Schützende Rechtsstaatlichkeit

Apostelgeschichte 22,22 – 30

22 Sie hörten ihm aber zu bis zu diesem Wort; dann erhoben sie ihre Stimme und riefen: Hinweg mit diesem von der Erde! Denn er darf nicht mehr leben.

                Die Antwort auf dieses Bekenntnis des Paulus ist ein einziger, einiger Wutschrei. Es kann nicht sein. Es darf nicht sein. Dass einer sagt, dass der Tempel geöffnet wird für den Zustrom der Heiden, ist schon ungeheuerlich. Aber dass einer sagt: Im Tempel sei er gesandt worden zu den Heiden, von ihm, dem Gekreuzigten, das muss für die Juden unerträglich sein. Da gibt es nur noch den Tod. Hinweg mit diesem von der Erde! Wieder ist so, wie schon bei Stephanus: der Zeuge Jesu wird in den Erfahrungen der Feindschaft und der Gefährdung des Lebens um Jesu willen seinem Sterben nahe gerückt. Ihn trifft die gleiche Wut und die gleiche Ablehnung wie seinen Herrn.

 23 Als sie aber schrien und ihre Kleider abwarfen und Staub in die Luft wirbelten, 24 befahl der Oberst, ihn in die Burg zu führen, und sagte, dass man ihn geißeln und verhören sollte, um zu erfahren, aus welchem Grund sie so gegen ihn schrien.

             Der Kommandierende spürt, dass ihm die Situation entgleiten könnte. Er sieht, wie sich die Menge bereit macht zur Lynchjustiz, wohl auch zum Angriff auf die Soldaten. Darum befiehlt er den Rückzug in die Burg Antonia und zugleich Geißelung. Er will ihn „weich klopfen“ lassen für das Verhör. Das kann doch nicht alles sein, was so viel Wut auslöst. Religion mag entzweien, mag gefährlich sein. Aber so viel Wut aufgrund einer theologischen Debatte? Aufgrund einer visionären Erfahrung? Bei allen Verständnis für die Juden und ihre Art, religiöse Fragen für die wichtigsten Fragenn der Welt zu halten – sein Soldatenverstand sagt ihm: Da müssen doch noch andere Dinge dahinter stecken. Die will er von seinem Gefangenen erfahren. Und ein wenig „Folter“, nichts Anderes ist die Geißelung, wird dabei helfen.

  25 Als man ihn aber zum Geißeln festband, sprach Paulus zu dem Hauptmann, der dabeistand: Ist es erlaubt bei euch, einen Menschen, der römischer Bürger ist, ohne Urteil zu geißeln?

„Das römische Strafrecht machte es zur Regel, dass bei der Vernehmung von Nichtbürgern und Sklaven die Folter angewandt werden musste.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 325) Paulus zieht die Notbremse. Er weiß ja aus Erfahrung, wie sich Geißelung anfühlt. Deshalb wartet er diesmal nicht mit seinem Civis Romanus sum wie in Philippi. Er erinnert den Soldaten an die Rechtsstaatlichkeit Roms, an eines der Güter, auf die Rom zu Recht stolz ist.

 26 Als das der Hauptmann hörte, ging er zu dem Oberst und berichtete ihm und sprach: Was willst du tun? Dieser Mensch ist römischer Bürger.

                Es ist, wie es auch heute ist: An die Rechtsstaatlichkeit erinnert zu werden als Obrigkeit, schränkt sofort den Handlungsspielraum ein. Der Staat findet seine Grenzen im eigenen Recht. Darauf, so sagt Lukas durch seine Erzählung, dürfen Christen trauen. Das dürfen sie auch einfordern. So sucht der Hauptmann, der die Folter überwachen sollte, den Vorgesetzten. Es ist nicht so einfach mit dem Gefangenen Paulus. Er fordert seine Bürgerrechte ein.

27 Da kam der Oberst zu ihm und fragte ihn: Sage mir, bist du römischer Bürger? Er aber sprach: Ja. 28 Da sagte der Oberst: Ich habe dies Bürgerrecht für viel Geld erworben. Paulus aber sprach: Ich aber bin schon als römischer Bürger geboren. 29 Da ließen sogleich von ihm ab, die ihn verhören sollten. Und der Oberst fürchtete sich, als er vernahm, dass es ein römischer Bürger war, den er hatte festbinden lassen.

                     Jetzt übernimmt der Vorgesetzte, χιλίαρχος, Befehlshaber über  eine Tausenderschaft Soldaten, vom untergebenen Beamten. Bis dahin gab es keinen wirklichen Anlass für ihn, sich um diesen Tumult und den dabei Festgenommenen zu kümmern. Nun aber bequemt sich der Oberkommandierende zu Paulus. Es ist ein merkwürdiger Wortwechsel. Der hochgestellte Soldat – einer, der viel Geld hinlegen musste für sein römisches Bürgerrecht πολιτεία – und der Gefangene, Bürger Roms von Geburt an. Dies macht nun die Geißelung vollends unmöglich. Einen geborenen Römer schlagen, das ist ein unverzeihlicher Verstoß gegen die Menschenrechte

Es ist römische Grundüberzeugung: Für die Barbaren gelten nicht die gleichen Rechte wie für Römer. Sie sind Menschen zweiter Klasse und der Schutz des römischen Staates kennt keine Übergriffe, sondern nur berechtigte Maßnahmen, solange es nur die Nicht-Römer trifft. Es ist das Recht der Weltmacht zu definieren, wer als eigener Bürger schutzwürdig ist und wer aus Interesse Roms ausgeforscht werden darf, und sei es mit Geißelungen. Die Macht gibt Rom das Recht.

Für heutige Leser: „Rom“ ist heute nicht überall, aber doch noch vital auf dem Plan. Weltmacht bleibt Weltmacht, auch wenn die Namen wechseln. Das Wesen bleibt sich gleich. Und natürlich nimmt sich die Weltmacht das Recht zu handeln, gemäß den eigenen Interessen. Auch wenn es Menschenleben kostet. Das sind „Kollateralschäden“.

Es gehört zum Interesse des Lukas, seinen Lesern einzuschärfen, dass sie nicht einer Willkürherrschaft unterworfen sind, sondern sich auf Rom und seine Rechtsstaatlichkeit berufen dürfen. Das ist für Leute wie die Christen, die unter schwerem gesellschaftlichem Druck stehen, ein ganz wichtiges Signal. Es sind Leute, die das Recht des Staates brechen, die euch so bedrängen. Wo das Recht des Staates geachtet wird, fällt man solchem Bruch des Rechtes in den Arm.

Es gibt Zeiten, in denen man diese Passage einfach überlesen kann, sie als historisch zur Kenntnis nimmt, aber nicht weiter von ihnen berührt wird. Es gibt aber auch die anderen Zeiten jetzt, in denen Abend für Abend von Massenverhaftungen berichtet wird. Hunderttausende werden, weltweit, in vielen Ländern, inhaftiert, ohne Verfahren, einfach deshalb, weil sie missliebig sind, weil sie verdächtigt werden, oft ohne jede Grundlage, mit „Staatsfeinden“ im Kontakt zu sein. Das reicht schon: Kontakt zu Staatsfeinden. Bestürzend für uns: Auch ein deutscher Pass, auch  Staats-Bürger der Bundesrepublik Deutschland zu sein schützt nicht vor solchen Willkür-Übergriffen. Schützt nicht vor Gefängnissen ohne Anklage, nicht vor Anklagen, die aus der Luft gegriffen erscheinen.

Solche Zustände anderswo wahrzunehmen macht dankbar für den eigenen Lebensort, den eigenen Staat: Ich muss keine nächtliche Verhaftung fürchten. Mir drohen keine Polizei-Gewalt und kein Polizei-Terror. Ich bewege mich in rechtssicherem Raum. Diese Rechtssicherheit ist das Engagement für diesen Staat wert. Das fängt damit  an, den Rahmen des Rechtes nicht nur als Schutz für sich selbst zu fordern, sondern ihn auch im eigenen Verhalten zu achten und zu wahren.

Das Bild vom Staat, das Lukas hat, ist ungleich freundlicher als das spätere Bild, das die Offenbarung des Johannes zeichnet. „Und ich sah ein Tier aus dem Meer steigen, das hatte zehn Hörner und sieben Häupter und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Häuptern lästerliche Namen. ….  und sie beteten das Tier an und sprachen: Wer ist dem Tier gleich und wer kann mit ihm kämpfen? … Und ihm wurde Macht gegeben, zu kämpfen mit den Heiligen und sie zu überwinden; und ihm wurde Macht gegeben über alle Stämme und Völker und Sprachen und Nationen. 8 Und alle, die auf Erden wohnen, beten es an.“(Offenbarung 13, 1.4.7) Eine andere Zeit bringt andere Bilder des Staates zum Vorschein.

 30 Am nächsten Tag wollte er genau erkunden, warum Paulus von den Juden verklagt wurde. Er ließ ihn von den Ketten lösen und befahl den Hohenpriestern und dem ganzen Hohen Rat zusammenzukommen und führte Paulus hinab und stellte ihn vor sie.

Auch wenn die Methoden zur Erkundung der Hintergründe stark eingeschränkt sind: Das Interesse an Aufklärung ist erwacht. Jetzt muss man halt den Rechtsweg besser einhalten und auf das zurückgreifen, was es gibt: Fachkundige Leute vor Ort.

Es ist schon eine Frage: Kann dieser Römer das – dem Hohen Rat und dem Hohenpriester eine Sitzung befehlen? Zweifel sind durchaus möglich:  „Der Tribun besaß keine Vollmacht, den jüdischen Hohen Rat einzuberufen; als Heide durfte er auch dessen Sitzungen nicht beiwohnen, erst recht nicht mit weiteren Soldaten.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.241) Vielleicht aber ist es ja keine Sitzung beim Hohen Rat, sondern der Tribun hat die Juden zu sich in seine Burg gerufen – gewissermaßen als Berater-Gremium.

Damit das – Verhör, Befragung, Faktenklärung –  eine Begegnung auf Augenhöhe ist, wird Paulus „entkettet“. Nun steht er ungebunde87n den Hohenpriestern und dem ganzen Hohen Rat gegenüber.  Sie waren ja einmal seine Auftraggeber als Christenjäger. Was sind sie jetzt? Zeugen gegen ihn? Ankläger? Werden sie hören, was er sagt?

 

Herr Jesus, still und schicksalsergeben, so sehen wir manchmal unser Dasein als Christen. Was geschieht, kommt ja nicht ohne Deinen Willen.

Es ist gut, dass wir auch das Andere sehen: Christen dürfen sich auf ihre Rechte berufen. Sie sind nicht schutzlos, sie sind nicht preisgegeben an Willkür und Übergriffe.

Du schützt auch durch das Recht. Du wehrst der Willkür, manchmal schlicht durch das Gesetz des Staates. Dafür danke ich Dir. Amen