Allein der Gekreuzigte und Auferweckte

Apostelgeschichte 13, 26 – 43

26 Ihr Männer, liebe Brüder, ihr Söhne aus dem Geschlecht Abrahams und ihr Gottesfürchtigen, uns ist das Wort dieses Heils gesandt.

                     Noch einmal setzt Paulus neu ein, noch einmal spricht er beide Gruppen an, Juden und Gottesfürchtige aus den Heiden. Es ist die erneute Anrede, die auch ein Signal setzt: Ich hoffe, dass ihr mir bis hierhin gefolgt seid. Jetzt gehe ich einen Schritt weiter. Mit seinem uns schließt Paulus sich mit seinen Zuhörern zusammen. Wir alle sind Adressaten des Wortes des Heils. λόγος τῆς σωτηρίας„Wort der Rettung, Wort der Erlösung“ könnte man auch übersetzen. Der Verkündiger hat keine Botschaft zu sagen, die nur die anderen anginge. Wer immer predigt, predigt zugleich auch für sich selbst, ist und bleibt sein erster Predigthöreredigt, predigt zugleich auch für sich selbst, ist und bleibt sein erster Predigthörer.

  27 Denn die Einwohner von Jerusalem und ihre Oberen haben, weil sie Jesus nicht erkannten, die Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen werden, mit ihrem Urteilsspruch erfüllt. 28 Und obwohl sie nichts an ihm fanden, das den Tod verdient hätte, baten sie doch Pilatus, ihn zu töten.

Mit wenigen Sätzen wird die Passion Jesu in Blick gerückt. Wieder taucht das Motiv der Unwissenheit auf. Sie haben Jesus nicht erkannt – gemeint ist ja wohl: als den Messias Israels, als den Gesandten Gottes. Aber in diesem Nichterkennen haben sie, die Oberen und das Volk Jerusalems, das prophetische Wort erfüllt. „Nicht nur Pilatus, auch die Juden entdeckten keine todeswürdige Schuld.“ (G. Schille, Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S 295) So steht hinter dem Tod am Kreuz das göttliche Geheimnis, dass er die Worte der Propheten erfüllt.

Das ist eine Grundüberzeugung der jungen Gemeinde, auch des Paulus. Was da in  Jerusalem geschehen ist, ist um der Schrifterfüllung willen geschehen. „Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift.“ (1. Korinther 15,3) Wirklich alles muss dem dienen, dass Gottes Heilswille an sein Ziel kommt. „Unausgesprochen steht hier die Prämisse im Hintergrund, dass das Leiden und Sterben Jesu Erfüllung des im Alten Testament bekundeten Gotteswillens sei.“(J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981  S. 206)  Darum auch wird aus diesen Worten keine Anklage gegen die Jesusmörder. Die spätere Kirche hätte besser auf Paulus hören müssen, um ihre Irrtümer über die „mörderischen Juden“ zu vermeiden.   

29 Und als sie alles vollendet hatten, was von ihm geschrieben steht, nahmen sie ihn von dem Holz und legten ihn in ein Grab. 30 Aber Gott hat ihn auferweckt von den Toten; 31 und er ist an vielen Tagen denen erschienen, die mit ihm von Galiläa hinauf nach Jerusalem gegangen waren; die sind jetzt seine Zeugen vor dem Volk.

Dem Handeln der Menschen steht das Handeln Gottes gegenüber. Menschen haben Jesus in das Grab gelegt. das für alle vier (!)Evangelisten so überaus bedeutungsvolle Wort: Eτλεσαν – das Johannes als letztes Wort Jesu überliefert: Vollbracht Sie haben ihr Tun an ihm ans Ziel gebracht, ihn in ein Grab gelegt.  Hier steht. Damit ist nach landläufigem Verständnis und gesunden Menschenverstand der Weg eines Menschen am Ende. – es kommt ein Aber Gott. δ – zwei Buchstaben, so leicht wie ein Füllwort zu überlesen. Wo Menschen denken: mit dem sind wir fertig, da fängt Gott neu an. Mit ihm!

Gott hat ihn aus den Toten auferweckt. Die Jünger, die mit Jesus unterwegs waren, sind dafür Zeugen. Hier spricht Paulus, wie es Lukas sieht: Es ist der Kreis der Zwölf, der das Leben mit Jesus geteilt hat, die Wege durch Galiläa, der der Kreis der ersten Zeugen ist. So wichtig die Erscheinung Jesu vor Damaskus für Paulus ist, sie macht ihn nicht zum Zeugen „erster Ordnung“. Für ihn gilt, er kann immer nur weitergegeben, was ich auch empfangen habe.(1. korinther 15,3) 

 32 Und wir verkündigen euch die Verheißung, die an die Väter ergangen ist, 33 dass Gott sie uns, ihren Kindern, erfüllt hat, indem er Jesus auferweckte; wie denn im zweiten Psalm geschrieben steht (Psalm 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« 34 Dass er ihn aber von den Toten auferweckt hat und ihn nicht der Verwesung überlassen wollte, hat er so gesagt (Jesaja 55,3): »Ich will euch die Gnade, die David verheißen ist, treu bewahren.« 35 Darum sagt er auch an einer anderen Stelle (Psalm 16,10): »Du wirst nicht zugeben, dass dein Heiliger die Verwesung sehe.« 36 Denn nachdem David zu seiner Zeit dem Willen Gottes gedient hatte, ist er entschlafen und zu seinen Vätern versammelt worden und hat die Verwesung gesehen. 37 Der aber, den Gott auferweckt hat, der hat die Verwesung nicht gesehen.

                         Mit der Auferweckung Jesu aber geht es nicht nur um ein Geschehen an Jesus. Es geht um eine Verheißung an die Väter und an uns, ihre Kinder. Im Handeln an Jesus wird der Wille Gottes deutlich, das Leben aller dem Tod zu entreißen. Das Ziel des Lebens ist nicht mehr die Verwesung, sondern das Ziel des Lebens ist das bleibende Leben. Dieser Wille Gottes wird an Jesus nicht nur sichtbar, sondern in die Tat umgesetzt. Im Handeln Gottes an Jesus erfüllt sich das Wort der schrift, so wie es die Zitate ezeugen. So soll es auch für die Hörer gelten. Die Gabe des Lebens aus Gott ist größer als der Tod.

Es fällt ja auf: Paulus führt hier nur Psalm-Zitate auf. Sie sind Worte der Propheten, die im Urteilsspruch der Menschen erfüllt werden, Verheißung, die an die Väter ergangen ist. Das ist für unsere Ohren ungewohnt. Wir lesen Psalmen als Gebete. Augenblicksbezogen, auf die Liturgie abgestimmt, um vergangene Erfahrungen zu bewältigen. Es gibt jedoch auch diese andere Leseweise – die Worte der Psalmen nach vorne hin zu lesen, offen auf Zukunft, auf die Erfüllungen, die noch ausstehen.

Im Kern: Jesus hat die Verwesung nicht gesehen. Das ist predigtmäßig Auskunft über das leere Grab. Es gibt keinen verwesten Leichnam Jesu. Weil er auferweckt ist. Weil sein Weg weiter gegangen ist – bis in den Himmel. So hat es ja Lukas zuvor erzählt und der Leser, die Leserin kann sich daran erinnern. Dies, dass Jesus die Verwesung nicht gesehen hat, ist aer mehr als nur eine Feststellung über ihn, über das leere Grab in Jerusalem.

 38 So sei euch nun kundgetan, liebe Brüder, dass euch durch ihn Vergebung der Sünden verkündigt wird; und in all dem, worin ihr durch das Gesetz des Mose nicht gerecht werden konntet, 39 ist der gerecht gemacht, der an ihn glaubt.

        Von diesen Gedanken her kommt Paulus gleichwohl einigermaßen überraschend auf das Thema Vergebung der Sünden. Es war ja zuvor mit keinem Wort davon die Rede, dass der Tod Jesu Antwort auf die Sünde der Menschen war. Es war mit keinem Wort davon die Rede, dass er am Kreuz die Sünde der Welt getragen hat. Paulus hat eben in dieser Rede nicht gesagt, was der Täufer sagt: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“(Johannes 1,29) In dieser Rede liegt der Fokus ganz darauf, dass Gott an Jesus neu gehandelt hat, dass er ihn aus dem Tod gerufen hat. Dass so eine Bresche in die unüberwindliche Mauer des Todes gebrochen ist.

            In seinem Brief nach Rom wird Paulus schreiben:„Denn der Sünde Sold ist der Tod; die Gabe Gottes aber ist das ewige Leben in Christus Jesus, unserm Herrn.“ (Römer 6,23) Es braucht die Vergebung, um aus dem Tod, dieser Folge der Sünde, heraus gelöst zu werden. Ob Paulus dabei den leiblichen Tod als Folge des Sündenfalls im Paradies sieht und so mit einbezieht, mag getrost dahin gestellt bleiben. Es hat keine Bedeutung, auch nicht für die Worte des Paulus in der Synagoge von Antiochia in Pisidien. Hier geht es allein darum, dass die Sünde vom Leben abschneidet.

Und vor allem geht es schon hier darum, dass der Glaube an ihn den gerecht macht, der dem Gesetz in keiner Weise gerecht geworden ist. Hat Paulus zuvor schon das Gesetz in seiner gedrängten „Geschichte Israels“ übersprungen, so sagt er jetzt, dass es nicht dazu taugt, gerecht zu werden oder gerecht zu machen – δικαιωθναι. Sondern es ist Gottes Art, sich die Recht sein zulassen, die sich seine Gerechtigkeit, sein Erbarmen gefallen lassen.

Dieser kurze Satz in V. 38 zeigt, dass Lukas seinen Paulus doch wohl besser gekannt und verstanden hat, als ihm manche Theologen heutzutage zugestehen wollen. „Hier ist eine der ganz wenigen Stellen der Apostelgeschichte, an denen ein spezifisch paulinischer Ton anzuklingen scheint. Lukas weiß, dass die Rechtfertigung ohne Werke des Gesetzes, allein aus Glauben an Christus, ein Kernstück der paulinischen Verkündigung war und er will hier daran erinnern.“(J. Roloff, aaO.; S.208) Von Anfang an hat Paulus nichts anderes gewusst als diese Predigt des Erbarmens Gottes, das er in Jesus zeigt.

40 Seht nun zu, dass nicht über euch komme, was in den Propheten gesagt ist (Habakuk 1,5): 41 »Seht, ihr Verächter, und wundert euch und werdet zunichte! Denn ich tue ein Werk zu euren Zeiten, das ihr nicht glauben werdet, wenn es euch jemand erzählt.«

               Er endet mit einer Warnung an die Hörer: Hört nicht umsonst. Verschließt euch nicht dieser Botschaft. Es ist eine ernsthafte Warnung, weil sie nichts gleichgültig lässt, weil sie deutlich sagt: Wie ihr hört ist nicht folgenlos.

42 Als sie aber aus der Synagoge hinausgingen, baten die Leute, dass sie am nächsten Sabbat noch einmal von diesen Dingen redeten. 43 Und als die Gemeinde auseinander ging, folgten viele Juden und gottesfürchtige Judengenossen dem Paulus und Barnabas. Diese sprachen mit ihnen und ermahnten sie, dass sie bleiben sollten in der Gnade Gottes.

            Manches ist auf fruchtbaren Boden gefallen. Nachfragen, Neugier, Sehnsucht – die ganze Mischung ist da bei denen, die in der Synagoge waren. Die beiden Boten haben die Menschen erreicht. Sie wollen mehr wissen. Sie wollen noch einmal von diesen Dingen  hören. Genauer. Tiefer. Das Gespräch setzt sich fort. Die Ermutigung durch Barnabas und Paulus hört sich an, als würden sie die, die ihnen folgen, schon auf zentrale Einsichten des Glaubens, auf die Gnade Gottes anreden können.

 

Herr Jesus, nichts verkündigen als Dich, Dein Erbarmen, Deine Vergebung, Deine Liebe, Deine Treue. Das ist Gehen in der Spur des Paulus. 

Nichts wissen als Dich, den Gekreuzigten und Auferstandenen, Zeichen der Gnade Gottes, das will ich an Paulus lernen.

 Die heilige Einseitigkeit, die Einfalt zieht mich an, die sich nicht anmaßt, Lösungen zu wissen für die Nöte der Welt, die auch ohne Dich gehen, die wir selbst parat haben könnten.

Lass Du mich schlicht werden in dem, was ich von Dir sage. Amen