Gefährliche Predigtlänge

Apostelgeschichte 20, 1 – 16

1 Als nun das Getümmel aufgehört hatte, rief Paulus die Jünger zu sich und tröstete sie, nahm Abschied und brach auf, um nach Mazedonien zu reisen. 2 Und als er diese Gegenden durchzogen und die Gemeinden mit vielen Worten ermahnt hatte, kam er nach Griechenland 3 und blieb dort drei Monate. Da ihm aber die Juden nachstellten, als er zu Schiff nach Syrien fahren wollte, beschloss er, durch Mazedonien zurückzukehren. 4 Es zogen aber mit ihm Sopater aus Beröa, der Sohn des Pyrrhus, aus Thessalonich aber Aristarch und Sekundus und Gajus aus Derbe und Timotheus, aus der Provinz Asien aber Tychikus und Trophimus. 5 Diese reisten voraus und warteten auf uns in Troas.

             Der Aufruhr in Ephesus ist nur ein Intermezzo. Er ändert nichts an den Plänen des Paulus. Paulus spricht den Jüngern Mut zu, tröstet sie, ermahnt sie, segnet sie (so Luther 1912!). Alles kann in einem der Lieblingsworte des Lukas, παρακαλείν, stecken. Dann tritt er seine Reise an. „Hauptziele dieser Reise, die nach unseren bisherigen chronologischen Überlegungen in die Jahre 55 und 56 fiel, waren die Festigung der früher gegründeten Gemeinden sowie die Erhebung der Kollekte für Jerusalem, von der Lukas allerdings schweigt.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 295) Auf der Reise fährt er in Mazedonien fort mit Trösten und Ermutigen und geht weiter nach Griechenland – heißt wohl nach Korinth. Was sich dort ereignet, verschweigt Lukas.

Kommentare unserer Zeit wissen da mehr zu erzählen. Er hat die aufgeregte Gemeinde in Korinth befriedet. Er hat dort den Römerbrief verfasst. Lukas sagt dazu nichts.

Jetzt ändert sich der Reiseplan. Statt mit dem Schiff nach Syrien zu fahren, geht es auf dem Landweg zurück nach Mazedonien. Der Grund sind geplante Anschläge gegen ihn, hinter denen Juden stecken. Wieder erweist es sich, dass Paulus rechtzeitig davon erfährt und gewarnt dem Unheil entgehen kann.

Die Liste der Reisegefährten zeigt, dass Paulus nicht allein unterwegs ist und dass es sich um Leute handelt, die durch seine Mission gewonnen worden sind. Es sind seine „geistlichen Kinder“, die ihn auf der Reise und in seinem Auftrag unterstützen.  

 6 Wir aber fuhren nach den Tagen der Ungesäuerten Brote mit dem Schiff von Philippi ab und kamen am fünften Tag zu ihnen nach Troas und blieben dort sieben Tage.

                Jetzt taucht das Wir wieder als Erzählstil auf. Der Erzähler ist, so sollen wir LeserInnen uns wohl vorstellen, mit an Bord, als es von Philippi nach Troas geht, nach den Tagen vor dem Passah. Die Reise geht erst nach der in dieser Zeit, den Tagen der Ungesäuerten Brote, gebotenen Ruhe vonstatten. Paulus erweist sich im Achten auf diese jüdische Sitte als einer, der seine Herkunft nicht leichtfertig vergisst.

 7 Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren, das Brot zu brechen, predigte ihnen Paulus, und da er am nächsten Tag weiterreisen wollte, zog er die Rede hin bis Mitternacht.

                Es ist eine auf den ersten Blick nebensächliche Notiz. Der erste Tag der Woche ist der Tag der Auferstehung. Und an diesem Tag ist die Gemeinde in Troas zusammen, um das Brot zu brechen,- in unserer Sprache: das Herrenmahl zu feiern. Dieser kurze Passus, das macht ihn bedeutend für uns, ist einer „der ältesten Belege für die frühchristliche Sonntagsfeier.“ (J. Roloff, aaO.;  S. 62)

Noch vor der Mahlfeier beginnt Paulus eine Predigt. Es ist eine lange Predigt. Der Prediger Paulus hat viel zu sagen. Vielleicht ist es bemerkenswert: Hier schwingt keine Kritik mit. Die Rede ist nicht überlang. Wie überhaupt die Angst vor der Predigtlänge wohl eher ein neuzeitliches Problem ist, beschränkt vor allem auf Mitteleuropa und Landeskirchen. „Und Jesus stieg aus und sah die große Menge; und sie jammerten ihn, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing eine lange Predigt an.“ (Markus 6,34) Fast scheint es so: Die Antwort auf die Not der Menge ist als erstes eine lange Predigt! So viel zum Trost für alle Prediger, die nicht schon nach zwölf Minuten am Ende sind. Es darf auch, manchmal, mehr, länger sein.

 8 Und es waren viele Lampen in dem Obergemach, wo wir versammelt waren. 9 Es saß aber ein junger Mann mit Namen Eutychus in einem Fenster und sank in einen tiefen Schlaf, weil Paulus so lange redete; und vom Schlaf überwältigt fiel er hinunter vom dritten Stock und wurde tot aufgehoben.

        Gleichwohl: Lange Predigten haben auch ihre Gefahren. Sie können einschläfern, auch wenn sie es nicht automatisch müssen. Vielleicht tragen Öllampen mit ihrem Ruß, die die Luft stickig machen, zur Ermüdung bei. Vielleicht aber auch stellt sich Müdigkeit ein, weil alle tagsüber zu arbeiten hatten. Der erste Tag der Woche ist nicht gesetzlich als arbeitsfreier Tag geschützt. Der junge Mann namens Eutychus wird zum frühen Vorläufer aller Kirchenschläfer. Nur: Er nickt nicht einfach nur ein, sondern, weil er im Fenster sitzt, stürzt er rücklings ab. Jetzt meldet sich dann doch leise Kritik: Schuld an seinem Schlaf und Absturz ist die lange Rede des Paulus. Als Leute nach unten eilen, finden sie ihn tot.

Das ist ein Widerspruch in sich. Unter der Predigt des Lebens – worüber soll Paulus sonst gesprochen haben als darüber, dass bei Christus das Leben in Fülle ist – stirbt einer, „der Glück hat“ – so der Name Eutychus!

Mir fallen meine Anfangsjahre ein. Vikar auf dem Dorf. Gottesdienst am Sonntag um 14.00. Auf der Empore die Männer, müde von der Arbeitswoche, satt vom Mittagsessen, das reichlich war. Ich konnte so spannend predigen, wie es mir nur möglich war, ich hatte keine Chance. Sie dösten. Aber sie dösten in der Kirche. Gut aufgehoben im Gotteshaus. Und keiner ist von der Empore abgestürzt.

10 Paulus aber ging hinab und warf sich über ihn, umfing ihn und sprach: Macht kein Getümmel; denn es ist Leben in ihm. 11 Dann ging er hinauf und brach das Brot und aß und redete viel mit ihnen, bis der Tag anbrach; und so zog er hinweg. 12 Sie brachten aber den jungen Mann lebend herein und wurden nicht wenig getröstet.

                Ist das eine Totenauferweckung? Oder ist es nur dass besonnene Urteil dessen, der sich von Aufregung frei hält und durch seinen Körperkontakt spürt: Der Junge ist nicht tot. Da ist noch Leben in ihm. Auch wenn es nahe liegt, sich an die Totenerweckungen eines Elia und Elisa zu erinnern, gar an die Totenerweckungen Jesu, die das Evangelium erzählt – Lukas vermeidet es, Paulus zum Wundertäter zu machen, der auch als größtes Wunder einen Toten zurück ins Leben ruft.

Er braucht das Wunder nicht, um Paulus groß zu machen. Auch der Fortgang der Erzählung passt zu diesem Herunterspielen. Erst hilft man dem abgestürzten Kirchen-Schläfer wieder auf die Beine und versorgt ihn. Dann feiert Paulus mit der Gemeinde das Herrenmahl. Und, so darf man es sich wohl vorstellen, durch den „Zwischenfall“ munter geworden, setzt sich die Rede des Paulus und das Gespräch über den Glauben durch die ganze Nacht hin fort. Dann geht Paulus seiner Wege. Einen letzten Blick  auf den abgestürzten Eutychus erlaubt uns Lukas. Er hat wirklich Glück gehabt und die um ihn gebangt haben, sind nun durch seine bloße Existenz schon getröstet.

13 Wir aber zogen voraus zum Schiff und fuhren nach Assos und wollten dort Paulus zu uns nehmen; denn er hatte es so befohlen, weil er selbst zu Fuß gehen wollte. 14 Als er uns nun traf in Assos, nahmen wir ihn zu uns und kamen nach Mitylene. 15 Und  von dort fuhren wir weiter und kamen am nächsten Tag auf die Höhe von Chios; am folgenden Tag gelangten wir nach Samos und am nächsten Tag kamen wir nach Milet. 16 Denn Paulus hatte beschlossen, an Ephesus vorüberzufahren, um in der Provinz Asien keine Zeit zu verlieren; denn er eilte, am Pfingsttag in Jerusalem zu sein, wenn es ihm möglich wäre.

Es folgt der Bericht aus dem Reisetagebuch. Er hält sogar Besonderheiten fest wie die, dass Paulus einen Teil des Weges zu Fuß zurücklegt. Ob aus Furcht vor der Seereise oder aus dem Willen, einmal für sich zu sein, wird nicht gesagt. Bemerkenswert erscheint Lukas nur, dass Paulus keinen Abstecher nach Ephesus plant. Fürchtet er, dass das zu einem längeren Aufenthalt führen wird? Fürchtet er neue Tumulte? Wir erfahren es nicht. Er steht unter Zeitdruck, den er sich wohl auch selbst macht: An Pfingsten will er in Jerusalem sein.

Die ganze Passage macht den Eindruck wie nebenbei erzählt. Da ist nichts gewichtig, nichts über den Augenblick hinaus bedeutungsvoll. Vielleicht ist es aber gerade das über den Augenblick, über das Erzählte hinaus voll Bedeutung: Es gibt Wegpassagen des Glaubens, da geschieht nichts Großartiges55, da ist ein Tag wie der andere. Es geht einfach nur weiter.

 

 

Herr Jesus, gib mir, dass meine Worte von Dir keinen ermüden, einschlafen lassen, zum Absturz bringen.

Gib mir zu spüren, wann genug gesagt ist, wann mein Reden zur Endlosschleife wird, die nur noch abschalten lässt.

Gib mir und allen, die von Dir sagen, dass unsere Worte nichts billig machen, nicht zum Wortschwall werden, sondern dass jedes einzelne Wort zeigt: Du bist Gottes kostbares Geschenk an die Welt. Amen