Das Wort wächst und breitet sich aus

Apostelgeschichte 12, 18 – 25

18 Als es aber Tag wurde, entstand eine nicht geringe Verwirrung unter den Soldaten, was wohl mit Petrus geschehen sei. 19 Als aber Herodes ihn holen lassen wollte und ihn nicht fand, verhörte er die Wachen und ließ sie abführen.

                             Die Szene wechselt. Ins Gefängnis. Am Morgen wird dort festgestellt: Der Gefangene ist weg. Wohin, weiß keiner. Wie, weiß auch keiner. Es ist eine so rätselhafte Geschichte, dass Herodes sie durch scharfe Verhöre aufzuklären versucht. Das Ergebnis: Er ließ sie abführen. Hinter der freundlichen Formulierung verbirgt sich ein Todesurteil. „Die Wächter hatten für einen ihnen anvertrauten Gefangenen mit dem eigenen Leben zu haften“ (J. Roloff, aaO.; S.191) Da kann man nur sagen: Wie gut, dass die Sitten heute anders sind, wenigstens im deutschen Strafvollzug.

 Dann zog er von Judäa hinab nach Cäsarea und blieb dort eine Zeit lang. 20 Er war aber zornig auf die Einwohner von Tyrus und Sidon. Sie aber kamen einmütig zu ihm und überredeten Blastus, den Kämmerer des Königs, und baten um Frieden, weil ihr Land seine Nahrung aus dem Land des Königs bekam.

Es folgt ein Blick in die Zeitgeschichte, ein Blick auf das Schicksal des Herodes Agrippa. Streitsüchtig ist er und machtgierig. Es ist leicht, seinen Zorn zu erregen. Im Hintergrund mag ein Handelsembargo stehen, „das die seit alters von palästinensischen Getreidelieferungen abhängigen Städte hart traf.“(J. Roloff, ebda.) Es braucht gute Beziehungen, damit die Einwohner von Tyrus und Sidon nicht Opfer des königlichen Zorns werden. Und die Fürsprache des Blastus. Man wüsste gerne, wie ihr  Überreden ausgesehen hat.  Der Verdacht liegt nahe. Die Überredung wird durch ein „ansehnliches Bestechungsgeld.“(J. Roloff, ebda.)   unterfüttert.

21 Und an einem festgesetzten Tag legte Herodes das königliche Gewand an, setzte sich auf den Thron und hielt eine Rede an sie. 22 Das Volk aber rief ihm zu: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! 23 Alsbald schlug ihn der Engel des Herrn, weil er Gott nicht die Ehre gab. Und von Würmern zerfressen, gab er den Geist auf.

 Es ist unverkennbar: Lukas sieht diesen König, der doch nur ein König von Roms Gnaden ist als einen, der sich göttliche Macht anmaßt. Er inszeniert sich gottgleich. Er gefällt sich in seiner entrückten Pose. Was das Volk – hier steht das Wort δῆμος, von dem sich unser Wort Demokratie ableitet – ihm zuruft als Huldigung: Das ist Gottes Stimme und nicht die eines Menschen! hätte er nie und nimmer akzeptieren dürfen. Wenn er es aber doch geschehen lässt und nicht zurückweist, so zeigt sich darin, dass er vergisst, dass er „auch nur ein Mensch ist“ (10,26) Der Gefangene Petrus, den ihm der Engel entführt hat, der hat das gewusst und gesagt, dem römischen Hauptmann gegenüber. Aber er, Herodes, hat es vergessen. So wird dessen Leben durch Gottes Engel bewahrt und sein Leben durch den Engel des Herrn genommen.     

24 Und das Wort Gottes wuchs und breitete sich aus.

               Es ist der Schluss unter eine Erzählung, den Lukas öfters setzt. Was auch immer geschieht, es kann den Lauf des Wortes Gottes nicht aufhalten. Es mögen Menschen in Gefahr geraten, es mögen sich Feinde erheben – das Wort Gottes nimmt seinen Lauf.

„Es ist ein Wort ergangen, das geht nun fort und fort                                                   Das stillt der Welt Verlangen wie sonst kein ander Wort.                                               Das Wort hat Gott gesprochen hinein in diese Zeit.                                                            Es ist hereingebrochen im Wort die Ewigkeit..“                                                                                                          A. Pötzsch 1935, EG Baden 586                                                            

             Darum schreibt Lukas seine Apostelgeschichte. Nicht um Menschen zu verherrlichen. Nicht um ideale Szenen darzustellen, sondern um zu bezeugen: Das Wort Gottes ist auf dem Weg in die Welt. Hier spricht der Glaubenszeuge und nicht der Historiker. Dieser Satz bestreitet nicht, dass Lukas nach damaligen Maßstäben auch sorgfältig recherchiert hat. Aber sein erstes Interesse ist nicht eine Geschichte der Apostel zu schreiben, sondern die Predigt vom Weg des Evangeliums in die Welt. Dem ordnet sich auch das historische Interesse unter.

25 Barnabas und Saulus aber kehrten zurück, nachdem sie in Jerusalem die Gabe überbracht hatten, und nahmen mit sich Johannes, der den Beinamen Markus hat.

              Der Abschluss-Notiz über Herodes folgt eine Auftakt-Notiz. Das Wort läuft weiter und die Menschen, die das Wort weitertragen, laufen auch weiter. Es ist wieder eine knappe Notiz: Barnabas und Saulus kehren zurück, nach erfolgreicher Geldübergabe, nach Antiochia, muss man wohl ergänzen. Die neue Lutherübersetzung ist vorsichtiger als griechischen Text: πληρώσαντες τὴν διακονίαν. Sie haben ihre Aufgabe erfüllt. „Unterstützungsauftrag“( J. Roloff, ebda.)Dass es nicht nur um diakonisches Handeln, sondern auch um materielle Unterstützung ging, hat Lukas zuvor schon signalisiert: „Aber unter den Jüngern beschloss ein jeder, nach seinem Vermögen den Brüdern, die in Judäa wohnten, eine Gabe zu senden. (11,29) Sie haben sich als treue Boten bewährt. Mit Johannes Markus haben sie einen neuen Reisegefährten. Das Team wächst.

 

Mein Gott, wie oft habe ich nur vor Augen, was die Welt bewegt, was die Mächtigen tun. Wie oft packt mich die Angst, dass Dein Wort nur ein Wort ist, in der Welt der harten Fakten auf verlorenem Posten

Danke, dass Du mich erinnerst: Dein Wort wächst und breitet sich aus. Gib Du, dass es in meinem Herzen Wurzeln schlägt und Früchte bringt. Amen