: wozu soll einer erwählt werden? Vielleicht aber geht es gar nicht um einen Auftrag, sondern es geht einfach um eine Demonstration der Schöpfermacht Gottes? Oder es geht in Wahrheit um eine Aussonderung, die die besondere Rolle eines Stammes hervorhebt. Dann ist das Wunder nicht Zielpunkt, sondern nur Mittel zum Zweck.

 21 Mose redete mit den Israeliten und alle ihre Fürsten gaben ihm zwölf Stäbe, ein jeder Fürst je einen Stab, nach ihren Sippen, und der Stab Aarons war auch unter ihren Stäben. 22 Und Mose legte die Stäbe vor dem HERRN nieder in der Hütte des Zeugnisses.

 Mose entspricht der Anweisung Gottes. Er sammelt  die Stäbe der Fürsten aus den Stämmen, unter ihnen auch den Stab Aarons. Das ist insofern eine Besonderheit, als Aaron zwar als Priester erwählt war, aber nicht als ein Fürst in Levi gelten muss. Wir wissen nichts von einer hierarchischen Position der Brüder Mose und Aaron im Stamm Levi, sie sind Leviten wie alle anderen auch.  

Warum wird die Stiftshütte so in die Mitte gerückt, dass die Stäbe um sie gelegt werden? Warum hier die Bezeichnung: Hütte des Zeugnisses. Das kann daran hängen, dass in der Lade in der Stiftshütte die Tafeln der Gebote aufbewahrt sind, die Gesetzestafeln vom Sinai. Aber es könnte auch so sein: von diesem Ort der Gegenwart Gottes geht Leben aus und im Namen wird vorweggenommen, was geschehen wird.

  23 Am nächsten Morgen, als Mose in die Hütte des Zeugnisses ging, da grünte der Stab Aarons, der zum Hause Levi gehört, und die Blüte ging auf und trug Mandeln.

             Aarons Stab grünt. Zeichen der Hoffnung. Zeichen auch der unverbrüchlichen Treue Gottes zur aaronitischen Priesterschaft. Zeugnis dafür, „dass nach dem Willen Gottes Aaron mit seinen Nachkommen vor allen Israeliten ausgezeichnet ist.“ (M. Noth, aaO.  S. 115)Seine Nachkommen sind die – von Gott her  legitimierte  – Priesterschaft in Israel.

Umso bemerkenswerter: aus dieser Episode wird ein Lied herausgesponnen:

 „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,                                    ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?                                                             Shalom Ben-Chorin 1942, EGHN 613

 Es ist kühn: der sprossenden Mandelzweig wird von  Ben-Chorin als Hoffnungsbild ausgeweitet auf ganz Israel. Er schreibt zu seinem Text im Jahr 1942: „Wenn ich an kalten Februartagen auf dem Balkon vor meinem Arbeitszimmer trat, fiel mein Blick immer wieder auf diesen Mandelbaum, der bereits weiß-rosa Blütenblätter zeigte, wenn alle anderen Bäume ringsum noch winterlich kahl blieben …. Wenn ich aber sehr verzagt und hoffnungslos dem kommenden Tag entgegenblickte, haben mich der Mandelbaum und seine geflüsterte Botschaft gestärkt. In den düstersten Jahren des Zweiten Weltkrieges und der beispiellosen Verfolgungen hat sich mir dieses Erlebnis zu einem Lied verdichtet.“ Der Aaronsstab – ein Zeichen der Hoffnung und ein Zeichen bleibender Erwählung.

  24 Und Mose trug die Stäbe alle heraus von dem HERRN zu allen Israeliten, dass sie es sahen, und ein jeder nahm seinen Stab.

             Alle – gemeint ist wohl: alle Fürsten erhalten ihren Stab zurück. Und alle Israeliten sehen, welcher Stab zum Grünen gekommen ist. So ist dieser grünende Stab nicht nur Ermutigungszeichen für Aaron, sondern zugleich Zeichen für alle Israeliten.

  25 Der HERR aber sprach zu Mose: Trage den Stab Aarons wieder vor die Lade mit dem Gesetz, damit er verwahrt werde zum Zeichen für die Ungehorsamen, dass ihr Murren vor mir aufhöre und sie nicht sterben. 26 Mose tat, wie ihm der HERR geboten hatte.

             Der Aaronstab wird für dauernd aufbewahrt. In der Stiftshütte. Ich lese das so: Er ist das Zeichen der bleibenden Erwählung der Aaroniten. Zur Priesterschaft. Er ist aber zugleich, merkwürdig genug, Erinnerungs-Zeichen für die Ungehorsamen. Sie sollen sich erinnern lassen, dass Murren kein Weg zum Leben ist. Weil sie in diesem Stab  die Macht Gottes vor Augen haben, der aus dürren Holz Leben erwecken kann. Er ist also nicht nur ein Hoffnungszeichen, sondern zugleich ein Warnsignal.

„Das war ja so Dein Wesen von alten Zeiten her                                                             dass Du Dir hast erlesen, was arm, gebeugt und leer.                                              dass mit zerbroch´nen Stäben Du Deine Wunder tatst                                           und mit geknickten Reben die Feinde niedertratst.“                                                                             F.W. Krummacher 1796 –  1868

                      Es könnte sein: Aaron musste erst erfahren, wie seine Eifersucht ihn vor Gott ins Unrecht setzte und wie er dennoch neu begnadigt wurde, bevor er so die Bestätigung durch den grünenden Stab erleben durfte. Jetzt konnte sie ihn wohl nicht mehr zum Hochmut verleiten.

In meinen Augen ist es eine Parallele. Jesus wird viel später sagen, als man ihn auffordert, seine Jünger zum Schweigen zu bringen: „Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien.“(Lukas 19,40) Wenn dürres Holz wieder grünt, dann können auch Steine schreien.

 

Du erwählst Dir, wen Du willst. Du, Gott, bist ein Kenner der Herzen. Du weißt die Gedanken, die in uns wohnen. Du kennst die Sehnsüchte und die Gefahren, die sie bergen.

Ich danke Dir, dass Du erwählst, in Deinen Dienst stellst, wen Du willst, dass Du aus dürrem Holz Leben erwecken kannst.Amen