Mehr als nur eine Gefangenenverlegung

Apostelgeschichte 23, 12 – 35

12 Als es aber Tag wurde, rotteten sich einige Juden zusammen und verschworen sich, weder zu essen noch zu trinken, bis sie Paulus getötet hätten. 13 Es waren aber mehr als vierzig, die diese Verschwörung machten. 14 Die gingen zu den Hohenpriestern und Ältesten und sprachen: Wir haben uns durch einen Eid gebunden, nichts zu essen, bis wir Paulus getötet haben. 15 So wirkt nun ihr mit dem Hohen Rat bei dem Oberst darauf hin, dass er ihn zu euch herunterführen lässt, als wolltet ihr ihn genauer verhören; wir aber sind bereit, ihn zu töten, ehe er vor euch kommt.

             So unterschiedlich geht es zu. Paulus wird in der Nacht von Christus zum Leben gestärkt. In der gleichen Nacht aber verfestigt sich bei einige der Juden der Wille, Paulus um das Leben zu bringen. Sie wollen diesen Schädlung des jüdischen Volkes beseitigen, ihn entfernen. Das ist nicht bloße Mordlust, blinder Hass, sondern Radikalität, wie wir sie heute  glücklicherweise nicht mehr kennen. Es geht um das eigene Volk und da sind alle Mittel recht. Wir heute wollen das so nicht sehen. Aber in manchen Gewalttexzessen zeigt sich, wie dünn bis heute die trennwand ist, die kultivierte Gesellschaften von solcher menschenverachtender Radikalität trennt. Nicht nur bei Rechtsradikalen, nicht nur bei Linksradikalen. Nicht nur bei Pegida-Anhängern.

So ernst ist es ihnen, dass sie bis zum erfolgten Mordanschlag nicht mehr essen noch  trinken wollen. Und sie informieren den Hohen Rat, weil sie ihn für die Durchführung der Tat brauchen. Der soll eine weitere Untersuchung anordnen. Auf dem Weg dorthin soll es geschehen. So wird die „weiße Weste“ des Rates gewahrt. Das ist Rücksichtnahme auf die römerfreundlichen Sadduzäer. Sie „waren den Dolchmännern sonst nicht gerade gewogen, der direkte Mord widerstrebte ihrer ganzen „vornehmen“ und „gebildeten“ Art. Aber sie sollen ja auch ganz aus dem Spiel bleiben.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S. 412) Paulus wäre nicht der erste und auch nicht der letzte Gefangene, der auf dem Weg zur Verhandlung ums Leben kommt.

Wie weit ist es mit dem Hohen Rat gekommen, dass er sich so in ein Mordkomplott verwickeln lässt! Der Hass gegen diesen Paulus macht blind dafür, wie hier moralische Grenzen überschritten werden, wie auch die eigene Sache durch die falschen Mittel ins Unrecht gesetzt wird.  Der Zweck heiligt eben nicht die Mittel. Sondern er wird durch die Mittel beschädigt. Der Hohe Rat, das Rechtsgremium des Tempels, setzt sich durch diese Kumpanei ins Unrecht.

Das ist ja bis heute eine hoch brisante Frage. Es gibt immer die Rechtfertigungs-Versuche vom Zweck her, die die unlauteren Mittel rechtfertigen sollen, ob es die Überführung von Steuersündern ist, die Beobachtung möglicher Straftäter, die Ausschaltung  mörderischer Terroristen. Dafür wird in Kauf genommen, dass man sich mit Daten-Dieben verbündet, dass millionenfach ohne Rechtsgrundlage abgehört wird, dass es Kollateral-Schäden gibt. Und scheinbar niemand kommt auf die Idee, dass die guten „Ziele“ mit solchen Maßnahmen gründlich in Misskredit geraten. 

16 Als aber der Sohn der Schwester des Paulus von dem Anschlag hörte, ging er und kam in die Burg und berichtete es Paulus. 17 Paulus aber rief einen von den Hauptleuten zu sich und sprach: Führe diesen jungen Mann zu dem Oberst, denn er hat ihm etwas zu sagen. 18 Der nahm ihn und führte ihn zum Oberst und sprach: Der Gefangene Paulus hat mich zu sich rufen lassen und mich gebeten, diesen jungen Mann zu dir zu führen, der dir etwas zu sagen hat.

                   Ist es Ironie oder ein Hinweis auf die Schwatzhaftigkeit der Verschwörer? Oder meldet sich in diesem Geheimnisverrat womöglich ein Informant zu Wort, der Sympathien für Paulus hat, der auf diese Weise versteckt Kritik an den Plänen übt, eine Kritik, die er offen nicht zeigen kann? Wir wissen nur: Zum wiederholten Mal scheitert ein Mordkomplott gegen Paulus, weil es verraten wird. Der Neffe des Paulus erfährt von dem geplanten Anschlag. „Die Haft stellt sich Lukas als so leicht vor, dass Familienangehörige ungehindert Zutritt haben.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 429) Wie nebenbei erfahren die Leser: Paulus hat Familie, eine Schwester von ihm lebt mit ihrem Sohn in Jerusalem. Nachdem der Neffe Paulus informiert hat, lässt der ihn zu einem der Hauptleute bringen.

Es ist erstaunlich, wie gelassen der Gefangene Paulus mit den Nachrichten umgeht. Er sorgt nur dafür, dass sie an die richtige Stelle kommen. In den Augen des Erzählers Lukas zeigt sich in solchen Informationslecks sicherlich die Fürsorge Gottes für seinen Zeugen, der noch nicht am Ziel der Wege Gottes ist und deshalb bewahrt wird.

 19 Da nahm ihn der Oberst bei der Hand und führte ihn beiseite und fragte ihn: Was ist’s, das du mir zu sagen hast? 20 Er aber sprach: Die Juden sind übereingekommen, dich zu bitten, dass du Paulus morgen vor den Hohen Rat hinunterbringen lässt, so als wollten sie ihn genauer verhören. 21 Du aber traue ihnen nicht; denn mehr als vierzig Männer von ihnen lauern ihm auf; die haben sich verschworen, weder zu essen noch zu trinken, bis sie ihn getötet hätten; und jetzt sind sie bereit und warten auf deine Zusage.

                Der Oberst, der Kommandierende der Truppe in Jerusalem, lässt sich informieren und hört, was geplant ist. Die Hintertücke wird aufgedeckt. Die präzisen Informationen über die Zahl der Verschworenen und ihren Eid machen die Ernsthaftigkeit der Bedrohung deutlich. Terrorgefahr auf hoher Stufe. Es ist klar: Bei diesem Anschlag würde nicht nur der Gefangene Paulus zu Tode kommen. Auch römische Soldaten würden bei seinem Schutz ihr Leben lassen müssen. Das macht die Angelegenheit zu einer Belastung. Zugleich bestätigt sie auch römische Erfahrungen aus anderen Zusammenhängen. Mit jüdischen Aufständischen ist immer zu rechnen.

  22 Da ließ der Oberst den jungen Mann gehen und gebot ihm, niemandem zu sagen, dass er ihm das eröffnet hätte. 23 Und der Oberst rief zwei Hauptleute zu sich und sprach: Rüstet zweihundert Soldaten, dass sie nach Cäsarea ziehen, und siebzig Reiter und zweihundert Schützen für die dritte Stunde der Nacht; 24 und haltet Tiere bereit, Paulus draufzusetzen und wohlverwahrt zu bringen zum Statthalter Felix.

             Der Römer zieht seine Konsequenzen Er stellt eine starke Truppe zusammen, die auch einem Angriff von vierzig wütenden Fanatikern gewachsen sein dürfte und gibt ihnen den Auftrag, Paulus nach Cäsarea zu bringen. Insgesamt werden 470 Mann aufgeboten. Um ganz sicher zu sein, wird der Gefangenentransport auf den beginnenden Abend festgelegt.

 25 Und er schrieb einen Brief, der lautete: 26 Klaudius Lysias dem edlen Statthalter Felix: Gruß zuvor! 27 Diesen Mann hatten die Juden ergriffen und wollten ihn töten. Da kam ich mit Soldaten dazu und entriss ihnen den und erfuhr, dass er ein römischer Bürger ist. 28 Da ich aber erkunden wollte, weshalb sie ihn anklagten, führte ich ihn hinunter vor ihren Hohen Rat. 29Da fand ich, dass er beschuldigt wird wegen Fragen ihres Gesetzes, aber keine Anklage gegen sich hatte, auf die Tod oder Gefängnis steht. 30 Und als vor mich kam, dass ein Anschlag gegen den Mann geplant sei, sandte ich ihn sogleich zu dir und wies auch die Kläger an, vor dir zu sagen, was sie gegen ihn hätten.

                       Der Brief, ein Begleitschreiben für den Leiter des riskanten Gefangentransportes, ist so abgefasst, wie er nach der Auffassung des „Historikers“ Lukas geschrieben worden sein müsste. Es gibt diesen Brief nur in dieser Fassung der Apostelgeschichte. Nichts davon im römischen Staatsarchiv. Durch den Brief, den er der Truppe mitgibt, erfahren wir auch den Namen des Oberkommandierenden. Dieser Name Klaudius Lysias kann ein Hinweis darauf sein, das er zur Zeit des Kaisers Klaudius sein Bürgerrecht erkauft hat und dann, verbreiteter Praxis folgend, den Namen des regierenden Kaisers als seinen Zweitnamen annahm.

Wichtiger ist allerdings, dass Lysias dem Statthalter mitteilt, dass er diesen Mann Paulus für unschuldig hält. Es geht, so die Einschätzung, um innerjüdische Streitereien in Fragen ihres Gesetzes. Aber es geht eben aus seiner römischen Sicht nicht um Kapitalverbrechen. Wie wenig Beachtung Lysias der ganzen Angelegenheit trotz der großen Truppe widmet, zeigt sich an seiner Formulierung dieser Mann. Paulus ist ihm nicht einmal eine namentliche Erwähnung wert. Er ist ein Irgendwer….

Auf diesen Satz legt Lukas besonders Wert: Da fand ich, dass er beschuldigt wird wegen Fragen ihres Gesetzes, aber keine Anklage gegen sich hatte, auf die Tod oder Gefängnis steht. Durch einen römischen hochrangigen Offizier wird die bürgerliche Unschuld des Paulus bestätigt. Wenn  die Apostelgeschichte, wie fast alle Exegeten annehmen, erst nach 70 n. Chr. geschrieben ist, dann sind die Neronischen Verfolgungen der Christen in Rom mit all ihren Grausamkeiten schon Geschichte, ebenso auch der jüdische Krieg. Sieht man diese Zeitfolge, so ist dieser Satz des Klaudius Lysias eine nachträgliche Rehabilitation aller, die in den Arenen in Rom hingemordet worden sind. Und er ist das Zeugnis: was da geschehen ist, war Rechtsbruch durch den obersten Repräsentanten des Römische Staates, durch den Kaiser. Zugleich sagt er: die Christen werden von den Juden, die ihr gerade niedergekämpft habt, mit Mord bedroht.

Bei aller Rom-Freundlichkeit, die Lukas oft unterstellt wird, ist dies doch bemerkenswert. Er erinnert „mitlesende Römer“ an das Unrecht ihres Staates. Und wenn im Lauf der weiteren Erzählung wieder und wieder durch Römer festgestellt wird: einer Anklage gegen Paulus fehlt jede Grundlage, so ist das auch die dringliche Aufforderung an römischen Stellen: Nehmt bitte eure eigenen Gesetze ernst.

31 Die Soldaten nahmen Paulus, wie ihnen befohlen war, und führten ihn in der Nacht nach Antipatris. 32 Am nächsten Tag aber ließen sie die Reiter mit ihm ziehen und kehrten wieder in die Burg zurück. 33 Als aber jene nach Cäsarea kamen, übergaben sie den Brief dem Statthalter und führten ihm auch Paulus vor.

                Paulus wird nach Cäsarea gebracht. Als die Gefahr ein wenig gebannt scheint, kehren die Fußtruppen nach Jerusalem zurück. Die Reiter überstellen Paulus und den Begleitbrief an den Statthalter. Jetzt wird Paulus dem Statthalter Felix vorgeführt. Felix hat seine Statthalterschaft im Jahr 52/53 angetreten und ist im Jahr 58 durch Festus abgelöst worden. „Er war ein Parvenu; von Herkunft ein Freigelassener, war er als Brüder eines Günstlings des Kaisers Klaudius in seine hohe Stellung gekommen. Nach Tacitus (Hist V9) hat er „königliche Macht in der Gesinnung eines Sklaven ausgeübt.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 332) Gegen Aufstände und Aufruhr durch Zeloten ging er während seiner Zeit als Prokurator mit aller Härte vor.

34 Als der Statthalter den Brief gelesen hatte, fragte er, aus welchem Land er sei. Und als er erfuhr, dass er aus Zilizien sei, sprach er: 35 Ich will dich verhören, wenn deine Ankläger auch da sind. Und er ließ ihn in Gewahrsam halten im Palast des Herodes.

Informiert durch den Brief erkundigt sich Felix nach der Herkunft des Paulus. „Sinnvoll ist die Frage nach der Herkunft nur, wenn man annimmt, dass der Prokurator die Möglichkeit, den heiklen Fall in die Zuständigkeit einer anderen Provinz zu schieben, erkunden wollte.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 333)  Er stellt ihm dann weitere Verhöre in Aussicht und auch die Konfrontation mit seinen Anklägern. Danach wird Paulus im Palast des Herodes in Gewahr genommen.

Warum erzählt Lukas dies alles so detailliert? Es ist doch nur eine Übergangs-Szene. Liegt es nur an seiner Quelle, die ihm das Material so aufbereitet liefert? Es könnte auch sein, dass ihn folgende Absicht leitet. Er will zeigen, wie der Herr seinen Zeugen bewahrt, auch vor Mordanschlägen bewahrt. Und er will zeigen, dass auch die römischen Truppen und die römische Obrigkeit dem Willen Gottes dienen müssen. Lukas weiß ja, was die Römer nicht wissen: Paulus muss nach Rom. Weder Jerusalem noch Cäsarea noch der Weg übers Gebirge ist der Ort, wo sich der Lebenslauf des Paulus vollenden soll. „Sterben hat seine Zeit.“(Prediger 3,2b) Diese Zeit ist im Leben des Paulus noch nicht.

 

Heiliger Gott, es ist gut, dass Du Deine Leute bewahrst, manchmal durch Engel, manchmal durch staatliche Macht, manchmal auch durch Glück und Schwatzhaftigkeit

Ich befehle Dir alle an, die um Deines Namens willen heute, in unserer Zeit, bedrängt sind, verfolgt werden, um ihr Leben fürchten müssen.

Wehre Du aller falschen Anklage. Gib Menschen, die über sie zu urteilen haben, ein Rechtsempfinden ins Herz, das ihr Leben bewahrt.

Gib uns, die wir in Sicherheit leben, offene Ohren und Augen, dass wir ihr Leid, ihre Angst und Not nicht verschweigen, sie nicht totschweigen. Gib uns, dass wir für sie bei uns den Mund auftun. Wenigstens das. Amen