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Philipper 3, 17 – 21

17 Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt.

Das zu versuchen, so deutet Paulus an, könnte heißen: sich Paulus als Vorbild zu nehmen. Merkwürdig: der gleiche Paulus, der zur Demut mahnt (vgl. 2, 3-4), sie zum zentralen Kennzeichen christlicher Existenz macht,  verweist hier auf sich selbst.  Auf das, was er lebt. denn nichts anderes versucht er ja zu leben: Er glaubt die Rechtfertigung der Gottlosen – und versucht mit jedermann und jederfrau,  mit allen, denen er begegnet, so umzugehen: Die sind Gott recht. Was für ein Lebens-Programm: sich die Menschen, die Gott recht sind, auch recht sein zu lassen. Mit ihnen so umzugehen, wie Gott mit uns umgeht. Ethik – Grundsatz am Anfang und Grundsatz am Ende: Wie Gott mir, so ich dir.

Es ist eher einfach, den Denker Paulus nachzumachen. Sein Denken nachzudenken. Aber es ist höchst anspruchsvoll, diesen seinen Lebensgrundsatz zur Richtschnur des eigenen Handelns zu machen. Dagegen ist der Kant’sche Imperativ „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“(I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten) geradezu harmlos. Denn da geht es um das Gute, das Edle, das Schöne, das Verallgemeinerbare, auch das Vernünftige. Bei Paulus dagegen geht es um demütig werden, beieinander bleiben, um Vergeben über die Grenzen jeder Vernunft hinaus. „Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal.“ (Matthäus 18,21-22)  Das ist die Spur, auf der Paulus unterwegs zu sein versucht.

18 Denn viele leben so, dass ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich’s auch unter Tränen: Sie sind die Feinde des Kreuzes Christi. 19 Ihr Ende ist die Verdammnis, ihr Gott ist der Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt.

Wieder ein Temperamentswechsel. Es ist der gleiche Paulus, der eben um Gelassenheit kämpft, der hier für einen Augenblick die Fassung verliert. Wohl auch deshalb, weil sie, die vielen,  ihm – trotz allem – lieb sind, sein Herz an ihnen hängt, die er so auf Abwegen sieht. Noch einmal wird er ausgesprochen polemisch: Feinde des Kreuzes Christi. So nennt er sie, die sich sträuben gegen den Weg, der durch die Leiden führt. Gegen das Wort vom Kreuz, das ihnen in diesem Wort die eigene Zukunft vor Augen hält.

Es ist wohl richtig: „Eine „Kreuzestheologie“, die tröstet und beruhigt, einen Christus, der am Kreuz alles für uns getan hat, lässt sich der im Irdischen versinkende Christ gern gefallen.“ (W. De Boor, aaO. S 133) Paulus aber will keine korrekte Lehre vom Kreuz – er will Leute, die in die Spur des Gekreuzigten treten, die sich im Leben und im Sterben von ihm gehalten glauben und deshalb auf alle eigene Vollkommenheit verzichten können.  Die das Leben als grundsätzlich unvollkommen, zerbrechlich,  verwundbar annehmen lernen und die sich mit ihren Brüchen und Widersprüchen auf den Weg Christi machen.

Es sind harte Worte. Aber es ist wohl so: „Weil sie auf der Erde ganz zu Hause sind, warten sie nicht auf das Kommen Christi.“ (G.. Friedrich, aaO. S. 166) Wer glaubt, dass er selbst sein Leben gelingen lassen kann, vollkommen, rund machen kann, der wird am Ende vor einem Trümmerhaufen stehen, vor dem er hilflos zerbricht. Das nennt Paulus Verdammnis. πλεια – „Vernichtung, Untergang, Verderben“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch; München 1957; S. 117). Es ist wohl gut, hier nicht einen Urteilspruch zu hören, der von jemand verhängt wird. Sondern es ist ein Untergang, der selbst verursacht ist. Wo Christus nicht geglaubt wird, gibt es keinen Freispruch aus dem Gesetz: Du bist nur, was du aus dir machst. Da kann kein Freispruch mehr über den Trümmern des eigenen Lebens geglaubt und erhofft werden.

Wir tun gut daran, diese harten Worte des Paulus nicht moralisch zu hören, sondern als ein  theologisches Urteil, das die verurteilende und vernichtende Wirkung des Gesetzes beschreibt. Unter diesem Gesetz gibt es keine Gnade, kein geschenktes Leben.

Ein weiterer Gedanke beschäftigt mich: braucht es eigentlich immer die dunkle Folie als Hintergrund, damit hell leuchten kann was zählt, was folgen wird – das Wort von der Heimat im Himmel? Braucht es das dunkle Gemälde des verfehlten Lebens, um nicht zu sagen der Hölle, der Verdammnis, damit umso heller leuchtet: Wir aber sind Bürger im Himmel?( Luther 2017) Es liegt mir nahe.so zu sagen: Mir reicht das Versprechen des Vaterhauses jenseits der Zeit, dessen Türen weit offen stehen, wo ich erwartet werde. Diese Versprechen entzündet meine Sehnsucht immer neu und hält sie wach. Nur nebenbei – die alte Übersetzung (Luther 1984) mit der Heimat gefällt mir besser, weil sie auf Zukunft ausrichten und auf unterwegs sein – wir sind ja noch nicht Bürger im Himmel.

Man kann den starken Verwerfungssatz des Paulus auch anders lesen. Ganz gewiss: er ist so etwas wie eine Kampfansage – nur gegen wen? Auf den ersten Blick gegen andere, die seine zentrale Botschaft vom Kreuz bestreiten, die diesen Weg zum Kreuz und dem Gekreuzigten nach nicht als den Weg des Heils akzeptieren wollen. Aber auf den zweiten Blick? Mehr noch ist er wohl eine Verwerfung der Gedanken und Gefühle in ihm selbst, die ihn verlocken könnten, den Weg dem Gekreuzigten nach zu meiden. Ich habe gelernt: Wir kämpfen an keiner Stelle so erbittert mit anderen wie dort, wo sie unsere eigenen Schatten repräsentieren. So kämpft dann in diesen Sätzen auch der „Christ“ Paulus mit dem ehemaligen Pharisäer Paulus.

20 Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, 21 der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.

Darauf aber vertraut Paulus: Was wir sein werden, was mit uns werden wird, steht schon fest, ist gewissermaßen im Himmel schon verankert und besiegelt. Wir haben schon Bürgerrecht in der Wirklichkeit Gottes. Und Ausbürgerung ist im Himmel nicht vorgesehen.

Paulus kann damit rechnen, dass seine Leser in Philippi das Bild sofort verstehen, sind sie doch wohl größtenteils nicht Leute, die von Geburt her schon immer römische Bürger waren, sondern die es erst später geworden sind. Durch einen Hoheitsakt. Genau das sieht Paulus für die Christen: durch einen Hoheitsakt Christi, durch eine Verwandlung, Transformation, die er wirkt, werden wir, was wir sein sollen und mit seiner Hilfe auch wollen: ihm gleich – nach Leib und Seele und Geist. Dieses Gleichwerden ist Zukunftsansage, noch nicht Gegenwart. Aber es bleibt in Kraft, auch hier: wir dürfen kommen, wie wir sind, jetzt, heute. Aber wir werden, so gekommen, nicht bleiben, wie wir jetzt sind. Auf uns wartet die große Verwandlung.

Einmal mehr frage ich, wie weit Paulus Jesus-Worte, Christus-Worte kennt und überliefert bekommen hat. Nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann. – das erinnert mich wie von selbst an: „Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“(Matthäus 28,18) Es ist die Hoffnung, die Paulus beseelt: In Christus und durch Christus wird das Leben nach Leib, Geist und Seele an sein Ziel gebracht. In den Himmeln Gottes.   

 

Mein Herr und Heiland, da ist schon ein Platz für mich bereitet, eine Bürgerrechts-Urkunde ausgestellt. Durch Dich.

Da ist schon der Weg frei. Die Türen sind schon offen, das Licht der Ewigkeit leuchtet schon herein in unsere Zeit, in meine kleine Welt, die manchmal so verdüstert ist.

Hilf Du mir, dass ich mich nicht hinausträume aus den Aufgaben, nicht weglaufe vor dem Schmerz, nicht ausweiche vor den harten Wegen, die nicht alleine lasse, die mich brauchen.

Ich verliere ja meinen reservierten Platz im Himmel nicht, den Du mir offen hältst, wenn ich hier noch länger bleibe. Dafür danke ich Dir. Amen