Herzensanliegen – der gute Anfang geht weiter

Philipper 1, 1 – 11

1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus in Philippi samt den Bischöfen und Diakonen: 2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

            Ein Brief nach Philippi. An die Gemeinde, die Paulus als erste Gemeinde in Europa „gegründet“ hat. Nicht irgendein Brief: „Der Philipperbrief ist der persönlichste Brief des Paulus. Von Anfang an besteht zu seiner ersten Gemeinde in Europa ein besonders inniges Verhältnis gemeinsamer Teilhabe am Evangelium.“(U. Wilkens, Theologie des Neuen Testaments, Bd. 1, Tb 3, Neukirchen 2005, S.242) Es ist die Gemeinde in der Stadt, in der er wegen Geschäftsschädigung im Gefängnis gelandet war.  Wo er sich, den Behörden gegenüber erfolgreich auf seinen Status als römischer Bürger, Civis Romanus berufen hat. Eine Römer-Stadt in Griechenland, in der überdurchschnittlich viele Römer leben, weil seit Augustus dort Veteranen des römischen Heeres angesiedelt worden waren.

An die Gemeinde dort, alle Heiligen in Christus Jesus, schreibt Paulus, zusammen mit Timotheus. Beide Knechte Christi Jesu. Das verbindet Paulus und Timotheus mit der Gemeinde – sie gehören zu dem einen Herrn. Als Knechte und als Heilige. Sie sind, was sie sind, durch ihn.

Es ist schon wichtig: auch diesen so persönlichen Brief verantwortet Paulus nicht allein. Er hat den Gefährten, wenigsten den einen an seiner Seite. Paulus ist nie der Solist, als der er häufig is heute wahrgenommen wird. Seine ganze Missionsarbeit ist ohne das Zusammenspiel mit den Brüdern (und Schwestern!) nicht vorstellbar.

Es hört sich an wie ein Hinweis auf ein erstes, zartes Entstehen von Ämtern, wenn unter den Adressaten auch Bischöfe und Diakone genannt werden. Es wird gut sein, πισκποι κα διακνοι nicht mit unserer heutigen Erfahrung in eins zu setzen. Die „Episkopoi“ sind gewiss keine Bischöfe, sondern allenfalls Gemeindeleiter, „Verwalter, vielleicht der Gemeindefinanzen.“(Luther 2017, Sach- und Worterklärungen S. 324) Selbst das weckt in mir Fragen: Welche Finanzen vermutet man denn bei damaligen Gemeinden?

Mir liegt es nahe, viel vorsichtiger zu formulieren. Es sind Leute, sicherlich Männer, die „die Aufgabe der Hilfeleistung und der Leitung gehabt haben.“ (G. Friedrich, Der Brief an die Philipper, NTD 8, Göttingen 1976, S. 137) Es sind Funktionen, die sie wahrnehmen, aber noch keine Ämter im heutigen Sinn. Diese Aufgaben sind der Gemeinde nachgeordnet – darum nennt Paulus auch als erste Adressaten die Heiligen. Die Dienste sind um der Gemeinde willen da, nicht die Gemeinde um der Dienste willen. Die Dienste entstehen aus den Notwendigkeiten der Gemeinde. Sie haben keinen Selbstzweck.

3 Ich danke meinem Gott, sooft ich euer gedenke – 4 was ich allezeit tue in allen meinen Gebeten für euch alle, und ich tue das Gebet mit Freuden -, 5 für eure Gemeinschaft am Evangelium vom ersten Tage an bis heute; 6 und ich bin darin guter Zuversicht, dass der in euch angefangen hat das gute Werk, der wird’s auch vollenden bis an den Tag Christi Jesu.

Das ist mehr als eine fromme Floskel. Ein Einblick in das Gebetsleben des Paulus, der jetzt doch wie der alleinige Briefverfasser erscheint. Voll Dankbarkeit blickt er auf den Weg, den die Gemeinde genommen hat, vom ersten Tag an bis heute. Was er da sieht, eure Gemeinschaft am Evangelium, erfüllt ihn mit Freude. Gemeinschaft am Evangelium – das ist geteiltes Leben, das ist gemeinsame Anbetung. Das ist Gespräch. Das ist Erfahrung, die im Alltag verankert ist und dadurch den Alltag verändert. Ihn zum Erfahrungsfeld des Glaubens werden lässt. 

Es ist eine regelmäßige Praxis des Betens, die hier sichtbar wird. Nicht aus Pflicht, sondern mit Freuden. Paulus muss nicht beten. Niemand muss beten.

Pfarrhaus (für Pfarrer W.)                                                                    

Wer da bedrängt ist findet                                                                                          mauern, ein                                                                                                                         dach und

muss nicht beten                                                                                                                                          R. Kunze, Die wunderbaren Jahre, Fischer 1977, S.171       

Paulus betet, weil es ihn mit Freude erfüllt, sich zu erinnern an den gemeinsamen Anfang, Menschen mit Namen vor Gott zu bringen, sie zu bergen in die Obhut Gottes.

Es liegt Segen auf solchen „regelmäßigen Gebetsgewohnheiten“. (G. Friedrich, aaO.; S.138) Sie lassen eine innere Verbindung oft über große Entfernungen und Zeiträume hinweg entstehen und lebendig bleiben. Dieses Beten nährt auch die Zuversicht bei Paulus: Was gut angefangen hat, damals an der Wasch-Stelle und in der Gefängniszelle (Apostelgeschichte 16), das wird Gott auch zur Reife führen, an sein Ziel. Vollenden. Beten nimmt dem Horizont des Jüngsten Tages den Schrecken.

Es sind entlastende Worte. Weil sie darauf abheben, dass keiner und keine  sich selbst ans Ziel bringen muss. So gewiss es um Treue auf der Seite der Glaubenden geht und nicht ohne diese oft genug auch angefochtene und wacklige Treue – das entscheiden ist die Treue Gottes. Sie steht dafür, dass Gott den guten Anfang nicht auf halber Strecke versanden lässt. So gewiss Fragmente das unausweichliche Kennzeichen des menschlichen Lebens sind, so gewiss ist es auf der anderen Seite: Gott ringt das fragmentarische Leben seiner Leute zur Vollendung, ans Ziel. Darauf traue ich zusammen mit Paulus.

 7 Wie es denn recht und billig ist, dass ich so von euch allen denke, weil ich euch in meinem Herzen habe, die ihr alle mit mir an der Gnade teilhabt in meiner Gefangenschaft und wenn ich das Evangelium verteidige und bekräftige.

Dass Paulus so von der Gemeinde in Philippi denkt, das ist angemessen. Weil sie immer schon Anteil nehmen an seinem Geschick, auch jetzt, da er im Gefängnis ist. Auf welche Gefangenschaft sich Paulus bezieht – ob die in Cäsarea, die in Rom, oder eine, von der wir nichts wissen, vielleicht in Ephesus, ist nicht eindeutig zu entscheiden. Die Kommentare sind sich nicht einig. Und ich muss nicht mehr wissen wollen als das, was da steht.

Wichtiger als der Ort der Gefangenschaft ist Paulus ohnehin die Erfahrung, die er macht: Dass die Philipper zu ihm stehen, zu „ihrem Mann im Knast“. Nicht auf Distanz gehen. Sich nicht abwenden von ihm, weil der „Erfolg“ fehlt, weil ihn sein Predigen des Evangeliums ins Gefängnis gebracht hat. Es wäre doch naheliegend, sich abzuwenden von einem, der öffentlich Ärgernis erregt, die Behörden zum Handeln bringt und mit der umgebenden Gesellschaft im Clinch liegt. Paulus im Gefängnis kann sehr einsam werden. Das aber haben die Philipper nicht geschehen lassen.  Sie bleiben und „sind verbunden mit ihm in seiner gegenwärtigen Verantwortung und Bekräftigung des Evangeliums am Ort seiner Gefangenschaft.“ (U. Wilkens, aaO.  S.243) So haben sie ihren Anteil daran, wenn er das Evangelium verteidigt und bekräftigt.

8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie mich nach euch allen verlangt von Herzensgrund in Christus Jesus. 9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher werde an Erkenntnis und aller Erfahrung, 10 sodass ihr prüfen könnt, was das Beste sei, damit ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi, 11 erfüllt mit Frucht der Gerechtigkeit durch Jesus Christus zur Ehre und zum Lobe Gottes.

            Weil das so ist, hat Paulus Sehnsucht nach ihnen. Sie sind ihm ein „Herzensanliegen“. Ihr Ergehen liegt ihm auf dem Herzen, darum bringt er sie wieder und wieder betend vor Gott. Darum hört er nicht auf, für sie zu bitten, dass sie in ihrem Glauben weiter kommen. Wachsen in der Liebe, in der Erkenntnis, in der Erfahrung. Nicht mehr Sätze über den Glauben lernen, sondern mehr an Substanz im Glauben gewinnen, an Kraft und Stärke, Widerstandskraft, an Durchhaltevermögen. An Urteilsfähigkeit auch.

Es sind Bilder vom Glauben in diesen Substantiven, die auf Fülle aus sind, auf Überfülle. Πεπληρωμνοι. Das ist kein Christsein auf Sparflamme, sondern  eines, das empfängt und gibt, leere Hände Gott hinhält und sich erfüllen lässt und darum weitergeben kann. Zur Ehre und zum Lobe Gottes.

Es ist das Bild des römischen Brunnens, das sich unwillkürlich hier einstellt.

Auf steigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.                 C.F. Meyer, 7. Version 1882 

             Eine Korrektur geläufiger Vorstellungen: Darauf hofft Paulus für die Gemeinde, ihre Glieder, dass  ihr lauter und unanstößig seid für den Tag Christi. Nicht, dass dadurch die Gnade überflüssig würde. Wohl aber gilt es so zu leben, dass im Leben der Christen aufleuchtet, was die Gnade aus ihnen macht: Menschen, in den sich die Liebe Gottes widerspiegelt, die durchscheinend werden für die Sonne, die ihnen lacht, sie durchstrahlt. Das ist das Bild, das hinter dem griechischen Wort ελικρινες steht: „offenbar, sonnenklar“(Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul- u. Handwörterbuch; München 1957; S. 244) So kann die Gemeinde vor Christus stehen, gewachsen in der Liebe und im Glauben.

 

Mein Gott, Du gibst reichlich Glauben, Hoffnung, Zuversicht, Deine Gnade.

Du willst unser armes Leben füllen, so dass darin Deine Herrlichkeit, Deine Liebe strahlt, ausstrahlt.

Gib Du, dass wir Deine Gaben empfangen und ihnen Raum geben in unserem Leben, im Tun und Lassen, im Reden und Schweigen, in der Freude und auch im Klagen. Amen

 

 

Ein Gedanke zu „Herzensanliegen – der gute Anfang geht weiter“

  1. Lieber Uli,
    schon am frühen Morgen hast Du die Bibel aufgeschlagen, nach Kommentaren gegriffen und in Gedicht-Bänden nachgelesen. Und dann hast Du geschrieben, zu dem schönen Anfang von Phil 1. 1964 begann ich mit meiner „Tour de France“ (mit dem Fahrrad: Hagen – Paris – Lausanne – Basel – Hagen), nahm mein NT mit und versuchte dabei, den Philipperbrief auswendig zu lernen. Immer wieder stieg ich ab und schaute nach: „Wie ging es noch einmal weiter?“ Inzwischen habe ich, haben wir über viele Stellen dieses Briefes Bibelarbeiten gehalten und gepredigt. Was für ein wertvoller Brief!
    Heute hast Du Geburtstag. Heidi und ich gratulieren Dir herzlich und wünschen Ruth und Dir und allen Euren Kindern und Kindeskindern Gottes Weggeleit in die Zukunft. Wir beten weiter für Bjarne und seine volle Gesundung.
    Natürlich habe ich Deinen Text (verkürzt; es ist verständlich, dass Christian Enders ihn nicht ganz abgedruckt hat) in „Transparente“ gesehen. Noch einmal herzlichen Dank. Ich gebe ab und zu Briefe mit dem Cover, mit dem Inhaltsverzeichnis und mit Deiner Rezension weiter.
    Gestern haben Heidi und ich übrigens Gerhard Lohfink in München besucht.
    Ganz herzliche Grüße von uns an Euch und heute besonders an Dich
    Euer/Dein Hartmut

Kommentare sind geschlossen.