Wegweisende Tage in Jerusalem

Apostelgeschichte 15, 1 – 21

1 Und einige kamen herab von Judäa und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht beschneiden lasst nach der Ordnung des Mose, könnt ihr nicht selig werden.

             Das ist erst einmal Topographie: Das Bergland von Judäa liegt höher als Antiochia. Aber vielleicht ist es doch  nicht nur Topographie. Die da herab kommen, wissen, was Sache ist und sie belehren die da unten. Es geht nicht um Kleinigkeiten. Die Seligkeit steht auf dem Spiel. Und die aus Jerusalem kommen, wissen, dass die Pforte zur Seligkeit eng und der Weg schmal ist. Ohne Beschneidung geht es nicht.

Das heißt im Klartext: Man muss Jude werden, um durch den Messias Israels, durch Jesus, gerettet werden zu können. Das Heil kommt von den Juden (Johannes 4, 22) heißt es aus dem Mund der höchsten Autorität der Christen, aus dem Mund Jesu. Wie sollte da der Weg der Beschneidung nicht heilsnotwendig sein, weil erst er ja zum Juden macht?

„In der Kirchengeschichte hat sich dieser Vorgang bis heute immer wieder  neu wiederholt. Das Christentum wird nicht nur von außen bestritten und angegriffen, sondern auch in der Gemeinde selbst erheben sich Männer, die mit Nachdruck und aller Bestimmtheit lehren: Wenn ihr nicht dies und das tut, was doch als Gottes Gebot biblisch zu belegen ist, dann könnt ihr nicht errettet sein.“ (W. de Boor,  Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 269) Es ist die Gefahr eines biblizistischen Denkens, dass es meint, den Weg Gottes normieren zu können, dass es Bedingungen formuliert, die zu erfüllen sind und so das Tun des Menschen zur Voraussetzung für die Seligkeit macht und darüber  vergisst, dass alles an der Gnade hängt. An Jesus allein und dem Glauben allein.

 2 Als nun Zwietracht entstand und Paulus und Barnabas einen nicht geringen Streit mit ihnen hatten, ordnete man an, dass Paulus und Barnabas und einige andre von ihnen nach Jerusalem hinaufziehen sollten zu den Aposteln und Ältesten um dieser Frage willen.

             Offensichtlich sind Paulus und Barnabas nicht gewillt, diese Sicht so hinzunehmen. Sie haben ja niemanden beschnitten, weder in Antiochia noch auf ihrer Reise nach Kleinasien. Aber sie haben erlebt, dass Menschen zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen sind. Es gibt also Klärungsbedarf: Wie ist das mit der beschneidungsfreien Heidenmission? Wird sie anerkannt oder wird sie verworfen? Dahinter taucht ja die Grundsatzfrage schon auf: Was ist mit dem Gesetz des Mose?

Es ist ein unglaublich wichtiger Beschluss, schon in Antiochia: Wir entscheiden das nicht regional oder lokal. Wir brauchen zur Klärung dieser Frage die Apostel und Ältesten in Jerusalem. Es geht nicht an, dass eine Gemeinde, und sei sie noch so aktiv, erfolgreich und missionarisch gesegnet,  allein definiert, was richtig ist in Sachen Glauben und Mission. Es geht aber auch nicht an, sich ohne grundlegende Gespräche einfach einem Beschluss der „Zentrale“ zu unterwerfen.

Bemerkenswert: „Zum letzten Mal hört man bei Lukas von den Aposteln und Petrus.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 318) Mit dem nachfolgend geschilderten „Apostelkonzil“ verlassen sie die Bühne der Apostelgeschichte.

3 Und sie wurden von der Gemeinde geleitet und zogen durch Phönizien und Samarien und erzählten von der Bekehrung der Heiden und machten damit allen Brüdern große Freude.

                  So wird also eine Gesandtschaft nach Jerusalem geschickt. Wo immer sie durchkommen,  in Phönizien und Samarien, berichten sie vom Weg, den das Evangelium genommen hat und lösen damit große Freude aus. Wie wunderbar, dass sich Heiden zum wahren, lebendigen Gott bekehren. Nichts ist zu spüren von den Skrupeln, die es heutzutage mancherorts auslöst, wenn von Bekehrung der Heiden die Rede ist. Niemand fällt ein, dahinter „religiösen Imperialismus“ zu sehen. Aber es sind ja auch Menschen in der Bedrängnis, die erleben und erzählen: Andere kommen zum Glauben und teilen  unsere Bedrängnis.

4 Als sie aber nach Jerusalem kamen, wurden sie empfangen von der Gemeinde und von den Aposteln und von den Ältesten. Und sie verkündeten, wie viel Gott durch sie getan hatte.

                 Wieder eine Gemeindeversammlung. Wieder der Bericht über die Aktivitäten. Wieder das Erzählen davon, wie viel Gott durch sie getan hatte. Sie erzählen davon, wie Gott den Heiden die Tür des Glaubens aufgetan hätte.(14,27) Ist damit nicht der ganze Streit schon entschieden? Gott hat doch gehandelt.

                        Wieder erstaunlich: Es ist keine kirchliche Hinterzimmer-Diplomatie, die in Gang gesetzt wird. Es ist kein Gedanke: Das alles können wir der Gemeinde nicht zumuten. Es ist von Anfang an deutlich, dass die Gemeinde das Forum ist, vor dem und mit dem die Frage zu klären ist. Da sind nicht ein paar theologische Spezialisten und auch nicht ein paar hochrangige Führungsleute, die das machen. Es geht die ganze Gemeinde an.

Ich wage es kaum zu denken: Wie wäre das, wenn wir heute manche Streitfrage in der Kirche, über den Weg der Kirche, über die Ämter, über die gemeinsame Feier des Abendmahls, nicht einer Schar theologischer Spezialisten und kirchlicher Führungskräfte überlassen würden, sondern das Volk der Kirche, die Gemeindeκκλησα –  mitreden dürfte? Wirklich auch zur Sache gehört würde, so dass es den Entscheidungsweg und die Inhalte mit beeinflusst? Ist das wirklich so unvorstellbar? In Zeiten, in denen Regierungen mühsam lernen, auf ihr Volk zu hören, soll das in der Kirche nicht auch gehen?

Der Ruf „ad fontes“, zu den Quellen, zu Zeiten der Reformation, findet heute schwer Gehör, nicht nur bei schwerhörigen Kirchen-Oberen der einen Konfession. Unsere theologischen Traditionen haben uns schwerhörig gemacht für die Stimme des Volkes, der Gemeinde.

5 Da traten einige von der Partei der Pharisäer auf, die gläubig geworden waren, und sprachen: Man muss sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz des Mose zu halten.

Aber es ist schon auch in Jerusalem nicht einfach. Es gibt gläubig gewordene Pharisäer, Paulus ist ja auch so einer, die mit dem Schritt zum Glauben an Jesus nicht einfach alles vergessen haben, was zuvor ihr Leben geprägt und gehalten hat. Das bringen sie ein, ihre Prägung. Ihre Position ist klar: Auch Christen leben nicht jenseits des Gesetzes. Wer zur „endzeitliche Sammlung des Gottesvolkes“ – so sehen sie wohl die Gemeinde Jesu – gehören will, der muss die jüdischen Identitätsmerkmale übernehmen: Beschneidung und Gesetzesgehorsam.  Mit dieser Forderung treten sie in der Gemeindeversammlung auf.

 6 Da kamen die Apostel und die Ältesten zusammen, über diese Sache zu beraten.

Jetzt wird, so kann man lesen, das Forum verändert. Liegt es daran, dass sich mit einigen hundert Leuten nicht so gut diskutieren lässt? Liegt es daran, dass es dann doch ein Autoritätsgefälle gibt? „Die eigentliche Gemeindeleitung, bestehend aus Aposteln und Ältesten, bemüht sich in einer geschlossenen Sitzung um eine Klärung des Streitfalles. Lediglich Paulus und Barnabas sind als unmittelbar Betroffene anwesend.“ ((J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 230)

Man kann diesen knappen Satz auch in der folgenden Weise deuten: „Die wenig mündige Gemeinde streitet, Petrus aber entscheidet die Sache durch ein wegweisendes Wort. Der Streit ergreift zwar die Gesamtgemeinde, ragt aber nicht „bis in den apostolischen Gemeindekern“ hinein. Präzis: Die kompetente Gemeindeleitung ist weder Ausgangspunkt noch Beteiligter, sie ist neutral und schlichtet.“ (G. Schille, ebda.)

Mir scheint, dass Exegeten hier eher von Wunschvorstellungen über Gemeindeleitung geleitet werden als von dem Wortlaut des Lukas.  Es ist unklar, wie  der Gang der Verhandlung ist – ob immer alle beteiligt sind oder zeitweise eine Untergruppe der Apostel und die Ältesten die Diskussion weiterführt. Auf jeden Fall bleibt das jetzt schon anzumerken: Für Lukas ist die eigentliche Gemeindeleitung der Geist Gottes und nicht irgendein Leitungsgremium. Das wird sich im Lauf dieser Versammlung deutlich zeigen.

7 Als man sich aber lange gestritten hatte, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Ihr Männer, liebe Brüder, ihr wisst, dass Gott vor langer Zeit unter euch bestimmt hat, dass durch meinen Mund die Heiden das Wort des Evangeliums hörten und glaubten. 8 Und Gott, der die Herzen kennt, hat es bezeugt und ihnen den Heiligen Geist gegeben wie auch uns, 9 und er hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen, nachdem er ihre Herzen gereinigt hatte durch den Glauben. 10 Warum versucht ihr denn nun Gott dadurch, dass ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsre Väter noch wir haben tragen können? 11 Vielmehr glauben wir, durch die Gnade des Herrn Jesus selig zu werden, ebenso wie auch sie.

                    Es ist Petrus, der die festgefahrene Debatte weiterbringt, mit einem doppelten Hinweis. Einmal weist er zurück auf die eigene, von der Gemeinde anerkannte Erfahrung im Haus des Kornelius. Gott hat gewollt, dass die Heiden das Wort des Evangeliums hören und ihm glauben. Und Gott, der Herzenskenner, hat keinen Unterschied gemacht zwischen uns und ihnen. Die Gabe des Geistes an die Heiden, das Pfingsten im Haus des Kornelius, ist das klare Zeichen dafür.

Daraus leitet Petrus das andere Argument ab: Diesen, die Gott so beschenkt hat, jetzt noch das Gesetz und die Beschneidung aufzuerlegen, heißt Gott selbst in den Arm fallen, ihn versuchen, so zu tun, als wüsste man besser als Gott, was der richtige Weg ist. Es ist eine demütigende Erinnerung gerade auch an die Adresse der Pharisäer: Wir alle haben doch das Gesetzt nicht halten können. Wir haben es als  Joch auf dem Nacken empfunden.

Es klingt fast, als wäre Paulus der „Reden-Schreiber“ des Petrus gewesen. „Dass die Juden das Gesetz nicht tragen konnten, heißt nicht anderes, als dass sie nicht „aus Werken des Gesetzes“ gerechtfertigt werden konnten, sondern nur „durch Glauben“ und durch die Gnade des Herrn Jesus Christus. Die Nähe von V. 11 zu Galater 2,15f ist unverkennbar und spiegelt die fundamentale Übereinstimmung zwischen Petrus und Paulus“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.78)

Dort, im Brief an die Galater heißt es: Wir sind von Geburt Juden und nicht Sünder aus den Heiden. Doch weil wir wissen, dass der Mensch durch Werke des Gesetzes nicht gerecht wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, sind auch wir zum Glauben an Christus Jesus gekommen, damit wir gerecht werden durch den Glauben an Christus und nicht durch Werke des Gesetzes; denn durch Werke des Gesetzes wird kein Mensch gerecht.“ (Galater 2,15-16) Es ist die Gnade, die den Himmel aufschließt und zugänglich macht und kein Gesetz, keine fromme oder humane Leistung und kein identity marker, und sei er noch so ehrwürdig.

12 Da schwieg die ganze Menge still und hörte Paulus und Barnabas zu, die erzählten, wie große Zeichen und Wunder Gott durch sie getan hatte unter den Heiden.

            Da schwieg die ganze Menge still. Waren die, die jetzt schweigen, Zaungäste bei dieser Versammlung der Leitung? Wie können sie so rasch auf die Worte des Petrus reagieren, wenn es doch keine „Pressemitteilung“ der Gemeindeleitung gegeben hat? Darum gibt es eben auch Ausleger, die festhalten: Es ist nur eine Versammlung der Gemeinde, einmal ekklesia, κκλησα, einmal plethos, πλη̃θος, genannt, die die Angelegenheit zur Kenntnis nimmt, berät und schließlich auch entscheidet. Wenn diese Ausleger Recht hätten, was ergibt sich daraus für unsere heutige kirchliche Praxis?

Nach dieser „Klarstellung“ des Petrus ist Raum für die beiden aus Antiochia, noch einmal zu berichten. Diesmal finden sie Zuhörer, denen sie zu Herzen reden können. Und wieder erzählen sie nicht von sich, ihren Leistungen, ihren Erfahrungen, sondern weisen hin auf Gott, der große Zeichen und Wunder durch sie getan hatte unter den Heiden. Aber der Blick wird immer neu auf Gott ausgerichtet und nicht auf die menschlichen Akteure. Sie sind mit diesem Berichten nahe bei einem Wort der Bergpredigt: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“ (Matthäus 5,16)

 13 Danach, als sie schwiegen, antwortete Jakobus und sprach:

            Jetzt nimmt, in das Schweigen hinein, eine zweite Autorität das Wort. Jakobus ist der Herrenbruder, von dem der  Beinamen „der Gerechte“ überliefert ist. Er ist eine Autorität, nicht nur durch die Verwandtschaft mit Jesus, sondern durch den eigenen Lebenswandel.

Ihr Männer, liebe Brüder, hört mir zu! 14 Simon hat erzählt, wie Gott zum ersten Mal die Heiden gnädig heimgesucht hat, um aus ihnen ein Volk für seinen Namen zu gewinnen. 15 Und dazu stimmen die Worte der Propheten, wie geschrieben steht (Amos 9,11-12): 16 »Danach will ich mich wieder zu ihnen wenden und will die zerfallene Hütte Davids wieder bauen, und ihre Trümmer will ich wieder aufbauen und will sie aufrichten, 17 damit die Menschen, die übrig geblieben sind, nach dem Herrn fragen, dazu alle Heiden, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr, 18 der tut, was von alters her bekannt ist.«

               Anknüpfend an die Darstellung des Petrus tritt Jakobus einen Schriftbeweis an. Gott selbst will nicht nur Israel wieder herstellen, sondern er will – so hat er es durch seinen Propheten Amos angesagt – auch die Heiden dazu tun. Das wird zu einem neuen Fragen nach Gott führen. Und alle, die dazu kommen aus den Heiden, kommen ja nicht aus eigener Wahl oder der Wahl durch die Missionare, sie kommen als die, über die mein Name genannt ist, spricht der Herr. Es ist der erwählende Herr, der vor Zeiten Israel erwählt hat und der, gleichfalls vor Zeiten, schon beschlossen hat, die Heiden hinzu zu rufen.

Man hat oft gesagt: Israel kennt keine Mission. Das ist wohl wahr. Aber es finden sich in den Propheten Bilder von der Völkerwallfahrt zum Zion, die es nahe legen, eine Exklusivität des Heils nur für Israel für ein zu enges Bild zu halten. Gott will von Anfang an mehr als nur sein Volk, ein Volk unter den Völkern. Dafür spricht schon ganz früh das Segenswort über Abraham: „Ich will segnen, die dich segnen, und verfluchen, die dich verfluchen; und in dir sollen gesegnet werden alle Geschlechter auf Erden.“(1. Mose 12,3) Da ist in der Erwählung des Einen schon die Menschheit im Blick. Wenn man so will: Eine frühe Form der Globalisierung, allerdings sanfter, als sie sich heute ereignet – und mit völlig anderen Zielen

Und es geht weiter mit der Ausweitung auf die Völker, mit dem Aufbrechen der Exklusivität. „Und die Völker werden herzulaufen, und viele Heiden werden hingehen und sagen: Kommt, lasst uns hinauf zum Berge des HERRN gehen und zum Hause des Gottes Jakobs, dass er uns lehre seine Wege und wir in seinen Pfaden wandeln! Denn von Zion wird Weisung ausgehen und des HERRN Wort von Jerusalem.“ (Micha 4, 1b-2)

Oder als zweiter Beleg: „So werden viele Völker, Heiden in Scharen, kommen, den HERRN Zebaoth in Jerusalem zu suchen und den HERRN anzuflehen. So spricht der HERR Zebaoth: Zu der Zeit werden zehn Männer aus allen Sprachen der Heiden „einen“ jüdischen Mann beim Zipfel seines Gewandes ergreifen und sagen: Wir wollen mit euch gehen, denn wir hören, dass Gott mit euch ist.“ (Sacharja 8,22-23) Wenn man so will: Die Versammlung in Jerusalem wird eingeholt von den alten Worten Gottes. Sie wird deshalb eingeholt, weil sie in den letzten Tagen (2,17) lebt, auf die  sich diese Worte beziehen.

Lukas hat, soweit ich das sehen kann, keinen Fahrplan für die letzten Tage, auch keinen Zeitplan. Er kommt in der Apostelgeschichte ganz gut ohne apokalyptische Bilder aus. Er rechnet nicht mit einem jähen Ende und wohl auch nicht mit der Wiederkunft des Herrn „übermorgen“. Aber er beschreibt, wie die Verheißungen von alters her sich erfüllen und so durch das Handeln Gottes die Zeit, in der die Gemeinde jetzt lebt, als die letzten Tage qualifiziert wird. Gott ist sich in seinem Handeln treu.

 19 Darum meine ich, dass man denen von den Heiden, die sich zu Gott bekehren, nicht Unruhe mache, 20 sondern ihnen vorschreibe, dass sie sich enthalten sollen von Befleckung durch Götzen und von Unzucht und vom Erstickten und vom Blut.

             Jetzt kommt ein Vorschlag, der sichtlich auf den Alltag zielt. Keine hohen Hürden, die nicht zu überwinden sind für Heiden, die zum Glauben kommen. Sondern Lebenspraxis, die dennoch deutlich macht, dass etwas Neues in das Leben gekommen ist. Es geht um das Vermeiden von Götzenopferfleisch. Das ist viel, verlangt es doch praktisch einen weitreichenden Fleischverzicht, denn das Fleisch auf dem Markt kommt fast ausschließlich aus Tempeln. Bei Unzucht, πορνείας, geht es um das Verbot der „unerlaubten Ehen unter nahen Verwandten“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.81). Vielleicht aber auch nur um den Verzicht auf den gesellschaftlich damals kaum diskriminierten Gang der Männer zur Hure. Der letzte Punkt ist der Verzicht auf nicht durch Schächtung ordentlich geschlachtetes Fleisch.

Alle drei Forderungen reichen weit in alltägliche Lebensgestaltung hinein. „Beschneidung und Ritualgebote, das ist für Lukas die ganze Gesetzlichkeit der Tora, fallen fort.“  (G. Schille, aaO.; S 321) Freiheit wird möglich. Es erleichtert auch den Übertritt von Heiden zu dieser doch ursprünglich jüdisch geprägten Gemeinschaft. Das Ziel ist, durch diese Konzessionen der Judenchristen die Tischgemeinschaft mit den Heidenchristen möglich zu machen.

21 Denn Mose hat von alten Zeiten her in allen Städten solche, die ihn predigen, und wird alle Sabbattage in den Synagogen gelesen.

Das ist, auf den ersten Blick, eine etwas rätselhafte Begründung. Aber sie ist logisch. Weil es überall Synagogen gibt, wird es wohl auch überall die immer gleichen Anfragen geben wegen der Tischgemeinschaft zwischen Judenchristen und Heidenchristen. Darum ist die Regelung, die jetzt auf dem Tisch ist, nicht nur eine Regelung für Jerusalem und Antiochia, sondern für die ganze wachsende Gemeinde. So würde dieser Vorschlag dazu dienen, dass der Streit, der jetzt in Jerusalem mit diesen Konzessionen beigelegt erscheint, auch in den anderen Städten nicht mehr ausgefochten werden muss.

 

Herr Jesu, Du leistest Deine Gemeinde. Du schenkst Menschen mit klarer Sicht, mit hoher Verantwortung. Du schenkst Klarheit in schwierige Fragen hinein.

Du gibst Deinen Geist, Konflikte auszuhalten, sich über tiefen Unterschieden nicht zu trennen, den Weg zueinander immer neu zu suchen.

Hilf Du, dass wir uns nicht aus der Verantwortung stehlen, die wir als normale Gemeindeglieder haben, dass wir nicht auf unsere Mitsprache aus Trägheit verzichten.

Gib uns das Zutrauen, dass Du den Weg schon weißt, den Du mit uns mit Deiner Gemeinde gehen willst und dass wir ihn deshalb auch finden werden. Amen

 

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