Geistausgießung in der Wüste

  1. Mose 11, 24 – 35

24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

 Mose antwortet auf die Worte Gottes, indem er sie weitergibt an das Volk. Er antwortet auch, indem er  siebzig Männer aus den Ältesten des Volks sammelt und sie um die Stiftshütte stellt. Sie suchen, so lese ich, die Nähe des Heiligtumes, des Ortes der Gottesgegenwart. Mit anderen Worten: Mose zeigt sich, seinen Einwänden zum Trotz, den Worten Gottes gegenüber gehorsam.

Wir haben hier Elemente der ältesten Traditionen in gedrängter Form beieinander – die Gegenwart Gottes in der Wolke, das Herabkommen Jahwes, das Begegnungszelt außerhalb des Lagers. Das alles ist ganz nahe an den Schilderungen aus den Anfängen am Sinai. „Mose aber nahm das Zelt und schlug es draußen auf, fern von dem Lager, und nannte es Stiftshütte. …Und wenn Mose ins Zelt hineinging, so kam die Wolkensäule hernieder und stand am Eingang des Zeltes, und der HERR redete mit Mose. Und alles Volk sah die Wolkensäule am Eingang des Zeltes stehen, und sie standen auf und neigten sich, ein jeder in seines Zeltes Tür.“(2. Mose 33,7.9-10) Es bleibt auch hier dabei: In der Mitte steht allemal dass der HERR mit Mose redete. Er ist vor allen anderen dadurch ausgezeichnet.

Was folgt, ist umständlich formuliert, aber in der Sache klar: In der Wolke kommt Gott. Er ist gegenwärtig. „Ich steige nieder ist gleichbedeutend mit Ich offenbare Mich“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 105)Er spricht mit Mose, nur mit ihm, kein Wort direkt an die Ältesten. „Gott spricht immer zum „Hauptdarsteller“, zum wichtigsten Sprecher des Volkes. Sein Auftrag geht zuerst an die Persönlichkeit an der Spitze, und erst durch sie wird der Auftrag – oft hierarchisch – an die Volkspyramide weitegeleitet. Der“ Hauptdarsteller“ aber ist Mose.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 88)Aber er teilt dann den gleichen Geist der auf Mose ist,  an die Ältesten aus. Es gibt keine zwei Sorten Geist Gottes.  Auch keine zwei Stufen des Geistes.

Seltsam ist dann, was geschieht: die Ältesten werden verzückt, geraten in Ekstase. „Es handelt sich um prophetische Verzückung, um einen Zustand der Ekstase, aus dem nicht – oder jedenfalls nicht notwendig – verständliche „prophetische“ Worte hervorgehen.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.79) Man darf schon fragen: sieht so die Entlastung aus, die Mose durch die Siebzig erhoffen durfte? Oder steht hinter den geistbegabten Ältesten eine frühe Erinnerung an eine charismatische Prophetie, die sich mit Verzücken, Ekstasen verbindet? 

Die Testamente übergreifend: der Vorgang, dass es eine ursprüngliche Aufgabe für Menschen gibt und sie dann in einer ganz anderen Weise tatsächlich wirksam werden, wiederholt sich. Die Apostelgeschichte erzählt (Apostelgeschichte 6, 1-7) von der Berufung von sieben Diakonen zur Organisation der gemeindlichen Fürsorge in Jerusalem. In Wahrheit werden sie als Evangelisten tätig, allen voran Stephanus und Philippus.

Geistausgießung in der Wüste – ein frühes Pfingsten. Eine Erinnerung daran, dass der Geist kein christlicher Exklusiv-Besitz ist. Ein Widerspruch auch gegen alle Leseweisen, die versuchen, die Zeit des Alten Testamentes als eine geistlose Zeit bloßer Gesetzlichkeit zu beschreiben. Es ist der Geist Gottes, nicht der Geist des Mose, der hier ausgeteilt wird. Mose ist, wie die siebzig Männer aus den Ältesten nur ein Träger des Gottesgeistes. Er ist nicht Quelle des Geistes! Auch das ein Hinweis darauf, wie verfehlt die Formel „mosaische Religion“ oder mosaischer Glauben ist.

 26 Es waren aber noch zwei Männer im Lager geblieben; der eine hieß Eldad, der andere Medad. Und der Geist kam über sie, denn sie waren auch aufgeschrieben, jedoch nicht hinausgegangen zu der Stiftshütte, und sie gerieten in Verzückung im Lager. 27 Da lief ein junger Mann hin und sagte es Mose und sprach: Eldad und Medad sind in Verzückung im Lager.

             „Der Wind bläst, wo er will.“(Johannes 3,8)  Der Geist erreicht, wen er will, setzt in Verzückung nach seinem Maß. Auch zwei, die nicht mit dabei sind vor der Stiftshütte. Es ist nicht der Ort, der den Geist verleiht.  Ausgerechnet von ihnen werden die Namen genannt: Eldad und Medad. Das kennt man: Wer zu spät kommt, fällt auf. Hier: Wer die große Versammlung verpasst, der wird namentlich nachgetragen! Es ist dem Text keine Frage wert, warum sie nicht mit hinausgegangen waren. Dass sie einfach vergessen worden sind, ist auszuschließen: sie waren auch aufgeschrieben. Das liest sich, als habe es eine Liste gegeben.

Was für eine schöne Botschaft: Sie haben den Weg zur Stiftshütte versäumt und sind doch nicht vergessen. Eldad und Medad haben den Anschluss verpasst und sind doch nicht abgehängt. Für sie gilt nicht: “Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben!”(Gorbatschow) So denken wir, er Gott denkt und handelt anders. Immer wieder, Gott sei Dank!

 28 Da antwortete Josua, der Sohn Nuns, der dem Mose diente von seiner Jugend an, und sprach: Mose, mein Herr, wehre ihnen!

             Josua hält auf Ordnung. Er will, das Mose einschreitet: Mose, mein Herr, wehre ihnen! „Für Herr steht das hebräische adon, das für Gott, aber auch für Vater, Eheherr, Herr eines Dieners u.a. benutzt werden kann.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.167) Josua kann sich nicht vorstellen, dass das so gut gehen kann, wenn der Geist auf Leute fällt, die nicht bei den Aufgeschriebenen, nicht bei der „offiziellen Geistausgießung dabei sind. „Die Geistübertragung auf die Alten rüttelt – für Josua zumindest – an der bisher uneingeschränkten Propheten- und Führerrolle Moses. Josua will der Erosion im Ansehen Moses wehren, kommt aber nicht weit.“ (R. Gradwohl, aaO.S. 107)

Josua denkt offensichtlich in ähnlichen Bahnen wie später Johannes bei den Jüngern Jesu. Der interveniert bei Jesus: „Da antwortete Johannes und sprach: Meister, wir sahen einen, der trieb Dämonen aus in deinem Namen; und wir wehrten ihm, denn er folgt dir nicht nach mit uns. Und Jesus sprach zu ihm: Wehret ihm nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.“(Lukas 9,49-50) Hat Jesus das 4. Buch Mose gelesen und darin seine Weite gelernt?

 29 Aber Mose sprach zu ihm: Eiferst du um meinetwillen? Wollte Gott, dass alle im Volk des HERRN Propheten wären und der HERR seinen Geist über sie kommen ließe!

             Mose ist weitherzig. Es geht ja nicht um Mose. Es wirkt wie Kritik an Josua: „Josua ging es nicht um Gottes Ehre, sondern um die Ehre seines Herrn“ (G. Maier, ebda.) Es geht doch um das, was Gott tut. Mose spricht einen Wunsch aus, der weit über alles hinausgeht, was mit einem engen Verständnis von Geist und Geistbegabung verbunden ist.

Mir fällt die Bundesverheißung des Jeremia ein: „Das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr.“Jeremia 31, 33-34) Mir fällt die Joelverheißung ein. „Nach diesem will ich meinen Geist ausgießen über alles Fleisch, und eure Söhne und Töchter sollen weissagen, eure Alten sollen Träume haben, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen. Auch will ich zur selben Zeit über Knechte und Mägde meinen Geist ausgießen.“ Joel 3,1-2)

Mir fällt natürlich auch Pfingsten in Jerusalem ein. „Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ (Apostelgeschichte 2, 3-4) Diese Erwartung, dass der Geist Gottes alle erfasst, alles durchdringt, alle leiten wird, zieht sich wie roter Faden durch die biblischen Texte.

 30 Darauf kehrte Mose zum Lager zurück mit den Ältesten Israels. 31 Da erhob sich ein Wind, vom HERRN gesandt, und ließ Wachteln kommen vom Meer und ließ sie auf das Lager fallen, eine Tagereise weit rings um das Lager, zwei Ellen hoch auf der Erde. 32 Da machte sich das Volk auf und sammelte Wachteln diesen ganzen Tag und die ganze Nacht und den andern ganzen Tag; und wer am wenigsten sammelte, der sammelte hundert Scheffel. Und sie breiteten sie rings um das Lager aus.

             Geist ist das eine, Fleisch das andere. Der den Geist gibt, der lässt auch die Wachteln vom Meer her kommen. „Im Frühjahr und Herbst pflegen an der Mittelmeerküste der Sinaihalbinsel Wachtelzüge aufzutauchen. Die Vögel lassen sich auf dem Land nieder und sind, vom Fluge ermüdet und ohnehin schwerfällig, leicht einzufangen, auch ohne spezielle Geräte der Vogelstellerei.“ (M. Noth, aaO. S.81)So vernünftig lässt sich erklären, was da geschieht. Kein Wunder also? Dem Text liegt nichts daran, ob hier ein Wunder geschieht oder einfach eine günstige Gegebenheit ergriffen wird. So oder so stehen die Israeliten vor einer nicht mehr zu bewältigende Fülle.

Man kann allerdings schon fragen, ob Gott in seinem Geben manchmal maßlos ist. Denn diese Überfülle der Wachteln wiederholt sich – im Fischzug des Petrus: „Und sie kamen und füllten beide Boote voll, sodass sie fast sanken.“(Lukas 5,7) Sie wiederholt sich im  Fischfang nach der Auferstehung am See Tiberias: „Jesus aber sprach zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Da warfen sie es aus und konnten’s nicht mehr ziehen wegen der Menge der Fische.“(Johannes 21,6) Sie wiederholt sich auch in der wunderbaren Brotvermehrung: „Und sie sammelten die Brocken auf, zwölf Körbe voll, und von den Fischen.“(Markus 6, 43) Schließlich ist da noch die Hochzeit von Kana: „Es standen aber dort sechs steinerne Wasserkrüge für die Reinigung nach jüdischer Sitte, und in jeden gingen zwei oder drei Maße. Jesus spricht zu ihnen: Füllt die Wasserkrüge mit Wasser! Und sie füllten sie bis obenan. Und er spricht zu ihnen: Schöpft nun und bringt’s dem Speisemeister! Und sie brachten’s ihm. Und er sprach: Jedermann gibt zuerst den guten Wein und, wenn sie trunken sind, den geringeren; du aber hast den guten Wein bis jetzt zurückgehalten.“Johnnes 2, 6-7.10) Wein im Überfluss. Fisch im Überfluss, Brot genug für alle. Jedes Mal eine geradezu gefährliche Überfülle. Gott ist wahrhaftig nicht knausrig in seinem Geben.

 33 Als aber das Fleisch noch zwischen ihren Zähnen war und ehe es ganz aufgebraucht war, da entbrannte der Zorn des HERRN gegen das Volk, und er schlug sie mit einer sehr großen Plage.

Haben sie sich regelrecht überfressen? Sind sie Opfer ihrer Gier geworden? So deutet es der Text verhalten an. „Das gierige und maßlose Essen des „lüsternen“ Volkes hat den Tod vieler herbeigeführt.“(M. Noth, ebda.) Es wird eine „Fress-Orgie“ und aus dieser Fress-Orgie eine sehr große Plage. Das ganze Lager stöhnt unter verdorbenen Mägen, darunter, dass sie sich die Bäuche so voll geschlagen haben. Manche sterben daran. Auch hier wieder ist die vernünftige Erklärung das eine, die erzählerische Absicht aber ist unangenehmer für unsere Ohren: In diesem Geschehen bricht sich der Zorn Gottes Bahn. Gott ist nicht so harmlos, wie wir ihn uns gerne vorstellen.

Gott gibt im Überfluss – den Geist und das Fleisch. Ist Gott deshalb unfair? Hätte er es wissen müssen, dass sie sich nach Wochen, Tagen des Manna am Wachtel-Fleisch überfressen werden? Hätte er pädagogisch rationieren müssen: Jede und jeder nur einen Wachtelflügel und nur ein Wachtelbein? Gott ist nicht so als Pädagoge unterwegs. Gott behandelt seine Leute nicht wie kleine Kinder, denen man das Essen rationiert, die Zeit zum Schlafengehen vorschreibt, die man vor Gefahren bewahrt, weil sie Gefahren noch nicht abschätzen können. Er mutet es uns zu, der Lust unsere eigenen Grenzen zu setzen. Er mutet es uns zu, selbst zu erkennen und zu wissen, was für uns gut ist, wann die Lust tödlich werden kann, wann genug genug ist.

Es ist wie so oft in den Schrift der hebräischen Bibel: Das Strafen, das Schlagen Gottes besteht einfach darin, dass er seinen Leuten, gerade auch seinen Leuten, die Folgen des eigenen Tuns nicht erspart. Sie müssen mit dem leben, was sie sich selbst bereitet haben. Die Theologie nennt das den „Tun-Ergehens-Zusammenhang“, der ein Grundelement des Gottes-Verständnisses in Israel ist: Alles tun hat seine Folgen im Ergehen.

 34 Daher heißt die Stätte »Lustgräber«, weil man dort das lüsterne Volk begrub. 35 Von den »Lustgräbern« aber zog das Volk weiter nach Hazerot, und sie blieben in Hazerot.

Mit einer Namenserklärung und einer Notiz über den weiteren Weg schließt der Abschnitt. Lustgräber – Gräber der Gier. Kibrot-Hattwah. Dort ist verständlicherweise kein Bleiben, deshalb zieht das das Volk weiter nach Hazerot, einem Ort, der „Lager“ heißt und zum Lager wird.

 

So bist Du, Gott. Du gibst mit vollen Händen. Du schüttest Deinen Segen reich über uns aus, so reich, dass es manchmal zu viel werden kann. Du gibst Deinen Geist, Fülle, die unser Herz leicht macht, die uns begeistert, uns über unsere Grenzen hinaus wachsen lässt.

Du willst, dass wir Deine Fülle empfangen und aus ihr leben – in Dankbarkeit, in Demut und im Wissen um unsere Grenzen. Amen