Geschäft oder Wahrheit?

Apostelgeschichte 16, 16 – 24

16 Es geschah aber, als wir zum Gebet gingen, da begegnete uns eine Magd, die hatte einen Wahrsagegeist und brachte ihren Herren viel Gewinn ein mit ihrem Wahrsagen. 17 Die folgte Paulus und uns überall hin und schrie: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

Beten ist – bis heute im Orient – keine Angelegenheit nur für das stille Kämmerlein. Die Gruppe um Paulus geht zum Beten. Vermutlich wieder zu der Gebetsstätte, die am Fluss liegt, vor der Stadt. Wenn man so zum Beten das eigene Haus verlässt, kann es schon zu Begegnungen kommen. So auch hier. Eine Frau, eine Magd, mit einem Wahrsagegeist trifft auf die Gruppe und folgt ihnen und schreit ihnen nach. Nicht dummes Zeug, sondern die Wahrheit: Diese Menschen sind Knechte des allerhöchsten Gottes, die euch den Weg des Heils verkündigen.

             Die Frau, παιδσκη, „junge Frau, junges Mädchen, junge Sklavin, Dirne“ (Gemoll, Griechisch-Deutsches Schul-u.-Handwörterbuch; München 1957, S. 563) ist keine selbstständige Unternehmerin, sondern abhängig, angestellt, bei Leuten, die in sie investiert haben und mit ihr Gewinn machen. Das wird für die Folge der Geschichte wichtig sein.

Wahrsagegeistπνεμα πθωνα In diesem griechischen Wort steckt das Orakel von Delphi. „Phythōn war ursprünglich der Name der das delphische Orakel hütenden Schlange, die Apollon getötet haben soll; später wurde es jedoch zur Bezeichnung eines Bauchredners…. Wir werden uns die Sklavin demnach konkret als Bauchrednerin vorzustellen haben.“(J.Roloff,  Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S. 245)Mir kommt das ein wenig kurz geschlossen vor, mir reicht es aus, dass die Bezeichnung eine Brücke nach Delphi und seinem Orakel schlägt.

Was sich aber inhaltlich ereignet, ist schon im Evangelium, vor allem bei Markus, aber auch bei Lukas vielfältig vorgeformt: Dämonen, die Menschen besetzt halten, wissen besser Bescheid über die Wirklichkeit Gottes als die Menschen. Sie sehen, was anderen noch verborgen ist. Sie sehen, wer hinter Paulus steht. Und sie sehen, was die Boten Jesu zu bringen haben für die, die ihnen zuhören – einen Ausweg aus der Misere des eigenen Lebens. Das hat es zu allen Zeiten gegeben: Menschen, die mehr sehen können als vor Augen ist, die einen seltsamen Durchblick durch die Realität haben, unerklärlich und unheimlich zugleich. Geschichten darüber werden fast immer nur unter vorgehaltener Hand erzählt, weil man ahnt, dass dahinter Mächte stehen und es nichts Harmloses ist, sich damit einzulassen.

18 Das tat sie viele Tage lang. Paulus war darüber so aufgebracht, dass er sich umwandte und zu dem Geist sprach: Ich gebiete dir im Namen Jesu Christi, dass du von ihr ausfährst. Und er fuhr aus zu derselben Stunde.

                      Es ist kein einmaliges Ereignis, das sie so schreit. Sie ist Wiederholungstäterin. Darin wird deutlich: Sie ist nicht Herrin ihrer selbst. Darüber ist Paulus aufgebracht. Er will nicht, dass sie unter dieser Herrschaft bleibt: Er will nicht, dass Dämonen die Wirklichkeit Gottes in Misskredit und ins Zwielicht bringen. Darin ist Paulus ganz nahe bei der Praxis Jesu. „Und wenn ihn die unreinen Geister sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist Gottes Sohn! Und er gebot ihnen streng, dass sie ihn nicht offenbar machten.“ (Markus 3,11-12) So wie Jesus dieses Zeugnis der Dämonen nicht will, sondern abwehrt, so wehrt Paulus hier das Zeugnis dieser Frau ab.

Daneben tritt als zweites, dass es ein Widerspruch in sich selbst ist, wenn jemand die Botschaft des Evangeliums ausruft, hinweist auf den Weg des Heils, auf die Freiheit, die Gott schenkt und selbst unfrei ist, unheil, gebunden. Es ist bis heute ein Leiden, das einen innerlich in Aufruhr bringen kann, dass Menschen die Wahrheit des Evangeliums sagen können, aber es deutlich zu spüren ist, dass sie dennoch gefangene Leute sind in einer Enge des Denkens und Lebens, die sie von dieser Wahrheit Gottes fernhält.

Die Verkündigung des Evangeliums verträgt sich nicht mit diesen Übergriffen, die Menschen unfrei machen und den Geheimnissen Gottes ins Werk pfuschen wollen. Es braucht ein Reden aus der Zugehörigkeit zu Christus, aus einer inneren Freiheit in dieser Zugehörigkeit, und nicht aus dem Besetzt-sein durch irgendwelche Kräfte und Mächtigkeiten. Und es braucht ein Hören auf das Wort und nicht auf irgendwelche Botschaften aus Zwischenreichen oder einflüsternde Stimmen. Hier zieht das biblische Wort scharfe Grenzen.

19 Als aber ihre Herren sahen, dass damit ihre Hoffnung auf Gewinn ausgefahren war, ergriffen sie Paulus und Silas, schleppten sie auf den Markt vor die Oberen 20 und führten sie den Stadtrichtern vor und sprachen: Diese Menschen bringen unsre Stadt in Aufruhr; sie sind Juden 21 und verkünden Ordnungen, die wir weder annehmen noch einhalten dürfen, weil wir Römer sind.

Macht trifft auf Macht. Das Machtwort des Paulus zerstört die Macht der Dämonen. Die Frau wird unbrauchbar für ihr seitheriges Gewerbe. Sie ist jetzt wertlos, nur noch eine Frau ohne besondere Fähigkeiten. Ihre Investoren sehen ihren Gewinn dahin gehen. Darum werden sie aktiv.

Sie greifen sich Paulus und Silas und schleppen sie vor das Stadtgericht. Immerhin: So ordentlich gehen sie schon vor – keine Lynchjustiz. Die Anklage: Aufrührer, Störer der öffentlichen Ordnung. Juden. Das klingt geringschätzig und knüpft wohl an Vorurteile an. „Dabei machen sich die Kläger einen in der Bevölkerung verbreiteten antijüdischen Affekt für ihr eigenen Interessen zu nutze.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 114) Sie stellen die Ordnungen der Stadt in Frage. Und wir haben nichts mit ihnen gemein – wir sind doch Römer. Das führt zu tatkräftigen Handeln: „Selbst die Prätoren vergreifen sich an den Verklagten.“(G. Schille,  Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 346) Dabei wären sie doch zu ordentlichen, rechtsstaatlichem Vorgehen nach römischen Grundsätzen verpflichtet.

                    Es sind bewährte Mittel, nach denen hier verfahren wird. Die eigenen Interessen verschleiern, die öffentlichen Interessen in den Vordergrund rücken, die Ruhe der Bürger gefährdet sehen, Ressentiments schüren, an Instinkte und Überlegenheitsgefühle appellieren, die eigene Identität als bedroht darstellen. Wie aus dem Lehrbuch.

Was da in Philippi inszeniert wird, hat sich seither bei mancher Niederschlagung von Demonstrationen trefflich bewährt. Manchmal auch in der Version: „Es sind umher reisende Chaoten“ in Stuttgart und Frankfurt, in Gorleben und Anderswo, früher in Wackersdorf und Mutlangen. „Es sind Fremde, die das alles anzetteln“ – so hört man in Moskau, in Syrien, in Ägypten. Bei uns im so toleranten Deutschland: „Es sind Migranten. Muslime“ als die neueste Variante. Das ganze Schreckensarsenal von Demagogen wird hier hervor geholt, um den beiden, Paulus und Silas, den Prozess zu machen.  Sie stehen als fremde Monster da. Wer will sich schon mit denen gemein machen?

Irgendwie erscheint es unausweichlich. Wo das Evangelium als Botschaft von der Befreiung der Menschen aus Schuld und Abhängigkeit laut und spürbar wird, Realität erzeugt, kommt es zu Interessenkonflikten. Die Herren der Welt lassen sich ihre Machtsphären nicht so einfach streitig machen. Und das Evangelium sagen in Wort und Tat ist eben auch: Den Mächten der Welt ihre alleinige Macht streitig machen.

 22 Und das Volk wandte sich gegen  sie; und die Stadtrichter ließen ihnen die Kleider herunter reißen und befahlen, sie mit Stöcken zu schlagen.

Es funktioniert. Das Volk, ὄχλος, man könnte auch sagen: die Masse, macht mobil. „Die anwesende Volksmenge macht ihrem Unmut lautstark Luft.“ (J.Roloff,  aaO.; S. 246)Der Volkszorn und die Justiz sind sich wunderbar einig. Selten genug, dass Obrigkeit und Untertanen so nah beieinander sind.  Die Stadtrichter ordnen Vollzug an: Entblößung und Prügelstrafe. Die Täter werden entehrt. Seht her, welche Menschen!

23 Nachdem man sie hart geschlagen hatte, warf man sie ins Gefängnis und befahl dem Aufseher, sie gut zu bewachen. 24 Als er diesen Befehl empfangen hatte, warf er sie in das innerste Gefängnis und legte ihre Füße in den Block.

             Die bloß Gestellten und Misshandelten werden sichergestellt. Festgesetzt. Ohne rechtlich sauberes Verfahren. Zum eigenen Schutz? Sie werden besonders gut bewacht. Damit keiner sein Spiel mit ihnen treiben kann. Nicht gleich Hochsicherheitstrakt, aber doch sichere Zellen. Es gibt, so scheint es in der Apostelgeschichte, eine Vorliebe der Staatsmacht für sichere Gefängnisse für Christen. Das wird ja zuvor auch schon gleich zweimal von Petrus erzählt. (5, 17 – 18 und 12, 3-4)

 

Herr Jesus, Deine Leute stören, nicht immer, aber manchmal. Wenn sie das Geschäft stören, Gewinne vernichten, bekommen sie die Härte des Geschäftes zu spüren.

Gib uns heute den Mut laut zu sagen, wo Geschäfte auf dem Rücken von Menschen gemacht werden, wo Gewinn fast alle Mittel heiligt.

Gib uns auch den Mut, uns gegen die zu stellen, die die Wahrheit des Glaubens missbrauchen und sie missbräuchlich für eigene Zwecke nützen.

Bewahre uns selbst vor solchem Missbrauch Deines Namens. Amen

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