Die Stunde der Menschlichkeit

Apostelgeschichte 27, 27 – 44

27 Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. 28 Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. 29 Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde.

        Nun geht es wieder sachlich-fachlich weiter. Es klingt nüchtern: Als aber die vierzehnte Nacht kam. Dahinter aber steckt ein Sturm, der nicht aufhört, Tag und Nacht. Vierzehn lange Tage und Nächten an die Gewalt des Mittelmeeres, der Adria ausgeliefert. „Das Mittelmeer zwischen Kreta und Kilikien wurde im Altertum zur Adria gerechnet“(Anmerkung Luther 2017) Die Seeleute übernehmen die Regie. Sie suchen Land und fürchten es zugleich. Klippen könnten dem Schiff gefährlich werden. Es gilt vorsichtig zu navigieren. Den Tag erwarten.

30 Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, 31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen.

Die Schiffsleute sind erfahren und auch feige. Weil sie Realisten sind und die Gefahr entsprechend einschätzen können? Als sie die Gefahr sehen, dass das Schiff auf Klippen aufläuft, denken sie an sich selbst zuerst und wollen sich retten. Eine Flucht wäre gewiss ein Verstoß gegen jede „Seemanns-Ehre“ und würde die Passagiere dem sicheren Tod ausliefern. Ihre beabsichtigte feige Flucht wird nur durch die Aufmerksamkeit des Paulus verhindert. Es ist eine große Anfrage an die menschliche Solidarität, nicht dem Ruf zu folgen: “Rette sich, wer kann.” Weil sich solche Solidarität nicht von selbst einstellt, erzwingen die Soldaten sie – auf Anraten des Paulus. Sie kappen alle Fluchtwege, auch für sich selbst.

33 Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. 34 Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. 35 Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen. 36 Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. 37 Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig.

 Im Folgenden rückt der gefangene Passagier Paulus in den Mittelpunkt der Erzählung. Vierzehn Tage und Nächte im Sturm sind eine lange Zeit, in der die Kräfte sich erschöpfen. Irgendwann droht dann der Zeitpunkt zu kommen, an dem das Ende seinen Schrecken verliert, weil der Schrecken kein Ende findet. Was dann Not tut, ist, dass die sich schleichend ausbreitende Gleichgültigkeit durchbrochen wird. Die Lebensgeister müssen wieder geweckt werden.

Es sind in dieser Situation so nahe liegende Dinge, die Paulus tut. Er will dafür sorgen, dass alle essen. Denn ohne Nahrung fehlt die Kraft zum Handeln. Wer aber isst, will noch nicht sterben. Er spricht Mut zu. Keinem von euch wird ein Haar vom Haupt fallen. Man kann schon fragen: Klingt das in dieser Lage, nach vierzehn Tagen Sturm nicht wie Pfeifen im Wald? Die Worte sind Erinnerung an Gott, der auch für die Kleinen und in Kleinigkeiten sorgt: „Auch sind die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Lukas 12,7).  Und weil Worte oft nicht reichen, isst Paulus vor. Es ist, wenn man so will, ein Mutmach-Essen.

Wie Lukas hier formuliert, er nahm Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen, erinnert an die Speisungswunder Jesu, auch an das Abendmahl. Aber es ist gewiss kein Abendmahl, das angedeutet werden soll. Nur: Auch in der Not isst Paulus im Angesicht Gottes. Das zu sehen, ermutigt zum Nachmachen. Und so sitzen dann 276 Menschen auf dem Schiff und essen!

Paulus feiert hier nicht liturgisch Abendmahl. Aber es liegt doch wohl in der erzählerischen Absicht des Autors Lukas, dass die Leserinnen und Leser das Abendmahl  mithören und sehen. Jedes Abendmahl ist eine Zuflucht für Leute, die im Chaos treiben. Die Einladung, in den Stürmen, die sie erfahren, geborgen zu bleiben und Bergung zu suchen in Gott. Das ist zugleich eine seelische und geistliche Herausforderung, weil solche Geborgenheit gegen die Macht der inneren und von den Umständen außen genährten Ängste erkämpft und gesucht werden muss. Paulus sitzt ja hier nicht „in gar sichrer Ruh.“(J. Franck 1653, EG 396)

 38 Und nachdem sie satt geworden waren, erleichterten sie das Schiff und warfen das Getreide in das Meer. 39 Als es aber Tag wurde, kannten sie das Land nicht; eine Bucht aber wurden sie gewahr, die hatte ein flaches Ufer. Dahin wollten sie das Schiff treiben lassen, wenn es möglich wäre. 40 Und sie hieben die Anker ab und ließen sie im Meer, banden die Steuerruder los und richteten das Segel nach dem Wind und hielten auf das Ufer zu. 41 Und als sie auf eine Sandbank gerieten, ließen sie das Schiff auflaufen und das Vorderschiff bohrte sich ein und saß fest, aber das Hinterschiff zerbrach unter der Gewalt der Wellen.

Erst jetzt wieder, nach dem gemeinsamen Essen, sind die Seeleute an der Reihe. Erleichtert erleichtern sie das Schiff. Es wird von allem Ballast befreit. Die Ladung, das ganze Getreide, wird über Bord gegeben.  Der Verlust für den Schiffseigner wird beträchtlich sein. Was zählt ist nur die Rettung der Leben. Die Anker werden gekappt, die Steuerruder sich selbst überlassen. Nur noch das Segel gibt im Wind Richtung vor. Das Schiff  ist so nur noch „Treibgut“ und treibt jetzt in unbekannten Gefilden auf ein Ufer zu. Auf einer Sandbank kommt es zum Stillstand. Das Schiff zerbricht.

42 Die Soldaten aber hatten vor, die Gefangenen zu töten, damit niemand fortschwimmen und entfliehen könne. 43 Aber der Hauptmann wollte Paulus am Leben erhalten und wehrte ihrem Vorhaben und ließ die, die schwimmen konnten, als Erste ins Meer springen und sich ans Land retten, 44 die andern aber einige auf Brettern, einige auf dem, was noch vom Schiff da war. Und so geschah es, dass sie alle gerettet ans Land kamen.

                Es schlägt die Stunde der Menschlichkeit. Der Hauptmann, Julius, fällt seinen Leuten in den Arm, die die Gefangenen töten wollen. Das ist ja üblicher Befehl: Bevor ein Gefangener fliehen kann, wird er getötet. Ein toter Gefangener ist besser als eine geflohener. Weil der Hauptmann Paulus retten will, unterbindet er ein Hinschlachten aller anderen Gefangenen. Wieder ist es so: Um des Einen willen dürfen viele leben. Auch, wenn der Eine selbst in Not, ja, in den Tod gerät.

Irgendwie kommen alle an Land, die Schwimmer aus eigener Kraft, andere auf Brettern und Balken. Es kommt zu einer „insgesamt geordneten Evakuierung des Schiffes.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 293)

Die Worte des Paulus haben sich erfüllt. Es ist keiner verloren gegangen im Sturm. Es waren nicht nur schöne Worte gegen die Angst. Wir Leser sollen wohl verstehen: Gott hat sein Wort gehalten.

 

Mein Gott, Weitblick ist nicht immer mein Ding. Sachverstand ist nicht alles.

Manchmal ist es gut sich zu erinnern, dass Du der Herr bist, der über Sturm und Wellen gebietet, auch dann, wenn sie hoch über uns zusammenschlagen.

Ich danke Dir, dass wir in allen Stürmen geborgen sind in Dir, auch wenn wir es nicht so fühlen. Amen