Maulen ist ansteckend

  1. Mose 11, 1 – 23

1 Und das Volk wehklagte vor den Ohren des HERRN, dass es ihm schlecht gehe. Und als es der HERR hörte, entbrannte sein Zorn, und das Feuer des HERRN loderte auf unter ihnen und fraß am Rande des Lagers.

             Es ist ein Grundmotiv, das schon in der Vergangenheit immer wieder laut geworden ist und das auf den weiteren Weg immer wieder angestimmt wird: das Volk wehklagte vor den Ohren des HERRN, dass es ihm schlecht gehe. Jammern gehört dazu. „Menschlich ist das Klagen verständlich.“(G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.155) Fluchtwege und Wüstenwanderungen sind keine Urlausreisen und nicht vergnügungssteuerpflichtig.

Die Antwort Gottes auf das Klagen, auf das Jammern ist hart: Sein Zorn entbrennt und findet seinen sichtbaren und verstörenden Ausdruck im  das Feuer des HERRN. Das Lager ist von diesem Brand bedroht. Es ist, salopp gesprochen, eine Strafe für Nörgelei. „Grund der Strafe muss die Hauptsünde Israels in jener Zeit, die Unzufriedenheit und Klage, gewesen sein. Einen bestimmten Anlass zu solcher Unzufriedenheit und Klage weiß der Erzähler nicht anzugeben.“ (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.75) Muss er auch nicht, weil jeder Leser weiß: um zu klagen, braucht es keine Gründe.

2 Da schrie das Volk zu Mose, und Mose bat den HERRN; da verschwand das Feuer. 3 Und man nannte die Stätte Tabera, weil hier das Feuer des HERRN unter ihnen aufgelodert war.

             So bedrohlich ist die Brandgefahr, dass das Volk sich jetzt wieder an Mose hält, zu ihm schreit. Mose verwandelt das Schreien in ein Bitten an den HERRN. Siehe da, das Feuer verschwindet. Erlöscht wie von selbst. Übrig bleibt eine Erinnerung, die sich im Namen Tabera – Ort der Verbrennung –  niederschlägt. Diesen Ort zu bestimmen ist heute nicht mehr möglich – irgendwo zwischen Ägypten und Palästina.

4 Das fremde Volk aber unter ihnen war lüstern geworden.

       Unter den Israeliten gibt es auch fremdes Volk.“ „Zusammengelaufenes Gesindel“(G. Maier, aaO. S. 156)ist schon sehr abwertend übersetzt. Aber das klingt kaum besser: „Viel Schwarmgemeng“ (Übersetzung Buber-Rosenzweig) Gemeint sind die, die seit dem Auszug mit auf dem Weg sind: „Und es zog auch mit ihnen viel fremdes Volk, dazu Schafe und Rinder, sehr viel Vieh.“(2. Mose 12,38)  „Die Fremden, die ’asafsúf heißen, bleiben Outsiders, ein Kern der Oppositionellen, rasch unzufrieden, rasch zur Meuterei bereit.“ (R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 97) Sie werden lüstern. Unzufrieden. Aufsässig. Es wird gut sein, hier nicht gleich sexuelle Beiklänge zu hören. Es geht einfach darum, dass es Leute gibt, die über alles und jedes maulen.   „Maulen ist ansteckend“ weiterlesen

Gottes Rhythmus folgen

  1. Mose 10,11 – 36

11 Am zwanzigsten Tage im zweiten Monat des zweiten Jahres erhob sich die Wolke von der Wohnung des Gesetzes. 12 Und die Israeliten brachen auf aus der Wüste Sinai, und die Wolke machte halt in der Wüste Paran.

             Aufbruch. Es ist nur eine Andeutung: Zwei Jahre verweilt Israel in der Wüste Sinai. Solange, bis die Wolke sich in Bewegung setzt.  „Wenn Gott durch die Wolke spricht, bricht Israel auf.“  (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.148) Der Weg führt aus der einen Wüste in eine andere, die Wüste Paran. Es ist offenkundig schwierig, diese Wüste zu lokalisieren – ob im Nordteil oder Südteil der Sinai-Halbinsel. „Es fällt schwer den Namen Pharan zu trennen von dem Namen wādi fērān im gebirgigen Südteil der Sinaihalbinsel; dieses Tal, das in seinem oberen Teil eine wassereiche und fruchtbare  Oase vorweist, ist eine der bemerkenswertesten Stellen der Sinaihalbinsel“. (M. Noth, Das 4. Buch Mose – Numeri, ATD 7, Göttingen 1982, S.69) Trotzdem bleibt es intelligente Spekulation, diesen Ort hier gemeint zu sehen. Andere Kommentare zu suchen Pharan in gerade gegengesetzter Richtung im Norden.

 13 So brachen sie zum ersten Male auf nach dem Wort des HERRN durch Mose, 14 nämlich das Banner des Lagers Juda brach zuerst auf, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Nachschon, der Sohn Amminadabs. 15 Und über das Heer des Stammes Issachar gebot Netanel, der Sohn Zuars. 16 Und über das Heer des Stammes Sebulon gebot Eliab, der Sohn Helons. 17 Dann zerlegte man die Wohnung, und es brachen auf die Söhne Gerschon und Merari und trugen die Wohnung. 18 Danach brach auf das Banner des Lagers Ruben, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Elizur, der Sohn Schedëurs. 19 Und über das Heer des Stammes Simeon gebot Schelumiël, der Sohn Zurischaddais, 20 und Eljasaf, der Sohn Deguëls, über das Heer des Stammes Gad. 21 Dann brachen auf die Kehatiter und trugen die heiligen Geräte; und man richtete die Wohnung auf, bis diese nachkamen. 22 Danach brach auf das Banner des Lagers Ephraim, Heerschar nach Heerschar, und über ihr Heer gebot Elischama, der Sohn Ammihuds, 23 und Gamliël, der Sohn Pedazurs, über das Heer des Stammes Manasse 24 und Abidan, der Sohn des Gidoni, über das Heer des Stammes Benjamin. 25 Danach brach auf das Banner des Lagers Dan als letztes aller Lager, Heerschar nach Heerschar, und Ahiëser, der Sohn Ammischaddais, gebot über ihr Heer 26 und Pagiël, der Sohn Ochrans, über das Heer des Stammes Asser 27 und Ahira, der Sohn Enans, über das Heer des Stammes Naftali. 28 So brachen die Israeliten auf, Heerschar nach Heerschar.

             Neben das sprechende Zeichen der Wolke tritt das Wort des HERRN durch Mose. Das eine ergänzt das andere und es ist eben kein Entweder-oder.  Alles geht in genau festgelegter Abfolge vor sich. Kein Chaos, sondern Ordnung. Hier herrscht Sorgfalt. In dieser Sorgfalt geschieht auch der Transport der Wohnung. Es gibt einen Trupp, rund um Gerschon und Merari, die die Wohnung tragen. Und eine andere Gruppe trägt die heiligen Geräte. So bleibt die Stiftshütte auch während des Marsches immer inmitten des Volkes.

 

Warum erzählt man in Israel so peinlich genau diesen Aufbruch und seine Ordnung? Warum hängt so viel daran, die einzelnen Stämme, Lager und ihre Anführer zu nennen, ihren Platz im Ganzen des Volkes? Es hat, so mein Gedanke, wohl darin seinen Grund, dass der Glaube Israels an der Geschichte haftet. Er ist nicht einfach „nur“ eine religiöse Überzeugung, dass es Gott gibt und dass er die Welt im Innersten zusammenhält. Sondern der Glaube Israels haftet an Geschehen, das von Gott her kommt und auf Gott und sein Wort antwortet. Am Aufbruch aus Ägypten, am Durchzug durch das Schilfmeer, an den Wegen in der Wüste. Alle Stämme waren an diesen Wegen beteiligt. Sie haben darin ihren Platz gefunden. Und immer gilt: wir sind dabei gewesen, als Gott uns führte.

Eine späte Parallele zu diesem sorgfältigen Erzählen: der Weg Jesus mit seinen Jüngern. Da werden sie namentlich genannt, die seine Wege geteilt haben, seine Worte gehört, seine Zeichen gesehen. Auch da Geschichte und Geschichten und eben nicht nur Religion und religiöses „Gefühl der schlechthinnigen Abhängigkeit.“ (F. Schleichermacher.)   „Gottes Rhythmus folgen“ weiterlesen

Keine Hast

  1. Mose 9, 15 – 23

15 Und an dem Tage, da die Wohnung aufgerichtet wurde, bedeckte eine Wolke die Wohnung, die Hütte des Zeugnisses, und vom Abend bis zum Morgen stand sie über der Wohnung wie ein feuriger Schein. 16 So geschah es die ganze Zeit, dass die Wolke sie bedeckte und bei Nacht ein feuriger Schein.

            Die Wohnung – das ist die Stiftshütte. Sie wird überschattet, bedeckt  von einer Wolke. Das ist nicht einfach Wetterbeobachtung. Wolke und der feurige Schein des Nachts „sind beide der sichtbare Ausdruck der Gegenwart Gottes.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S.140) So war es ja schon beim Auszug aus Ägypten. Daran hat sich in der Zwischenzeit nichts geändert. Gott erweist sich in seiner Gegenwart als beständig.

17 Sooft sich aber die Wolke von dem Zelt erhob, brachen die Israeliten auf; und wo die Wolke sich niederließ, da lagerten sich die Israeliten. 18 Nach dem Wort des HERRN brachen sie auf, und nach seinem Wort lagerten sie sich. Solange die Wolke auf der Wohnung blieb, so lange lagerten sie.

Darauf kommt es dem Erzähler an, aufzuzeigen, wie ganz und gar abhängig Israel in seinem Bleiben,  Verweilen und Aufbrechen von den Signalen Gottes ist. Es sind non-verbale Signale. Mit keinem Wort wird hier davon berichtet, dass Gott spricht. Aber im Achten auf die Wolke geschieht ein Achten auf das Wort des HERRN.  Das also sollen wir als Leserinnen und Leser verstehen: die Wolke ist ein  sprechendes Zeichen. „Keine Hast“ weiterlesen

Segen

  1. Mose 6, 22 – 27

Die Kapitel 1 – 10 im Text des 4. Buch Mose  sind in der geographischen Anordnung dem Sinai als Aufenthaltsort des Volkes zugeschrieben. Das ist mehr als eine zufällige historische Notiz. Dort, am Sinai  erhält Israel die Bundes-Ordnung, die es zum Volk Gottes macht. Dort macht es seine erste große Krise im Tanz um das Goldene Kalb durch. Dort erfolgt nach der Erzählung aus dem 3. Mose-Buch die Einsetzung der aaronitischen Priesterschaft. Mit anderen Worten: der Sinai ist der Ort der grundlegenden geistlichen und gemeinschaftlichen Ausrichtung Israels.

Wenn also der aaronitische Segen hier im 4. Buch Mose am Sinai verortet wird, dann ist das eine eindrückliche Unterstreichung: Segen ist nichts Nebensächliches. Nichts, was nur am Schluss eines Gottesdienstes sagt: „Ich habe fertig.“(Trapattoni) Sondern Segen ist geistlicher Grundbestand.

22 Und der HERR redete mit Mose und sprach: 23 Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet:

              Was folgen wird ist eine Anordnung Gottes – durch Mose weitergegeben. Daran liegt dem 4. Mose-Buch, es einzuprägen: die Anordnungen, die in Israel Gültigkeit beanspruchen, gehen auf Anordnungen Gottes zurück. Mose ist nur der, der sie weitergibt, nicht der, der sie sich ersinnt. „Immer wieder begegnen wir der Redewendung, man habe so gehandelt, „wie Jahwe dem Mose geboten hatte“. Dieses Motiv zieht sich von 1,19 bis 36,10, also vom ersten bis zum letzten Kapitel des Buches, hindurch.“ (G. Maier, Das 4. Buch Mose, Wuppertaler Studienbibel AT 2, Wuppertal 1989; S. 24) Es ist Gehorsam gegen Gott, der den Weg Israels prägt und unter den Segen führt.

„Woher ergibt es sich, dass der Priester, der die Plattform (zum Segnen) betritt, sich nicht denkt: Nachdem mir die Tora erlaubt Israel zu segnen, will ich meinen  eigenen Segenspruch beigeben? Weil es heißt: Fügt nichts zur Sache hinzu(Deuteronomium 4,2). Seit Jahrtausenden besteht der Priestersegen tatsächlich unverändert fort.“(R. Gradwohl, Bibelauslegung aus jüdischen Quellen. Bd. 3, Stuttgart 1988, S. 88)

Sehr persönlich: ich hänge an dieser so kargen Formulierung. Ich bin innerlich auf Abstand gegenüber den nach eigenem Gutdünken und Geschmack entfalteten Segenssätzen, die in meinen Augen nichts erklären, nur in einer für mich übergriffigen Weise „pädagogisieren“, erläutern und darin allzu oft die Schönheit der Worte verstellen. „Segen“ weiterlesen

Ungehindert

Apostelgeschichte 28, 17 – 31

17 Es geschah aber nach drei Tagen, dass Paulus die Angesehensten der Juden bei sich zusammenrief.

             Paulus verliert keine Zeit. Er hat ja schon zwei Jahre in Cäsarea verloren und auch die Schiffs-Reise war, aller Bewahrung zum Trotz, kein Zeitgewinn. Darum ruft er, kaum in Rom, nach drei Tagen die führenden Leute der jüdischen Community zusammen. Es gibt Schätzungen, dass in dieser Zeit fast 50.000 Juden in Rom leben. Der Apostel sucht sie zuerst, so wie er immer zuerst die Gemeinden der Synagoge gesucht hat. Dass er sie rufen lässt, ist keine Anmaßung, sondern wohl dem geschuldet, dass seine Bewegungsfreiheit doch eingeschränkt ist. Schließlich ist er nicht frei, sondern nur ein frei wohnender Gefangener unter Bewachung.

Als sie zusammengekommen waren, sprach er zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ich habe nichts getan gegen unser Volk und die Ordnungen der Väter und bin doch als Gefangener aus Jerusalem überantwortet in die Hände der Römer. 18 Diese wollten mich losgeben, nachdem sie mich verhört hatten, weil nichts gegen mich vorlag, das den Tod verdient hätte.

                Auch hier, wie schon so oft, versucht er in ausgesuchter Freundlichkeit einen Zugang zu seinen Gesprächspartnern zu gewinnen: Ihr Männer, liebe Brüder. Es folgt eine Beteuerung, dass er kein Feind des Volkes Israel ist und sich nicht gegen die Ordnungen der Väter vergangen hat. Auch die römischen Institutionen in der Provinz Syrien haben seine Unschuld bestätigt. Es gibt also, von der Obrigkeit Rom aus gesehen, keinen Grund zur Anklage. „Ungehindert“ weiterlesen

Rom kommt näher

Apostelgeschichte 28, 1 – 16           

1 Und als wir gerettet waren, erfuhren wir, dass die Insel Malta hieß. 2 Die Leute aber erwiesen uns nicht geringe Freundlichkeit, zündeten ein Feuer an und nahmen uns alle auf wegen des Regens, der über uns gekommen war, und wegen der Kälte.

                         Gerettet – auf Malta. Die Bilder unserer Tage mit überfüllten Flüchtlingsbooten stehen einem unwillkürlich vor Augen. Ähnlich gestrandet und gerettet, ist dieser Gefangenentransport auf Freundlichkeit angewiesen. Sie wird ihnen reichlich zuteil. Die Menschlichkeit der Malteser bewährt sich an diesen Schiffbrüchigen – und wird damit zum Namensgeber für barmherzige Dienste bis heute.

 3 Als nun Paulus einen Haufen Reisig zusammenraffte und aufs Feuer legte, fuhr wegen der Hitze eine Schlange heraus und biss sich an seiner Hand fest. 4 Als aber die Leute das Tier an seiner Hand hängen sahen, sprachen sie untereinander: Dieser Mensch muss ein Mörder sein, den die Göttin der Rache nicht leben lässt, obgleich er dem Meer entkommen ist.

                     Wegen der Kälte wird Feuer gemacht und alle, auch Paulus, beteiligen sich an der Suche nach Brennmaterial. Es ist eines meiner innersten Angstbilder, dass bei so einer Suche im Halbdunkel statt eines Stabes, eines Stockes, die eigene Hand eine Schlange ergreift. Das Denken der Leute ist eindeutig: Wer nach solcher Rettung dann doch in Todesgefahr gerät, der muss schuldig sein. Um seinetwillen ging das Schiff unter. Und weil er da entkam, schicken die Götter die Schlange. Er ist ein Bösewicht.

Diese Gedanken vom heimsuchenden Zorn sind biblischen Texten nicht fremd. „Weh denen, die des HERRN Tag herbeiwünschen! Was soll er euch? Denn des HERRN Tag ist Finsternis und nicht Licht, gleichwie wenn jemand vor dem Löwen flieht und ein Bär begegnet ihm und er kommt in ein Haus und lehnt sich mit der Hand an die Wand, so sticht ihn eine Schlange!“(Amos 5,18-19) Es gibt kein Entrinnen vor dem Zorn, vor dem gerechten Gericht Gottes. Und so wird Paulus eben auf Malta eingeholt vom Gericht.  Es ist Gerichtstag Gottes – so denken sie hier! „Rom kommt näher“ weiterlesen

Die Stunde der Menschlichkeit

Apostelgeschichte 27, 27 – 44

27 Als aber die vierzehnte Nacht kam, seit wir in der Adria trieben, wähnten die Schiffsleute um Mitternacht, sie kämen an ein Land. 28 Und sie warfen das Senkblei aus und fanden es zwanzig Faden tief; und ein wenig weiter loteten sie abermals und fanden es fünfzehn Faden tief. 29 Da fürchteten sie, wir würden auf Klippen geraten, und warfen hinten vom Schiff vier Anker aus und wünschten, dass es Tag würde.

        Nun geht es wieder sachlich-fachlich weiter. Es klingt nüchtern: Als aber die vierzehnte Nacht kam. Dahinter aber steckt ein Sturm, der nicht aufhört, Tag und Nacht. Vierzehn lange Tage und Nächten an die Gewalt des Mittelmeeres, der Adria ausgeliefert. „Das Mittelmeer zwischen Kreta und Kilikien wurde im Altertum zur Adria gerechnet“(Anmerkung Luther 2017) Die Seeleute übernehmen die Regie. Sie suchen Land und fürchten es zugleich. Klippen könnten dem Schiff gefährlich werden. Es gilt vorsichtig zu navigieren. Den Tag erwarten.

30 Als aber die Schiffsleute vom Schiff zu fliehen suchten und das Beiboot ins Meer herabließen und vorgaben, sie wollten auch vorne die Anker herunterlassen, 31 sprach Paulus zu dem Hauptmann und zu den Soldaten: Wenn diese nicht auf dem Schiff bleiben, könnt ihr nicht gerettet werden. 32 Da hieben die Soldaten die Taue ab und ließen das Beiboot ins Meer fallen.

Die Schiffsleute sind erfahren und auch feige. Weil sie Realisten sind und die Gefahr entsprechend einschätzen können? Als sie die Gefahr sehen, dass das Schiff auf Klippen aufläuft, denken sie an sich selbst zuerst und wollen sich retten. Eine Flucht wäre gewiss ein Verstoß gegen jede „Seemanns-Ehre“ und würde die Passagiere dem sicheren Tod ausliefern. Ihre beabsichtigte feige Flucht wird nur durch die Aufmerksamkeit des Paulus verhindert. Es ist eine große Anfrage an die menschliche Solidarität, nicht dem Ruf zu folgen: „Rette sich, wer kann.“ Weil sich solche Solidarität nicht von selbst einstellt, erzwingen die Soldaten sie – auf Anraten des Paulus. Sie kappen alle Fluchtwege, auch für sich selbst.

33 Und als es anfing, hell zu werden, ermahnte Paulus sie alle, Nahrung zu sich zu nehmen, und sprach: Es ist heute der vierzehnte Tag, dass ihr wartet und ohne Nahrung geblieben seid und nichts zu euch genommen habt. 34 Darum ermahne ich euch, etwas zu essen; denn das dient zu eurer Rettung; es wird keinem von euch ein Haar vom Haupt fallen. 35 Und als er das gesagt hatte, nahm er Brot, dankte Gott vor ihnen allen und brach’s und fing an zu essen. 36 Da wurden sie alle guten Mutes und nahmen auch Nahrung zu sich. 37 Wir waren aber alle zusammen im Schiff zweihundertsechsundsiebzig.

 Im Folgenden rückt der gefangene Passagier Paulus in den Mittelpunkt der Erzählung. Vierzehn Tage und Nächte im Sturm sind eine lange Zeit, in der die Kräfte sich erschöpfen. Irgendwann droht dann der Zeitpunkt zu kommen, an dem das Ende seinen Schrecken verliert, weil der Schrecken kein Ende findet. Was dann Not tut, ist, dass die sich schleichend ausbreitende Gleichgültigkeit durchbrochen wird. Die Lebensgeister müssen wieder geweckt werden.

Es sind in dieser Situation so nahe liegende Dinge, die Paulus tut. Er will dafür sorgen, dass alle essen. Denn ohne Nahrung fehlt die Kraft zum Handeln. Wer aber isst, will noch nicht sterben. Er spricht Mut zu. Keinem von euch wird ein Haar vom Haupt fallen. Man kann schon fragen: Klingt das in dieser Lage, nach vierzehn Tagen Sturm nicht wie Pfeifen im Wald? Die Worte sind Erinnerung an Gott, der auch für die Kleinen und in Kleinigkeiten sorgt: „Auch sind die Haare auf eurem Haupt alle gezählt.“ (Lukas 12,7).  Und weil Worte oft nicht reichen, isst Paulus vor. Es ist, wenn man so will, ein Mutmach-Essen. „Die Stunde der Menschlichkeit“ weiterlesen

Schiffbruch

Apostelgeschichte 27, 13 – 44

Als aber der Südwind wehte, meinten sie, ihr Vorhaben ausführen zu können, lichteten die Anker und fuhren nahe an Kreta entlang. 14 Nicht lange danach aber brach von der Insel her ein Sturmwind los, den man Nordost nennt.

Der Versuch, den angenehmeren Winterhafen zu erreichen scheitert. Am Wetter, am Sturm. Es gibt in vielen Weltgegenden Winde, die Namen haben – Beispiel Passat. So auch im Mittelmeer-Raum: Scirocco, Mistral, Boras.  Auch der Sturmwind, der jetzt losbricht und den freundlichen Südwind ablöst, hat einen Namen – Ερακλων. Der Nordost. Dass dieser Wind einen Namen trägt, deutet darauf hin, dass er in der Region um Kreta, in der das Schiff unterwegs ist, häufiger, wohl regelmäßig auftritt. Man hätte also mit ihm rechnen können, vielleicht sogar rechnen müssen.

 15 Und da das Schiff ergriffen wurde und nicht mehr gegen den Wind gerichtet werden konnte, gaben wir auf und ließen uns treiben. 16 Wir fuhren aber vorbei an einer Insel, die Kauda heißt, da konnten wir mit Mühe das Beiboot in unsre Gewalt bekommen. 17 Sie zogen es herauf und umspannten zum Schutz das Schiff mit Seilen. Da sie aber fürchteten, in die Syrte zu geraten, ließen sie den Treibanker herunter und trieben so dahin. 18 Und da wir großes Ungewitter erlitten, warfen sie am nächsten Tag Ladung ins Meer. 19 Und am dritten Tag warfen sie mit eigenen Händen das Schiffsgerät hinaus. 20 Da aber viele Tage weder Sonne noch Sterne schienen und ein gewaltiges Ungewitter uns bedrängte, war all unsre Hoffnung auf Rettung dahin.

Der Sturm ist heftig. Die Folge: Schiff in Not! „Der verzweifelte Versuch, das Schiff  mit dem Bug gegen den Wind zu ringen und in dieser Stellung zu verankern, misslingt; es ist hilflos dem Sturm ausgeliefert, deres nach Südosten abtreibt.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 362) Das Schiff treibt durch das südliche Mittelmeer und es ist bald klar: es gilt, nur das nackte Leben zu retten. Fast wie von selbst stellen sich beim Lesen dieser Schilderung die Bilder ein, die wir heute abendlich in der Tagesschau zu Gesicht bekommen – überfüllte Boote, die hilflos auf dem Mittelmeer treiben, vom Kentern und Untergang bedroht.

 21 Und als man lange nichts gegessen hatte, trat Paulus mitten unter sie und sprach: Liebe Männer, man hätte auf mich hören sollen und nicht von Kreta aufbrechen, dann wäre uns Leid und Schaden erspart geblieben.

            Paulus nimmt das Wort. Er scheint, er kann es nicht lassen, an seine Warnungen zu erinnern. So menschlich ist der Mann Paulus. „Wie so manche der apostolischen Reden in der Apostelgeschichte beginnt auch diese Ansprache des Paulus mit einer Anklage, die zur Einkehr führen soll.“(G. Stählin, aaO.  S. 317)  Ich versuche, mir vorzustellen, wie das, was Paulus sagt, auf die Leute wirkt. Es hat ja in der Tat erst einmal den Anschein, als wollte er sagen: „Selbst schuld. Hättet ihr nur auf mich gehört.“ Solche Sätze mögen manchmal verständlich sein, aber sie sind fast immer wenig hilfreich und schon gar nicht willkommen. Als ob alle, die die Entscheidung zur Weiterfahrt getroffen haben, sie nicht längst schon bereuen würden. Aber es geht ja nicht: Zurück auf Anfang, neue Entscheidung. Man muss oft genug mit den Entscheidungen leben, die früher getroffen worden sind, auch von einem selbst.

22 Doch nun ermahne ich euch: Seid unverzagt; denn keiner von euch wird umkommen, nur das Schiff. 23 Denn diese Nacht trat zu mir der Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, 24 und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus, du musst vor den Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir fahren. 25 Darum, liebe Männer, seid unverzagt; denn ich glaube Gott, es wird so geschehen, wie mir gesagt ist. 26 Wir werden aber auf eine Insel auflaufen.

„Schiffbruch“ weiterlesen

Seefahrt

Apostelgeschichte 27, 1 – 12

 1 Als es aber beschlossen war, dass wir nach Italien fahren sollten, übergaben sie Paulus und einige andre Gefangene einem Hauptmann mit Namen Julius von einer kaiserlichen Abteilung.

                Die Beschlüsse sind gefallen. Paulus wird nach Rom überstellt. Es ist wohl ein größerer Gefangenentransport, der da in Marsch gesetzt wird. Über die Gründe der Haft der anderen Gefangenen sagt Lukas nichts, man kann allenfalls spekulieren. Es werden keine „normalen“ Kriminellen sein, sondern wohl eher Leute, die mit poitischen Dingen in Zusammenhang gebracht werden. Alle Gefangenen werden einem Hauptmann Julius übergeben. Er gehört zu der syrischen Auxiliarcohorte, die den Ehrentitel Cohors Augusta führen durfte.(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 288) Mit an Bord sind – freiwillig – einige Begleiter des Paulus, namentlich genannt wird nur Aristarch aus Saloniki. Das wir signalisiert dem Leser: Die Mitfahrer auf dieser Reise sind Augenzeugen des Geschehens.  

  2 Wir bestiegen aber ein Schiff aus Adramyttion, das die Küstenstädte der Provinz Asien anlaufen sollte, und fuhren ab; mit uns war auch Aristarch, ein Mazedonier aus Thessalonich. 3 Und am nächsten Tag kamen wir in Sidon an; und Julius verhielt sich freundlich gegen Paulus und erlaubte ihm, zu seinen Freunden zu gehen und sich pflegen zu lassen. 4 Und von da stießen wir ab und fuhren im Schutz von Zypern hin, weil uns die Winde entgegen waren, 5 und fuhren über das Meer längs der Küste von Zilizien und Pamphylien und kamen nach Myra in Lyzien.

                In der folgenden Schilderung der Seefahrt hebt Lukas zunächst hervor, dass sich Julius freundlich gegenüber Paulus verhält. Er lässt ihm Freiheiten. Hinter den Freunden, die Paulus aufsuchen darf, kann man Leute aus der Gemeinde in Sidon vermuten. Offensichtlich spürt der Soldat, dass er von diesem Gefangenen nichts Böses zu erwarten hat. Er hat keine Sorge, dass er flüchten könnte.

Die Reise selbst aber geht nicht glatt vonstatten. Der Wind macht Schwierigkeiten. Darum wird wohl immer wieder die schützende Küstennähe gesucht. Dazu kommen vermutlich  auch Notwendigkeiten, die sich aus den Interessen des Schhiffseigentümers ergeben. Für ihn ist der Gefanenen-Transport ja nur ein Zusatzgeschäft. Sein eigentliches Geschäft ist Warentransport und deswegen braucht er die Nähe zur Küste und das Anlaufen der Häfen, in denen er verkaufen kann. Dazu mag kommen: Die Fahrt über das freie Meer wäre zu gefährlich. Schließlich wird Myra erreicht, ein Hafen an der südlichen, kleinasiatischen Küste.

  6 Und dort fand der Hauptmann ein Schiff aus Alexandria, das nach Italien ging, und ließ uns darauf übersteigen. 7 Wir kamen aber viele Tage nur langsam vorwärts und gelangten mit Mühe bis auf die Höhe von Knidos, denn der Wind hinderte uns; und wir fuhren im Schutz von Kreta hin, bis auf die Höhe von Salmone, 8 und gelangten kaum daran vorbei und kamen an einen Ort, der »Guthafen« heißt; nahe dabei lag die Stadt Lasäa.

                In Myra heißt es umsteigen. Der ganze Transport wird auf ein anderes Schiff geladen. Es kommt aus Alexandria und soll nach Italien fahren. Diese Herkunft deutet auf ein höheres Maß an  Seetauglichkeit hin. Wieder machen die Winde das Vorankommen schwierig. Das Schiff hat längst die kleinasiatischen Küstengewässer verlassen und befindet sich jetzt südlich von Kreta. Dort wird ein Ort namens Guthafen angesteuert.

  9 Da nun viel Zeit vergangen war und die Schifffahrt bereits gefährlich wurde, weil auch die Fastenzeit schon vorüber war, ermahnte sie Paulus 10 und sprach zu ihnen: Liebe Männer, ich sehe, dass diese Fahrt nur mit Leid und großem Schaden vor sich gehen wird, nicht allein für die Ladung und das Schiff, sondern auch für unser Leben.

               Man ist durch das mühsame Reisen deutlich im Zeitverzug. Dass die Fastenzeit schon vorüber ist, deutet auf Oktober hin. Nach dieser Zeit wird die Schifffahrt im Mittelmeer leicht zum Abenteuer. Deshalb meldet sich Paulus zu Wort. Man darf ihm unterstellen, dass er durch seine vielen Reisen Einiges an Erfahrung gesammelt hat. Er kann von sich sagen: Dreimal habe ich Schiffbruch erlitten, einen Tag und eine Nacht trieb ich auf dem tiefen Meer.“(2. Korinther 11, 25). Das reicht, um ein gewisses Maß an Kompetenz vorzuweisen.

Paulus warnt. Wenn man weiter fährt, steigt das Risiko, für die Fracht, für die Passagiere und für das Schiff selbst. Es wird lebensgefährlich werden. Womöglich hat Paulus auch im Sinn, dass das Mittelmeer ab Mitte Oktober zum „mare claustrum“ wird: „Betreten auf eigenen Gefahr!“ Die Schifffahrt wird vernünftigerweise eingestellt. Steckt hinter der Warnung die Weitsichtigkeit des Vielreisenden, der Gefahren ahnt? Manchmal reicht ja schon ein gesundes Maß an Lebenserfahrung, um Gefahren kommen zu sehen, für die Andere noch blind sind. „Seefahrt“ weiterlesen

Beinahe

Apostelgeschichte 26, 24 – 32

24 Als er aber dies zu seiner Verteidigung sagte, sprach Festus mit lauter Stimme: Paulus, du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig.

                Bis dahin haben sie alle zugehört. Still, merkwürdig berührt. Vielleicht auch fasziniert von der inneren Freiheit, der sie sich in diesem Mann Paulus gegenüber sehen. Genau deshalb reagiert Festus. Und wird laut: Du bist von Sinnen! Das große Wissen macht dich wahnsinnig. Du vergisst, wo Du bist und wie es um Dich steht. Schmeicheleien hätte er erwartet – und abgewiesen. Betteln um Gnade hätte er erwartet – und abgewiesen. Aber diese Rede! Das ist Wahnsinn. Festus hat Recht.

πολογουμνος steht da im Griechischen. Daraus ist Apologie als das deutsche Lehnwort erwachsen. Eine Rede zur Verteidigung, zur Rechtfertigung, zur Verantwortung. Das Verb wird auch wiedergegeben mit genau „auseinander setzen.“(Gemoll, aaO. S. 105) Es ist im strengen Sinn keine Verteidigungsrede. Paulus plädiert nicht auf Unschuld oder Missverständnis. Er richtet seinen Auftrag aus. Er ist hier der Zeuge, zu dem er vor Jahrzehnten berufen worden ist durch Christus. Er will auch nur Zeuge dafür sein, dass Gott sein „Projekt Auferstehung der Toten“ mitten in der Weltzeit in der Auferstehung Jesu in Gang gesetzt hat, unwiderruflich angefangen.

25 Paulus aber sprach: Edler Festus, ich bin nicht von Sinnen, sondern ich rede wahre und vernünftige Worte. 26 Der König, zu dem ich frei und offen rede, versteht sich auf diese Dinge. Denn ich bin gewiss, dass ihm nichts davon verborgen ist; denn dies ist nicht im Winkel geschehen. 27 Glaubst du, König Agrippa, den Propheten? Ich weiß, dass du glaubst.

            Paulus aber hält wieder dagegen. Nicht ich bin von Sinnen oder verrückt. Ich weiß doch, was ich tue. παρρησιαζόμενος – freimütig spricht Paulus, ungebunden, seinen Fesseln zum Trotz. Vielleicht ist er nie so frei wie in diesem Augenblick. Aber die Situation ist verrückt. Was Paulus sagt und bezeugt, ist ja keine Winkelangelegenheit. Es ist in Jerusalem geschehen, der Stadt Gottes. Und was er als Glauben Israels vertritt, das kann jeder in den Schriften nachlesen.

               Und dann spricht Paulus Agrippa direkt auf sein Wissen und seinen Glauben hin an – unerhört, einmalig im ganzen Neuen Testament. Er sucht, Agrippa eine Brücke zu bauen, ihn aus der Reserve zu locken. Er spricht ihn an auf den Glauben der Väter, sucht ihn als Juden: Glaubst du den Propheten? Im Evangelium heißt es: „Hören sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht überzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferstünde.“ (Lukas 16,31) Glaubt Agrippa den Propheten, so wird er auch nicht anders können als an den glauben, der von den Toten auferstanden ist. „Beinahe“ weiterlesen