Segen

  1. Mose 6, 22 – 27

Die Kapitel 1 – 10 im Text des 4. Buch Mose  sind in der geographischen Anordnung dem Sinai als Aufenthaltsort des Volkes zugeschrieben. Das ist mehr als eine zufällige historische Notiz. Dort, am Sinai  erhält Israel die Bundes-Ordnung, die es zum Volk Gottes macht. Dort macht es seine erste große Krise im Tanz um das Goldene Kalb durch. Dort erfolgt nach der Erzählung aus dem 3. Mose-Buch die Einsetzung der aaronitischen Priesterschaft. Mit anderen Worten: der Sinai ist der Ort der grundlegenden geistlichen und gemeinschaftlichen Ausrichtung Israels.

Wenn also der aaronitische Segen hier im 4. Buch Mose am Sinai verortet wird, dann ist das eine eindrückliche Unterstreichung: Segen ist nichts Nebensächliches. Nichts, was nur am Schluss eines Gottesdienstes sagt: „Ich habe fertig.“(Trapattoni) Sondern Segen ist geistlicher Grundbestand.

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

              Was folgen wird ist eine Anordnung Gottes – durch Mose weitergegeben. Daran liegt dem 4. Mose-Buch, es einzuprägen: die Anordnungen, die in Israel Gültigkeit beanspruchen, gehen auf Anordnungen Gottes zurück. Mose ist nur der, der sie weitergibt, nicht der, der sie sich ersinnt. „Immer wieder begegnen wir der Redewendung, man habe so gehandelt, „wie Jahwe dem Mose geboten hatte“. Dieses Motiv zieht sich von 1,19 bis 36,10, also vom ersten bis zum letzten Kapitel des Buches, hindurch.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 24) Es ist Gehorsam gegen Gott, der den Weg Israels prägt und unter den Segen führt.

„Woher ergibt es sich, dass der Priester, der die Plattform (zum Segnen) betritt, sich nicht denkt: Nachdem mir die Tora erlaubt Israel zu segnen, will ich meinen  eigenen Segenspruch beigeben? Weil es heißt: Fügt nichts zur Sache hinzu(Deuteronomium 4,2). Seit Jahrtausenden besteht der Priestersegen tatsächlich unverändert fort.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 88)

Sehr persönlich: ich hänge an dieser so kargen Formulierung. Ich bin innerlich auf Abstand gegenüber den nach eigenem Gutdünken und Geschmack entfalteten Segenssätzen, die in meinen Augen nichts erklären, nur in einer für mich übergriffigen Weise „pädagogisieren“, erläutern und darin allzu oft die Schönheit der Worte verstellen.

Was Mose weitergeben soll ist die Art und Weise, wie Aaron und seinen Söhnen segnen sollen. Wie sie das Volk der Obhut Gottes gewiss machen sollen. Es ist, zumindest hier in den Worten, keine freie Wahl, wie einer segnet. Es ist auffällig, dass der Abschnitt „keine äußere Segenshandlung vorschreit, sondern den Segen an das Wort bindet.“ (G. Maier, aaO. S.109)  Strenger noch: Nur der Wortlaut ist vorgegeben. Nicht aber die Segensgeste.

Daran schließt sich natürlicherweise sofort die Frage an: Wirkt der Segen nur, wenn er in diesen Worten gesprochen wird? Haben wir also gewissermaßen eine „heilige Formel“ vor uns, für alle Zeit unveränderlich, die, richtig ausgesprochen, auch aus sich selbst wirkt? Ich denke so nicht – magisches Denken in Beschwörungsformeln ist dem Alten Testament und der Bibel insgesamt fremd.

Was aber wohl stimmen wird: diese Festlegung auf einen Wortlaut hat es mit der Treue zu tun, mit der Beständigkeit, die nicht ständig Neues produzieren muss, sondern die sich dem Hergebrachten, dem Tradierten, dem bewährten Wort anvertraut und dahinter das eigene Wort zurücktreten lässt, weil man in den alten Worten gut aufgehoben ist. Davon freilich gehe ich aus: Dieser Segen „kann zu dem von älterer Zeit her überkommenen Gut gehören, und die Schlichtheit seiner Aussagen spricht sogar für höheres Alter; aber es ist naturgemäß unmöglich, seine Entstehung auch nur einigermaßen genau zu datieren.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.53) Das ist ja häufig so, vor allem bei Formeln und Sätzen, die im Gottesdienst verwendet werden. Ihr Alter und ihre Entstehung sind oft nicht mehr zu rekonstruieren.

 24 Der Herr segne dich und behüte dich; 25 der Herr lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; 26 der Herr hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.

Kein Zweifel – diese Worte gehören zu den bekanntesten der gesamten Bibel. Sie sind Schlusspunkt – und Höhepunkt des Gottesdienstes. Die Gemeinde wird aus dem Gottesdienst „entlassen“ – hinein in die Gegenwart Gottes. Was im Gottesdienst angefangen hat, geht draußen vor der Tür weiter. Der Weg, den jetzt, nach dem Gottesdienst jeder und jede zu gehen anfängt, draußen, in der so widersprüchlichen Welt, ist ein Weg unter Gottes Augen.

„Segen“, b’rachá, ist die unbeschränkte Fülle an den Gaben Gottes, der materiellen wie der geistigen.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 90) Im 5. Buch Mose werden diese Segnungen aufgezählt:

Gesegnet du in der Stadt, Gesegnet du auf dem Feld,                                                 Gesegnet die Frucht deines Leibes, die Frucht deines Bodens,                             Die Frucht deines Viehs, der Wurf deiner Rinder, die Brünste deiner Schafe, gesegnet deine Mulde und dein Backtrog                                                                     gesegnet du bei deiner Ankunft, gesegnet du bei deiner Ausfahrt                                                5. Mose 28,2 – 6, Übersetzung Buber-Rosenzweig

Wie karg ist demgegenüber der Segen hier. Auffällig ist die dreimalige Nennung des Namens Gottes – Jahweder HERR. Das ist nicht Einfallslosigkeit, sondern Absicht. „Durch die an sich nicht notwendige dreimalige Nennung des Gottesnamens wird Gott als Spender des Segens stark hervorgehoben.“(M. Noth, ebda.)Der “aaronitische Segen”, so wird dieser Segen gerne bezeichnet, ist also in Wahrheit der Segen des HERRN, Gottes Segen. Der Name, so gebräuchlich er auch ist, führt in die Irre. Die Autorität dieses Segens beruht nicht auf Aaron und seinen Söhnen, auch nicht auf Mose, sondern alleine auf dem HERRN.

An wen richtet sich dieser Segen? Wer ist das „Du“, das angesprochen wird? „Die zweite Person Singular der Anrede lässt die Alternative kollektiver oder individueller Bedeutung offen. Wahrscheinlich handelt es sich dabei gar nicht um ein Entweder-Oder; vielmehr sind die jeweils mit dem Segen Angesprochenen gemeint sowohl als Teilhaber an dem ganz Israel zugedachten Segen wie auch als einzelne Menschen.“ (M. Noth, aaO.  S. 54)  Wenn ich im Gottesdienst diese Worte höre, darf ich sie ganz persönlich nehmen und gleichzeitig für die Gemeinschaft der Versammelten glauben.

Zentral in diesem Segenswort ist das zugewandte Angesicht Gottes. Das ist  nicht einfach nur naive Vermenschlichung Gottes. „Wenn Gottes Angesicht erstrahlt, beginnt auch des Menschen Gesicht zu strahlen, den Gottessegen gleichsam auszustrahlen.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 91)  Es geht um Gottes Hinwendung – ’elæka -, seine Zuwendung. Man kann auch sagen: Es geht um die Nähe. Israel weiß:

„Verbirgst du dein Angesicht, so erschrecken sie;                                                   nimmst du weg ihren Odem, so vergehen sie                                                               und werden wieder Staub.“                     Psalm 104,29

Die Zuwendung Gottes, dass er sich nicht abkehrt, sich nicht abwendet, nicht irgendwo anders hinsieht, sondern sich zukehrt, das ist Lebensgrund. Für den Einzelnen wie für das Volk. Das ist auch Grund der Freiheit Israels. Der Anfang des Auszuges aus Ägypten  liegt da, wo Gott hinsieht, sich hinkehrt zu Israel: „Und Gott sah auf die Israeliten und nahm sich ihrer an.“ (2. Mose 2, 25) Immer wieder begegnet die Bitte:

„HERR, sei mir gnädig;                                                                                                        sieh an mein Elend unter meinen Feinden,                                                                  der du mich erhebst aus den Toren des Todes.   Psalm 9,14

       Darum ringen die Beter Israels, dass Gott sich nicht abkehrt, sich nicht entzieht, sondern dass er der Zugewandte bleibt, dass er das Elend und die Not sieht. Auf den Punkt gebracht: „Das Angesicht Gottes ist die Offenbarung der Gnade Gottes.“(L. Köhler, Theologie des Alten Testamentes, Tübingen 1947, S. 109)

Gott sieht. Dass er sieht ist nicht Warnung oder Drohung, es ist Zusage und Versprechen von heilsamer Zuwendung. Seiner Zuwendung, die auch dann bleibt, wen das Glück sich wetterwendisch verweigert, wenn Schicksalsschläge aus dem Gleichgewicht bringen, innerlich und äußerlich.  Gott sieht und sieht nicht weg.

Weit über den Text hinaus: Immer wieder erzählen die Evangelisten von Jesus, dass er sieht. Dass sein Sehen der Anfang seines Helfens, seines Erbarmens ist. „Und als er das Volk sah, jammerte es ihn; denn sie waren geängstet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben.“(Matthäus 9, 36) Dass sein Sehen der Anfang der Rettung, des Heils ist: Und Zachäus „lief voraus und stieg auf einen Maulbeer-feigenbaum, um ihn zu sehen; denn dort sollte er  durchkommen. Und als Jesus an die Stelle kam, sah er auf und sprach zu ihm: Zachäus, steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren. Und er stieg eilend herunter und nahm ihn auf mit Freuden.“(Lukas 19, 4 – 6)

Vielleicht darf man so zugespitzt sagen: Das Heilwerden fängt von Gott her mit Hinsehen an. Unter uns Menschen ist es nicht anders. Da, wo wir aufhören, wegzusehen, da werden wir anderen auch helfen, sie aufrichten, ihnen wohltun. Da kommt es zum Frieden, zum šalōm. Das ist mehr als der Friede, „wenn die Waffen schweigen“(M. Siebald). Es ist der Frieden, den Gott allein „schaffen“, „aufrichten“ kann. Das steckt im hebräischen Wort für geben mit drin. Gemeint ist „ein Zustand des Unversehrtseins, Wohlbefinden schlechthin.“ (M. Noth, aaO. S.54)

 So wie er sich in prophetischen Visionen manchmal angedeutet findet als die Verheißung Gottes: „Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht. Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen. Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. ….. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.“(Jesaja 65, 20-22a. 23) Das ist Segen in Fülle und Frieden ohne Grenzen.

 Ein Gedanke, der mich seit Jahren beschäftigt: Steht hinter diesem zugewandten Angesicht womöglich die zarte Andeutung eines mütterliches Gottesbildes? Das erste, was ein Kind wahrnimmt, ist das Gesicht der Mutter, ihm zugewendet, wenn es an der Brust der Mutter gestillt wird. Kann es sein, dass der Segen an diese Urerfahrung eines jeden Menschen anknüpft, dass die Botschaft des Segens mit transportiert: Du kannst wie ein ganz auf Obhut und Nähe angewiesenes Kind still sein unter dem zugewendeten Angesicht Gottes.

27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

Es sind die Priester – hebräisch kohaním – , die den Segen sprechen. Aber es ist nicht ihr Segen, es ist Gott selbst, der segnet.  Auch im letzten Satz, der so formal klingt, liegt eine Zusage: „Wenn „Mein Name“, Gottes Name über Israel ruht, ist der Segen von unverbrüchlicher Dauer.“ (R. Gradwohl, aaO. S. 95) Noch einmal: Keine Formel, die Gott herbei zwingt. Wohl aber ein Versprechen, eine Verheißung, eine Zusage, die er erfüllt.

„Der Priesterliche Segen“ – so überschreibt die Luther-Übersetzung seit altersher diesen Abschnitt. Damit setzt sie ein Signal: es gibt neben diesem priesterlichen Segen auch den anderen Segen. Den sich die Glieder des Volkes Gottes zusprechen: Untereinander in jedem Gruß. Ausdrücklich, wenn Eltern ihre Kinder segnen. Im Krankenhaus als Besucher oder Besucherin am Krankenbett. Ausdrücklich auch beim Geburtstags-Gruß: Gottes Segen. Dafür muss man nicht Priester sein. Jede und jeder darf zum „Mund Gottes“ werden, durch den der Segen weiter zugesprochen wird.

 

Dass Du Dich zu uns kehrst, dass Du Dein Angesicht auf uns richtest, voll Liebe und Erbarmen, voll Güte und Freundlichkeit, Du heiliger Gott, das ist unser Heil, unser Leben.

Unter Deinem Segen kann ich Schritte tun, allem Verzagen zum Trotz, kann ich Lasten tragen, aller Kraftlosigkeit widerstehen, allen Ängsten die Stirn bieten.

Du bist da, nah, näher als ich es je zu hoffen gewagt habe und uns gut. In Dir, unter Deinem Segen finden wir geängstigte Leute Halt. Lob uns Preis, Anbetung und Ehre sei Dir. Amen