Vierzig Wüstenjahre

  1. Mose 14, 26 – 38

26 Und der HERR redete mit Mose und Aaron und sprach: 27 Wie lange murrt diese böse Gemeinde gegen mich? Ich habe das Murren der Israeliten, womit sie gegen mich gemurrt haben, gehört.

             Es ist wie ein Neuansatz. Die Vermutung der Exegeten: Hier wird aus einer anderen alten Quelle der gleiche Sachverhalt noch einmal dargestellt. Dann wäre es eine Art Doppelung.  Aber auch so kann man denken: diese Wiederholung trägt dem Ernst der ganzen Situation Rechnung, zeigt das Gewicht der Verfehlung und der Antwort Gottes. „Jahwe will den Aufruhr der bösen Gemeinde nicht mehr ertragen.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S. 97)Das Maß ist voll, die Geduld Gottes erschöpft. Auch das mag mitschwingen: Das Vergeben Gottes, seine Gnade darf nicht billig gemacht werden.

Schließlich: sie sollen wissen, dass ihr Murren bemerkt wird, gehört wird. Gott ist nicht so weit weg, dass ihn nicht erreicht, was sie tun. Er ist auch nicht in der Weise weit weg, dass es ihn nicht angeht, ihm nichts ausmacht, wenn sie murren. Gott wird berührt von dem, was seine Menschen denken und sagen.    

 28 Darum sprich zu ihnen: So wahr ich lebe, spricht der HERR: Ich will mit euch tun, wie ihr vor meinen Ohren gesagt habt. 29 Eure Leiber sollen in dieser Wüste verfallen. Alle, die ihr gezählt seid von zwanzig Jahren an und darüber, die ihr gegen mich gemurrt habt, 30 wahrlich, ihr sollt nicht in das Land kommen, über das ich meine Hand zum Schwur erhoben habe, euch darin wohnen zu lassen, außer Kaleb, dem Sohn Jefunnes, und Josua, dem Sohn Nuns.

             Spruch des HERRN – das ist prophetische Sprachformel. Was hier gesagt wird, ist nicht Wort Mose´s oder Aarons, „die sich eine Strafe ausgedacht haben.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 203) Es ist Gottes Urteil. Jetzt holt sie ein, was sie vor seinen Ohren gesagt haben: „Wenn wir doch in dieser Wüste gestorben wären.“(14,2) Es ist eine schreckliche Erfüllung der eigenen Worte – an allen, die zwanzig Jahre und älter sind. Volljährig. Und damit im straffähigen Alter. Nur Josua und Kaleb werden das Land sehen – und die, die jetzt kleine Kinder sind.

 31 Eure Kinder aber, von denen ihr sagtet: Sie werden ein Raub sein, die will ich hineinbringen, dass sie das Land kennenlernen, das ihr verwerft. 32 Aber eure eigenen Leiber sollen in dieser Wüste verfallen. 33 Und eure Kinder sollen Hirten sein in der Wüste vierzig Jahre und eure Untreue tragen, bis eure Leiber aufgerieben sind in der Wüste. 34 Nach der Zahl der vierzig Tage, in denen ihr das Land erkundet habt – je ein Tag soll ein Jahr gelten –, sollt ihr vierzig Jahre eure Schuld tragen, auf dass ihr innewerdet, was es sei, wenn ich mich abwende.

             An den Kindern wird sich zeigen, dass Gott mächtig ist. Sie werden eben nicht zum Raub der Völker, sondern  sie werden das Land kennenlernen, allerdings  auch erst „nach einer vierzigjährigen Wanderhirtenzeit, in der Wüste, mit der sie den Abfall der väterlichen Generation noch mit werden büßen müssen.“ (M. Noth, aaO., S. 98) Eine ganze Lebensspanne wird also das Volk in der Wüste sein müssen.

Es ist eine Rechnung, die hier aufgemacht wird. Die vierzig Tage der Kundschafter werden in vierzig Wüstenjahre verwandelt. Dann ist die Schuld abgetragen. Die Schuld, die in der Verweigerung des Weges, im Widerspruch gegen die Botschaft von dem guten Land besteht. In der Angst davor, der Wegweisung Gottes zu trauen. Dann wird Israel auch – hoffentlich – verstanden haben, existentiell gelernt, was es bedeutet, wenn Gott sich abwendet, wenn er sein Angesicht verhüllt, seinen Segen aussetzt. Ihr Innewerden, Erkennen ist so „in jedem Fall kein spekulatives, sondern ein praktisches Erfahren.“ (G. Maier, aaO. S. 205) Mich erinnert das an Hiobs Einsicht: „Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen. Darum gebe ich auf und bereue in Staub und Asche.“(Hiob 42, 5-6)

 35 Ich, der HERR, habe es gesagt und wahrlich, das will ich auch tun mit dieser ganzen bösen Gemeinde, die sich gegen mich empört hat. In dieser Wüste sollen sie aufgerieben werden und dort sterben.

             Es wirkt auf mich wie eine feierliche Selbstbindung Gottes. Damit ihm seine Barmherzigkeit nicht schlussendlich doch noch in die Quere kommt. Damit er nicht am Ende doch noch Gnade vor Recht ergehen lässt. Diese böse Gemeinde – so haben sie sich in der Empörung gezeigt – wird ihr Ende in der Wüste finden und dort sterben.  

 36 Die Männer aber, die Mose ausgesandt hatte, um das Land zu erkunden, und die zurückgekommen waren und die ganze Gemeinde gegen ihn zum Murren verleitet hatten, 37 diese Männer starben durch eine Plage vor dem HERRN, weil sie über das Land ein böses Gerücht aufbrachten.

             Das Gericht fängt an denen an, die die Gemeinde so in Verzweiflung gestürzt hatten, die sie durch ihre Schreckensmeldungen dazu gebracht hatten, sich dem Weg Gottes zu verweigern, seine Güte und Macht anzuzweifeln. Die zehn Urheber des bösen Gerüchtes über das Land sterben. An einer Plage. Es mag sein, es ist ein plötzlicher Tod, wie ein „Schlag“. Das steckt im Wort Plage mit drin. Aber ausdrücklich gesagt ist es nicht.

38 Aber Josua, der Sohn Nuns, und Kaleb, der Sohn Jefunnes, blieben am Leben von den Männern, die gegangen waren, um das Land zu erkunden.

Josua und Kaleb aber bleiben am Leben. Mehr ist dazu zunächst einfach nicht zu sagen.

 

Wie schwer muss es Dir sein, mein Gott, diese Strenge durchzuhalten. Wie kämpfst Du um das Strafwort. Wie ringst Du mit Dir selbst.

Ich danke Dir, dass ich es so sehen darf, dass Du nicht aus kühler Distanz handelst, nicht unbeteiligt Deine Urteile aussprichst.

Ich danke Dir für das Ringen Deines Herzens, das tausendmal lieber die Gnade will als das Urteil, das wir verdient hätten. Amen