Bestechung als Ausweg?

Apostelgeschichte  24, 22 – 27

22 Felix aber zog die Sache hin, denn er wusste recht gut um diese Lehre und sprach: Wenn der Oberst Lysias herabkommt, so will ich eure Sache entscheiden. 23 Er befahl aber dem Hauptmann, Paulus gefangen zu halten, doch in leichtem Gewahrsam, und niemandem von den Seinen zu wehren, ihm zu dienen.

Felix verhält sich so, wie sich Politiker gerne verhalten. Er spielt auf Zeit. Er will sich nicht festlegen, schon gar nicht inhaltlich festlegen. Dass er von der Bedeutung der Auferstehung für den Glauben Israels gehört hat, muss nicht weit hergeholt sein. Es ist auch für einen hohen römischen Beamten immer gut, sich mit den kulturellen Gegebenheiten des Landes vertraut zu machen. Dazu gehören auch religiöse Überzeugungen, zumal sie damals nicht Privatsachen sind wie heutzutage, sondern den Alltag der Menschen durch und durch bestimmen und prägen.

Gleichwohl: er verschiebt seinen Urteilsspruch. Wenn Lysias da ist, der Oberst, der Paulus festgesetzt und überstellt hatte, dann wird er entscheiden. Bis dahin bleibt Paulus gefangen, aber es gibt doch Hafterleichterungen, die ihm signalisieren mögen: Es steht nicht schlecht um meine Sache.

24 Nach einigen Tagen aber kam Felix mit seiner Frau Drusilla, die eine Jüdin war, und ließ Paulus kommen und hörte ihn über den Glauben an Christus Jesus. 25 Als aber Paulus von Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht redete, erschrak Felix und antwortete: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. 26 Er hoffte aber nebenbei, dass ihm von Paulus Geld gegeben werde; darum ließ er ihn auch oft kommen und besprach sich mit ihm.

Hat Paulus auf Felix Eindruck gemacht? Hat seine Frau Drusilla als Jüdin sich für den Gefangenen und seine Botschaft interessiert? Jedenfalls lässt er Paulus kommen und lässt ihn reden, hört ihm zu in dem, was er über den Glauben an Christus Jesus zu sagen weiß. Die karge Formulierung des Lukas weist darauf hin, dass Paulus wohl von den Konsequenzen des Glaubens geredet hat, von  Gerechtigkeit und Enthaltsamkeit und von dem zukünftigen Gericht.

Felix ist ein Hörer, wie es viele sind: So genau hatte er es gar nicht wissen wollen. Ein paar steile, ruhig auch ungewohnte theologische Sätze über Gott – dagegen hat niemand etwas. Aber das eigene Leben im Licht des Evangeliums beleuchtet sehen? Da rückt der Glaube unangenehm nahe an einen Menschen heran. Und darum spielt Felix wieder auf Zeit: Für diesmal geh! Zu gelegener Zeit will ich dich wieder rufen lassen. Es gibt für einen Statthalter noch mehr zu tun als einen Prediger Paulus anzuhören.

Es passt zum Bild, das andere Texte der Antike von Felix zeichnen, dass er auch auf Geldzuwendungen hoffte. Bestechlichkeit von Beamten und Würdenträgern ist durchaus kein ausschließlich neuzeitliches Phänomen. Mit Geld kann der Gerechtigkeit auch früher schon einmal nachgeholfen werden. Die Hoffnung auf solche Zuwendungen macht Paulus zu einem recht gern gesehenen Gesprächspartner bei Felix. Hat er diese Hoffnung des Felix geschickt am Leben erhalten?

27 Als aber zwei Jahre um waren, kam Porzius Festus als Nachfolger des Felix. Felix aber wollte den Juden eine Gunst erweisen und ließ Paulus gefangen zurück.

Der Aufenthalt im Palast des Herodes zieht sich in die Länge. Zwei Jahre später wird Felix abgelöst. „Sein Bruder Pallas war bei Nero in Ungnade gefallen… Er verlor in der zweiten Hälfte des Jahrs 55 sein Amt als Leiter der kaiserlichen Finanzverwaltung. (R. Pesch, aaO. S. 262) Mit dem Fall seines Bruders hatte Felix seine Rückendeckung in Rom verloren. So wird er durch Porzius Festus ersetzt. Der erbt mit allen anderen Akten auch den Gefangenen Paulus. Felix fehlte offensichtlich der Wille, diese Geschichte vorher zum Abschluss zu bringen. Was interessiert einen Statthalter schon, dass er seit zwei Jahren einen Gefangenen hat, der auf einen Urteilsspruch wartet.

Während Felix nur seinen Posten verliert, aber ansonsten in eine nicht unkomfortable Lebenssituation zurückgeht, verliert Paulus zwei Jahre seines Lebens im Gefängnis. Zwei Jahre, weit über 700 Tage. Der Evangelist, der weiß, dass seine Gemeinden ihn brauchen, sitzt fest. Der Prediger, der eine Botschaft hat, die ihn bis an die Enden der Erde führen soll, sitzt in einer Gefängniszelle fest. „Da draußen liegt die Welt und wartet auf das Evangelium. Und der Apostel, der es ihr bringen soll, der sitzt gefangen…Zwei Jahre Gefangenschaft, ohne zu wissen, was werden soll, sind eine furchtbar lange Zeit.’“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 318) Paulus weiß sich berufen. Aber der ihn berufen hat, holt ihn nicht aus diesem „Wartestand“ heraus. Ab und zu wird er einmal zum Gespräch gebeten. Aber nichts geht vorwärts.

Ich erinnere mich an das Jahr 1995. Über lange Wochen hin war ich lahmgelegt, nachdem ich gerade eine neue Aufgabe voll innerer Spannung und Freude übernommen hatte. Schmerzgeplagt an Leib und Seele musste ich Veranstaltung nach Veranstaltung absagen. Was denkt sich Gott, der mich in diese Arbeit ruft und sie mir dann durch Krankheit versperrt? Fragen, die wehgetan haben. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich mit diesen drei Monaten Stillstand versuchsweise versöhnen konnte und sie als Wachstumszeit für meine Seele ansehen konnte.

Ich bin nicht Paulus und Paulus ist nicht ich. Aber die Frage stellt sich mir schon: Ob Paulus diese zwei Jahre im Kerker, wenn auch bei leichter Haft, jemals als Wachstumszeit für sich sehen konnte? Ich weiß es nicht. Aber immerhin schreibt er in seinem Brief nah Philippi über seine Gefangenschaft:  Ich lasse euch aber wissen, Brüder und Schwestern: Wie es um mich steht, das ist zur größeren Förderung des Evangeliums geschehen. Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.“(Philipper 1, 12-14) Ob das auf diese zwei endlos langen Jahre in Cäsarea gemünzt ist, wissen wir nicht.

 

 

Herr, wie viel Geduld wird einem abverlangt, der ohne Anklage, ohne klare Beschuldigung in Haft sitzt. Wie viel Geduld wird einem abverlangt, der, gesandt von Dir, das Evangelium unter die Leute bringen will und lahm gelegt wird.

Herr, es ist hart, abhängig zu sein vom Wohlwollen anderer, die die Macht haben. Es ist hart, nicht den eigenen Weg gehen zu können, weil er kleinlich versperrt wird, die Umstände nicht stimmen, der Weg nicht frei ist.

Es tut weh, das Evangelium sagen zu wollen, von Dir reden zu wollen und es nicht zu können, weil man festgelegt, festgesetzt ist, die Möglichkeiten einem genommen werden.

Es ist gut, dass Du auch dann bei Deinen Leuten bist. Amen