Gottes Rhythmus folgen

  1. Mose 10,11 – 36

11 Am zwanzigsten Tage im zweiten Monat des zweiten Jahres erhob sich die Wolke von der Wohnung des Gesetzes. 12 Und die Israeliten brachen auf aus der Wüste Sinai, und die Wolke machte halt in der Wüste Paran.

             Aufbruch. Es ist nur eine Andeutung: Zwei Jahre verweilt Israel in der Wüste Sinai. Solange, bis die Wolke sich in Bewegung setzt.  „Wenn Gott durch die Wolke spricht, bricht Israel auf.“  (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.148) Der Weg führt aus der einen Wüste in eine andere, die Wüste Paran. Es ist offenkundig schwierig, diese Wüste zu lokalisieren – ob im Nordteil oder Südteil der Sinai-Halbinsel. „Es fällt schwer den Namen Pharan zu trennen von dem Namen wādi fērān im gebirgigen Südteil der Sinaihalbinsel; dieses Tal, das in seinem oberen Teil eine wassereiche und fruchtbare  Oase vorweist, ist eine der bemerkenswertesten Stellen der Sinaihalbinsel“. (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.69) Trotzdem bleibt es intelligente Spekulation, diesen Ort hier gemeint zu sehen. Andere Kommentare zu suchen Pharan in gerade gegengesetzter Richtung im Norden.

 13 So brachen sie zum ersten Male auf nach dem Wort des HERRN durch Mose, 14 nämlich das Banner des Lagers Juda brach zuerst auf, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Nachschon, der Sohn Amminadabs. 15 Und über das Heer des Stammes Issachar gebot Netanel, der Sohn Zuars. 16 Und über das Heer des Stammes Sebulon gebot Eliab, der Sohn Helons. 17 Dann zerlegte man die Wohnung, und es brachen auf die Söhne Gerschon und Merari und trugen die Wohnung. 18 Danach brach auf das Banner des Lagers Ruben, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Elizur, der Sohn Schedëurs. 19 Und über das Heer des Stammes Simeon gebot Schelumiël, der Sohn Zurischaddais, 20 und Eljasaf, der Sohn Deguëls, über das Heer des Stammes Gad. 21 Dann brachen auf die Kehatiter und trugen die heiligen Geräte; und man richtete die Wohnung auf, bis diese nachkamen. 22 Danach brach auf das Banner des Lagers Ephraim, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Elischama, der Sohn Ammihuds, 23 und Gamliël, der Sohn Pedazurs, über das Heer des Stammes Manasse 24 und Abidan, der Sohn des Gidoni, über das Heer des Stammes Benjamin. 25 Danach brach auf das Banner des Lagers Dan als letztes aller Lager, Heerschar nach Heerschar, und Ahiëser, der Sohn Ammischaddais, gebot über ihr Heer 26 und Pagiël, der Sohn Ochrans, über das Heer des Stammes Asser 27 und Ahira, der Sohn Enans, über das Heer des Stammes Naftali. 28 So brachen die Israeliten auf, Heerschar nach Heerschar.

             Neben das sprechende Zeichen der Wolke tritt das Wort des HERRN durch Mose. Das eine ergänzt das andere und es ist eben kein Entweder-oder.  Alles geht in genau festgelegter Abfolge vor sich. Kein Chaos, sondern Ordnung. Hier herrscht Sorgfalt. In dieser Sorgfalt geschieht auch der Transport der Wohnung. Es gibt einen Trupp, rund um Gerschon und Merari, die die Wohnung tragen. Und eine andere Gruppe trägt die heiligen Geräte. So bleibt die Stiftshütte auch während des Marsches immer inmitten des Volkes.

 

Warum erzählt man in Israel so peinlich genau diesen Aufbruch und seine Ordnung? Warum hängt so viel daran, die einzelnen Stämme, Lager und ihre Anführer zu nennen, ihren Platz im Ganzen des Volkes? Es hat, so mein Gedanke, wohl darin seinen Grund, dass der Glaube Israels an der Geschichte haftet. Er ist nicht einfach „nur“ eine religiöse Überzeugung, dass es Gott gibt und dass er die Welt im Innersten zusammenhält. Sondern der Glaube Israels haftet an Geschehen, das von Gott her kommt und auf Gott und sein Wort antwortet. Am Aufbruch aus Ägypten, am Durchzug durch das Schilfmeer, an den Wegen in der Wüste. Alle Stämme waren an diesen Wegen beteiligt. Sie haben darin ihren Platz gefunden. Und immer gilt: wir sind dabei gewesen, als Gott uns führte.

Eine späte Parallele zu diesem sorgfältigen Erzählen: der Weg Jesus mit seinen Jüngern. Da werden sie namentlich genannt, die seine Wege geteilt haben, seine Worte gehört, seine Zeichen gesehen. Auch da Geschichte und Geschichten und eben nicht nur Religion und religiöses „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“ (F. Schleichermacher.)  

Noch einmal weiter gedacht: Für mich und meinen Glauben ist wichtig, dass ich mich erinnern kann. An Geschehen. An Daten, an Ereignisse, in denen für mich die Nähe Gottes greifbar geworden ist. Ich kann mich erinnern, wann eine Erfahrung Gottes mein Leben auf eine neue, andere, gute Spur gebracht hat. Mein Glaube ist nicht nur Gefühl. Er ist auch Erfahrung des Lebens. Es gilt, mit solchen Erfahrungen im Weitererzählen “keusch” umzugehen. Dazu ist diese strenge Lagerordnung und Aufbruchsordnung eine gute Anleitung.

  29 Und Mose sprach zu seinem Schwager Hobab, dem Sohn Reguëls, aus Midian: Wir brechen auf zu der Stätte, von der der HERR gesagt hat: »Ich will sie euch geben.« Komm nun mit uns, so wollen wir Gutes an dir tun, denn der HERR hat Israel Gutes zugesagt. 30 Er aber antwortete: Ich will nicht mit euch, sondern in mein Land zu meiner Verwandtschaft ziehen. 31 Mose sprach: Verlass uns doch nicht, denn du weißt, wo wir in der Wüste uns lagern sollen, und du sollst unser Auge sein. 32 Und wenn du mit uns ziehst – was der HERR Gutes an uns tut, das wollen wir an dir tun.

             Mose benennt im Gespräch mit seinem Schwager Hobab das Ziel des Weges, die Stätte, von der Gott gesagt hat. »Ich will sie euch geben.« Kein selbstgewähltes Ziel. Fast klingt es so, als würde Mose selbst das Ziel de Weges noch nicht genauer benennen können. Was er aber will, ist klar: er will Hobab als Weggefährten. Genauer noch: du sollst unser Auge sein. Es geht ihm um die Ortskenntnis seines Schwagers, der als Midianiter „das Gebiet zwischen Sinai und Kanaan sehr genau kennt.“ (G.Maier, aaO. S.151)Es ist offensichtlich so: die Führung Gottes durch die Wolke schließt es nicht aus, sich eines Spähers, eines ortkundigen Kundschafters und Führers zu bedienen. „Auch wunderbare Führungen schließen der Gebrauch der Vernunft nicht aus.“ (G.Maier, ebda.)

            Wie geht das aus? Lässt Hobab sich überzeugen? Nimmt er das Angebot des Schwagers an, das ja mit einem Versprechen verbunden ist: wir wollen Gutes an dir tun, denn der HERR hat Israel Gutes zugesagt. Es kann sein, dass Hobab zustimmt, es ist aber nicht wirklich klar. Aus dem Text geht es nicht hervor

      Das Richterbuch hat eine andere Überlieferung über Hobab. Da ist er nicht der Schwager, sondern „der Schwiegervater des Mose“ (Richter 1,16; 4,11) Einmal mehr ist es schwer, die unterschiedlichen Informationen auf einen Nenner zu bringen. Offensichtlich liegt der Endredaktion der biblischen Texte nicht so viel daran, solche Widersprüche zu harmonisieren. Wir heute hätten das irgendwie bereinigt.      

 33 Sie aber zogen von dem Berge des HERRN drei Tagereisen weit, und die Lade des Bundes des HERRN zog vor ihnen her die drei Tagereisen, um ihnen zu zeigen, wo sie ruhen sollten. 34 Und die Wolke des HERRN war bei Tage über ihnen, wenn sie aus dem Lager zogen.

             Die Lade zeigt den Weg. Sie bestimmt den Rastplatz. Und die Wolke tut das Ihre. „Wo Gott sich niederlässt, hat Israel Ruhe.“(G. Maier, aaO. S.152) Nie ist Israel ohne diese göttliche Wegweisung.

 35 Und wenn die Lade aufbrach, so sprach Mose: HERR, steh auf! Und deine Feinde werden sich zerstreuen und alle, die dich hassen, werden flüchtig vor dir! 36 Und wenn sie sich niederließ, so sprach er: Komm wieder, HERR, zu der Menge der Tausende in Israel!

             Zwei Sprüche – Ladesprüche – markieren Aufbruch und Ankunft. Es sind Kraftworte, Anrufungen Gottes. Steh auf – Komm wieder. Sie stimmen zu der vorgestellten Situation: Im Aufbruch weiß man nicht, was alles auf dem Weg sein wird, ob es Begegnungen mit Feinden geben wird. Darum die Aufforderung an Gott. Es wird reichen, dass er da ist, um die Feinde zu zerstreuen. Und wirklich zur Ruhe kommt Israel erst dann, wenn Gott zurückkehrt – so wörtlich šūbāh, wenn er sich inmitten des Volkes niederlässt.

Wenn er in der Mitte seines Volkes zugänglich ist – so die große Hoffnung im Schluss der biblischen Bücher: „Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden seine Völker sein, und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“  (Offenbarung 21, 3)    

 

Heiliger Gott, lass uns gehen, wenn Du sagst: Geh. Lass uns bleiben, wenn Du sagst: Bleib. Lass uns Deine Wegweisung erfragen und erfahren, Dir folgen, nicht ängstlich, so als würden wir Dich verlieren, wenn wir einmal Deine Signale fehldeuten.

Lass uns erfahren, wie es uns gut tut, Deinem Aufbruch zu folgen, Deine Ruhe mit zu ruhen, uns Deinem Rhythmus anzupassen.

Und darum bitten wir dich immer wieder: Kehre Du Dich um zu uns, damit wir leben. Amen