Es gefällt dem Geist und uns

Apostelgeschichte 15, 22- 35

22 Und die Apostel und Ältesten beschlossen samt der ganzen Gemeinde, aus ihrer Mitte Männer auszuwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabbas und Silas, angesehene Männer unter den Brüdern. 23 Und sie gaben ein Schreiben in ihre Hand, also lautend:

             Es kommt zu einem Gemeindebeschluss, dem offensichtlich alle zustimmen. Sorgfältig werden alle Beteiligten noch einmal genannt: die Apostel und Ältesten samt der ganzen Gemeinde. Es werden Männer ausgewählt, die das Vertrauen der Gemeinde haben, und zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia geschickt. Silas und der „Sabbatsohn“ Judas sind angesehene Leute. Das wird hervorgehoben, weil es die Bedeutung ihrer Gesandtschaft unterstreicht. „Damit, dass man das Schreiben nicht Paulus und Barnabas mitgibt, sondern es von einer besonderen Delegation überbringen lässt, wird einerseits sein offizieller Charakter betont, andererseits die antiochenische Gemeinde geehrt.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte, NTD 5, Göttingen 1981, S.233) Sie sollen die Gemeinde dort über die Verabredungen unterrichten. Um das gesprochene Wort zu unterstreichen, wird ihnen ein Brief mit gegeben.

  Wir, die Apostel und Ältesten, eure Brüder, wünschen Heil den Brüdern aus den Heiden in Antiochia und Syrien und Zilizien. 24 Weil wir gehört haben, dass einige von den Unsern, denen wir doch nichts befohlen hatten, euch mit Lehren irregemacht und eure Seelen verwirrt haben, 25 so haben wir, einmütig versammelt, beschlossen, Männer auszuwählen und zu euch zu senden mit unsern geliebten Brüdern Barnabas und Paulus, 26 Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 So haben wir Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe mitteilen werden. 28 Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzuerlegen als nur diese notwendigen Dinge: 29 dass ihr euch enthaltet vom Götzenopfer und vom Blut und vom Erstickten und von Unzucht.

             Der Brief folgt der gewohnten Form eines Briefes dieser Zeit. Als Absender werden die Apostel und Ältesten genannt, die sich mit der Formel eure Brüder zu den Empfängern des Briefes bekennen. Wir gehören zusammen. Was wie eine Formel klingt, ist doch inhaltlich weitreichend. Da ist kein Unterschied mehr zwischen Judenchristen in Jerusalem und Heidenchristen in Antiochia. Die Boten, die den Brief überbringen werden ausdrücklich gewürdigt: Es sind Männer, die ihr Leben eingesetzt haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. Darin stehen sie Paulus und Barnabas nicht nach. Es unterstreicht die Bedeutung der Botschaft, dass sie solchen Leuten anvertraut ist. 

Es folgt eine Art Entschuldigung für die ganze Aufregung. Da sind Leute aus Jerusalem, einige von den Unsern, über das Ziel hinaus geschossen. Es ist ein harter Vorwurf, der gegen sie erhoben wird: Sie haben euch mit Lehren irre gemacht und eure Seelen verwirrt. Das sollen Christen einander nicht antun, dass sie sich gegenseitig irre machen und aburteilen. Das bleibt ein großes Thema, auch später für Paulus.

Der Beschluss wird eher knapp vorgestellt, mit der Einleitung: Es gefällt dem Heiligen Geist und uns. So können amtliche Schreiben auch klingen. So klingt jedenfalls der erste „amtliche Brief“ der Kirchenleitung in Jerusalem. Was als Beschluss zustande gekommen ist, verdankt sich nicht irgendeiner zufälligen Mehrheit. Es ist aus dem Geist entstanden und spiegelt den Geist wieder. Keine unnötigen Lasten. Minimalia. Nur Notwendigkeiten.

Merkwürdig, welche Veränderung sich in Übersetzungen ergeben können: „Denn es gefällt dem Heiligen Geist und uns“ ( Luther 2017) – „Der Heilige Geist selbst und ´unter seiner Führung` auch wir haben nämlich beschlossen“ ( Neue Genfer Übersetzung) – „Geleitet durch den Heiligen Geist kamen wir zu dem Entschluss“ (Hoffnung für alle) Gemeinsam ist allen das Zusammenspiel. „Die kirchenleitenden Männer haben nicht aus eigener Machtvollkommenheit oder Willkür, sondern in ausdrücklicher Unterstellung unter den Willen des heiligen Geistes ihre Entscheidung getroffen.“( J. Roloff, aaO. S.234)

Wenn ihr euch davor bewahrt, tut ihr recht. Lebt wohl!

Dieser Schlusssatz klingt wie ein Segen. So ist er wohl tatsächlich auch gemeint. Macht es gut! heißt das heutzutage.

Wenn man so will: dieser Brief ist die Abschluß-Erklärung des Apostelkonzils. In mühsamer Diskussion errungen, weil alle versucht haben, nicht die eigenen Interessen und Traditionen zu wahren, sondern Anschluss zu gewinnen an das, was sich  als Weg Gottes erahnen lässt. Der Weg des Evangeliums zu den Völkern wird so frei. Die Folge ist geschichtlich weitreichend bis heute: „Judenchristen“ werden in der Christenheit zur Minderheit, die Mehrheit werden die Christen aus den Völkern. Schmerzhaft an diesem Prozess ist, dass er in  unseren Tagen zu einer völligen Marginalisierung der Christen aus den Juden – wir nennen sie gerne „messianische Juden“, die an Jesus als den Messias Israel  glauben – führt.

Dieser Prozess wird in Gang gesetzt, weil zwei von den Christen aus den Juden, Petrus und Jakobus das aktuelle Wirken des Geistes höher achten  als die eigene Lebenstradition, weil sie aus der eigenen Erfahrung – Petrus – und aus der Kenntnis der Schrift- Jakobus – nur dies Eine sehen können: Gott hat diesen Weg frei gegeben, weil er ihn schon immer gewollt hat. Ohne diese Entscheidung damals in Jerusalem, ohne die Abschluss-Erklärung gäbe es in „Germanien“ keine Kirchen. Nicht als Gebäude und nicht als Gemeinschaft.

Was für ein Unterschied zwischen diesem Apostelkonzil, seiner transparenten und offenen Form  und dem Treffen der G20, abgeschottet im kleinen Kreis, weit weg vom Volk und den Völkern und am Ende wohl nicht mehr als eine Fußnote in manchen Geschichtsbüchern. Wenn überhaupt.

30 Als man sie hatte gehen lassen, kamen sie nach Antiochia und versammelten die Gemeinde und übergaben den Brief. 31 Als sie ihn lasen, wurden sie über den Zuspruch froh. 32 Judas aber und Silas, die selbst Propheten waren, ermahnten die Brüder mit vielen Reden und stärkten sie.

             Mit dieser Botschaft kommt die Gesandtschaft nach Antiochia. Dort wird eine Gemeindeversammlung einberufen und der Brief übergeben und vorgelesen. Er kommt „gut“ an, als  Zuspruch, als Trost, als Ermutigung. Das alles steckt im griechischen Wort παρακλήσις. Zur schriftlichen Ermutigung kommt die Ermutigung durch Judas und Silas hinzu. Wie schön, dass ein „amtlicher Brief“ durch seinen Inhalt und durch seine Überbringer ein Beitrag zur Freude und zur Glaubensstärkung wird!

33-34 Und als sie eine Zeit lang dort verweilt hatten, ließen die Brüder sie mit Frieden gehen zu denen, die sie gesandt hatten. 35 Paulus und Barnabas aber blieben in Antiochia, lehrten und predigten mit vielen andern das Wort des Herrn.

            Die Boten werden nach einiger Zeit mit Frieden, heißt wohl mit einem Segenszuspruch, nach Jerusalem zurück entlassen. Das darf man sich sicherlich als feierlichen Akt in einem Gottesdienst vorstellen.

<Die Schriften des Neuen Testamentes sind in vielen Abschriften überliefert. Man bündelt sie gerne nach Entstehungszeiten und Entstehungsorten. So gibt es eine Textgruppe, die ins 2. Jahrhundert gehört und in ihrer Entstehung im Westen (Südgallien, Süditalien) vermutet wurde. In Wahrheit ist sie wohl nur  im Westen, genauer in Lyon aufbewahrt worden. Man redet unter den Fachleuten gerne vom „westlichen Text“.>

Diese Texte westlicher Lesarten der Apostelgeschichte wissen, dass nicht alle zurückkehren: „Es schien aber Silas gut, dort zu bleiben. Allein Judas kehrte nach Jerusalem zurück.“ Silas wird ja zum Reisegefährten und treuen Mitarbeiter des Paulus werden. Bis es aber so weit ist, sind Paulus und Barnabas, was sie schon zuvor waren: Lehrer und Prediger des Wortes in Antiochia.

Mich beschäftigt ein Gedanke. In Jerusalem damals ist die Alternative: In den Grenzen der ehrwürdigen Tradition, der biblisch verbrieften Rechtgläubigkeit bleiben und damit die Heiden draußen vor lassen oder sich über die Grenzen wagen, damit mit der bewährten Tradition brechen und die Einheit mit den Heiden gewinnen. Lukas ist überzeugt: Gott hat diese Frage vorentschieden im „Pfingsten der Heiden“ (Kapitel 10) und in der offenen Tür für den Glauben bei  der Reise des Barnabas und Paulus. Die Gemeinde und die Apostel mussten nur noch nachkommen, nachfolgen. Der eigentliche Grenzgänger aber ist Gott selbst. Für ihn gibt es in seiner Liebe keine Grenze!

„Dein Werk kann niemand hindern, dein Arbeit darf nicht ruhn                            wenn Du, was Deinen Kindern, ersprießlich ist, willst tun.“                                                                                                 P. Gerhardt 1653, EG 361

Heute steht die Kirche wieder vor der Frage nach der Tischgemeinschaft – diesmal zwischen römisch-katholischen Christen und Protestanten. Und die Frage heißt wie damals: Werden die Grenzen hochgezogen, dicht gemacht, weil es ehrwürdige Traditionen gibt oder lassen  wir uns über die Grenze führen. Christus selbst ist doch der Gastgeber auf beiden Seiten. Sollte es da nicht möglich sein, auch gemeinsam am Tisch des Herrn zu feiern.

So lese ich auch das Wort des Papstes. Franziskus, das er im Konklave gesagt haben soll: „Die Kirche ist aufgerufen, aus sich selbst heraus zu gehen und sich an die Ränder zu bewegen – nicht nur an die geografischen, sondern an die existentiellen: die der Sünde, des Leidens, der Ungerechtigkeit, der Ignoranz und der Distanz von Religion, des Denkens und des Leids“(Credo, Ein Magazin zum Jahr des Glaubens, 2013, S. 36) Der Nachfolger auf dem Stuhl des Petrus kommt so Petrus nahe, der doch auch nur sagt: wir folgen dem Weg Gottes selbst. Es könnte sein, dass dieser Weg leichter zu finden ist, wenn das Volk, die Ekklesia, mitreden dürfte und nicht nur die Hüter der Tradition das Wort hätten.

 

Herr Jesus, darüber denken wir nicht mehr nach, dass unsere Freiheit nicht immer selbstverständlich war. Darüber denken wir nicht mehr nach, dass zur Religion oft strenge Regelwerke gehört haben

Wir essen was wir wollen, trinken was und wie wir wollen, setzen uns an einen Tisch ohne groß zu überlegen.

Erst wenn wir an jemand geraten, der sagt: Das esse ich nicht, das trinke ich nicht und es mit seinem Glauben begründet, fällt es uns wieder auf:

Wir leben in einer Freiheit, die andere für uns erworben haben, auch in Formen und Regeln des Glaubens.

Ich danke Dir für diese Freiheit und ich bitte Dich, dass ich sie so lebe, dass sie nicht anderen zur Verwirrung und zum Ärgernis wird. Amen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.