Zeugnis ablegen

Apostelgeschichte 22, 1 – 21

 1 Ihr Männer, liebe Brüder und Väter, hört mir zu, wenn ich mich jetzt vor euch verantworte. 2 Als sie aber hörten, dass er auf Hebräisch zu ihnen redete, wurden sie noch stiller.

                       Mit fast den gleichen Worten hatte auch Stephanus seine Verteidigungsrede begonnen. Schon der Anfang liebe Brüder und Väter und erst recht, dass Paulus auf Hebräisch spricht, sind Signale: Hier spricht ein Jude zu Juden. Er findet mit diesem Signal ein Echo. „Die tobende Menge, die schon die rhetorische Geste respektiert hat, reagiert noch ehrerbietiger.“(G. Schille,  Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 421)  Sie werden noch stiller.

 Und er sprach: 3 Ich bin ein jüdischer Mann, geboren in Tarsus in Zilizien, aufgewachsen aber in dieser Stadt und mit aller Sorgfalt unterwiesen im väterlichen Gesetz zu Füßen Gamaliels, und war ein Eiferer für Gott, wie ihr es heute alle seid. 4 Ich habe die neue Lehre verfolgt bis auf den Tod; ich band Männer und Frauen und warf sie ins Gefängnis, 5 wie mir auch der Hohepriester und alle Ältesten bezeugen. Von ihnen empfing ich auch Briefe an die Brüder und reiste nach Damaskus, um auch die, die dort waren, gefesselt nach Jerusalem zu führen, damit sie bestraft würden.

                    Was Paulus sagt, ist bekannt, zumindest den Lesern und Leserinnen. Auch die auf dem Platz vor den Stufen der Burg Antonia dürften in groben Zügen wissen, wer er ist. Seine Vergangenheit als Pharisäer, auch seine Vergangenheit als Verfolger des Weges ist kein Geheimnis. Wenn er also von dem redet, was er war und ist, so ist das nicht neue Information: „Das ich bin Jude ist gleichsam ein Motto, dem alles folgende untersteht. Paulus will beweisen, dass er von den Anfängen seines Daseins bis in die Gegenwart ungebrochen im Judentum stand.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 322) Damit begegnet er dem Kern der Vorwürfe gegen ihn, das Judentum aufzulösen.

Für Lehre steht auch hier wieder im Griechischen ο̉δός, Weg. Damit ist in der Apostelgeschichte immer der Glaube an Jesus gemeint. Weg ist dynamisch, ist unterwegs, ist neue Erfahrung, meint eben nicht: Standpunkt. Das kann deshalb nicht oft genug betont werden, weil wir heute bei Lehre Lehrsätze hören. Für die ersten Christen aber ist die Lehre Einweisung in Lebenshaltungen, die sich aus der Zugehörigkeit zu Christus ergeben.

Paulus ist akribisch – ἀκρίβεια – unterwiesen worden im väterlichen Gesetz. πατρῴος νόμος.  In den Traditionen des Judentums. Jüdischer Glaube lebt im Weitergeben der Regeln und der Erzählungen vom Vater zum Sohn, in den Familien. Nicht nur in den Synagogen. Einer der großen Lehrer, Gamaliel, war auch sein Lehrer. Man darf also unterstellen: Er weiß um die Bedeutung des Gesetzes. Und mit einem klug überlegten Satz schließt er sich mit seinen Gegnern zusammen: Ich war ein Eiferer für Gott, wie ihr es heute alle seid. Ζηλωτής, Zelot nennt Paulus hier sich und die, die ihm ans Leben wollen, und es klingt nicht abwertend.

Dann folgt, worin sich sein Eifer gezeigt hat. Im Auftrag des Hohenpriesters und der Ältesten, also doch wohl des Hohen Rates, ist er nach Damaskus gereist, um Gefangene zu machen, festzunehmen, der gerechten Strafe zuzuführen. Es waren ja in seinen Augen damals alles Gotteslästerer, die er jagte.

6 Es geschah aber, als ich dorthin zog und in die Nähe von Damaskus kam, da umleuchtete mich plötzlich um die Mittagszeit ein großes Licht vom Himmel. 7 Und ich fiel zu Boden und hörte eine Stimme, die sprach zu mir: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 8 Ich antwortete aber: Herr, wer bist du? Und er sprach zu mir: Ich bin Jesus von Nazareth, den du verfolgst. 9 Die aber mit mir waren, sahen zwar das Licht, aber die Stimme dessen, der mit mir redete, hörten sie nicht. 10 Ich fragte aber: Herr, was soll ich tun? Und der Herr sprach zu mir: Steh auf und geh nach Damaskus. Dort wird man dir alles sagen, was dir zu tun aufgetragen ist. 11 Als ich aber, geblendet von der Klarheit dieses Lichtes, nicht sehen konnte, wurde ich an der Hand geleitet von denen, die bei mir waren, und kam nach Damaskus.

             Was im ersten Bericht von der Bekehrung des Saulus (9,3-8), von außen erzählt worden war, wird jetzt in seinem Mund zum Zeugnis seiner Schlüsselerfahrung. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen den beiden Texten: Hier erzählt der Betroffene. In der Mitte steht, wie Jesus ihm entgegen tritt. Paulus begegnet dem, den er in seinen Leuten verfolgt. Und nachdem er weiß, vor wem er steht, ist sein nächster Satz im Kern schon Umkehr: Herr, was soll ich tun? So haben auch die Hörer der Petruspredigt an Pfingsten gefragt (2,37). Es ist die Frage, in der sich ein Mensch Gott öffnet.

Und die Antwort des Herrn in dieser Begegnung ist wie ein Vorgriff auf die neue Beauftragung des Paulus, diesmal durch Jesus, nicht mehr durch den Hohen Rat. Steh auf und geh nach Damaskus. Dort wird man dir alles sagen, was dir zu tun aufgetragen ist. Aus dem Mund von Menschen wird Paulus hören, wozu er gerufen ist. Es geht um seine Sendung und seinen Auftrag, schon hier, gleich am Anfang.

Das ist auch eine Einordnung: Damaskus ist nicht einfach nur eine religiöse Erfahrung, eine Art Erleuchtung. Sondern Damaskus ist als Schlüsselerlebnis das Widerfahrnis, das Paulus in Gang gesetzt, nicht selbstbestimmt sondern nach dem Plan, den der Herr hat. Es geht um Dienst und Sendung vor Damaskus. Der bis dahin im Auftrag des Synhedriums unterwegs war, erhält hier einen neuen Auftraggeber – Jesus von Nazareth. Verordnet, – so die alte Lutherübersetzung – ist alles, was Paulus zu sagen hat. Das verwendete Wort ττακτα  kommt vom Verb τάσσω, „anordnen, verfügen, befehlen, festsetzen“. (Gemoll Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957, S.730) Das ist mehr als ein aktueller Auftrag. Das liegt schon lange fest.

 12 Da war aber ein gottesfürchtiger Mann, der sich an das Gesetz hielt, mit Namen Hananias, der einen guten Ruf bei allen Juden hatte, die dort wohnten. 13 Der kam zu mir, trat vor mich hin und sprach zu mir: Saul, lieber Bruder, sei sehend. Und zur selben Stunde konnte ich ihn sehen.

                Wieder legt Paulus Wert darauf hinzuweisen: auch Hananias ist einer, der das Gesetz hielt, dem es Gültigkeit behalten hat, ein wirklich  gottesfürchtiger Mann, einer mit gutem Ruf bei allen Juden in Damaskus. Es zeigt, worauf es Paulus in seiner Rede auch ankommt: Den Nachweis zu führen, dass er nie aufgehört hat, Jude zu sein. Dieser Hananias öffnet ihm die Augen. Nicht nur, um die Welt wieder zu sehen. Sondern auch, um seine neue Berufung zu sehen und anzunehmen.

 14 Er aber sprach: Der Gott unserer Väter hat dich erwählt, dass du seinen Willen erkennen sollst und den Gerechten sehen und die Stimme aus seinem Munde hören; 15 denn du wirst für ihn vor allen Menschen Zeuge sein von dem, was du gesehen und gehört hast. 16 Und nun, was zögerst du? Steh auf und rufe seinen Namen an und lass dich taufen und deine Sünden abwaschen.

                Hier wird diese Rede deutlich zur Apologie. Paulus wird ja von den Juden vorgeworfen, den Gott der Väter verlassen zu haben, seinen Tempel zu missachten, sein Gebot einzureißen. Aber es ist nach den Worten des Hananias ausdrücklich der Gott der Väter, der ihn erwählt hat. προχειρίζομαι „sich zur Hand nehmen, auswählen, vorher bestimmen“ (Gemoll, aaO.  S.654) Es ist der Gott der Väter, der ihm, der unzeitigen Geburt (1. Korinther 15,8) seine Christusvision ankündigt. Es ist der Gott der Väter, der ihn, Paulus ruft, vor allen Menschen Zeuge sein, Zeuge für Jesus.  

                   Nun folgen deutlich Worte des Hananias, in denen er Paulus sozusagen die ersten Schritte auf seinem Weg als Jünger weist: Die Anrufung des Namens des Herrn Jesus, die Taufe und in der Taufe  die Lösung aus den Sünden. Das alte Leben wird abgewaschen. Da ist ein neuer Mensch. Der Gott  der Väter hat Paulus gerufen. Nun gibt er sich in diesen Schritten hinein in das Leben mit Christus, in die neue Wirklichkeit „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17)

17 Es geschah aber, als ich wieder nach Jerusalem kam und im Tempel betete, dass ich in Verzückung geriet 18 und ihn sah. Da sprach er zu mir: Eile und mach dich schnell auf aus Jerusalem; denn dein Zeugnis von mir werden sie nicht annehmen. 19 Und ich sprach: Herr, sie wissen doch, dass ich die, die an dich glaubten, gefangen nahm und in den Synagogen geißeln ließ. 20 Und als das Blut des Stephanus, deines Zeugen, vergossen wurde, stand ich auch dabei und hatte Gefallen daran und bewachte denen die Kleider, die ihn töteten. 21 Und er sprach zu mir: Geh hin; denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden.

Jetzt springt Paulus in seiner Rede, zu einer Erfahrung, die wir schwer zeitlich einordnen können. Er ist wieder in Jerusalem, im Tempel. „Während des Gebets im Tempel  – wieder ein Zug, der die selbstverständliche Kontinuität seiner jüdischen Frömmigkeit betonen soll – geriet er in den Zustand der Ekstase.“ ( J. Roloff, aaO.; S. 324) Dort, ausgerechnet dort, als er betet, sieht er ihn, den Gerechten und hört er die Stimme aus seinem Munde. Ja, der Tempel ist Ort der Gegenwart Gottes, aber eben der Gegenwart Gottes in Jesus Christus.

Ist schon das, Jesus Christus, der auf Golgatha diesen Schandtod am Kreuz gestorben ist,  begegnet im Tempel, für die Ohren der Zuhörer ungeheuerlich, so wird es erst recht das Folgende sein: Im Tempel sendet der erhöhte Christus seinen Zeugen Paulus zu den Heiden! Ausgerechnet in  dem Tempel, von dem doch viele glauben, er werde zum Zielpunkt der Völkerwallfahrt werden für die, die den Anschluss an das Volk Israel suchen, die dem Gottesgerücht Glauben schenken: „So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden “einen” jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist. (Sacharja 8,23) Dieser Tempel soll der Ausgangspunkt der Bewegung hin zu den Völkern – so besser statt Heiden sein?

Ungeheuerlich für die Ohren der Hörer, was Paulus behauptet. Damals vor vielen Jahren, sagt er ihm schon im Tempel voraus: Sie werden dein Zeugnis von mir nicht annehmen. Paulsu wird mit einem Zeugnis in einer Reihe stehen mit den Propheten des alten Bundes, mit Jesaja, mit Hesekiel – sie alle treffen auf taube Ohren und harte Herzen. Das ist, so sollen wir Leser wissen, auch jetzt der Fall. Auch die, die jetzt an den Stufen stehen, werden das Zeugnis des Paulus nicht annehmen.

Die Reihenfolge der Sätze signalisiert: die Annahme-Verweigerung des Zeugnis in Israel macht den Weg frei zur Sendung zu den Heiden. Hier wird in erzählter Form durchbuchstabiert, was die Schrittfolge des Paulus wieder und wieder ist: zuerst die Juden, dann die Griechen.

Der Einwand des Paulus: Aber ich bin doch wie gerufen, wie geschaffen für sie, die Juden – ich mit meiner Umkehrgeschichte. Ich, der vom Saulus zum Paulus wird. – Dieser Einwand wird von dem Erhöhten einfach weggewischt. Geh hin; denn ich will dich in die Ferne zu den Heiden senden. Noch einmal wird es, geradezu überdeutlich, gesagt: Der Weg des Paulus zu den Heiden, der Weg des Evangeliums hinaus in die Völkerwelt ist der Weg, den Christus will. Ausgerechnet im Tempel von Jerusalem hat er ihm diesen Weg gezeigt.

Gott selbst hat die Richtung umgekehrt. Es geht nicht mehr um die Völkerwallfahrt zum Zion, sondern es geht um die Sendung vom Zion aus zu den Völkern. Nicht mehr die Völker suchen Gott, sondern Gott sucht die Völker. In meinen Augen steht diese Passage als Sendungswort gleichberechtigt neben dem Schluss des Matthäus-Evangeliums. „Geht hin und macht zu Jüngern alle Völker.“ (Matthäus 28, 19) Dort wie hier steht hinter der Sendung der auferstandene, gegenwärtige Herr.

Ich denke, wenn man genau hinsieht, merkt man: Es geht in erster Linie nicht um die Bekehrung des Paulus. So wichtig Lukas diese Umkehr ist, wichtiger ist ihm, was dann aus der Bekehrung folgt. Aus dieser Bekehrung folgt der Auftrag. Paulus, der Christus fern war als Feind, kommt Christus nahe, weil der ihn ruft. Und er soll zu denen gehen, die in der Ferne sind, damit ihnen Christus durch sein Wort nahe kommt und sie zu Nahen werden.

Vielleicht kann dieses Zeugnis des Paulus eine Hilfe sein, auch über Bekehrungen noch einmal neu nachzudenken. Das ist ja nicht unbedingt das Lieblingsthema der Volkskirche. Zum Teil ist das verständlich, weil Bekehrung innerhalb der Frömmigkeitsgeschichte oft überzeichnet worden ist: Wer kein Datum zu nennen weiß, ist nicht bekehrt und nicht im Heilsstand. Aber wo ein Datum zur Garantie des Heilsbesitzes wird, wird alles schief.

Bekehrungen haben, so weiß ich, auch von mir selbst, biographisch als Lebenswende eine große Bedeutung. Aber ihre eigentliche Bedeutung besteht darin, dass sie nicht zum Datum der eigenen Vergangenheit werden, sondern der Anfang eines neuen Weges. Schritt für Schritt auf diesem neuen Weg zu gehen – das ist die Beauftragung, die einer, eine, mit der Bekehrung empfängt. Nicht Heilsbesitz ist das Ziel, sondern Hingehen, sich senden lassen ist das, was Bekehrung will. Unsere Nachfolge ist das Ziel aller Umkehr, aller Bekehrung. Schritte auf dem Weg, den Jesus für uns hat.

 

Herr Jesus, Du sendest Deine Leute. Du willst sie unter den Menschen haben. Deine Zeugen, die Dein Leben mitteilen, Deine Liebe weitergeben, Deine Vergebung  zusprechen.

Dazu begegnest Du uns, lässt uns Deine Gegenwart spüren, richtest uns auf mit Deinem Wort, gibst uns Mut genug für heute und für morgen. Amen