Abschieds-Auftakt

Apostelgeschichte 20, 17 – 38

17 Aber von Milet sandte er nach Ephesus und ließ die Ältesten der Gemeinde rufen.

                   Manchmal geht es einfach nicht: vorbeifahren, Freunde und Geschwister links liegen lassen. Obwohl man es eilig hat und die Zeit drängt. So lässt Paulus die Ältesten der Gemeinde rufen. Sie sind die, die für die ganze Gemeinde stehen. Was er ihnen am Strand von Milet sagen wird, gilt allen.

 18 Als aber die zu ihm kamen, sprach er zu ihnen: Ihr wisst, wie ich mich vom ersten Tag an, als ich in die Provinz Asien gekommen bin, die ganze Zeit bei euch verhalten habe, 19 wie ich dem Herrn gedient habe in aller Demut und mit Tränen und unter Anfechtungen, die mir durch die Nachstellungen der Juden widerfahren sind. 20 Ich habe euch nichts vorenthalten, was nützlich ist, dass ich’s euch nicht verkündigt und gelehrt hätte, öffentlich und in den Häusern, 21 und habe Juden und Griechen bezeugt die Umkehr zu Gott und den Glauben an unsern Herrn Jesus.

            Paulus hat das Wort. Nur Paulus. Er beginnt mit einem Rückblick auf die Jahre in Ephesus. Es waren Jahre voller Hingabe, Tränen, Anfechtungen. Keine leichte Zeit. Aber in dieser Zeit ging es nur um eines: Dem Herrn zu dienen. Alles, was notwendig, heilsnotwendig ist, hat Paulus gelehrt – öffentlich und in den Häusern, vor Juden und Griechen. Selbst hier noch hält er seine Reihenfolge ein, die ihn bis zuletzt binden wird: Zuerst den Juden.

Der Inhalt: Umkehr zu Gott und Glauben an unseren Herrn Jesus. μετάνοια und  πίστις. Zwei Zentralworte seiner Verkündigung. Im Glauben die Umkehr, die Hinwendung zu Gott und in der Hinwendung nichts anderes als den Glauben, das Vertrauen auf den Herrn Jesus. Das war und ist seine Predigt. Darum hat er geworben, darum hat er gebetet. Etwas Anderes hat Paulus in seinen Gemeinde nie gewusst. „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Korinther 5, 19-20)  Dies unter die Leute zu bringen, darum hat sich Paulus auch in Ephesus gemüht.

 22 Und nun siehe, durch den Geist gebunden, fahre ich nach Jerusalem und weiß nicht, was mir dort begegnen wird,23 nur dass der Heilige Geist in allen Städten mir bezeugt, dass Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten. 24 Aber ich achte mein Leben nicht der Rede wert, wenn ich nur meinen Lauf vollende und das Amt ausrichte, das ich von dem Herrn Jesus empfangen habe, zu bezeugen das Evangelium von der Gnade Gottes. 25 Und nun siehe, ich weiß, dass ihr mein Angesicht nicht mehr sehen werdet, ihr alle, zu denen ich hingekommen bin und das Reich gepredigt habe.

             Jetzt wendet sich der Blick nach vorne. Paulus weiß nicht, was ihn erwartet. Aber es gibt die Botschaften des Geistes: Fesseln und Bedrängnisse. Aber das darf, kann ihn nicht hindern. Es gibt nur eines, was für ihn zählt: Sein Auftrag. Dieser Auftrag  hat ihn durch die Welt geführt, auch nach Ephesus – das Evangelium von der Gnade Gottes. Diesen Auftrag hat er ja vor Damaskus empfangen: „Aber der Herr sagte: »Geh nur hin! Gerade ihn habe ich als mein Werkzeug ausgesucht. Er wird meinen Namen den nichtjüdischen Völkern und ihren Herrschern bekannt machen und auch dem Volk Israel. Und ich will ihm zeigen, wie viel nun er für das Bekenntnis zu meinem Namen leiden muss.« (9, 14-16) Es geht Paulus bis zuletzt um die Treue gegen diesen Auftrag.

Lukas kennt seinen Paulus. Wenn ich nur meinen Lauf vollende – so lesen wir es hier. So ähnlich schreibt es Paulus nach Korinth: „Für mich gibt es daher nur eins: Ich laufe wie ein Läufer, der das Ziel nicht aus den Augen verliert.“ (1. Korinther 9, 26)

 26 Darum bezeuge ich euch am heutigen Tage, dass ich rein bin vom Blut aller; 27 denn ich habe nicht unterlassen, euch den ganzen Ratschluss Gottes zu verkündigen.

             Das ist ein regelrechter Entlastungseid. Ich bin euch nichts schuldi geblieben an der Botschaft Gottes. Ich habe meine Verantwortung gegen euch erfüllt. Mag sein, im Hintergrund schwingen Worte aus dem Buch des Propheten Hesekiel mit: „Du Menschenkind, ich habe dich zum Wächter gesetzt über das Haus Israel. Du wirst aus meinem Munde das Wort hören und sollst sie vor mir warnen. Wenn ich dem Gottlosen sage: Du musst des Todes sterben!, und du warnst ihn nicht und sagst es ihm nicht, um den Gottlosen vor seinem gottlosen Wege zu warnen, damit er am Leben bleibe, – so wird der Gottlose um seiner Sünde willen sterben, aber sein Blut will ich von deiner Hand fordern. …. Wenn du aber den Gerechten warnst, dass er nicht sündigen soll, und er sündigt auch nicht, so wird er am Leben bleiben; denn er hat sich warnen lassen, und du hast dein Leben errettet.(Hesekiel 3, 17-18. 21) Nichts hat Paulus verschwiegen. Er hat die Gnade gesagt und so den Weg zu Gott geöffnet – für Gerechte und für Gottlose.

 28 So habt nun Acht auf euch selbst und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen, zu weiden die Gemeinde Gottes, die er durch sein eigenes Blut erworben hat. 29 Denn das weiß ich, dass nach meinem Abschied reißende Wölfe zu euch kommen, die die Herde nicht verschonen werden. 30 Auch aus eurer Mitte werden Männer aufstehen, die Verkehrtes lehren, um die Jünger an sich zu ziehen. 31 Darum seid wachsam und denkt daran, dass ich drei Jahre lang Tag und Nacht nicht abgelassen habe, einen jeden unter Tränen zu ermahnen.

             Doch genug auf Paulus geblickt. Jetzt geht es im Wort an die Ältesten um ihren Dienst für die Gemeinde. „Seid wachsam. Seid achtsam! Ihr habt eine große Aufgabe.“ Mit dem Bild vom Hirten greift Paulus ein Bild auf, das in der jungen Christenheit geläufig ist. Psalm 23 – Der Herr ist mein Hirte –  gehört zum Gebetbuch der Christen. Die Geschichte vom suchenden Hirten aus dem Evangelium (Lukas 15) ist als eine Grunderzählung des Handelns Jesu tief eingeprägt.

Der Schreiber des 1. Petrusbrief wird die Ältesten mit dem gleichen Bild ansprechen. „Sorgt für die Gemeinde Gottes, die euch anvertraut ist, wie ein Hirte für seine Herde. Seht in der Verantwortung, die ihr für sie habt, nicht eine lästige Pflicht, sondern nehmt sie bereitwillig wahr als einen Auftrag, den Gott euch gegeben hat.“(1. Petrus 5,2) Es ist ja eine kostbare Herde. Sie ist deshalb kostbar, weil Gott sie sich so viel hat kosten lassen,  sein eigenes Blut.

Die, die der Heilige Geist eingesetzt hat zu Bischöfen sind keine Bischöfe nach unserem heutigen Verständnis. Sie haben kein Amt, das ihnen eine „Amtskirche“; „Landeskirche“ oder „Volkskirche“ verliehen hätte. Sie haben als πισκποι – Episkopoi eine Aufgabe. Sie sollen „draufsehen, hinsehen, sich nach der Gemeinde umsehen, Menschen besuchen, sie sind Hüter, Schützer.“(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.- Handwörterbuch; München 1957, S.315) Alles ehrenamtlich.

              Diese Wachsamkeit und Achtsamkeit, dieser Hirtendienst ist auch deshalb so wichtig, weil die Gemeinde bedroht ist. Nicht nur von außen. Mehr noch von innen. Es wird Zerreißproben für die Einheit der Gemeinde geben, Männer (und Frauen), die Verkehrtes lehren. Die Gemeinde Jesu ist vom ersten Tag an auch ein Ort der Auseinandersetzungen um den richtigen Weg, die richtige Lehre, um Orthodoxie und Orthopraxie. Es ist kein Zeichen des Abfalls vom Glauben, dass das so ist. Es wird so sein bis ans Ende der Zeit.

Noch einmal erinnert Paulus an sein eigenes Handeln. Es hat ihn viel Kraft gekostet, Hingabe, Tränen, die Gemeinde in Ephesus zu lehren, Einzelnen den Weg finden zu helfen. Man ahnt ein bisschen die unausgesprochene Bitte: Lasst diese Mühe nicht vergeblich gewesen sein.

Hier wird etwas spürbar von der Sorge, die Paulus um seine Gemeinden haben musste. Sie sind von Anfang an bedroht. Es gibt fremde Lehrer. Es gibt Leute, die dem Gesetzt neu zur Geltung helfen wollen. Es gibt Leute, die griechisch-gnostisches Gedankengut ein-schleppen. Und der Gemeindegründer ist irgendwann nicht mehr da. Am Ende ist Paulus ein einsamer Mann und sein Missionswerk ist bedroht.

Lukas, der Autor der Apostelgeschichte schreibt das alles, auch in dem Wissen, wie tief gefährdet die Mission des Paulus geblieben ist, erst recht, nachdem er nicht mehr bei den Gemeinden sein konnte. Es gibt ja Stimmen, die sagen, dass seine Missionsarbeit ein einziges großes Scheitern gewesen sei. Auch wenn man so weit nicht gehen mag – die Verkündigung des Paulus der bedinungslosen Annahme der Gottlosen allein aus Gnade hat sich nie wie von selbst als die eine große Auslegung des Glaubens durchsetzen können. Bis heute nicht.

  32 Und nun befehle ich euch Gott und dem Wort seiner Gnade, der da mächtig ist, euch zu erbauen und euch das Erbe zu geben mit allen, die geheiligt sind.

             Gerade darum ist der Segen mehr als nur ein Schlusswort. Er ist auch mehr als nur ein Mutmach-Wort für die Gemeinde. Es ist auch ein Wort, das Paulus sich selbst sagt: „Du darfst loslassen. Du musst loslassen. Du kannst loslassen.“ Es ist die Sache Gottes und seiner Gnade, die ja kräftig ist und stark in den Schwachen, die Gemeinde zu bewahren. Es gehört zum Glauben des Paulus: „Ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.“(Philipper 1,6)  Gott lässt seine Gemeinde nicht auf halber Strecke im Stich.

  33 Ich habe von niemandem Silber oder Gold oder Kleidung begehrt. 34 Denn ihr wisst selber, dass mir diese Hände zum Unterhalt gedient haben für mich und die, die mit mir gewesen sind. 35 Ich habe euch in allem gezeigt, dass man so arbeiten und sich der Schwachen annehmen muss im Gedenken an das Wort des Herrn Jesus, der selbst gesagt hat: Geben ist seliger als nehmen.

              P.S. heißt das, was jetzt folgt, in Briefen. Es ist, als würde Paulus noch einmal rückfällig, als müsste er noch einmal sagen: Ich habe mir nichts vorzuwerfen und ihr auch nicht. Es klingt nach Selbstrechtfertigung, ausgerechnet aus dem Mund des Mannes, der doch so ganz andere Sätze sagen kann: „Mir aber ist’s ein Geringes, dass ich von euch gerichtet werde oder von einem menschlichen Gericht; auch richte ich mich selbst nicht. Ich bin mir zwar nichts bewusst, aber darin bin ich nicht gerechtfertigt; der Herr ist’s aber, der mich richtet.“(1. Korinther 4, 3-4) Und doch beteuert er hier noch einmal seine Unabhängigkeit. Ich habe immer für mich selbst gesorgt durch meiner Hände Arbeit und bin euch nie zur Last gefallen. Warum nur ist ihm das so wichtig?

Müssen es alle so halten wie Paulus? Ist das die normative Aufforderung zum Broterwerb als Hauptberuf und zur ehrenamtlichen pastoralen Tätigkeit? „Paulus ist Leitbild, nicht Elle der nachpaulinischen Zeit. Sein Vorbild verlangt vom Funktionsträger nicht den Verzicht auf Versorgung (diese wurde mit Regeln wie Didache 13 geordnet), sondern Freigiebigkeit.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 405) Fast bin ich geneigt zu sagen: Gott sei Dank. Aber es bleibt schon die Erinnerung, die Ermahnung, aus der Arbeit für das Evangelium nicht einfach einen Broterwerb zu machen!

 36 Und als er das gesagt hatte, kniete er nieder und betete mit ihnen allen. 37 Da begannen alle laut zu weinen und sie fielen Paulus um den Hals und küssten ihn, 38 am allermeisten betrübt über das Wort, das er gesagt hatte, sie würden sein Angesicht nicht mehr sehen. Und sie geleiteten ihn auf das Schiff.

„Abschied ist ein bisschen wie Sterben.“(K. Ebstein) Sie weinen miteinander, umarmen sich, halten sich fest, als würden sie sich nie mehr loslassen wollen. Und wissen doch: Es gibt kein Bleiben. Wer nicht Hornhaut auf der Seele hat, versteht den Schmerz dieses Abschiedes. Schließlich bleibt nichts mehr zu tun, als der Gang auf das Schiff. Es wird Paulus ihren Augen entziehen. Und die Ältesten den Augen des Paulus. Hinter dem Horizont aber geht es weiter.

Hinterm Horizont geht’s weiter
ein neuer Tag
hinterm Horizont immer weiter
zusammen sind wir stark!
Das mit uns ging so tief rein
das kann nie zu Ende sein
sowas Großes geht nicht einfach so vorbei!           U. Lindenberg

             Aber wie es hinter dem Horizont weitergeht, das ist den Augen verborgen. Auch den Augen der Gläubigen. Darum liegt über Abschieden so häufig auch Schmerz.

 

Herr Jesus, wir üben es ein Leben lang: Loslassen. Freigeben. Nicht alles im Griff behalten. Und darin üben wir das Andere – Dir vertrauen, Dir unser Heiliges anvertrauen, glauben, dass Du uns in Händen hältst und alles was uns lieb ist, alle die uns lieb sind. 

Und doch liegt über dem Abschied, dem Loslassen, oft so ein Schmerz, weil nichts so bleiben kann, wie es heute ist.

 Gib, dass wir uns den Schmerz eingestehen und doch die Hoffnung festhalten und den Glauben: Du bringst uns an Dein Ziel in der Zeit und in Ewigkeit. Amen