Kundschafter – ohne Echo

  1. Mose 13, 1 – 3. 17 – 33

1 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 2 Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden, das ich den Israeliten geben will, aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. 3 Da sandte sie Mose aus der Wüste Paran nach dem Wort des HERRN. Allesamt waren sie Häupter der Israeliten.

             „Gott selbst ordnet die Aussendung der Kundschafter an.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 181) Was auf den ersten Blick als ein Akt militärischer Vernunft erscheint, ist in Wahrheit doch ein Gehorsamsschritt. Es ist zugleich auch ein Zeichen dafür, dass es in Israel wirklich keinen Bereich gibt, der nicht unter Gottes Leiten gesehen wird. So etwas wie Eigengesetzlichkeit von Sachverhalten kennen die Schriften Israels nicht. Alles steht unter dem Gebot und der Weisung Gottes. Bis ins Detail regelt Gott: aus jedem Stamm ihrer Väter je einen vornehmen Mann. Fürsten sind damit gemeint, Männer, die in ihrem Stamm etwas gelten. Das müssen keine Militär-Spezialisten sein.

 17 Als sie nun Mose aussandte, das Land Kanaan zu erkunden, sprach er zu ihnen: Zieht da hinauf ins Südland und geht auf das Gebirge 18 und seht euch das Land an, wie es ist, und das Volk, das darin wohnt, ob’s stark oder schwach, wenig oder viel ist; 19 und was es für ein Land ist, darin sie wohnen, ob’s gut oder schlecht ist; und was es für Städte sind, in denen sie wohnen, ob sie in Zeltdörfern oder festen Städten wohnen; 20 und wie der Boden ist, ob fett oder mager, und ob Bäume da sind oder nicht. Seid mutig und bringt mit von den Früchten des Landes.

            Der Befehl Gottes wird umgesetzt in den Anweisungen, die Mose an die Kundschafter gibt. Wenn man so will: Gottes Auftrag macht die menschlichen Ausführungsbestimmungen nicht überflüssig, sondern geradezu notwendig. Die Kundschafter sollen sich ein Bild machen, damit man weiß, womit zu rechnen ist, wenn man den Weg in dieses Land auf sich nimmt.  Geographie, Anbauverhältnisse, Stadtbefestigungen, Mentalität der Einwohner – alles ist von Interesse. So wie Mose fragt, wird ein verantwortungsbewusster Führer des Volkes zu fragen haben.

 Es war aber eben um die Zeit der ersten Weintrauben. 21 Und sie gingen hinauf und erkundeten das Land von der Wüste Zin bis nach Rehob, von wo es nach Hamat geht. 22 Sie gingen hinauf ins Südland und kamen bis nach Hebron; da lebten Ahiman, Scheschai und Talmai, die Söhne Anaks. Hebron aber war erbaut worden sieben Jahre vor Zoan in Ägypten. 23 Und sie kamen bis an den Bach Eschkol und schnitten dort eine Rebe ab mit einer Weintraube und trugen sie zu zweien auf einer Stange, dazu auch Granatäpfel und Feigen. 24 Der Ort heißt Bach Eschkol nach der Traube, die die Israeliten dort abgeschnitten hatten.

             Die Kundschafter brechen auf. Es ist Erntezeit, Zeit der ersten Traubenlese. Sie kommen durch den Negev, hinauf aufs Gebirge, bis nach Hebron. Bis dorthin auch, wo die Enaks-Söhne leben, Riesenkerle. „Es scheinen Gestalten einer sagenhaften Vorzeit bezeichnet zu sein, von denen eine Lokalüberlieferung von Hebron zu erzählen wusste, und zwar mächtige, riesenhafte Gestalten, die für Fremde, die etwa der Stadt Hebron sich zu bemächtigen versuchen wollten, abschreckend und furchtbar waren.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.94) Im „Traubental“, so der Name Eschkol erfüllen sie einen Teil ihres Auftrages. Sie schneiden dort eine Weinrebe ab, die so riesengroß ist, dass zwei Männer sie an einer Stange tragen müssen – ein beliebtes Bildmotiv für Bilderbibeln bis in unsere Zeit.

 25 Und nach vierzig Tagen, als sie das Land erkundet hatten, kehrten sie um, 26 gingen hin und kamen zu Mose und Aaron und zu der ganzen Gemeinde der Israeliten in die Wüste Paran nach Kadesch und brachten ihnen und der ganzen Gemeinde Kunde, wie es stand, und ließen sie die Früchte des Landes sehen. 27 Und sie erzählten ihnen und sprachen: Wir sind in das Land gekommen, in das ihr uns sandtet; und wahrlich, Milch und Honig fließen darin, und dies sind seine Früchte. 28 Aber stark ist das Volk, das darin wohnt, und die Städte sind befestigt und sehr groß; und wir sahen dort auch Anaks Söhne. 29 Es wohnen die Amalekiter im Südland, die Hetiter und Jebusiter und Amoriter wohnen auf dem Gebirge, die Kanaaniter aber wohnen am Meer und am Jordan.

              Vierzig Tage verbringen die Kundschafter im Land,  spähen es aus und kehren dann um. Mit guten Nachrichten. Es ist ein Land, in dem Milch und Honig fließen, reich, mit großen Früchten. Die zeigen sie vor. Doch es gibt ein Aber: Die Einwohner sind starke Leute und die Städte sind befestigt. „Israel trifft keine verfaulte Kultur und keine erschlaffte Bevölkerung“ (G. Maier, aaO. S.189) Das Land wird nicht als eine überreife Frucht ihnen in die Hände fallen. Es wird nicht einfach werden, dieses Land einzunehmen.

 30 Kaleb aber brachte das Volk vor Mose zum Schweigen und sprach: Lasst uns hinaufziehen und das Land einnehmen, denn wir können es überwältigen.

             Wahrscheinlich war  der Bericht der Kundschafter gar nicht für das ganze Volk bestimmt, sondern nur für Mose. Aber das Volk hat Wind von der Sache bekommen, vielleicht mitgehört. Informationen, die streng geheim sein sollen, werden nicht erst heutzutage weitergegeben. Unruhe macht sich breit. Spürt Kaleb, wie diese Botschaft entmutigt? Wie sich die Stimmung gegen den Weg wendet? Gegen Mose? Er versucht, das Volk zum Schweigen zu bringen, es zu beruhigen. Und er sagt: wir schaffen das. Lasst uns den Weg auf uns nehmen.

 31 Aber die Männer, die mit ihm hinaufgezogen waren, sprachen: Wir vermögen nicht hinaufzuziehen gegen dies Volk, denn sie sind uns zu stark.

             Kaleb aber ist eine Einzelstimme. Die anderen, nur von Josua hören wir hier nichts, widersprechen. Wir packen das nicht. Das Volk dort ist zu stark für uns. Überlegen in jeder Hinsicht. Diese Männer sind die Realisten. Sie wägen die Fakten ab, die sie zur Kenntnis genommen haben und kommen zu dem begründeten Schluss: Es geht nicht.

Im Nachhinein, im Abstand von 3000 Jahren lässt es sich gut sagen: „Sagt Kalebs Glaube “Wir können“ so sagt ihr Unglaube „Wir können nicht“. Schaut der Glaube auf Gott, so schaut der Unglaube auf das Volk, das stärker ist als wir. So wird es immer sein. Der Unglaube, der sich an den Elementen dieser Welt orientiert, sinkt, resigniert und macht am Ende Gott Vorwürfe. Der Glaube, der sich an Gottes Macht orientiert, kommt durch und lobt am Ende Gott.“(G. Maier, aaO. S.190f.) So der Kommentar aus dem Jahr 1989, dem so unwahrscheinlichen Jahr des Mauerfalls.  Was aber, wenn diese Alternative Unglaube – Glaube auch heute wieder gefragt wäre, im Blick auf die Entscheidungen, die heute zu treffen sind.  „Yes, we can“ –  „Wir schaffen das“ – Stimmen des Gottvertrauens?

 32 Und sie brachten über das Land, das sie erkundet hatten, ein böses Gerücht auf unter den Israeliten und sprachen: Das Land, durch das wir gegangen sind, um es zu erkunden, frisst seine Bewohner, und alles Volk, das wir darin sahen, sind Leute von hohem Wuchs. 33 Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unsern Augen klein wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen.

             Um der eigenen Sorge und Angst Nachdruck zu verleihen, wird die Botschaft ins Grauenhafte gesteigert: Das Land frisst seine Bewohner. Und dort leben die Gestalten der Urzeit, Riesen, so wie es sie vor der Sintflut gab: „Es waren Riesen zu den Zeiten und auch danach noch auf Erden.“(1. Mose 6,4) Ihnen gegenüber sind die Israeliten Kümmerlinge, Heuschrecken, Zwerge. Und das heißt: wir sind ihnen auf keinen Fall gewachsen.

 

Mein Gott, so geht es uns manchmal. Wir fühlen uns angezogen und abgeschreckt zugleich. Wir sehen Chancen, aber die Risiken scheinen zu groß. Wir fürchten uns vor dem, was möglich ist, weil wir uns selbst nicht trauen, dass wir es packen könnten.

Gib Du uns das Gottvertrauen, das uns mutig macht, aber nicht tollkühn, das uns Chancen und Risiken nüchtern abwägen lässt, das uns in solchem Abwägen auf Dich hören lässt. Amen