Rom kommt näher

Apostelgeschichte 28, 1 – 16           

1 Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. 2 Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte.

                         Gerettet – auf Malta. Die Bilder unserer Tage mit überfüllten Flüchtlingsbooten stehen einem unwillkürlich vor Augen. Ähnlich gestrandet und gerettet, ist dieser Gefangenentransport auf Freundlichkeit angewiesen. Sie wird ihnen reichlich zuteil. Die Menschlichkeit der Malteser bewährt sich an diesen Schiffbrüchigen – und wird damit zum Namensgeber für barmherzige Dienste bis heute.

 3 Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und aufs Feuer legte, fuhr wegen der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest. 4 Als aber die Leute das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie untereinander: Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist.

                     Wegen der Kälte wird Feuer gemacht und alle, auch Paulus, beteiligen sich an der Suche nach Brennmaterial. Es ist eines meiner innersten Angstbilder, dass bei so einer Suche im Halbdunkel statt eines Stabes, eines Stockes, die eigene Hand eine Schlange ergreift. Das Denken der Leute ist eindeutig: Wer nach solcher Rettung dann doch in Todesgefahr gerät, der muss schuldig sein. Um seinetwillen ging das Schiff unter. Und weil er da entkam, schicken die Götter die Schlange. Er ist ein Bösewicht.

Diese Gedanken vom heimsuchenden Zorn sind biblischen Texten nicht fremd. „Weh denen, die des HERRN Tag herbeiwünschen! Was soll er euch? Denn des HERRN Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange!“(Amos 5,18-19) Es gibt kein Entrinnen vor dem Zorn, vor dem gerechten Gericht Gottes. Und so wird Paulus eben auf Malta eingeholt vom Gericht.  Es ist Gerichtstag Gottes – so denken sie hier!

5 Er aber schlenkerte das Tier ins Feuer und es widerfuhr ihm nichts Übles. 6 Sie aber warteten, dass er anschwellen oder plötzlich tot umfallen würde. Als sie nun lange gewartet hatten und sahen, dass ihm nichts Schlimmes widerfuhr, änderten sie ihre Meinung und sprachen: Er ist ein Gott.

             Aber Paulus fällt nicht tot um. Es ist nur eine Schlange. Es ist nicht das Gericht. Weil das so unerklärlich erscheint, schlägt die Stimmung sofort wieder um: Aus dem, der eben noch der todeswürdige Sünder war, der kein Recht mehr auf Leben hat, wird jetzt ein Gott. So wankelmütig geht es zu, wenn man nur sieht, was vor Augen ist. Der Erzähler Lukas aber weiß: Paulus muss doch nach Rom! So erzählt er hier ein weiteres Mal zielgerichtete Bewahrung. Christus tut alles, um seinen Zeugen nach Rom zu bringen.

7 In dieser Gegend hatte der angesehenste Mann der Insel, mit Namen Publius, Landgüter; der nahm uns auf und beherbergte uns drei Tage lang freundlich. 8 Es geschah aber, dass der Vater des Publius am Fieber und an der Ruhr darnieder lag. Zu dem ging Paulus hinein und betete und legte die Hände auf ihn und machte ihn gesund. 9 Als das geschehen war, kamen auch die andern Kranken der Insel herbei und ließen sich gesund machen. 10 Und sie erwiesen uns große Ehre; und als wir abfuhren, gaben sie uns mit, was wir nötig hatten.

                       Die Rettung geht weiter. Und sie „zahlt sich aus.“ Aus der Schar der Geretteten wird dieser eine, Paulus, zum Wohltäter. Er heilt den Vater des Publius, offensichtlich ein vornehmer Römer mit hoher Stellung und großen Ansehen auf der Insel. Diese Heilung geschieht durch Gebet und Handauflegung. Es ist nicht das Wunder des Paulus, es ist Handeln Gottes durch die Hände des Paulus. Paulus ist kein Heiler aus eigener Vollmacht oder Fähigkeit.

Diese Heilung löst dennoch eine Kettenreaktion aus. Auch die anderen Kranken auf der Insel werden zu Paulus gebracht, um geheilt zu werden.  Sie ließen sich gesund machen. Und weil das so geschieht, stehen die Gefangene, gerade dem Tod entronnen, plötzlich in großer Ehre. Reichlich versorgt verlassen sie die Insel wieder. Es ist wie eine sehr späte Reminiszenz an eine andere Aufbruchsgeschichte. „Und die Israeliten hatten getan, wie Mose gesagt hatte, und hatten sich von den Ägyptern silbernes und goldenes Geschmeide und Kleider geben lassen.“(2. Mose 12,35) Aber die reichliche Versorgung ändert nichts daran: Es bleibt ein Gefangenentransport.

 11 Nach drei Monaten aber fuhren wir ab mit einem Schiff aus Alexandria, das bei der Insel überwintert hatte und das Zeichen der Zwillinge führte. 12 Und als wir nach Syrakus kamen, blieben wir drei Tage da. 13 Von da fuhren wir die Küste entlang und kamen nach Rhegion; und da am nächsten Tag der Südwind sich erhob, kamen wir in zwei Tagen nach Puteoli. 14 Dort fanden wir Brüder und wurden von ihnen gebeten, sieben Tage dazubleiben.

Jetzt geht es, nach drei Monaten, plötzlich zügig: Syrakus auf Sizilien wird erreicht und dann in Puteoli italienischer Festland-Boden. Es ist, als wäre alles schon vorbereitet: In Puteoli gibt es bereits eine Gemeinde. Wie es zu dieser Gemeinde gekoommen ist, verschweigt der Erzähler. Sie ist einfach da. Diese Gemeinde finden Paulus und die Gefährten und erfahren, dass sie willkommen sind. Sieben Tage dürfen sie bei den Brüdern bleiben.

Fast kann es scheinen, als wäre es nach der Ankunft auf italienischem Boden mit der Eile vorbei. Aber wenn eine Reise schon beinahe ein halbes Jahr gedauert hat, kommt es auf ein paar Tage für Zwischenstopps nicht mehr an. Darum findet die Bitte der Brüder in Puteoli das offene Ohr der Transportleitung. Die Tage mit den Brüdern sind eine Freundlichkeit Paulus gegenüber. Offensichtlich hat der den Transport leitende Hauptmann keinen Termindruck mit der Ablieferung seiner Gefangenen in Rom.

Es ist schon auffällig, wie wenig dieser Gefangenen-Transport die Mühsal eines solchen Weges wider Willen ausstrahlt. Da sind keine harten Maßnahmen, keine Sicherheits-Vorkehrungen, keine Fesseln. Das Interesse des Gefangenen Paulus bestimmt das Tempo der Reise. Es ist mehr Reise als Transport, wenn auch gewiss keine Vergnügungsreise und keine Mittelmeehrkreuzfahrt mit Landausflügen.

 Und so kamen wir nach Rom. 15 Dort hatten die Brüder von uns gehört und kamen uns entgegen bis Forum Appii und Tres-Tabernae.

                Von Puteoli aus geht es nach Rom. Auf dem Landweg. Das ist anstrengend genug. Irgendwie ist die Kunde von der bevorstehenden Ankunft des Paulus und seiner Gefährten nach Rom gelangt. Deshalb machen sich Glieder der römischen Gemeinde auf und gehen den Ankömmlingen entgegen.

Auch hier wieder: festgehalten ist nur, dass es eine Gemeinde in Rom gibt. Wie sie entstanden ist, erfahren wir nicht. Erfahren wir ja auch nicht durch den Brief des Paulus nach Rom. Auch diese Gemeinde ist einfach schon da, als hätte es sie schon immer gegeben. Aus früheren Notizen der Apostelgeschichte (18,2) und den Briefen des Paulus wissen wir: Priska und Aquila, beide Juden römischer Herkunft, waren Glieder dieser Gemeinde.

Ich habe, mir unvergesslich, eine Predigt in einem fränkischen Dorf im Ohr, festgemacht am Namen des Treffpunktes: Tres-Tabernae: „Da sitzen in den drei Tavernen die Begleitmannschaften der römische Soldaten und zischen ein kühles Bier. Die Gefangenen aber, ausgemergelte Gestalten, erschöpft vom Fußmarsch, gedemütigt durch die Schikanen der Wachsoldaten, stehen draußen in der Gluthitze und müssen sich mit Wasser begnügen. Aber als die Brüder kommen, ist es Balsam für ihre Seelen.“ – soweit der mit den Gefangenen mitfühlende fränkische Prediger. Nichts davon steht freilich im Text des Lukas.   

Als Paulus sie sah, dankte er Gott und gewann Zuversicht. 16 Als wir nun nach Rom hineinkamen, wurde dem Paulus erlaubt, für sich allein zu wohnen mit dem Soldaten, der ihn bewachte.

Es setzt sich auch in Rom fort: Paulus hat Freiheiten, von denen ein Gefangener sonst nur träumen kann. Auf dem Weg in Malta vom Provinz-Gouverneur beherbergt, kann er Menschen empfangen, Heilen. Er kann das Tempo der Reise jedenfalls mitbestimmen. Er kann sich treffen mit wem er will – die Transportleitung hat keine Angst vor konspirativen Verabredungen. Der Weg nach Rom und in Rom macht den Eindruck: Paulus ist wie ein freier Mann, der seine Spielräume nützen kann. Am Ende bleibt ein Soldat, mehr Personenschützer als strenger Bewacher.

                Es ist gut, im fremden Land Menschen zu sehen, zu treffen, mit denen man tief verbunden ist, Glaubensgenossen. Man ahnt etwas von den inneren Bedrängnissen des Paulus, wenn da steht: Als Paulus sie sah, dankte er Gott und gewann Zuversicht. Er ist nicht der Held, der aus stoischer Gelassenheit heraus alles gleichmütig ertragen kann. Er ist angewiesen auf die Stärkung durch den Anblick und die Gegenwart der Brüder.

 

Lieber Herr, es tut gut, Brüder und Schwestern zu sehen, dass sie entgegenkommen, dass sie da sind, dass sie Sorge tragen. Es ist gut, wenn man sich ausgeliefert fühlt an die Umstände, an Ungerechtigkeiten, an Zwänge, an Willkür.

Es tut gut, dass Du uns entgegen kommst in den Schwestern und Brüdern. Amen