Keine Hast

  1. Mose 9, 15 – 23

15 Und an dem Tage, da die Wohnung aufgerichtet wurde, bedeckte eine Wolke die Wohnung, die Hütte des Zeugnisses, und vom Abend bis zum Morgen stand sie über der Wohnung wie ein feuriger Schein. 16 So geschah es die ganze Zeit, dass die Wolke sie bedeckte und bei Nacht ein feuriger Schein.

            Die Wohnung – das ist die Stiftshütte. Sie wird überschattet, bedeckt  von einer Wolke. Das ist nicht einfach Wetterbeobachtung. Wolke und der feurige Schein des Nachts „sind beide der sichtbare Ausdruck der Gegenwart Gottes.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.140) So war es ja schon beim Auszug aus Ägypten. Daran hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Gott erweist sich in seiner Gegenwart als beständig.

17 Sooft sich aber die Wolke von dem Zelt erhob, brachen die Israeliten auf; und wo die Wolke sich niederließ, da lagerten sich die Israeliten. 18 Nach dem Wort des HERRN brachen sie auf, und nach seinem Wort lagerten sie sich. Solange die Wolke auf der Wohnung blieb, so lange lagerten sie.

Darauf kommt es dem Erzähler an, aufzuzeigen, wie ganz und gar abhängig Israel in seinem Bleiben,  Verweilen und Aufbrechen von den Signalen Gottes ist. Es sind non-verbale Signale. Mit keinem Wort wird hier davon berichtet, dass Gott spricht. Aber im Achten auf die Wolke geschieht ein Achten auf das Wort des HERRN.  Das also sollen wir als Leserinnen und Leser verstehen: die Wolke ist ein  sprechendes Zeichen.

Hier geht es um mehr als um die Wolkensprache, die die Meteorologen entschlüsseln. Sie lesen aus der Form der Wolken Wetterbotschaften ab. Es macht einen Unterschied, ob es Kumuluswolken sind oder Schleierwolken, ob der Himmel bedeckt ist oder wolkenlos klar. Was der Schreiber dieser Texte hier sagen will, hat aber eine weit über Wettermeldungen hinaus gehende Botschaft:

„Befiehl du deine Wege und was deine Herze kränkt                                       Der allertreusten Pflege des, der den Himmel lenkt                                          Der Wolken, Luft und winden gibt Wege, Lauf und Bahn,                               der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann.“                                                                           P. Gerhardt 1653, EG 361   

 Viel später wird Jesus indirekt auf diese Worte zurückgreifen in seinen Worten von den sprechenden Zeichen der Erde: „Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass der Sommer schon nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.“(Lukas 21, 29 – 31) 

 19 Und wenn die Wolke viele Tage stehen blieb über der Wohnung, so beachteten die Israeliten die Weisung des HERRN und zogen nicht weiter. 20 Und wenn die Wolke auf der Wohnung nur wenige Tage blieb, so lagerten sie sich nach dem Wort des HERRN und brachen auf nach dem Wort des HERRN. 21 Wenn die Wolke da war vom Abend bis zum Morgen und sich dann erhob, so zogen sie weiter; oder wenn sie sich bei Tage oder bei Nacht erhob, so brachen sie auch auf. 22 Wenn sie aber zwei Tage oder einen Monat oder noch länger auf der Wohnung blieb, so lagerten die Israeliten und zogen nicht weiter; und wenn sie sich dann erhob, so brachen sie auf.

Was nebenbei auch sichtbar wird: hier gibt es keine Hast. Es kann sein, es geht nach einem oder zwei Tagen weiter. Es kann sein, die Wolke bleibt viele Tage stehen. Da ist nichts, was zur Eile mahnt. „Als Gott die Zeit geschaffen hat, hat er nichts von der Eile gesagt.“ Nicht die Eile macht einen Weg zu Gottes Weg, sondern der Gehorsam. Darauf liegt der Ton des ganzen Abschnittes: Israel vertraut sich im Verweilen und im Aufbrechen der Führung Gottes an.

23 Denn nach des HERRN Befehl lagerten sie sich, und nach des HERRN Befehl brachen sie auf und beachteten so die Weisung des HERRN, wie er sie durch Mose geboten hatte.

Der Schreiber wird nicht müde, zu wiederholen: Wegweisung Gottes. Des Herrn Befehl. Wenn es mit dem Weg Israels gut werden soll, dann muss es sich den Befehlen Gottes anvertrauen, dann muss es seine Weisung beachten. Zum eigenen Wohlergehen. “Mit diesen Ausführungen wird der erst noch folgenden Wüstenwanderung vorgegriffen; denn bislang ist Israel vom Sinai noch gar nicht aufgebrochen. Ein Späterer hat hier vorab in breitester Ausführlichkeit die göttliche Führung in der Wüste dargestellt.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.68)

            Es ist ein Idealbild Israels, das hier gemalt wird. Ganz an der Wegweisung Gottes orientiert. Ob Aufbruch oder Ruhe, ob kurze Rast oder langer Aufenthalt, immer ist es ein Signal Gottes, das das Verhalten bestimmt. Nie ist Israel ohne diese Weisung. Auch das ist zu lernen aus diesen Worten: Gegenwart Gottes ist Weisung. Gott ist gegenwärtig ist mehr als nur: er ist da. Immer da. Die Gegenwart Gottes, so ist es hier zu lesen, hat Folgen in konkreter Wegweisung.

Es ist, als würde hier schon das Kontrastprogramm zu dem angezeigt, was im gesamten Buch folgen wird. Denn da ist allzu oft davon zu erzählen, wie Israel sich den Wegen Gottes verweigert, über sie murrt und meint, es besser zu wissen als Gott, was für das Volk gut ist. Es ist wieder und wieder die Entscheidung, vor der Israel steht, vor der aber auch wir stehen: Vertrauen wir uns den Wegen und Worten Gottes an oder wählen wir lieber unsere eigenen, selbstbestimmten Wege. Die müssen wir dann freilich auch alleine und selbst verantworten. Wir können sie nicht Gott anlasten.

“Vertraut den neuen Wegen, auf die uns Gott gesandt.
Er selbst kommt uns entgegen. Die Zukunft ist sein Land.
Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit.
Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.”                                                         K. P. Hertzsch 1989 EG 395

Noch einen Schritt weiter überlege ich. die Wolke ist ein non-verbales Signal. Seit wir klugen Leute die Welt naturwissenschaftlich entzaubert haben, empfangen wir keine non-verbalen Signale mehr aus der göttlichen Wirklichkeit. Alles ist uns nur noch Welt. Nur noch Physik, Chemie, Biochemie.  So stehen wir in der Erfahrung und Erklärung der Welt immer nur uns selbst gegenüber und enden so in einer grenzenlosen Einsamkeit. Da ist kein Du, schon gar kein göttliches Du, den wir unseren Weg vertrauen könnten. Nur noch wir und unsere Klugheit, gefangen in den engen Grenzen unseres Begreifens.

Ein Sturm namens „Harvey“ könnte und Demut lehren. Aber das wollen wir nicht: „Glauben heißt: Die Abhängigkeit von Gott als Glück erfahren.“(D. Hammerskjöld, Zeichen am Weg , München 1968) Wir fremd klingt das heute – aber auch: wie nahe an dem, was Israel zu lernen hat. Demut lernen. Wir beugen uns in unserer menschlichen Hybris nicht mehr unter die machtvollen Gegenwart Gottes und ihre Weisungen, verborgen im Gewölk des Himmels.

 

Heiliger, barmherziger Gott, Du willst uns führen, uns die Wege unseres Lebens weisen, manchmal durch Worte, manchmal durch Zeichen, manchmal durch Deine Engel, manchmal durch das Geschehen eines Tages hindurch.

Du lässt uns nicht ohne Deine Signale. Deine Hinweise. Gib Du  uns offene Augen, Deine Zeichen zu sehen, offene Ohren, Dein leises Reden zu hören, ein gehorsames Herz, uns Dir anzuvertrauen. Amen