Maulen ist ansteckend

  1. Mose 11, 1 – 23

1 Und das Volk wehklagte vor den Ohren des HERRN, dass es ihm schlecht gehe. Und als es der HERR hörte, entbrannte sein Zorn, und das Feuer des HERRN loderte auf unter ihnen und fraß am Rande des Lagers.

             Es ist ein Grundmotiv, das schon in der Vergangenheit immer wieder laut geworden ist und das auf den weiteren Weg immer wieder angestimmt wird: das Volk wehklagte vor den Ohren des HERRN, dass es ihm schlecht gehe. Jammern gehört dazu. „Menschlich ist das Klagen verständlich.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.155) Fluchtwege und Wüstenwanderungen sind keine Urlausreisen und nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Die Antwort Gottes auf das Klagen, auf das Jammern ist hart: Sein Zorn entbrennt und findet seinen sichtbaren und verstörenden Ausdruck im  das Feuer des HERRN. Das Lager ist von diesem Brand bedroht. Es ist, salopp gesprochen, eine Strafe für Nörgelei. „Grund der Strafe muss die Hauptsünde Israels in jener Zeit, die Unzufriedenheit und Klage, gewesen sein. Einen bestimmten Anlass zu solcher Unzufriedenheit und Klage weiß der Erzähler nicht anzugeben.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.75) Muss er auch nicht, weil jeder Leser weiß: um zu klagen, braucht es keine Gründe.

2 Da schrie das Volk zu Mose, und Mose bat den HERRN; da verschwand das Feuer. 3 Und man nannte die Stätte Tabera, weil hier das Feuer des HERRN unter ihnen aufgelodert war.

             So bedrohlich ist die Brandgefahr, dass das Volk sich jetzt wieder an Mose hält, zu ihm schreit. Mose verwandelt das Schreien in ein Bitten an den HERRN. Siehe da, das Feuer verschwindet. Erlöscht wie von selbst. Übrig bleibt eine Erinnerung, die sich im Namen Tabera – Ort der Verbrennung –  niederschlägt. Diesen Ort zu bestimmen ist heute nicht mehr möglich – irgendwo zwischen Ägypten und Palästina.

4 Das fremde Volk aber unter ihnen war lüstern geworden.

       Unter den Israeliten gibt es auch fremdes Volk.“ „Zusammengelaufenes Gesindel“(G. Maier, aaO. S. 156)ist schon sehr abwertend übersetzt. Aber das klingt kaum besser: „Viel Schwarmgemeng“ (Übersetzung Buber-Rosenzweig) Gemeint sind die, die seit dem Auszug mit auf dem Weg sind: „Und es zog auch mit ihnen viel fremdes Volk, dazu Schafe und Rinder, sehr viel Vieh.“(2. Mose 12,38)  „Die Fremden, die ’asafsúf heißen, bleiben Outsiders, ein Kern der Oppositionellen, rasch unzufrieden, rasch zur Meuterei bereit.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 97) Sie werden lüstern. Unzufrieden. Aufsässig. Es wird gut sein, hier nicht gleich sexuelle Beiklänge zu hören. Es geht einfach darum, dass es Leute gibt, die über alles und jedes maulen.  

 Da fingen auch die Israeliten wieder an zu weinen und sprachen: Wer wird uns Fleisch zu essen geben? 5 Wir denken an die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, und an die Kürbisse, die Melonen, den Lauch, die Zwiebeln und den Knoblauch. 6 Nun aber ist unsere Seele matt, denn unsere Augen sehen nichts als das Manna.

             Die Israeliten lassen sich anstecken von diesem Gemaule. Sie weinen, nicht heimlich, sondern öffentlich. „Das Weinen ist hochoffiziell, Zechen des Musstrauens und Trotzes. …Wenn die Leute „nach Sippen“ weinen, vor dem Zelt, so wollen sie gesehen und gehört werden.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 99f.)

Sie sind das Manna leid. Sie wollen endlich wieder herzhaft essen können, nicht immer diese vegane Pampe. Sie zählen auf, was es in Ägypten alles an Leckereien gab. Wer so über das vorhandene Essen meckert, verschärft nur das eigene Empfinden. Die eigene Empfindlichkeit. Die Seele ist matt, die Kehle vertrocknet. Es ist das eine hebräische Wort næpæš, das sowohl mit Seele als auch mit Kehle wiedergegeben werden kann. (H.W. Wolff, Anthropologie des Alten Testamentes, München 1974, §2, S. 25ff)  Sie wollen sagen, sie sind von dieser einseitigen Ernährung körperlich und seelisch am Ende.     

 7 Es war aber das Manna wie Koriandersamen und anzusehen wie Bedolachharz. 8 Und das Volk lief hin und her und sammelte und zerrieb es mit Mühlen oder zerstieß es in Mörsern und kochte es in Töpfen und machte sich Kuchen daraus; und es hatte einen Geschmack wie Ölkuchen. 9 Und wenn bei Nacht der Tau über das Lager fiel, so fiel das Manna mit darauf.

             Merkwürdig: eine Erklärung des Manna, als sei das Manna nicht schon viel früher im 2. Mosebuch beschrieben worden. Ausführlich wird darüber informiert, wie es aussieht, wie es gewonnen und verarbeitet wird. wie es schmeckt. So wird noch einmal deutlich, wie unangemessen und unangebracht das Jammern des Volkes ist.

 10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es.

             Mose hört das Volk weinen, klagen, greinen und ist empört. Schlimmer allerdings. Der gerade erst besänftige Zorn des HERRN entbrennt erneut. Es wirkt fast, als sei das eines, die Empörung Mose´s und der Zorn des HERRN. Ich vermag nicht zu sehen, warum da entbrannte der Zorn des HERRN sehr ein später Zusatz sein soll. Das Ineinander von menschlichen und göttlichem „Empfinden“ ist nicht nur an dieser Stelle Thema der Mose-Erzählungen.

11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

Merkwürdig allerdings: Mose geht mit seinem Verdruss über das Volk zu Gott und beklagt sich nun seinerseits bei Gott. Er füllt sich überfordert. Er bezieht die Klagen des Volkes auf sich, die doch an Gott gerichtet sind. „Die Leute haben sicher nicht erwartet, dass Mose ihnen Fleisch hervorzaubert.“ (R. Gradwohl, aaO., S. 100) Es ist wahr, er ist Knecht Gottes. Aber hätte er als solcher nicht ein Anrecht darauf, Gnade zu finden, Entlastung zu erfahren? Es ist zu viel, was Gott ihm zumutet. Er soll Amme sein, soll das Volk tragen, soll Wegweiser sein, soll das Volk mit Fleisch versorgen. Das alles ist viel zu viel. Lieber sterben als immer weiter mit diesen Anfeindungen, Vorwürfen und übersteigerten Erwartungen leben.

Mose scheint jetzt in seiner Selbstwahrnehmung da angelangt, wo ihm sein Schwiegervater Jitro schon einmal gesehen hatte (2. Mose 18, 13 -27), in der Überforderung dessen, der alles auf seine eigenen Schultern nimmt, der alles allein regeln will, weil er sich alleine wähnt. Das also hat er, angesichts des Weinens und Klagens, auch der Anklagen, die er persönlich genommen hat verstanden: Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. Er braucht Hilfe, Helfer, auf jeden Fall Entlastung. Sonst ist er endgültig am Ende.

 16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst.

             Gott findet die gleiche Lösung wie Jitro. Er lässt Mose siebzig Männer unter den Ältesten Israels suchen, die mit ihm die Verantwortung teilen. Die ihm helfen, die Last des Volks zu tragen. Die geleitet sind vom Geist Gottes, der auf Mose ist, aber nicht Exklusivrecht des Mose. Es ist wohl so – und das schwingt in dieser Episode mit – dass die Gefahr des Allmachtswahn und der alles umfassenden Zuständigkeit nicht mit einem Mal überwunden ist. Es raucht die stete Erneuerung der Arbeitsteilung, damit man nicht in die Falle der eigenen Selbstüberforderung gerät. Existentielles Lernen  geschieht durch Wiederholung.

 18 Und zum Volk sollst du sagen: Heiligt euch für morgen, so sollt ihr Fleisch zu essen haben; denn euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben, 19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, 20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen?

             So lange Fleisch, bis es euch zu viel ist. Bis ihr’s nicht mehr riechen könnt. Das ist die Antwort Gottes. „Die Erfüllung wird zugleich eine Manifestation des göttlichen Zornes über das „Gelüste“ sein.“ (M. Noth, aaO. S.78) Essen bis zum Überdruss.  Jeden Tag Kaviar ist auch kein Genuss mehr. Es ist die Antwort auf die Undankbarkeit des Volkes, auf seine nostalgischen Gedanken und Gefühle über den Aufenthalt in Ägypten. Ihr „da ging es uns gut“ ist die Verweigerung des Weges nach vorne.

Man kann schon sehr darüber nachdenken, ob die Verklärung der Vergangenheit nicht fast immer dazu führt, dass man die Zukunft vertut. Das gilt im Blick auf kirchliche Besitztümer – lasst doch die Kirche im Dorf – so gut wie im Blick auf die Zustände im Staat früher: da gab es das nicht, dass dunkelhäutige Menschen blonde Frauen belästigten, dass rumänische Gaunerbanden in Hauser einbrechen, dass man seines Lebens nicht mehr sicher war, Wer so denkt und argumentiert, sehnt sich zurück in die angeblich so tolle Vergangenheit und verliert darüber die Zukunftsfähigkeit.

 21 Und Mose sprach: Sechshunderttausend Mann Fußvolk sind es, mit denen ich lebe, und du sprichst: Ich will ihnen Fleisch geben, dass sie einen Monat lang zu essen haben. 22 Kann man so viele Schafe und Rinder schlachten, dass es für sie genug sei? Oder kann man alle Fische des Meeres einfangen, dass es für sie genug sei?

             Das ist der Einwand der Vernunft, auch Gottes Zusagen gegenüber. Mose zeigt sich als Realist. Wie soll das in der Wüste gehen, so viele Leute mit Fleisch versorgen? Später wird sie diese Frage im Mund der Jünger wiederholen, angesichts von fünftausend Leuten, die zu versorgen wären: „Es ist ein Knabe hier, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische. Aber was ist das für so viele?“(Johannes 6,9) Es ist wohl so: Realisten sehen immer zuerst die Größen der Aufgaben und die möglichen Überforderungen.

  23 Der HERR aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich mein Wort an dir erfüllt oder nicht.

Ist das Ironie in der Antwort Gottes? Ironie, die die Skepsis des Mose konterkariert, als Kleinglauben entlarvt. Oder soll Mose lernen, einmal mehr, mehr mit Gottes Möglichkeiten zu rechnen? Das Gotteswort greift eine Klage auf, die immer wieder einmal laut wird in Israel: Die Hand Gottes ist zu kurz.(Jesaja 50,2; 59,1) Seine Hilfe bleibt aus. Was Mose lernen wird: Gottes Arm reicht weiter. Sein Wort erfüllt sich. Das Volk wird Fleisch in Überfülle erhalten.

 

Mein Gott, wie viel Jammern und Klagen hörst Du Tag um Tag, wie viel Klagen, das verzweifelt und zu Recht nach Dir schreit, wie viel Klagen aber auch, das nur undankbares Jammern ist.

Mein Gott, gib Du mir, dass ich nicht Klagen anstimme, und darüber die Dankbarkeit vergesse für die guten Zeiten, für die guten Gaben, für die Wohltaten, die ich reichlich empfangen habe.  Amen