Ikonion – eine Stadt im Zwiespalt

Apostelgeschichte 14, 1 – 7

 1 Es geschah aber in Ikonion, dass sie wieder in die Synagoge der Juden gingen und so predigten, dass eine große Menge Juden und Griechen gläubig wurde. 2 Die Juden aber, die ungläubig blieben, stifteten Unruhe und hetzten die Seelen der Heiden auf gegen die Brüder.

                      Der Ort wechselt, die Abläufe bleiben gleich. Wieder, auch in Ikonion, suchen die Apostel den Weg in die Synagoge. Wieder predigen sie so, dass sie Glauben finden und Glauben wecken. Es sind Juden und Griechen, die gläubig werden. Der Weg zu den Heiden setzt sich also fort. Und wieder ist die Reaktion gespalten. Während die einen den Worten der beiden Christus-Zeugen anhängen, gehen die anderen dazu über, Feindschaft zu säen, die Seelen aufzuhetzen.

Das steht im Griechischen wörtlich da: ψυχς τν θνν  – Seelen der Heiden, der Völker. Und ist viel ausdrucksstärker als die abgeblasste Formulierung: sie hetzten die Heiden auf (Luther 2017) Es ist nicht nur ein bisschen Randale. Sondern es ist der Appell an die Herzen, an die Seelen. Es ist auch das Wissen des Lukas: Wer Menschen zu etwas bringen will, der muss sie in ihre Psyche – das ist ja das griechische Wort, das die alten Übersetzungen mit Seele wiedergeben –  ansprechen, nicht in ihrer Rationalität, der muss Emotionen wecken, so wie wir es heute erleben, wenn Menschen mit dumpfen Parolen aufgehetzt werden gegen Muslime, gegen Fremde, gegen alle, die anders sind als man selbst.   

„Verkündigung bewirkt Glauben und Widerspruch. (πειθεν ist das Oppositum zu πιστεύειν)“ (G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 299)Vertrauen oder verweigertes Vertrauen. Man kann Juden, die ungläubig blieben auch übersetzen: „Juden, die nicht gehorchen wollten.“(W. de Boor, Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; S. 254) auffällig ist, dass hier von Paulus und Barnabas als den Brüdern die Rede ist, weil das im Grunde eine eher allgemeine Bezeichnung für die Christen ist. Der Aufruhr, so kann man von daher verstehen, richtet sich nicht gegen „Amtsträger“, sondern gegen die ganze Glaubensgemeinschaft, für die sie stehen. 

3 Dennoch blieben sie eine lange Zeit dort und lehrten frei und offen im Vertrauen auf den Herrn, der das Wort seiner Gnade bezeugte und ließ Zeichen und Wunder geschehen durch ihre Hände.

          Trotz dieser spürbaren Spannungen bleiben sie. Es ist Gottvertrauen, dass sie bleiben lässt und das sie lehren lässt. Dass sie nicht abtauchen lässt in die Verborgenheit. Einmal mehr wird es betont: die Christen suchen nicht das Versteck, sondern sie treten frei und offen auf. Freimütig auch, weil das im griechischen Wort παρρησιαζμενοι mitschwingt. Es ist ein Grundzug im Verhalten dieser ersten Christen, dass sie innerlich frei sind, selbst wenn sie äußerlich mehr als nur manchmal bedrängt werden.

Sie erzählen von Jesus. Sie erzählen von der Gnade Gottes. Und was sie erzählen, wird bestätigt, unterstrichen durch Zeichen und Wunder. Es sind nicht nur Worte, die sie machen. „Es ist der Herr selbst – gemeint ist Jesus – der die Predigt seiner Boten durch Zeichen begleitet.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 211)

                       Die Formel „Zeichen und Wunder“ mag für unsere Ohren ungewöhnlich klingen, wenn es um Predigt und Lehre geht. Sie hat ein „Geschmäckle“ in Kirchen, die sich längst davon verabschiedet haben, dass das Wort andere Wirkungen als Verstehen und Begreifen hervorrufen kann. Aber in einer Zeit, in der man glaubt, dass das Wort wirkt, ist es nicht so unerwartet, dass Menschen unter der Verkündigung gesund werden, dass Leben zurecht gebracht wird,  dass es Neuausrichtungen des Lebens gibt, die tief in den leiblichen und seelischen Bereich hinein wirken.

Lapidar sagt ein Ausleger: „Zeichen und Wunder ist die alte Formel für die normale Wirkung apostolischer Arbeit.“(G. Schille, ebda.) So kann Paulus nach Korinth schreiben:Denn es sind ja die Zeichen eines Apostels unter euch geschehen in aller Geduld, mit Zeichen und mit Wundern und mit Taten.“(2. Korinther 12,12) Aber dass sich Zeichen und Wunder ereignen, steht nicht in der Verfügungsmacht der Prediger, sondern sie geschehen zwar durch die Hände der Menschen, kommen aber her von Gott.  Ganz so, wie wir, ohne an Zeichen und Wunder zu denken, singen:

„Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.

Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm, dankt, drum dankt ihm, dankt und hofft auf ihn!

Er sendet Tau und Regen und Sonn- und Mondenschein,
er wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot:
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.“                                                                  M. Claudius 1783, EG 508

Gott, der Herr ist der Autor, der Akteur.

 4 Die Menge in der Stadt aber spaltete sich; die einen hielten’s mit den Juden und die andern mit den Aposteln. 5 Als sich aber ein Sturm erhob bei den Heiden und Juden und ihren Oberen und sie sie misshandeln und steinigen wollten, 6 merkten sie es und entflohen in die Städte Lykaoniens, nach Lystra und Derbe, und in deren Umgebung 7 und predigten dort das Evangelium.

     

           Was da geschieht, spaltet die Stadt in zwei Lager. Die Glaubens- und Friedensbotschaft löst oft genug ganz unterschiedliche Reaktionen aus. Frohe Zustimmung bei den einen, heftigen Widerspruch bei anderen. Es ist eine unrealistische Bild, das wir heute haben, dass das Evangelium überall und immer gern gehörte Botschaft ist. Die Frommen, die dauernd von Jesus reden, behaupten, dass Erlösung notwendig sei, damit Menschen aus ihren Gefangenschaften und Knechtschaften befreit werden, die sich doch schon so frei fühlen, geht manch einem „modernen, westlichen, einigermaßen aufgeklärten Durchschnittstypen, dessen absolute Wahrheit lautet, dass es keine absolute Wahrheit gibt“(Chr. Nürnberger, in: Kreisanzeiger vom 1.7.17 S.2) gewaltig gegen den Strich. Sie sollen gefälligst aus der Öffentlichkeit verschwinden. „Religiöse, nehmt euch zurück!“(ebda.)

In der Mitte des Konfliktes stehen die Apostel. Diese Bezeichnung für Paulus und Barnabas fällt aus dem Sprachgebrauch des Lukas, der sonst nur die Augenzeugen des Weges Jesu zwischen Taufe und Ostern als Apostel bezeichnet. „Der Begriff „Apostel“ ist hier in dem Sinn verwendet, wie er in Antiocha und seinem syrischen Hinterland gebräuchlich war: Er bezeichnete dort den wandernden Missionar und Gemeindegesandten.“ (J. Roloff, aaO.; S. 212)  Es ist, so könnte man sagen, ein Begriff im Übergang – von einer historischen Bezeichnung zu einer Funktionsbeschreibung.     

Es ist nicht nur ein bisschen Unruhe, nicht nur Stadtgespräch. Ein Sturm – ρμ –  zieht auf. Es wird eng, bedrängend. Die Frage, vor der die Apostel durch den Streit in der Stadt stehen ist: Flüchten oder standhalten? Es gibt keine Regel, die sagt, dass Jünger Jesu bis zur Steinigung bleiben müssen. Stephanus ist nie zur normgebenden Gestalt geworden. Es geht nicht darum, um jeden Preis zu bleiben. Darum ist es keine Feigheit, wenn die beiden sich dem Tod entziehen, als sie merken, welche Koalition sich da gegen sie zusammen findet – Heiden und Juden und die Stadt-Oberen. Die Leidensgemeinschaft mit Jesus verbietet das Ausweichen vor dem Martyrium nicht. Ihr Auftrag ist noch nicht erfüllt.

Sie entziehen sich zwar dem Zugriff in Ikonion, aber ihre Flucht lässt sie nicht verstummen. Auch in Lystra und Derbe predigen sie das Evangelium. Allmählich wird diese Formulierung zum festen Begriff für Inhalte: Evangelium ist der Weg Jesu uns zugute, die Vergebung der Sünden, die Botschaft von der Auferstehung der Toten, kurz, die Botschaft vom Weg Gottes zu den Menschen und der Ruf an die Menschen, diesem Gott vertrauensvoll das eigene Leben zu öffnen. Das Evangelium findet Menschen, in der Umgebung von Lystra und Derbe auch in den Dörfern.

 

Heiliger Gott, gib Du uns heute Klarheit, dasswir in den Stürmen der Zeit wissen, wofür wir stehen, dass wir festbleiben in der Treue zum Evangelium, dass wir nicht aufhören, die Botschaft von Dir und Deinem Erbarmen weiter zu geben.

Gib Du uns auch die Klarheit, dass wir spüren, wann es Zeit ist auszuweichen, weiterzugehen, dorthin, wo es noch die Bereitschaft zum Hören und Vertrauen gibt.

Lass uns nicht einfach aufhören, Deine Boten und Zeugen zu sein, wenn wir auf Gleichgültigkeit und Widerspruch treffen. Amen