Zuversicht wahren

Philipper 1, 18b – 26

Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; 19 denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, 20 wie ich sehnlich warte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. 21 Denn Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn.

             Das sind starke Worte eines willensstarken Mannes: ich werde mich auch weiterhin freuen. Sofort steht da die Frage im Raum: kann man sich das so vornehmen? Kann man das so bei sich beschließen und es sogar anderen sagen? Es ist keine grundlose Freude. Paulus ist – so lese ich ihn jedenfalls – keine optimistische Frohnatur. Aber er hat Grund zur Freude, den er auch benennen kann.

Was auch immer geschehen wird, es muss zum Heil ausgehen. Das ist nicht einfach platt: Alles wird gut. Aber es ist die Hoffnung, die Paulus hat, gestärkt durch das Wissen um die Fürbitte der Gemeinde, dass er durchhalten wird in seinem Bekennen, dass er  mit seinem Zeugnis im Licht Christi ist. Dass die Herrlichkeit Christi an ihm aufleuchten wird. Nach Rom wird der gleiche Apostel Paulus schreiben: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen.“(Römer 8,28) Das ist diese innere Freiheit, die nicht an den Umständen des Lebens hängt, sondern die an ihm, Christus, hängt.  

Was er nach Rom schreiben wird, das klingt hier schon an: Alles wird zum Heil ausgehen –  es sei durch Leben oder durch Tod. Paulus vertritt hier keine optimistische Weltsicht, auch kein Wohlfühl-Evangelium, nach dem Motto „Christen kann nichts passieren.“ Sondern er legt Zeugnis ab für seine innerste, tiefste Bindung: Christus ist mein Leben und Sterben ist mein Gewinn. Das ist die Konsequenz seines Taufverständnisses: Mit Christus in den Tod gegeben, lebt nun der Christ in Christus. „Das irdische Leben ist erfasst und erfüllt von Christus.“ (G. Friedrich, aaO. S.144)  Darum kann Paulus auch an anderer Stelle schreiben: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Denn was ich jetzt lebe im Fleisch, das lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt hat und sich selbst für mich dahingegeben.“(Galater 2,20)

 Es ist die Freiheit eines Gefangenen, die sich hier zeigt, die unfassbare Freiheit eines, der in seinem Innersten gebunden ist. „In seinem Leben wie in seinem Sterben geht es allein um Christus, dem er gehört und dem er dient.“(U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.243) Aus der Zugehörigkeit erwächst das Dienen, und nicht umgekehrt: Paulus dient nicht, um dazu zu gehören.

22 Wenn ich aber weiterleben soll im Fleisch, so dient mir das dazu, mehr Frucht zu schaffen; und so weiß ich nicht, was ich wählen soll. 23 Denn es setzt mir beides hart zu: Ich habe Lust, aus der Welt zu scheiden und bei Christus zu sein, was auch viel besser wäre; 24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu bleiben um euretwillen.

Paulus weiß: wir bestimmen nicht, wann es Zeit ist zu gehen. Wir haben kein Recht dazu, den Weg des Lebens aus eigenem Gutdünken, Überdruss oder der Sehnsucht nach dem Himmel abzukürzen. Auch dann nicht, wenn der Weg beschwerlich ist und die Ruhe bei Gott verlockend. Die Sehnsucht nach Gott darf nicht dazu führen, den Platz in der Zeit zu verlassen, den Gott uns angewiesen hat. Auch dann nicht, wenn oft genug die Fragen bedrängen: Wie lange muss ich meine Bedrängnisse noch durchstehen? Wie lange ist mir die Last des Lebens – es ist manchmal fast nur noch Last – auferlegt?

            Diesen Paulus, der so denkt, kann der Tod nicht mehr schrecken, aber auch das Leben nicht. Diesen Paulus kann die Aussicht auf die Herrlichkeit bei Christus nicht zu selbstmörderischen Aktionen verführen. Er eignet sich nicht als Märtyrer, der möglichst rasch in den Himmel will. Paulus weiß: das wäre Flucht vor den Aufgaben in der Zeit. „Wird er freikommen, so wird sein Leben weiterer Missionsarbeit gewidmet sein.“ (U. Wilkens, eBd.a.)

Es sind wohl Sätze wie diese, die dazu geführt haben, dass in der alten Kirche streng darüber gewacht worden ist, dass sich keiner zum Martyrium drängt. Niemand darf es darauf anlegen, als Opfer im Zirkus zu landen. Es wäre ein feiger Ausweg aus den Aufgaben und Bedrängnissen der Zeit. Ob das nicht auch in anderen Religionen so gesehen werden könnte: Wer sich selbst in den Himmel exportieren will aus der Mühsal der Zeit, der widerspricht dem Weg Gottes. Und ob diese Sätze des Paulus nicht auch zu hören wären in der aufgeregten Debatte um das schöne, selbstbestimmte Sterben?

25 Und in solcher Zuversicht weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen sein werde, euch zur Förderung und zur Freude im Glauben, 26 damit euer Rühmen in Christus Jesus größer werde durch mich, wenn ich wieder zu euch komme.

    Weil er weiß, dass er noch gebraucht wird, dass er noch zu arbeiten hat, will er bleiben und hofft er auch auf sein Bleiben, auf einen längeren Lebensweg. Hofft auf eine neue Freiheit auch aus der Gefangenschaft, auf ein Wiedersehen von Angesicht zu Angesicht, nicht erst im Himmel, sondern noch in Philippi. Das alles nicht mühsam, trübselig und mit zusammengebissenen Zähnen, sondern erwartungsvoll. Es ist eine Hilfe, sich von der Verlockung des Todes zu lösen,  dass er in den Blick nimmt: Die Gemeinde hat etwas davon, dass ich bleibe. μεν  steht da – und damit eines der Hauptworte, mit denen das Johannes-Evangelium Christsein beschreibt. Christsein ist bleiben.

Sein Bleiben wird ja zur Förderung und zur Freude im Glauben dienen. So wie jetzt schon der Gefängnisaufenthalt. Wie viel mehr dann erst die Freiheit. Andere haben „etwas“ – Trost, Hoffnung, Zuversicht –  davon, dass Paulus da ist, auch im Gefängnis. Wie viel mehr werden sie davon haben, wenn er wieder freikommen wird. Das sieht Paulus: Ich hae auszuhalten mit meinem Leben, weil die anderen mich noch nötig haben zur Stärkung ihres Gottvertrauens. „Paulus sieht schon vor sich, wie es bei seinem Besuch in Philippi nach diesem Jahren sein wird.“ (W. de Boor, aaO. S.63) Er weiß: Ich habe der Gemeinde noch etwas zu geben – Beiträge zur Freude, zum Glauben, zum Rühmen Gottes.

 

Herr, es fällt mir schwer nach zusprechen: Wenn ich nur dich habe frage ich nichts nach Himmel und Erde. Mein Herz hängt an so vielem, an Menschen, die mir lieb sind, an Aufgaben und an Deiner Kirche.

Und doch habe ich es wohl zu lernen: Wenn ich nur Dich habe…. Damit ich es fröhlich leben kann, frei zu geben und zu tun, was heute noch meine Aufgabe ist, Dir zu dienen, Deinen Namen anzurufen und auszurufen. Amen