Sich ein eigenes Bild machen

Apostelgeschichte 17, 1 – 15

  Nachdem sie aber durch Amphipolis und Apollonia gereist waren, kamen sie nach Thessalonich; da war eine Synagoge der Juden. 2 Wie nun Paulus gewohnt war, ging er zu ihnen hinein und redete mit ihnen an drei Sabbaten von der Schrift, 3 tat sie ihnen auf und legte ihnen dar, dass Christus leiden musste und von den Toten auferstehen und dass dieser Jesus, den ich – so sprach er – euch verkündige, der Christus ist.

Die Reise geht weiter und führt Paulus und seine Gruppe auf der Via Egnatia nach Thessalonich, dem heutigen Saloniki, „eine bedeutende Stadt mit einer großen Judenschaft“ (W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1965, S.306) Dort sucht Paulus wie gewohnt den Kontakt zu den Juden und nützt dazu die örtliche Synagoge. Dieser Weg in die Synagoge ist nicht einer missionarischen Strategie geschuldet, sondern dem, dass Paulus Jude ist und Jude bleibt, auch als einer, der an Jesus als den Christus Gottes glaubt. Er hat sein Judesein nicht wie ein veraltetes Gewand abgelegt. Er ist und bleibt doch an den Gott gebunden, den er in den Schriften Israels kennengelernt hat, dessen neuesn Handeln in Jesus er nun bezeugt.

In der Folge von drei Sabbat-Tagen darf er in der Synagoge das Wort nehmen. Das spricht für das aufmerksame Hören und die Geduld der Juden in der Synagoge. Es ist so eine Art „kleiner  Predigtreihe“. Seine drei Zentralpunkte: Er predigt den Leidensweg des Christus als den Weg Gottes mit ihm. Er predigt die Auferstehung als den Willen Gottes und er predigt eben Jesus als den Erwählten Christus Gottes.

Es ist sicherlich nicht verkehrt, hier die Nähe zum Evangelium zu spüren, zu dem lehrenden Christus auf dem Weg nach Emmaus: „Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“ (Lukas 24,26-27) Hinter dem Weg Jesu steht der Wille Gottes – er macht ihn zum Christus.

4 Einige von ihnen ließen sich überzeugen und schlossen sich Paulus und Silas an, auch eine große Menge von gottesfürchtigen Griechen, dazu nicht wenige von den angesehensten Frauen.

                Die Predigt-Reihe findet Gehör. Es gibt einige aus den Juden, dazu eine größere Anzahl von gottesfürchtigen Griechen und,  ein wenig vorsichtig formuliert, nicht wenige von den angesehensten Frauen, die sich den Worten so öffnen, dass sie sich Paulus und Silas anschließen. Es entsteht eine kleine Gemeindegruppe. 

 5 Aber die Juden ereiferten sich und holten sich einige üble Männer aus dem Pöbel, rotteten sich zusammen und richteten einen Aufruhr in der Stadt an und zogen vor das Haus Jasons und suchten sie, um sie vor das Volk zu führen. 6 Sie fanden sie aber nicht.

             Der positiven Reaktion steht die andere gegenüber. ζηλω̃σαντες – sie ereiferten sich – heißt es von Juden. Es sind wohl nicht alle Juden, sondern nur einige, vielleicht gar viele. Im griechischen Wort schwingt die Bezeichnung Zeloten mit, die Eiferer, die auch vor Gewalt nicht zurück schrecken. Einer der Jünger Jesu war ein ehemaliger Zelot, wie sein Name Simon Zelotes (Lukas 6,15) zeigt. In ihrem Eifer suchen sie Verbündete und finden sie in üblen Männern aus dem Pöbel. So verhalten sie sich auch – wie ein wilder Haufen im blindwütigen Eifer. Es sind aber nicht nur Juden, die sich zusammenrotten, χλοποισαντες, und so, als wüster Haufen, randalieren!

Die aufgebrachte und aufgeputschte Menge sucht  Paulus und Silas im Haus ihres Gastgebers, des Jason. Er gehört wohl zu den Juden, die der Botschaft des Paulus gefolgt sind. Sie suchen aber beide  vergeblich.

 Da schleiften sie Jason und einige Brüder vor die Oberen der Stadt und schrien: Diese, die den ganzen Weltkreis erregen, sind jetzt auch hierher gekommen; 7 die beherbergt Jason. Und diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote und sagen, ein anderer sei König, nämlich Jesus.

                   Mit dieser vergeblichen Suche ist der Zorn der Mengen aber keinesfalls am Ende. Ersatzweise bringen sie Jason samt einigen anderen aus der gerade entstandenen Gemeinde vor die Politarchen, die Stadt-Oberen. Ihre Anklage ist durch und durch politisch: „1. Die Christen wollen eine weltweite Revolution anzetteln. 2. Indem sie Jesus als ihren König proklamieren, bestreiten sie die Weltherrschaft des römischen Kaisers.“  (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 62) Aus der religiösen Botschaft wird eine politische Kampfansage gehört.

Zweierlei lässt sich dazu sagen: Die Botschaft vom leidenden und auferstandenen Christus ist als solche erst einmal unpolitisch. Und nichts lag der ersten Gemeinde ferner, als den revolutionären Umsturz zu wollen. Selbst wenn hier der Verdacht römischer Stellen reflektiert wird – er ist unbegründet. Aber auf lange Sicht hat sich gezeigt: Es ist nichts als die Wahrheit, was hier vom Pöbel in Saloniki geschrien wird. Diese Botschaft hat die Welt verändert und die Weltherrschaft des römischen Kaisers ist auch an der Herrschaft dieses hingerichteten Christus zerbrochen. Fast könnte man sagen: Der Pöbel hat die gleiche Fähigkeit, die noch verborgene Wahrheit zu sehen wie die Dämonen. Es ist das Gespür für die wirkliche Macht, die beide verbindet.

 8 So brachten sie das Volk auf und die Oberen der Stadt, die das hörten. 9 Und erst nachdem ihnen von Jason und den andern Bürgschaft geleistet war, ließen sie sie frei.

               Vor den Oberen der Stadt wird der Tumult einigermaßen geordnet. Die Politarchen nützen die Situation, um die Stadtkasse ein wenig zu füllen. Jason und die anderen müssen für ihre Freilassung Bürgschaft entrichten. Ein frühes Anzeichen dafür, wie willkommen Bußzahlungen sein können, völlig unabhängig von ihrer Berechtigung. Geld, so lernen wir, kann zur Beruhigung der Lage durchaus beitragen.

Aber diese Zahlung ist zugleich ein Hinweis auf die Spannungen in der Erzählung des Lukas: Ein Tumult ist angerichtet worden. Der Pöbel hat randaliert. Und nun wird eines der Opfer dieser Randale zu einer Buß-Zahlung verpflichte? Man kann schon fragen: „Seit wann endet ein Tumult durch die Zahlung einer Kautionssumme?“(G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 351) Steht also vielleicht doch auch ein Verfahren der Stadtbehörden unausgesprochen mit im Raum, warum auch immer eingeleitet?

 10 Die Brüder aber schickten noch in derselben Nacht Paulus und Silas nach Beröa. Als sie dahin kamen, gingen sie in die Synagoge der Juden. 11 Diese aber waren freundlicher als die in Thessalonich; sie nahmen das Wort bereitwillig auf und forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte.

             Einmal mehr zeigt sich: Es ist nicht Auffassung des Lukas,  dass man in solchen Situationen auf alle Fälle zu bleiben hat. Paulus und Silas werden nach Beröa geschickt. Und dort treffen sie, wieder zuerst in der Synagoge, auf hör-bereite Juden. Sie hören gerne zu und sie machen sich ein eigenes Bild. Sie forschten täglich in der Schrift, ob sich’s so verhielte. Diese Juden in Beröa sind die beispielgebenden Bibelleser für so etwas wie die lectio continua. Sie haben Frömmigkeitsgeschichte in Gang gesetzt. Bis auf diesen Tag heute. Vorbilder, auch für mich.

 12 So glaubten nun viele von ihnen, darunter nicht wenige von den vornehmen griechischen Frauen und Männern.

                Aus dem Hören und dem eigenen Forschen in der Schrift erwächst Glauben. Es ist das Programm, von dem ich denke, dass es bis heute Verheißung hat: Hören auf die Verkündigung und sich selbst ein Bild machen, nicht freischwebend in den eigenen Gedanken, sondern in der Rückfrage an das Wort der Schrift.

Fast wortgleich zu Saloniki wird die Wirkung der Mission hier in Beröa beschreiben. Auch hier wieder überwiegt der Anteil der Heidenchristen, unter ihnen viele gut gestellte Leute aus gehobener Schicht.  Wieder taucht damit für die Juden eine Gefahr am Horizont auf: „Der Verlust der ihnen freundlich gesonnenen Frauen maßgeblicher Persönlichkeiten musste für die Synagoge eine Einbuße an Sicherheit wie auch an Einflussmöglichkeiten bedeuten.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 250) Das mag umso schwerer wiegen, weil die Position jüdischer Synagogen im römischen Reich auch als religio licta , als erlaubte Religion, nicht so sicher ist, wie wir im Abstand vielleicht denken. Es gibt genügend antijüdisches Denken – so wie es sich mit der Ressentiment geladenen Beschuldigung „Sie sind Juden“ in Philippi (16, 20) zeigt.

 13 Als aber die Juden von Thessalonich erfuhren, dass auch in Beröa das Wort Gottes von Paulus verkündigt wurde, kamen sie und erregten Unruhe und verwirrten auch dort das Volk.

Darum tauchen – fast folgerichtig – in Beröa die Unruhestifter aus Saloniki wieder auf und auch diesmal gelingt es: Sie verwirrten auch dort das Volk. Auch Beröa ist kein Ort zum Bleiben, zumindest nicht für Paulus.

Ich schiebe Gedanken zu einer Beobachtung ein. Es wiederholt sich an den verschiedenen Orten: Schöne Anfangsbegegnungen, Zulauf, Menschen finden zum Glauben. Und dann kommt der Gegenwind. Widerspruch, Eifersucht, Neid auf den „Erfolg“, Angst um die eigen Position. Wenn man diesen „Mechanismus“ zusammen liest mit den Notizen zum Anfang der Gemeinde: „Sie hatten Gnade bei dem ganzen Volk (2,47) dann liest sich die Apostelgeschichte wie die Geschichte einer zunehmenden Entfremdung zwischen Juden und Christengemeinde. Das Wachsen der Gemeinde führt zur Trennung vom Mutterboden des Judentums. Ob das nur mit Feindseligkeiten der Juden zu begründen ist, bleibt eine offene Frage.

Die andere Beobachtung: Was sich da zwischen Juden und Christen abspielt, wiederholt sich seitdem unaufhörlich auch innerchristlich. Gemeinden blühen auf und die Eifersucht blüht mit auf. Verkündiger/Verkündigerinnen erreichen Menschen, es entsteht Glauben und sofort sind Verdächtigungen im Raum: Das Evangelium wird billig gemacht. Es ist nur das „Drumherum“, Theater, Musik, die Show. Das ist Ausverkauf zum Null-Tarif.

Es kann scheinen, als hätten die christlichen Kirchen diese Wirklichkeit über lange Zeit hinweg verdrängt: Es gibt keine konfliktfreie Verkündigung. Das Wort Gottes zu sagen ist in sich konfliktträchtig. Das konnte wohl nur deshalb in Vergessenheit geraten, weil es in Europa über Jahrhunderte hinweg so etwas wie ein religiöses Monopol gab: Christlicher Glaube, wenn auch in unterschiedlichen Spielarten. Es ist eine Lernaufgabe, der sich viele in der Kirche nur mühsam – und manche innerlich auf dem Rückzug – stellen: die offenen Situation auszuhalten, dass das Evangelium Annahme und Ablehnung in gleicher Weise erfährt, im Vier-Augen-Gespräch und in der öffentlichen Meinungslandschaft, dass es nicht ausgemacht ist, dass alle schätzen, was Christen von Christus erzählen. Dass es manchmal auch Widerstand mit unfairen Mitteln und schrägen Behauptungen geben kann.  Diese alle handeln gegen des Kaisers Gebote ist, übersetzt in unsere Sprache: „Die mischen sich ständig ohne Mandat in die Politik ein. Die wollen die Welt nach ihrem Bild verändern.“ Vorwürfe, die bis heute Nachsprecher finden und hier und dort Konjunktur haben. Mit denen es gilt, sich auseinanderzusetzen und sie nicht beleidigt als unverschämt azublocken.

Es ist fast, als würde es eine Gesetzmäßigkeit geben: Wo das Evangelium sich Frucht schafft, steigt auch der Widerspruch. Das wird beklagt und rasch wird der wechselseitige Befund erhoben: Hier sind nur Ruhestörer am Werk. Die Alternative ist die Friedhofsruhe, die vielerorts tatsächlich herrscht. Das ist kein Streit mehr, aber eben auch kein Leben.

 14 Da schickten die Brüder Paulus sogleich weiter bis an das Meer; Silas und Timotheus aber blieben zurück. 15 Die aber Paulus geleiteten, brachten ihn bis nach Athen. Und nachdem sie den Auftrag empfangen hatten, dass Silas und Timotheus so schnell wie möglich zu ihm kommen sollten, kehrten sie zurück.

Paulus wird in Sicherheit gebracht. Ans Meer – und von dort aus nach Athen. Er macht, auch wenn Silas und Timotheus zurück blieben, die Reise dennoch nicht allein. Brüder aus Beröa begleiten ihn. In Athen angekommen, sendet er seine Begleiter zurück. Sie sollen Silas und Timotheus nachsenden. Er aber, Paulus, ist allein in Athen.

 

Herr Jesus, Du schenkst Tapferkeit des Herzens, zu sagen, was zu sagen ist. Du schenkst auch Klugheit, zu sehen, wann nichts mehr zu sagen ist. Du willst nicht, dass Deine Leute sich zu Märtyrern machen, weil das der direkte Weg in den Himmel wäre.

Herr, lass uns heute nicht überrascht sein, wenn es Gegenwind gibt. Lass uns mutig und besonnen zugleich sein, reden, wenn es offene Herzen gibt und schweigen, wenn es kein Zueinander gibt.

 Leite Du uns durch Deinen Geist. Amen