Hauptsache Christus wird gepredigt

Philipper 1, 12 – 18a

12 Ich lasse euch aber wissen, liebe Brüder: Wie es um mich steht, das ist nur mehr zur Förderung des Evangeliums geraten. 13 Denn dass ich meine Fesseln für Christus trage, das ist im ganzen Prätorium und bei allen andern offenbar geworden, 14 und die meisten Brüder in dem Herrn haben durch meine Gefangenschaft Zuversicht gewonnen und sind umso kühner geworden, das Wort zu reden ohne Scheu.

            Man merkt es nicht gleich, schon gar nicht am Tonfall: Hier schreibt ein Gefangener. Kein Lamento über Haft-Bedingungen, obwohl die sicherlich alles andere als beschaulich sind. Sondern im Gegenteil: Aus dieser Gefangenschaft ist Gutes geworden, es ist alles zur Förderung des Evangeliums geraten. „Vom Evangelium kann er nur sagen, dass es ihm gut geht.“ (G. Friedrich, aaO. S.141) Ein eingesperrter Bote des Evangeliums – aber die Botschaft geht weiter. Bis in die Gefängniszellen hinein. Zurückhaltend, aber doch deutlich berichtet Paulus, „welchen Eindruck sein Christuszeugnis überall unter den Gefängnisbeamten erweckt.“ (U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.243) Es hat sich herum gesprochen im Gefängnis, im ganzen Prätorium: der da einsitzt, ist anders als die meisten. Kein Verbrecher, kein Betrüger, Lügner, Dieb, sondern er trägt seine Fesseln für Christus.  

            Es ist gut, dass Paulus nicht aktiv formuliert: “Ich konnte hier Soldaten von Jesus sagen“(W. de Boor, Der Brief des Paulus an die Philipper, Wuppertaler Studienbibel, Wuppertal 1976, S 52) Aber das wird es wohl gewesen sein – befragt nach seinem Haftgrund hat er nicht von Jesus, dem Christus geschwiegen, sondern erzählt. „Gepredigt“. Das Wort geredet ohne Scheu. Und er hat Gehör gefunden.

Über  das Gefängnis hinaus ist die Wirkung der Gefangenschaft positiv. Die Brüder – vermutlich auch die Schwestern – haben durch das Beispiel Mut gewonnen und Angst verloren, einzustehen für das Wort.  φβως. „Furchtlos.“  „Die Mehrheit der Mitchristen in der Stadt lässt sich durch sein Vorbild zu verstärktem missionarischen  Zeugnis bewegen.“(U. Wilkens, ebda.) Sie verstecken sich nicht mit ihrem Christsein und mit ihrer Botschaft.  Sie werden erkennbar als Christen.

15 Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: 16 diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; 17 jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. 18 Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber.

         Paulus ist nicht blind. Auch nicht vertrauensselig. Aber er begegnet uns in diesen Worten ungewöhnlich großzügig. Er macht sich nichts vor: Es gibt Christen, die predigen Christus aus Neid und Streitsucht. Er hat hier wohl Leute vor Augen, mit denen er im Dauerdisput ist, die seine Verkündigung nicht achten. Die sie vielmehr für einen Irrweg halten. Es ist kein tolles Motiv, was er ihnen unterstellt: sie möchten mir Trübsal bereiten. „Sie wollen seine Lage zu einer Verkündigung aus persönlichem Ehrgeiz und Feindseligkeit gegen ihn ausnutzen, um ihm zu schaden.“ (U. Wilkens, eBd.a.)Als ob es nicht schlimm genug wäre, Grund genug zur äußeren und inneren Bedrängnis, θλψις, dass er gefangen ist. Nein, sie wollen ihn auch noch zusätzlich kränken – und wohl auch die Zeit seiner Gefangenschaft nützen, um ihre Sicht des Evangeliums nach vorne zu bringen.

Ernüchternd Einsicht: Wir sind nicht in allem einig, wir Christen. Es geht unter uns erschreckend „menschlich“ zu. Es gibt Neid und Streitsucht, es gibt Eigennutz. Gegenseitige Verurteilungen. Es gibt alle Unzulänglichkeiten, die auf der menschlichen Unzulänglichkeits-Skala aufgeführt sind, nach oben offen. Wir sind nicht die Guten, wenigstens nicht wie von selbst. Es ist deutlich zu spüren, wie sich Paulus zu seiner Haltung durchkämpfen muss. Wenn nur Christus verkündigt wird… Das ist der Haltepunkt für ihn, der ihm die innere Distanz zu denen ermöglicht, die ihm zusätzlich zu seinen misslichen Umständen der Gefangenschaft auch noch die Seele beschweren.

Und da nun sagt Paulus: wie auch immer: Wenn nur Christus verkündigt wird. Das spricht er ihnen nicht ab: sie sind Christus-Boten. Was auch immer an ihren Motiven höchst fragwürdig sein mag: Sie sind Zeugen Jesu. Und darauf kommt es zuerst und zuletzt an. Daran hält er sich fest, auch wenn es ihm nicht so ganz leicht fallen wird.

Kein Zweifel: Paulus freut sich über die, die ihm innerlich verbunden sind, die ihm nahe sind, die seine Verkündigung weiter führen. Aber er achtet auch die, die anders predigen als er. Wie viel Streit hätte sich in der Christenheit durch all die Jahrhunderte vermeiden lassen, wenn wir diese Großherzigkeit und Großzügigkeit des Paulus gelernt und beherzigt hätten. Wenn nur Christus verkündigt wird. Wie viel Streit um „chicken shit“ hat die Christenheit belastet und oft genug entzweit.

Es klingt wie ein innerer Befehl des Gefangenen Paulus an sich selbst: so freue ich mich darüber. Und weil das so einfach nicht mit dem sich Freuen ist, wiederholt er es als Anweisung an sich selbst gleich noch einmal.

 

Manchmal, mein Gott, kommt uns das Leben leicht vor, schön und lebenswert- Manchmal aber geht es uns hart an, so hart, dass uns aller Mut und alle Lust zum Leben schwinden will. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr, seufzen wir

Du aber hältst an uns fest. Du willst, dass wir uns dem Leben stellen, uns  nicht entziehen, nicht dem Schmerz und nicht der Angst, sondern standhalten mit unserer kleinen Kraft.

Du willst uns stärken, weil Du uns brauchst in dieser Welt, uns verzagte Leute mit unserem kleinen Glauben. Amen