Geschwisterstreit

  1. Mose 12, 1 – 16

1 Da redeten Mirjam und Aaron gegen Mose um seiner Frau willen, der Kuschiterin, die er genommen hatte. Er hatte sich nämlich eine kuschitische Frau genommen. 2 Und sie sprachen: Redet denn der HERR allein durch Mose? Redet er nicht auch durch uns? Und der HERR hörte es. 3 Der Mann Mose war sehr demütig, mehr als alle Menschen auf Erden.

             Auch geistliche Leute bieten Angriffsflächen für Kritik, Eifersucht, vermeintlich notwendige Klarstellungen. Das Problem, um das es geht, wird benannt: Gibt es einen Alleinvertretungsanspruch Mose´s auf Offenbarungsempfang? Ist nur Mose der Mund, durch den der HERR sprechen will, durch ihn allein? Oder ist Mose nicht doch nur einer unter vielen – so wie es sich ja gerade gezeigt hat, als die Siebzig angefangen haben, verzückt prophetisch zu reden begonnen haben. Und wenn schon die Siebzig, dann doch sicher auch die Familienmitglieder, Aaron und Mirjam. Der eine ist doch schon lange der Sprecher Mose´s. Und Mirjam hat doch das Siegeslied am Schilfmeer angestimmt, inspiriert durch den Geist.

Der Auslöser der Kritik ist allerdings äußerlich. Die Ehe des Mose mit einer Frau aus Kusch. Allerdings wird überhaupt nicht erklärt, was an dieser Heirat anstößig war. Schließlich war ja auch die frühere Ehe Mose´s mit Zippora nicht beanstandet worden. Erst in der Zeit nach dem Exil gibt es ein offensives Drängen darauf, keine Ehe mit fremdstämmigen Frauen einzugehen! Es könnte sein, das diese Begründung der Kritik an Mose ein winziger Hinweis darauf ist, dass  in den Text Gedanken eingeflossen sind, die nicht aus der Anfangszeit stammen, sondern eben aus den Jahren nach dem Exil. Vorher, in früheren Zeiten, sind solche Fremdehen kein Anlass zur Kritik. Nicht bei Joseph, der ein Ägypterin geehelicht hat, nicht bei Boas, der die Moabitern Ruth zur Ehefrau nimmt, nicht bei David. Es ist wohl so: In Wahrheit meldet sich geschwisterliche Eifersucht zu Wort. Die Ehe ist nur ein Vorwand.

            Es stellt sich die Frage: Wo reden Aaron und Mirjam so? Wo wird ihre Kritik laut? Unter vier Augen, miteinander oder Mose gegenüber? Es ist so: „Mose wird überhaupt nicht angeredet. Vielmehr geben Aaron und Mirjam nur – offenkundig innerhalb des israelischen Lagers – deutlich kund, dass nach ihrer Meinung zu Unrecht es so aussehe, als rede Jahwe nur mit Mose.“(M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.84) So gesehen ist es keine Sache nur zwischen den Geschwistern. Man kann diese Geschichte nicht im geschwisterlichen Gespräch regeln. Dazu ist sie zu öffentlich geworden. Selbst wenn Mose das gerne wollte. „Vielleicht hat Mose gehört, aber er reagiert nicht. Denn der Mann Mose ist sehr bescheiden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 107)

Der HERR hörte es.  Es bleibt nicht vor Gott verborgen. Wie sollte es auch? Jeder Leser der Schriften weiß es doch:

„Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es;                                                                       du verstehst meine Gedanken von ferne.                                                                      Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge,                                                          das du, HERR, nicht alles wüsstest.“                          Psalm 139, 2+4

 Es kann also gar nicht verborgen bleiben, was da im Lager verhandelt wird, was in Aaron und Mirjam rumort.

 4 Und sogleich sprach der HERR zu Mose und zu Aaron und zu Mirjam: Geht hinaus, ihr drei, zu der Stiftshütte! Und sie gingen alle drei hinaus. 5 Da kam der HERR hernieder in der Wolkensäule und trat in den Eingang der Stiftshütte und rief Aaron und Mirjam und die gingen beide hin.

            Sogleich. Sofort. Eine Art Vorladung, für alle drei. In den Eingang der Stiftshütte. Die durfte Mirjam ja nicht betreten. Gott will mit den Betroffenen reden. Direkt. Sie werden alle drei in die Gegenwart Gottes beordert. Als sie dort sind, werden Aaron und Mirjam zum Vortreten aufgefordert, Mose bleibt im Hintergrund. Er hat, wenn man so will, in diesem Konflikt nichts zu sagen. Er ist ja der direkt Betroffene der Redereien.

  6 Und er sprach: Hört meine Worte: Wenn unter euch ein Prophet ist, dann will ich, der HERR, mich ihm kundmachen in Gesichten oder mit ihm reden in Träumen. 7 Aber so steht es nicht mit meinem Knecht Mose; ihm ist mein ganzes Haus anvertraut. 8 Von Mund zu Mund rede ich mit ihm, offen und nicht in dunklen Worten, und er sieht den HERRN in seiner Gestalt. Warum habt ihr euch denn nicht gefürchtet, gegen meinen Knecht Mose zu reden?

             Nicht Mose verteidigt sich – Gott übernimmt es, die Dinge klarzustellen. Es gibt Propheten. Es gibt das Reden Gottes zu ihnen in Gesichten und Träumen. Das aber ist „indirekt durch Traumgesichte, ein Reden in rätselhaften, eine Deutung verlangenden Worten“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.85) Das ist nicht geringschätzend, auch keine Abwertung prophetischer Worte. Es ist nur eine Klarstellung.

Mit Mose aber spricht Gott anders. Hier kommt die Sonderrolle Mose´s zum Vorschein. Mit Mose spricht Gott Klartext. Von Mund zu Mund, so wie Menschen gleichen Ranges miteinander sprechen. Es ist eine Kommunikation, offen und nicht in dunklen Worten. Der Bibelleser erinnert sich: „Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet.“(2. Mose 33, 11) Diese Nähe Gottes zu Mose wird noch einmal unterstrichen: Und er sieht den HERRN in seiner Gestalt.

Das steht in einer offenkundigen Spannung zu dem, was im 2. Buch Mose als Wort Gottes an Mose erzählt worden ist. „Und Mose sprach: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! Und er sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will ausrufen den Namen des HERRN vor dir: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.“(2. Mose 33, 18 – 20) 

Kann diese Spannung aufgelöst werden? Muss sie denn aufgelöst werden? Ein Versuch, sie aufzulösen: „Gemeint ist die Figur, der Umriss der Gestalt, nicht das Gesicht Gottes, das wir erst in der Neuschöpfung sehen werden.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.177) Mir hilft die Überlegung, dass es hier einfach darum  geht, die Sonderrolle Mose´s herauszustellen. Ich stimme zu: „Ganz Israel braucht Mose als den Offenbarungsmittler. Mose aber braucht keinen Mittler zwischen sich und Gott.“ (G. Maier, ebda.) Das wird durch sein einmaliges und einzigartiges Sehen Gottes unterstrichen. Diese Mittler-Rolle des Mose wird – so sehen wir Christen das – durch Jesus aufgehoben.

Einen späten Reflex dieser Worte finde ich im Neuen Testament: Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, gleichwie ich erkannt bin.“ (1. Korinther 13,12) Was hier einzigartig von Mose gesagt wird, das erwartet Paulus für sich – und für alle, die zu Christus gehören.

 9 Und der Zorn des HERRN entbrannte gegen sie, und er wandte sich weg; 10 auch wich die Wolke von der Stiftshütte. Und siehe, da war Mirjam aussätzig wie Schnee. Und Aaron wandte sich zu Mirjam und wird gewahr, dass sie aussätzig ist, 11 und sprach zu Mose: Ach, mein Herr, lass die Sünde nicht auf uns bleiben, mit der wir töricht getan und uns versündigt haben. 12 Lass Mirjam nicht sein wie ein Totgeborenes, das von seiner Mutter Leibe kommt und von dem schon die Hälfte seines Fleisches geschwunden ist.

             Was für eine Strafe: Gott wendet sich weg. Er lässt sein Angesicht nicht mehr leuchten über Mirjam. Es ist Segensentzug, der hier geschildert wird. Er zieht sich auch von der Stiftshütte zurück. Zurück bleibt Mirjam, von jetzt auf gleich aussätzig wie Schnee. Aussatz ist wie lebendig tot.

Aller Geschwisterstreit, alle geschwisterliche Eifersüchtelei ist vergessen. Aaron sieht, was sie mit ihren Worten – unbedacht – angerichtet haben. Das es so ernst sein könnte, dass Gott ihre Worte so auf die Goldwaage legen könnte. Wir haben töricht getan. Gesündigt. Gesündigt – ja, sie haben sich von Mose abgesondert, einen Keil zwischen ihn und sich getrieben. Und sie haben sich darin auch von Gott abgesondert, weil sie seinen Weg, den er mit Mose geht, nicht wahrhaben, annehmen und akzeptieren wollten. Sünde hat nichts mit moralischen Defekten zu tun. Hier jedenfalls nicht.

Merkwürdig genug: Aaron richtet seine Worte an Mose. Der muss diese Sünde, die aufgerissene Kluft überwinden. Der ist ja noch da, während Gott sich verzogen hat.

 13 Mose aber schrie zu dem HERRN: Ach, Gott, heile sie! 14 Der HERR sprach zu Mose: Wenn ihr Vater ihr ins Angesicht gespien hätte, würde sie nicht sieben Tage sich schämen? Lass sie abgesondert sein sieben Tage außerhalb des Lagers; danach soll sie wieder aufgenommen werden. 15 So wurde Mirjam sieben Tage abgesondert außerhalb des Lagers. Und das Volk zog nicht weiter, bis Mirjam wieder aufgenommen wurde.

             Mose lässt sich bewegen. Nur hier wird Mose in der ganzen Erzählung aktiv. In der Fürbitte. Früher hat die biblische Erzählung von der Fürbitte des Mose für das Volk erzählt, in der tödlichen Gefahr nach dem Tanz um das Goldene Kalb. Diesmal gilt seine Fürbitte Mirjam, in der tödlichen Gefahr des Aussatz. Sie ist ja schon wie eine Totgeburt. Das ist – so denke ich – die wahre Sonderrolle Mose´s: Er ist der, der in der Fürbitte treu ist.

Hält Gott dagegen oder lässt er sich bewegen? Hört er diesen schlichten Hilfeschrei oder lässt er ihn ungehört verhallen? Mirjam wird bestraft, das bleibt ihr nicht erspart. Sie wird bestraft wie ein ungebärdiges Mädchen, das den Vater gekränkt hat, aufgebracht hat. Sieben Tage abgesondert – Isolation. Die Kürze der Zeit zeigt: es ist keine Lepra, die Mirjam befallen hat, nur ein rasch vorübergehender Ausschlag. Nach diesen sieben Tagen wird sie wieder aufgenommen. Das heißt doch: sie gilt als geheilt.

 16 Danach brach das Volk von Hazerot auf und lagerte sich in der Wüste Paran.

Der Weg geht weiter. Diese Wüste Paran war schon vor dieser ganzen Episode an den Lustgräbern und in Hazerot als Ziel der Wanderung (10,126) genannt worden.

 

Mein Gott, wie allzu menschlich geht es auch unter frommen Leuten zu. Was ist das, dass wir eifersüchtig sein können darauf, dass Du mit Anderen Deinen Weg gehst, anders als mit uns, dass Du Anderen andere Gaben gibst, die wir nicht haben, dass Du Andere für Deinen Pläne ausrüstest, für die Du uns nicht in Anspruch nimmst.

Was sind wir für Leute, dass wir es einander neiden können, wie Du die gebrauchst, die uns nahe sind, dass wir Bevorzugung und Privileg sehen, wo doch in Wahrheit Dienst und Aufgaben sind und oft genug Lasten.

Führe Du uns dazu, dass wir lernen uns zu freuen an den eigenen Gaben und an denen der Anderen. Amen