Wir sind auch nur Menschen

Apostelgeschichte 14, 8 – 20a

 8 Und es war ein Mann in Lystra, der hatte schwache Füße und konnte nur sitzen; er war gelähmt von Mutterleib an und hatte noch nie gehen können. 9 Der hörte Paulus reden. Und als dieser ihn ansah und merkte, dass er glaubte, ihm könne geholfen werden, 10 sprach er mit lauter Stimme: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Und er sprang auf und ging umher.

        Einer von diesen Menschen in Lystra ist ein Leben lang noch nicht auf die eigenen Beine gekommen. Gelähmt von Mutterleib an. Unfähig zu eigenen Schritten. Unfähig, für sich selbst zu sorgen. Unfähig zu kraftvollem Leben. Auf schwachen Füßen lassen sich keine großen Sprünge machen. Es wird wohl so sein: Von Kindesbeinen an hat er nie gehört und gelernt: du kannst auf den eigenen Füßen stehen. Immer ist er auf seine Schwäche reduziert worden. In ihr festgehalten, regelrecht eingemauert worden.

Bis heute ist das so: „Das kannst du nicht. das lernst du nie. Du hast nicht die Kraft und nicht das Geschick für so etwas. Du hast sowieso zwei linke Hände.“ Botschaften, die Kräfte rauben, lähmen, am Leben verzagen lassen. Unvergessen, wie einer erzählt: Die Mutter sagte immer: „Du musst dich anstrengen, damit was aus dir wird.“ Und der Vater: „Du kannst dich anstrengen, wie du willst. Aus dir wird nie was.“ Gewiss ein Extremfall, aber kein Einzelfall.

Nun kommt es zu folgenschwerer Kommunikation, zum größten Teil wortlos! Der hörte Paulus reden. Und Paulus sieht seinen Zuhörer an und spürt, dass sich da im Inneren etwas tut: Er glaubte, ihm könne geholfen werden. Wie gerne wüsste man, was Paulus gesagt hat, das plötzlich Hoffnung in einem bis dahin festgelegten, hoffnungslosen Leben aufglühen kann. Der Apostel des Herzenskenners Jesus wird selbst zu einem, der in einem Gesicht lesen kann, der Erwartungen erspüren kann. Da entsteht Erwartung im Herzen eines Menschen. Sie findet noch keine Worte, aber zeichnet sich ab auf dem Gesicht.

Es gibt ja auch das Andere, ein sich Abfinden mit dem Leben, das zwar an Gott glaubt, aber nicht mehr daran, dass sich die eigene Lebenssituation noch einmal ändern könnte. Hier fängt einer an zu glauben, zu hoffen, dass Änderung möglich sein könnte.

Das zu spüren macht für Paulus den Weg auch zu Worten frei: Stell dich aufrecht auf deine Füße! Dieser Befehl, wenn es denn ein Befehl ist, traut ihm zu, was er ein Leben lang nicht konnte. Dieser Befehl schenkt ihm und weckt in ihm ein Vertrauen, das er selbst ein Leben lang noch nicht einen Tag hatte. Vertrauen zu sich selbst und zu den eigenen schwachen Füßen. Selbstvertrauen. Es wird wohl so sein. Manchmal erlaubt uns erst das Wort von außen den Schritt über die eigenen inneren Barrieren, die uns gelähmt und festgehalten haben.

Es wirkt nebensächlich: Paulus wird laut. Er ruft mit lauter Stimme μεγλ φωνῇ.  Ich glaube nicht an eine zufällige Wortwahl:  Vom Einzug Jesu in Jerusalem berichtet Lukas: Und als er schon nahe am Abhang des Ölbergs war, fing die ganze Menge der Jünger an, mit Freuden Gott zu loben mit lauter Stimme über alle Taten, die sie gesehen hatten.“ (Lukas 19,37)  In der Erzählung von der Auferweckung des Lazarus durch Jesus heißt es:  „Als er das gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!“(Johannes 11,43) Schließlich – in Konkurrenz dazu: „Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! (12.21-22) Die Stimme des Paulus ist keine göttliche Stimme, aber die Stimme eines Menschen, der Jesus folgt und Jesus glaubt. 

Es gefällt mir, dass hier nicht steht: Im Namen Jesu, stehe auf. Das macht deutlich, dass es nicht die richtig gesprochene Formel ist, auch nicht die richtige christliche Formel, die auf die Beine bringt. Es ist das Vertrauen, das zum Vertrauen befreit.  Und natürlich: Wo und wann Gott will. Paulus ist und wird kein autonomer Wundertäter. Für die ist im Christentum kein Platz.

 11 Als aber das Volk sah, was Paulus getan hatte, erhoben sie ihre Stimme und riefen auf Lykaonisch: Die Götter sind den Menschen gleich geworden und zu uns herabgekommen. 12 Und sie nannten Barnabas Zeus und Paulus Hermes, weil er das Wort führte. 13 Und der Priester des Zeus aus dem Tempel vor ihrer Stadt brachte Stiere und Kränze vor das Tor und wollte opfern samt dem Volk.

Wo sonst in der Folge der Wunder Staunen und das Lob Gottes zu stehen kommen, wird hier berichtet, dass das Volk beginnen will, Barnabas und Paulus wie Götter zu verehren. Zeus und Hermes sollen sie sein. In Lykaonien ist die wunderschöne Erzählung von Philemon und Baucis lokal verortet, die von Zeus und Hermes besucht werden und sie freundlich bewirten. Diese Erzählung lässt den Besuch von Göttern nicht als  einen unmöglichen Gedanken erscheinen! Sie warnt eher davor, blind zu sein für die Gäste, die inkognito sind und so das Glück zu versäumen. Es kann doch sein, das die Götter einmal Menschengestalt annehmen. Darum ist es nur zu verständlich, dass sie hingerissen vom Mit-Erlebten zum Opfer für die vermeintlichen Götter rüsten. Diese Pflicht der Gastfreundschaft göttlichen Gestalten gegenüber wollen sie in Lystra nicht versäumen.

Ein Plädoyer zur Ehrenrettung der Leute in Lystra. Sie wollen die falsche Adresse feiern. Sie ziehen den falschen Schluss: Götter unter uns. Aber ihr Staunen über das, was da geschehen ist, ist doch richtig. Es ist einer der kostbarsten Momente im Leben, mit dabei zu sein, wenn einer nach schier endloser Lähmung zu neuen Schritten, überhaupt zu ersten Schritten befreit wird. Wenn einer wieder auf die Füße kommt. Wer gelangweilt zur Tagesordnung überginge, wenn einer nah Jahrzehnten erstmals oder auch wieder „selbstständig“ wird, auf eigenen Beinen stehen kann, der hätte wirklich nichts von der Kostbarkeit des Lebens begriffen.

Zugleich mag zutreffend sein: „Die Erzählung könnte indirekt die Schwierigkeiten reflektieren, vor die die Missionare immer wieder dadurch gestellt wurden, dass man sie nach dem Modell heidnischer Wandermissionare und Gottesmänner zu beurteilen suchte.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S. 213) Von diesen Schwierigkeiten ist im Folgenden sofort die Rede.

14 Als das die Apostel Barnabas und Paulus hörten, zerrissen sie ihre Kleider und sprangen unter das Volk und schrien: 15 Ihr Männer, was macht ihr da? Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr und predigen euch das Evangelium, dass ihr euch bekehren sollt von diesen falschen Göttern zu dem lebendigen Gott, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. 16 Zwar hat er in den vergangenen Zeiten alle Heiden ihre eigenen Wege gehen lassen; 17 und doch hat er sich selbst nicht unbezeugt gelassen, hat viel Gutes getan und euch vom Himmel Regen und fruchtbare Zeiten gegeben, hat euch ernährt und eure Herzen mit Freude erfüllt. –

Barnabas und Paulus aber, als sie merken, dass sie in den „Götterstand“ erhoben werden sollen, wehren entsetzt ab. Sich göttliche Ehre gefallen lassen macht Gott die Ehre streitig. Sich anbeten zu lassen nimmt Gott die Anbetung weg. Herodes Agrippa I. ist ein warnendes Beispiel dafür.(12, 22ff.) Wir sind auch sterbliche Menschen wie ihr, sagen, schreien die beiden erschrocken. „Es gibt keine Götter in Menschengestalt, die vergöttlichten Mächte sind „Nichtse“, die Apostel, durch die Gott heilend handelt, sind Menschen, gleichartig euch.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.60) Wie Petrus bei Kornelius stellen sie das klar. Es ist immer wieder nötig. In einem Umfeld, in dem sich Kaiser divus, göttlich, nennen lassen, in dem das auf Münzen geprägt wurde, in dem es die Vorstellung vom göttlichen Menschen, ανήρ θεός, gab, der auch über göttliche Kräfte frei verfügt, ist das keine Kleinigkeit.

             Diese Abwehr einer – zugegeben überschwänglichen – Ehrung wirkt nicht nur damals fremd. Fremd wirkt das auch heute, in einer Zeit, die dazu neigt, Menschen völlig zu überhöhen. Einen Hype um sie zu veranstalten. Schon Fußballtrainer können wie der Messias begrüßt werden, Sieger in irgendwelchen obskuren Rankings werden in den Show-Himmel erhoben  und sogar Politiker sind nicht sicher davor, als Heilsbringer angesehen zu werden. Man denke nur an die Weise, wie seinerzeit Barack Obama fast als neuer Messias begrüßt und gewählt wurde. Es ist ein Zeichen wohltuender Nüchternheit, solchem Hype zu wehren, erst recht, wenn man sich klar macht, dass das schöne deutsche Wort „Hype“ von „Hybris“ abzuleiten ist und das bedeutet; Selbstüberhebung.

Es bleibt nicht bei der Abwehr. Auch hier nützen sie wieder die Situation zur Verkündigung.  Es geht um den lebendigen Gott, den Schöpfer, der Himmel und Erde und das Meer und alles, was darin ist, gemacht hat. Er ist auf der Suche nach den Menschen. Er tut Gutes, er füllt die Erde mit seiner Güte. Er ist es, der die Freude am Leben schenkt. Das Abwehren der eigenen fälschlichen Verehrung wird zum Rufen zu dem einen, wahren, lebendigen Gott, dem Schöpfer, von dessen Wohltaten sie alle leben. Götzenpolemik paart sich mit dem Versuch, diesen im Versuch der Überhöhung der beiden Apostel sichtbar werdenden „Denkfehler der Heiden mit Hilfe des Gedankens der Nachsicht Gottes zu entschuldigen.“(G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S.307)

18 Und obwohl sie das sagten, konnten sie kaum das Volk davon abbringen, ihnen zu opfern.

                  Ein ausgesprochen dürrer Satz. Die Worte der Apostel prallen irgendwie ab. So sehr ist das Volk seiner Sache sicher, dass es sich nur mit Mühe aufhalten lässt. Gegen eine emotional hoch gestimmte Menge sind Worte ziemlich machtlos. „Die starken Kräfte des Heidentums lassen sich durch die christliche Verkündigung nicht im ersten Anlauf brechen.“ (J. Roloff, aaO.; S. 218) Wer sich die Zeit heute nüchtern ansieht, wird nicht umhinkommen sich einzugestehen: auch 2000 Jahre Verkündigung haben die starken Kräfte des Heidentums, die auf Selbstbehauptung, auf Stärke, auf Sieg setzen, nicht völlig verschwinden und schwach werden lassen. Es feiert vielerorts eine schauerliche Rückkehr.

 19 Es kamen aber von Antiochia und Ikonion Juden dorthin und überredeten das Volk und steinigten Paulus und schleiften ihn zur Stadt hinaus und meinten, er wäre gestorben.

                  Was für ein Wende. „Die Labilität der Gott und Menschen vermischenden Religion wird drastisch dadurch aufgedeckt, dass die Volksmenge in Lystra sich leicht umstimmen lässt, statt den Aposteln zu opfern, sie zu steinigen.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S. 60) Kaum, dass es gelungen ist, die Anbetung mühsam genug abzuwehren, schlägt die Stimmung um. Ein gerütteltes Maß an diesem Kippen der Stimmung haben Juden, die den Aposteln „nach-gereist“ waren, sozusagen als Warner vor diesen Verführern. Es ist eine Rolle, die es bis heute gibt und die gerne besetzt wird: Keine eigene Position zu haben, sondern nur zu warnen vor denen, die irgendwie anders sind.

Sie erreichen ihren Zweck. Die Steinigung, der sich Paulus in Ikonion noch durch Flucht entziehen konnte, wird hier durchgeführt. Halbtot bleibt er liegen.  Sie aber halten ihn für tot. Sie sind erfolgreich gegen diesen Sektenprediger vorgegangen.

 20 Als ihn aber die Jünger umringten, stand er auf und ging in die Stadt.

                 Es ist nicht klar: kommen die Jünger, um den vermeintlich toten Paulus zu beerdigen? Oder haben sie gesehen, was die Feinde nicht sahen: Da ist noch Leben in diesem geschundenen Menschen? „Unverzüglich geht er zurück in die Stadt: So wird ein sichtbares Zeichen dafür gesetzt, dass er im Dienst eines Mächtigeren steht, der es nicht zulässt, dass man ihm sein erwähltes Werkzeug aus der Hand schlägt.“(J. Roloff, ebda.) Er, der dem Mann mit den schwachen Füßen aufstehen geholfen hat, er kommt selbst auch wieder auf die Beine, kann stehen und gehen.

 

Jesus, wie oft bin ich schwach auf den Füßen, überhaupt nicht standfest, standhaft, sondern leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen.

Wie oft fehlt es mir am Stehvermögen, an der Klarheit, Situationen zu durchschauen, mich dem zu verweigern, was mir schmeicheln könnte.

Wie rasch geht das, sich Ehre gefallen zu lassen, die den Blick auf Dich verstellt.

Du kannst die Augen öffnen, dass wir sehen, was zu sagen ist, was zu tun ist, wo Gefahren lauern. Du kannst die Augen öffnen für den angstfreien Blick, der die Wirklichkeit sieht und Dich, den Herrn hinter aller Wirklichkeit. Amen