Keine Überflieger

Philipper 2, 19 – 30

19 Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, dass ich Timotheus bald zu euch senden werde, damit ich auch erquickt werde, wenn ich erfahre, wie es um euch steht.

            Paulus ist auf seine Mitarbeiter angewiesen. Hier auf Timotheus. Ihn will er nach Philippi schicken. Es wirkt seltsam verhalten: Ich hoffe aber in dem Herrn Jesus, dass ich Timotheus bald zu euch senden werde, Dahinter stecken Planungsvorbehalte. Nicht, dass Paulus nicht weiß, was er will. Aber er weiß nicht, ob er auch kann. Diese Vorsicht erinnert an die Vorsicht, die ein anderer Briefautor für unerlässlich hält: „Wenn der Herr will, werden wir leben und dies oder das tun.“(Jakobus 4,15)

 Die Hoffnung, die Paulus im Blick auf diese Sendung des Timotheus hat, ist, durch ihn Nachrichten zu erhalten, gute Nachrichten. Es wird, so denkt  Paulus, gut tun, von der Gemeinde zu hören, von ihrem Weg, von ihrem Glauben, vom Miteinander in Philippi. Gutes zu hören tut gut. Wenn das stimmt – warum erzählen wir uns heutzutage immerzu von den Problemen „rund um die Kirche“ und nicht mehr von dem, wo es gute Erfahrungen gibt?

20 Denn ich habe keinen, der so ganz meines Sinnes ist, der so herzlich für euch sorgen wird. 21 Denn sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist. 22 Ihr aber wisst, dass er sich bewährt hat; denn wie ein Kind dem Vater hat er mit mir dem Evangelium gedient. 23 Ihn hoffe ich zu senden, sobald ich erfahren habe, wie es um mich steht.

Timotheus ist nicht irgendwer. Paulus startet eine regelrechte Lobrede auf ihn. Alles, was er schreibt, zeichnet Timotheus aus – sein Name auf Deutsch: „Gottesfürchtiger,  Gottesverehrer“  -, kennzeichnet ihn als einen nach dem Herzen des Paulus. Mit ihm ist er ganz einig, von ihm ist er völlig überzeugt. In diesen Lob-Sätzen über diesen einen Mitarbeiter schwingt auch Bitterkeit mit, über andere, nicht namentlich genannte Weggefährten. Es ist auch ein „Wort der Enttäuschung über seine engsten Mitarbeiter.“ (G. Friedrich, aaO. S. 156) Man kann es förmlich mithören: Wie schade, dass nicht mehr so sind wie dieser eine.   

            Sie suchen alle das Ihre, nicht das, was Jesu Christi ist. Man könnte auf die Idee kommen: Dienst nach Vorschrift. Man könnte hören: „Ich bin doch nicht nur Missionar, nicht nur Mitarbeiter. Es gibt doch auch noch andere Interessen, die mir wichtig sind.“ Dahinter mag stehen, dass manche sich nicht so eingesetzt haben, wie es Paulus erhofft oder auch gefordert hat. Auch, dass manche seine Sicht der Dinge nicht geteilt haben. Sein Weg der Verkündigung an die Heiden war ja heftig umstritten. Dahinter könnte auch stehen, dass er in seiner Gefangenschaft allein gelassen worden ist. Ohne Besuch, ohne Zuspruch, ohne Ermutigung. Wir wissen nicht, was Paulus konkret meint – aber so pauschal, wie es da steht, ist es schon ein harter Satz, der auch ahnen lässt, dass es manche Weggefährten des Paulus nicht leicht mit ihm hatten. Er hat viel von sich und anderen gefordert.

Umso heller leuchtet das Bild des Timotheus. Wie ein Kind ist er für Paulus, den kinderlosen Mann, der sich durch ihn wie ein Vater fühlen darf. Timotheus ist einer, auf den Paulus sich ganz verlassen kann. Einer, mit dem er sich verbunden weiß. Einer, der sich bewährt hat. Der das Evangelium weiter trägt. Ihm dient. Im Griechischen steht hier mit δούλευσεν  er hat mir gedient eine Form des Verbes, von dem das Substantiv für Knecht, für Sklave abgeleitet ist. So völlig ist Timotheus an das Evangelium hingegeben – wie Paulus selbst.

24 Ich vertraue aber in dem Herrn darauf, dass auch ich selbst bald kommen werde.

            Aber damit nicht genug. Paulus hofft – in dem Herrn – dass er selbst wieder noch Philippi kommen wird. So wie er hofft, Timotheus senden zu können, genauso hofft er auch, selbst kommen zu können. Die kleine Wendung in dem Herrn ist Einschränkung und zugleich Grundlage: „Wie Gott will“ würden wir vielleicht sagen. Es ist der Planungsvorbehalt dessen, der sein eigenes Wollen und Planen dem Willen Gottes anvertraut und untergeordnet hat. So wie wir es öfters in den Schriften des Neuen Testaments finden. Vorbehalt – ja. Und zugleich doch auch Vertrauen: Gott kann Wege ebnen, die wir jetzt noch nicht sehen können. Auch da, wo wir keinen Weg mehr sehen und glauben können.

25 Ich habe es aber für nötig angesehen, den Bruder Epaphroditus zu euch zu senden, der mein Mitarbeiter und Mitstreiter ist und euer Abgesandter und Helfer in meiner Not; 26 denn er hatte nach euch allen Verlangen und war tief bekümmert, weil ihr gehört hattet, dass er krank geworden war. 27 Und er war auch todkrank, aber Gott hat sich über ihn erbarmt; nicht allein aber über ihn, sondern auch über mich, damit ich nicht eine Traurigkeit zu der anderen hätte. 28 Ich habe ihn nun umso eiliger gesandt, damit ihr ihn seht und wieder fröhlich werdet und auch ich weniger Traurigkeit habe. 29 So nehmt ihn nun auf in dem Herrn mit aller Freude und haltet solche Menschen in Ehren. 30 Denn um des Werkes Christi willen ist er dem Tode so nahe gekommen, da er sein Leben nicht geschont hat, um mir zu dienen an eurer statt.

            Bis es aber so weit ist, muss Paulus sich mit seinen Boten behelfen. Timotheus will er zukünftig schicken. Epaphroditus dagegen ist schon unterwegs. Oder ist er schon in Philippi – und der Brief folgt ihm gewissermaßen nach? Auch für Epaphroditus findet Paulus viele gute Worte. Mein Mitarbeiter und Mitstreiter, euer Abgesandter und Helfer. Offensichtlich ist Epaphroditus ein Philipper. Der Gemeinde vertraut und auch darum ein guter Bote. Wenn sie ihn sehen, gesundet nach schwerer Krankheit, wird ihnen das gut tun. Sehen sie doch an ihm, dass Gott seine Leute behütet. „Seine Heilung sieht Paulus als besonderes Geschenk Gottes an.“ (G. Friedrich,  aaO. S. 157) Und hofft, dass die Philipper ihn auch so sehen können und darüber froh werden, ihn so zu sehen.

In den Worten über Timotheus und Epaphroditus wird ein Paulus erkennbar, der sich um seine Mitarbeiter kümmert. Die Sätze strahlen Wertschätzung aus und ein kennen seiner Leute, das weit über das Einschätzen ihrer Qualitäten hinausgeht. Der Apostel kennt seine Leute, achtet sie, sorgt um sie. Bei ihm gilt: Sein geht vor Funktion. Wie weit ist Paulus in solcher Fürsorge davon entfernt, nur ein theologischer Vordenker zu sein, nur ein Eiferer für die Sache. Er ist ein Eiferer für Menschen.

Noch einmal betont Paulus: Dass Epaphroditus erkrankt ist, hängt daran, dass er sich nicht geschont hat. Um des Werkes Christi willen ist er erkrankt. Weil er sich ganz hingegeben hat, geradezu rücksichtlos im Blick auf die eigene Existenz. Das gibt es also, dass sich einer im Einsatz für das Evangelium nicht schont, sondern verzehrt.

Ein Beispiel aus der Kirchengeschichte für eine solche Hingabe ist Elisabeth von Thüringen: „1229 legte Elisabeth als Franziskanerin die Gelübde der Armut, Demut und Weltentsagung ab. Sie widmete sich jetzt nur noch der Krankenpflege. Beim damaligen Stand der Hygiene war es fast unvermeidlich, dass sie sich eines Tages infizierte. Am 17. November 1231 starb die junge Frau, wohl auch an körperlicher Erschöpfung.“( J. v. Flocken in: Welt, Geschichte,  14. 7. 2007)Dienen bis zum Äußersten. Frauen wie Mutter Theresa haben sich davon anstecken lassen.  Auch vereinzelt Männer. Meistens bleiben solche Hingaben aber unbesungen von Menschen, wenn auch nicht unbemerkt im Himmel.

            Haltet solche Menschen in Ehren. Wir wissen sonst nichts von Epaphroditus. Er ist einer der „kleinen Diener Christi“, einer, wie es viele gegeben hat und gibt. Umso eindringlicher die Mahnung des Paulus. Die Gemeinde soll nicht nur auf die schauen, die im Rampenlicht stehen, deren Namen jeder kennt. Sondern sie soll solche wie ihn in Ehren halten, würdigen. Sie sind es, die der Gemeinde wohltun, die das Evangelium leben und es so weitergeben. Sie sind das Salz der Erde und das Licht der Welt. (Matthäus 5, 13.14)

 

Lieber Herr Jesus, Du vertraust Dein Wort Leuten an, die nicht groß da stehen, die sich keinen Namen gemacht haben, keine Überflieger sind

Du vertraust Dein Reich Leuten an, die sich fürchten, manchmal mutlos werden, nicht immer den Weg wissen, manchmal einfach müde sind

Du vertraust Deine Gemeinde Leuten an, die Dich lieb haben und die die Menschen lieb haben. Das reicht, weil Du ja mit auf dem Weg bist. Ich danke Dir für Dein Vertrauen. Amen