Der Weg nach Europa

Apostelgeschichte 16, 6 – 15

 6 Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. 7 Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. 8 Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas.

             Weiter, immer weiter will Paulus mit seinen Leuten. Nach Ephesus, der Hauptstadt der Provinz Asien könnte der Weg gehen. „Das hätte der Strategie des Paulus entsprochen, die darauf ausging, jeweils von den städtischen Zentren aus das Umland missionarisch zu erschließen.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 241) Aber auf dem Weg in die Provinz Asien stößt er auf ein unüberwindliches Hindernis. Es wurde ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. Wie dieses Verwehren des Geistes aussieht, erfahren wir nicht. Also wird die Route geändert. Doch auch auf dem neuen Weg geht es nicht weiter. Der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu.

                     Das klingt nach frommer Sprache für ganz normale Ereignisse. Hochwasser kann Straßen versperren. Räuberbanden können einen Weg unpassierbar machen. Erschöpfung kann am Weiterziehen hindern. Das mag alles so sein. Nur die Deutung, die Lukas diesen versperrten Reiserouten zuteilwerden lässt, geht weiter, tiefer: Es ist der Geist, der die Gruppe führt. Es braucht keine Mirakel vom Himmel, durch die der Geist sich zu Wort, zur Stelle meldet. Nur offene Augen, Ohren und Herzen.

Haben wir bis dahin in der Apostelgeschichte den Geist nur als vorwärts drängend, innovativ, weiterführend kennen gelernt, so zeigt sich hier: Er kann auch Hindernisse in den Weg legen. Führungen Gottes, so lehrt Lukas, sind nicht nur da, wo sich Türen öffnen. Sie können auch da sein, wo sich Türen schließen und Wege versperrt werden. Auch die beste und sinnvollste Strategie steht unter dem Vorbehalt: Wie Gott will.

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

             So kommt Paulus, wohl ein wenig ratlos, nach Troas. Wie soll es weitergehen? Was ist Gottes Weg für uns? Über diesem Fragen wird es Nacht. Und in der Nacht wird Paulus eine Antwort zuteil. Es ist oft so – in den Schriften der Bibel: In der Nacht meldet sich Gott – durch Gesichte, Träume, seine Engel. Hier ist es kein Engel, den er sieht. Ein Mazedonier steht da – unwillkürlich frage ich: Wo? – und bittet: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Woran Paulus diesen Mann, der um Hilfe bittet, als Mazedonier erkannt hat, ob an der Tracht oder an seiner Sprache, ist für Lukas uninteressant. Für Paulus ist kein Zweifel. Und er folgt diesem Ruf sofort, weil er gewiss ist: Im Ruf dieses Menschen hat Gott selbst gerufen.

Wieder ist es Gott, der führt. Hat er den Weg in die Provinz Asien verschlossen, den Weg nach  Ephesus blockiert – hier macht er den Weg frei. Ob Paulus sich wundert, ob er ratlos ist, das ist keine Frage, die Lukas sehr beschäftigt. Was seine Leser hören sollen ist, dass es darum geht, sich der Führung des Geistes anzuvertrauen und ihr Schritt für Schritt zu folgen.

„Es geht Lukas nicht um eine Geschichte der Kirche oder ihrer Anfänge, sondern um eine Zeichnung des Archetypus der Führung, wobei sich die Gaben des leitenden Gottes und der Gehorsam der Besten die Hand reichen. So gestaltet sich die Apostelgeschichte, mehr noch als das dritte Evangelium, nicht nur aus einem Stoff, der hin und wieder aus Führungsgeschichten besteht, sondern im Ganzen wie eine breite Führungsgeschichte.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 340) Wer wollte hier dem Ausleger widersprechen?

Nur eine winzige Korrektur wage ich doch: Paulus wäre wohl nie auf die Idee gekommen, sich unter „den Besten“ angesprochen zu fühlen. Wer von sich selbst im Blick auf seine Vergangenheit so redet: Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet. Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne.(Philipper 3, 7-8) dem sind Kategorien wie „die Besten“, „Exzellenz-Offensive“, „Leuchtfeuer“, „herausragende Predigtstätten“, „best practice-Modelle“ doch ziemlich fremd.

11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie.

            Die nächtliche Vision setzt die ganze Gruppe in Bewegung. Es fällt auch beim unbefangen Lesen auf: Hier behält der Erzähler das wir bei, das er schon (16,10) für den Beschluss zum Aufbruch in Troas gebraucht hatte. Dieses wir hat sich höchst produktiv auf die Entwicklung von Theorien über die Herkunft der folgenden Texte ausgewirkt. Geht das wir auf ein Reisetagebuch zurück? Stecken Silas und Timotheus hinter dem wir? Oder ist doch Lukas einer aus der Gruppe und also ein Augenzeuge? „Das im Text herrschende Wir kann zwanglos von der Augenzeugenschaft des Berichters verstanden werden.“ (E. Haenchen zit. nach G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 342)  Ich bin ein bisschen skeptisch, deshalb ist meine Antwort: Wir wissen es nicht. Ich wage keine Entscheidung, auch wenn mir sofort einleuchtet, dass ein Autor dieser Zeit mit diesem wir schlicht ein Stilmittel zur Verlebendigung seiner Erzählung gewählt haben könnte.

„Paulus war sich bewusst, nach Griechenland zu gehen; das war für ihn etwas Großes. Wir sehen rückschauend das Evangelium von Asien nach Europa kommen; das ist etwas noch Größeres. Es ist eine weltgeschichtliche Stunde.“ (O. Dibelius, Die werdende Kirche, Eine Einführung in die Apostelgeschichte, S. 217) Dafür, dass es ein so großer Schritt für die Menschheit war, erzählt Lukas ziemlich zurückhaltend. Das könnte ja daran liegen, dass auch dieser Weg über das Meer nicht die Grenzen der Pax Romana überschreitet. Wir sehen die Bedeutung dieses Überschrittes. Wir können nicht genug dafür danken, dass sich Paulus hat rufen lassen und der Führung des Geistes vertraut hat.  Aber für ihn und seine Gefährten war es „nur“ der Schritt in eine andere Provinz.

Es geht zügig weiter nach Philippi, einer Stadt, die vom Vater Alexanders des Großen, dem Mazedonier-König Philippus, wohl ihren Namen hat und die durch die römische Kolonie geprägt ist und auch ihre Bedeutung von daher bezieht. Und nicht zuletzt: Es gibt dort römische Obrigkeiten und es gilt römisches Recht.

Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.

            Paulus bleibt auch hier seiner Strategie treu. Er hat sie unter den Behinderungen des Geistes nicht aufgegeben. Er geht dorthin, wo er vermutet, dass Menschen zum Beten zusammen kommen. Eine Synagoge scheint es nicht zu geben, die Bezeichnung προσευχή lässt allenfalls so etwas wie einen gewohnten Gebetstreff vermuten.

Aber immerhin: Dort ist man gewohnt zu beten. Dort treffen sich nur Frauen. Auch das ist ein Argument, das gegen eine örtliche Synagoge sprechen könnte. Denn dort würden sich auch Männer treffen. Wenigstens zehn braucht es ja in der Synagoge, damit ein ordentlicher Gottesdienst stattfinden kann. Davon aber ist nicht die Rede. Und weil es kein Gottesdienst ist, kann es auch nicht dazu kommen, dass Paulus aufgefordert wird, aus der Schrift zu lesen. Sie sitzen bei den Frauen und  reden mit ihnen.

14 Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde.

                          Offensichtlich ist aber das, was sie reden, nicht Small Talk, sondern Zeugnis von dem Herrn Jesus. Eine unter den Frauen am Fluss, eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, wird besonders hervorgehoben. Sie könnte Jüdin sein, ist wohl aber eine Griechin. Darauf deutet hin, dass sie als gottesfürchtig bezeichnet wird. Und reich wird sie sein, denn ihr Gewerbe, der Handel mit Purpur, ist ein einträgliches Geschäft. Sie hört zu, was Paulus sagt – aufmerksam, ergänze ich für mich, wissbegierig, angesprochen. Und ihr Zuhörern gewinnt noch einmal an Tiefe, weil ihr der Herr  das Herz auftut.    

             Die Worte des Boten sind das Eine. Dass der Herr die Worte ins Herz gelangen lässt, ist das Andere. Und dass es in diesem Herzen zum Aufnehmen der Worte kommt und nicht zum Widerstand, ist das Dritte. Das weiß Lukas ja auch zu erzählen, dass es ins Herz geht, aber Wut und Mordlust auslöst. Hier aber kommt es zum Glauben. Der erste Christ in Europa ist eine Christin – noch dazu eine erfolgreiche Frau.

So viel wird sich später nicht ändern: Kirche bleibt oft Frauensache. Die Männer fehlen nicht nur an dieser Gebetsstätte in Philippi. Nach der jüdischen Zehn-Männer-Regel für den Gottesdienst würden bei uns jede Menge Gottesdienste nicht stattfinden können.

15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.

             Lydia lässt sich taufen, mit ihrem Haus. „Das „Haus“ meint dabei nicht nur die persönliche Familie. Lydia wird unverheiratet gewesen sein. Es sind vor allem die vielleicht zahlreichen Sklaven, die das „Haus“ bilden. Sind sie alle persönlich zum Glauben an Jesus gekommen? Wir müssen es wohl als Tatsache hinnehmen, dass Paulus die Verbundenheit eines Hauses so eng und so lebendig sah, dass er mit der Hausherrin auch ihr ganzes Gesinde der Herrschaft Jesu unterstellte.“(W. De Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 296) Wie gut, dass Paulus nicht alle unsere Fragen auch schon hatte.

             Die Führungsrolle der Lydia deutet darauf hin, dass sie ihr eigener  Haushaltsvorstand ist. Darum muss sie niemand fragen, ob sie dieser Reisegruppe Gastfreundschaft angedeihen lassen kann. In ihrer Frage klingt aber wohl unausgesprochen mit: Gehöre ich nun durch meinen Glauben und meine Taufe wirklich mit euch zusammen? Dann zeigt das durch die Tischgemeinschaft. In meinem Haus. Das ist genau der Schritt, den Petrus in Cäsarea getan hatte und um den Barnabas und Paulus in Jerusalem gerungen hatten: Tischgemeinschaft und Gastfreundschaft als Zeichen der Zusammengehörigkeit.

Zugleich wird hier etwas über das Wesen christlicher Gemeinschaft gelehrt. Sie beruht nicht auf gegenseitiger Sympathie, nicht auf gemeinsamer Sozialisation. Sondern sie beruht darauf, dass Christen gegenseitig anerkennen, dass sie an den Herrn glauben. An Jesus als den Christus Gottes. Christliche Gemeinschaft ist Glaubensgemeinschaft

Der Nachsatz: Und sie nötigte uns. mag darauf hinweisen, dass es auch für einen Paulus und seine Begleiter nicht ganz einfach ist, die eigenen theologischen und geistlichen Einsichten in Alltagsverhalten umzusetzen. Lukas schweigt sich auch darüber aus, ob ihr Nötigen Erfolg hatte.

 

Herr Jesus, danke, dass Du Paulus übers Meer geführt hast. Danke, dass es zu einem Hören des Wortes gekommen ist, damals in Philippi und dann weiter, immer weiter, bis zu uns heute.

Danke, dass Du Herzen auftust, Worte und Taten auf fruchtbaren Boden fallen lässt, Glauben schenkst.

Danke, dass Deine Boten sich den Weg haben zeigen lassen bis zu uns, ins heidnische Germanien.

Gib doch, dass wir nicht wieder im Heidentum versinken, sondern festhalten am Glauben an Dich. Du willst uns doch festhalten in Deiner Liebe. Amen

 

 

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