Ein neuer Weg geht auf

Apostelgeschichte 13, 44 – 52

  44 Am folgenden Sabbat aber kam fast die ganze Stadt zusammen, das Wort Gottes zu hören. 45 Als aber die Juden die Menge sahen, wurden sie neidisch und widersprachen dem, was Paulus sagte, und lästerten.

Was zwischen den Sabbaten geschieht, zeigt Wirkung. Fast die ganze Stadt  ist vor Ort – Erfolg der intensiven Begegnungen auch im Alltag. Sie wollen das Wort Gottes hören – was ist damit inhaltlich gemeint? Das Zeugnis von Jesus als die Erfüllung der Verheißungen? Das Zeugnis von ihm als der Gestalt gewordenen Gnade? Das Zeugnis von dem Leben, das kein Tod mehr zerstören kann?

Vor allem: Wer kommt da in der Synagoge zusammen. Erst einmal natürlicherweise die Juden. Aber dann ja auch die Menge. „Die Kunde von der erregend neuen Botschaft der Missionare hat sich in der Bevölkerung der Stadt wie ein Lauffeuer verbreitet, und so quillt die Synagoge über von Heiden, die ihre Predigt hören möchten.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 209) Das also ist die Menge, χλος – die heidnische Bewohnerschasft der Stadt. Es ist nicht das Volk, sondern nur eine großer Haufen.

Dass die beiden Prediger so viele Menschen erreichen, ruft Neid und Widerstand hervor. Es ist selten, dass Neid als Motiv so eindeutig benannt wird. Aber es ist wohl die Wirkung der Verkündigung – sie weckt Glauben und sie bringt auch den Widerstand ans Licht. Gleichgültigkeit hat hier keinen Platz.  

 46 Paulus und Barnabas aber sprachen frei und offen: Euch musste das Wort Gottes zuerst gesagt werden; da ihr es aber von euch stoßt und haltet euch selbst nicht für würdig des ewigen Lebens, siehe, so wenden wir uns zu den Heiden. 47 Denn so hat uns der Herr geboten (Jesaja 49,6): »Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, damit du das Heil seist bis an die Enden der Erde.«

                Es gibt kein Zögern und keine Zugeständnisse bei Paulus und Barnabas. Sie reden niemandem nach dem Mund. Sie haben keine Angst vor dem Widerspruch. Es gibt eine Reihenfolge, an die sich die Boten halten: Euch, den Juden zuerst – ihr seid die, die Gott zuerst ruft. Aber eben nicht: ausschließlich ihr.

Die Ablehnung durch die Juden öffnet den Weg zu den Heiden. Es ist der Weg, den schon das Gleichnis Jesu zeigt. „Geh hinaus auf die Landstraßen und an die Zäune und nötige sie hereinzukommen, dass mein Haus voll werde.“(Lukas 14, 23) Wenn die, die zuerst gerufen worden sind, der Einladung nicht folgen, dann wird nicht die Einladung zurück genommen, sondern sie wird ausgeweitet. Die dann kommen, sind aber nicht nur 2. Wahl. Das ist auf der Linie dessen, was Paulus im Römerbrief schreibt, wo er wiederholt diese Formel verwendet: „die Juden zuerst und ebenso die Griechen.“ Römer 1, 16; 2,9 + 10)

Begründet wird dieser Schritt auch mit dem prophetischen Wort an den Gottesknecht. Es ist Gottes Art schon von den Anfängen her, dass er alle will, auch die Heiden. θνη. Die Ethnien. Das ist für das Selbstverständnis der Gemeinde wichtig. Sie geht mit dem Weg hin zu den Heiden nicht einen eigenen, selbst erdachten Weg – sie geht den Weg, den Gott schon lange gewiesen hat.

 48 Als das die Heiden hörten, wurden sie froh und priesen das Wort des Herrn, und alle wurden gläubig, die zum ewigen Leben bestimmt waren. 49 Und das Wort des Herrn breitete sich aus in der ganzen Gegend.

             Es ist ein gesegneter Weg. Die Worte fallen auf fruchtbaren Boden. Sie finden Widerhall in den Herzen und im Leben. Die zum Glauben finden, loben das Wort des Herrn und mit dem Lob des Wortes loben sie den Herrn selbst. Auch hier wieder hält Lukas fest: Dass Menschen zum Glauben finden, ist nicht zuerst das Werk, der Erfolg der Verkündiger. Darin wird sichtbar, was Gott tut. Er hat sie zum ewigen Leben bestimmt. Auch die Ausbreitung des Wortes ist wohl so zu verstehen, dass der Herr selbst am Werk ist. Es entsteht eine Gemeinde.

Mit dieser Formulierung: die zum ewigen Leben bestimmt waren will Lukas keine Debatte um Prädestination herbeiführen oder gar eine Prädestinationslehre errichten. „Erst recht liegen ihm alle Folgerungen fern, die wir theoretisch sofort darus ziehen möchten: also können die anderen, die sich nicht zum Glauben entschlossen, gar nichts dafür; sie waren eben nicht zum ewigen Leben bestimmt.“(W. de Boor Die Apostelgeschichte, Wuppertaler Studienbibel; Wuppertal 1975, S. 253) Lukas liegt allein daran: hier kommt Gottes Heilswille zum Zug und ans Ziel.

50 Aber die Juden hetzten die gottesfürchtigen vornehmen Frauen und die angesehensten Männer der Stadt auf und stifteten eine Verfolgung an gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. 51 Sie aber schüttelten den Staub von ihren Füßen zum Zeugnis gegen sie und kamen nach Ikonion.

                Wohl aber hält Lukas auch fest: Es gibt auch den Widerspruch gegen die Botschaft und die Boten. Heftig und hitzig. Das macht den Widerspruch so ernst, er ist ja nicht nur ein Widerspruch gegen Paulus und Barnabas. Es ist Widerstand gegen den Weg Gottes. Darum auch wird der Widerspruch der Juden als aufhetzen beschrieben. Es gelingt den Juden, Leute aus der Oberschicht der Stadt, gottesfürchtige, vornehme Frauen und die angesehensten Männer gegen die Ortsfremden auf zu hetzen.

Auffällig im ganzen Abschnitt, ist, wie von den Juden die Rede ist. Auch wenn es sich aus der Situation heraus erklären lässt, hier ist schon viel Abstand zu spüren. Wie anders hat das im Anfang der Apostelgeschichte geklungen, als davon die Rede ist, dass die Gemeinde Gnade beim ganzen Volk (2,47) gefunden hat. Hier spürt man die wachsende Distanz einer Gemeinde, die ihren eigenen Weg geht.

ber was sind die Argumente für den Widerstand, für die veränderte Haltung? Reicht es, auf den Neid zu verweisen? „Dass der missionarische Erfolg der Christen den Führern der Synagoge ein Dorn im Auge sein musste, wird in dem Maß verständlich, als man sich klar macht, dass der Kreis der gottesfürchtigen Heiden häufig aus bemittelten Gönnern der Synagoge bestand.“(R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/II, S.47) Dann ginge es also um den schnöden Mammon. Ist das wirklich so schlicht oder ist das womöglich doch ein Argument, dem die Basis fehlt?

Wir erfahren aus dem Text des Lukas jedenfalls nicht wirklich genau und im Detail, was hinter dem Neid steht – ob eine andere Theologie, die Angst um das Geld, die Sorge, vom Erfolg der neuen Missionare abgehängt zu werden? Es werden Ressentiments geschürt, aber sie werden nicht begründend benannt. Auch die Weise der Verfolgung bleibt im Dunkeln. Wichtiger scheint Lukas, das Verhalten der Jünger zu zeigen. „Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen zu einem Zeugnis gegen sie“(Lukas 9,5) Das gilt für die Jünger Jesu bei ihrer Sendung in Israel. Es gilt auch hier. Man muss nicht tauben Ohren und harten Herzen predigen.

 52 Die Jünger aber wurden erfüllt von Freude und Heiligem Geist.

Obwohl dieser Aufenthalt nach dem guten Anfang so endet, müssen die beiden Boten des Evangeliums nicht betrübt von dannen schleichen. Da ist Gemeinde geworden. Und beide Gruppen, die wandernden Boten und die neue Gemeinde, sind in Gott geborgen, vom Geist erfüllt. Nicht der Ärger, nicht der Zorn, die Freude bestimmt ihren Weg.

Vielleicht spielt auch das eine Rolle, dass sie gewürdigt sind, den Weg Jesu nach zu gehen. Der Widerspruch gegen sie ist Erleben, das sie in die Schicksalsgemeinschaft mit ihrem Herrn stellt. „Selig seid ihr, wenn ihr geschmäht werdet um des Namens Christi willen, denn der Geist, der ein Geist der Herrlichkeit und Gottes ist, ruht auf euch.“ (1. Petrus 4,14) So zu denken, ist uns heute fremd. Aber für die Zeit des Anfangs, die an vielen Orten eine Zeit der Bedrängnis ist, zeigt sich das als eine Hilfe, den Glauben mutig und fröhlich zu leben, aller feindseligen (was für ein seltsames Wort ist das: feind-selig!) Erfahrung zum Trotz..

 

Herr Jesus, wenn nur Dein Wort verkündigt wird, wenn nur Deine Gnade Menschen zugesagt wird. Wenn sie es nur hören können, dass Du Leben für sie hast, Leben in Fülle.

Dafür nehmen Deine Boten in Kauf, dass sie Widerspruch ernten. So leicht geht das nicht. Das sind doch nur Worte. Woher wollt ihr das wissen.

Widerspruch gegen das Wort von der Gnade ist keine Erfindung unserer Zeit. Es gibt ihn schon immer, von Anfang an.

Und doch haben wir nichts anderes zu sagen als diesen Ruf zur Gnade, zum Erbarmen, zur grundlosen Liebe. Lass mich daran festhalten. Amen