Einmal mehr aus dem Gefängnis befreit

Apostelgeschichte 12, 1 – 17

 1 Um diese Zeit legte der König Herodes Hand an einige von der Gemeinde, sie zu misshandeln. 2 Er tötete aber Jakobus, den Bruder des Johannes, mit dem Schwert.

                 Die Zeit der relativen Ruhe in Jerusalem ist vorbei. Herodes Agrippa I. wird aktiv. Er ist eine schillernde Gestalt. „Jahrelang führte er in Rom das Leben eines Playboys und war bekannt als notorischer Schuldenmacher und Glücksritter.“ (J. Roloff, Die Apostelgeschichte; NTD 5; Göttingen 1981, S.185) Er greift die Gemeinde an, greift nach Leuten aus der Gemeinde. Wenn man nach dem Grund fragt: „Er tat alles, um seine Verbundenheit mit den traditionsbestimmten Kräften des Judentums unter Beweis zu stellen.“(J. Roloff, aaO.; S. 186) Es geht ihm um seine Macht, für die er die „Konservativen“ braucht. So lässt er Jakobus, den Bruder des Johannes, einen der Zebedäus-Söhne mit dem Schwert hinrichten. Der Wille zur Macht ist oft, zu oft, völlig skrupel-frei.    

 3 Und als er sah, dass es den Juden gefiel, fuhr er fort und nahm auch Petrus gefangen. Es waren aber eben die Tage der Ungesäuerten Brote.

           Weil diese Hinrichtung gut ankommt, setzt Herodes den eingeschlagenen Weg fort. So leicht, sagt Lukas damit, kann man Opfer werden. Es genügt, dass sich ein Herrscher gute öffentliche Meinung verspricht. So war es auch bei Pilatus, der sich zur Hinrichtung Jesu nicht zuletzt  durch die Hoffnung auf gute Stimmung im Volk erpressen ließ. Wie viele Nachfolger hat Herodes mit dieser Motivation gefunden: Wenn es nur gut wirkt….  So wird auch Petrus gefangen genommen,  in den Tagen der Ungesäuerten Brote, also der Zeit um das Passah-Fest. Soll sich an Petrus wiederholen, was an Jesus in der Zeit des Passah geschah?

   4 Als er ihn nun ergriffen hatte, warf er ihn ins Gefängnis und überantwortete ihn vier Wachen von je vier Soldaten, ihn zu bewachen. Denn er gedachte, ihn nach dem Fest vor das Volk zu stellen.

                 Petrus wird im Gefängnis streng bewacht. Er ist ja einigermaßen „prominent“ als Kopf der Gemeinde in Jerusalem. Die Notiz von dieser strengen Bewachung, die an Hochsicherheitstrakte unserer Tage gemahnt, erinnert zugleich an die Bewachung des toten Jesus. (Matthäus 27, 62 – 66) Da wird ein Toter streng bewacht. Hier einer, der im Gefängnis sicher verschlossen ist.  Dieser Gefangene soll ihm nicht abhanden kommen – die Peinlichkeit früherer vergeblicher Inhaftierungen  – „Es erhoben sich aber der Hohepriester und alle, die mit ihm waren, nämlich die Gruppe der Sadduzäer, von Eifer erfüllt, und legten Hand an die Apostel und warfen sie in das öffentliche Gefängnis. Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach: Geht hin und tretet im Tempel auf und redet zum Volk alle Worte dieses Lebens. (5, 17 – 20) – ist wohl noch in Erinnerung.

  5 So wurde nun Petrus im Gefängnis festgehalten; aber die Gemeinde betete ohne Aufhören für ihn zu Gott.

              „Jetzt hilft nur noch beten.“ Was in unserer Zeit häufig Ausdruck letzter Verzweiflung ist, das ist hier Ausdruck der lebendigen Hoffnung. Die Gemeinde steht für den gefangenen Bruder vor Gott ein. Sie nimmt Gott in Beschlag für ihn. Betet sie um seine Befreiung? Betet sie um Freiheit von der Furcht vor dem Tod? Betet sie um Freimut in den zu erwartenden Verhören? Das alles bleibt offen. Sie beten – das reicht. 

6 Und in jener Nacht, als ihn Herodes vorführen lassen wollte, schlief Petrus zwischen zwei Soldaten, mit zwei Ketten gefesselt, und die Wachen vor der Tür bewachten das Gefängnis. 7 Und siehe, der Engel des Herrn kam herein und Licht leuchtete auf in dem Raum; und er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf! Und die Ketten fielen ihm von seinen Händen. 8 Und der Engel sprach zu ihm: Gürte dich und zieh deine Schuhe an! Und er tat es. Und er sprach zu ihm: Wirf deinen Mantel um und folge mir! 9 Und er ging hinaus und folgte ihm und wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. 10 Sie gingen aber durch die erste und zweite Wache und kamen zu dem eisernen Tor, das zur Stadt führt; das tat sich ihnen von selber auf. Und sie traten hinaus und gingen eine Straße weit, und alsbald verließ ihn der Engel.

           Wie lange die Haft dauert, wird nicht klar. Aber in der Nacht vor dem öffentlichen Prozess,  „als schon niemand mehr eine Wende erwarten mag, greift Gott ein“(J. Roloff, aaO.; S.188) Was Befreiungen angeht ist Gottes Engel ein Wiederholungstäter.  Auch schwer bewaffnete Wachen sind für ihn kein Hindernis. Er kommt ins Dunkel des Gefängnisses. Licht leuchtete auf in dem Raum. Es ist wie in Bethlehem auf den Hirtenfeld: Wo Gottes Engel auftreten, kommt Licht ins Dunkel. Petrus weiß nicht, wie ihm geschieht, zumal der Engel ziemlich handfest mit ihm umgeht. Er stieß Petrus in die Seite und weckte ihn und sprach: Steh schnell auf!  

                        Mach hin! Die Handschellen fallen. Der Häftling ist wieder bewegungsfähig. Es liest sich wie eine Befreiungsaktion aus dem Gefängnis. Genauso hat es vor vielen Jahren ein amerikanischer Exeget, J. Carmichael gedeutet: Das ist ein Befreiungsunternehmen einer potentiell rebellischen Truppe. Ich halte das für Unsinn. Von nichts war diese erste Gemeinde der Jesus-Leute weiter entfernt als von gewaltsamen Aktionen gegen den Staat.

Alles muss schnell gehen. Und es geht so schnell, dass Petrus kaum nachkommt. „Es geht hier auch darum zu zeigen, wie wenig Petrus zu seiner Befreiung selbst beigetragen hat.“(G. Schille Die Apostelgeschichte des Lukas, Theol. Hand-Kommentar zum NT, Bd. 5; S. 272) Es ist ja auch wie im Traum. Er wusste nicht, dass ihm das wahrhaftig geschehe durch den Engel, sondern meinte, eine Erscheinung zu sehen. Es ist der Traum, den wohl alle träumen, die zu Unrecht eingesperrt sind, dass sich die Tür zur Freiheit wieder öffnet.

Lukas erzählt hier eine Gefangenenbefreiung. Und er hat sicherlich nicht vergessen, was er für die Antrittspredigt Jesu in Nazareth notiert hatte: Gott „hat mich gesandt, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen,..“ (Lukas 4,18) Es sind nicht nur schöne Worte von innerer Freiheit, um die es geht. Es ist die handfeste Erfahrung von Befreiung, auch aus dem Gefängnis, die im Evangelium mit angesprochen wird. Wunderbar genug, unfassbar, aber eben doch real. Auch wenn wir nicht wissen, wie wir uns diesen Engel vorzustellen haben.

11 Und als Petrus zu sich gekommen war, sprach er: Nun weiß ich wahrhaftig, dass der Herr seinen Engel gesandt und mich aus der Hand des Herodes errettet hat und von allem, was das jüdische Volk erwartete.

             Nur langsam kommt Petrus zur Besinnung. Das Staunen wandelt sich in eine Erkenntnis: Es ist Gott, der hier am Werk ist. Der Herr seinen Engel gesandt. Das ist auch für Petrus keine Alltagserfahrung. Sein gewöhnlicher Umgang sind Menschen aus Fleisch und Blut. Mit Engeln hat er eher selten zu tun. Um das zu erkennen, muss er zu sich kommen, müssen ihm die Augen aufgehen. Und er sieht sich gerettet – vor der Willkür des Herodes und „vor dem Hass der Juden, das heißt vor dem sicheren Tod.“ (J. Roloff, aaO.; S. 190)

 12 Und als er sich besonnen hatte, ging er zum Haus Marias, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus, wo viele beieinander waren und beteten.

So zur Besinnung gekommen und in der Realität angekommen, macht er sich auf den Weg. Er kennt sich aus in Jerusalem und weiß auch, wo er die Anderen finden wird. Die sind zusammen im Haus der Maria, der Mutter des Johannes mit dem Beinamen Markus. Johannes Markus ist ein Neffe des Barnabas (Kolosser 4,10), später ein Weggefährte auch des Saulus (12,25).  In diesem Haus wird gebetet, doch wohl auch für die Bewahrung des inhaftierten Petrus.

13 Als er aber an das Hoftor klopfte, kam eine Magd mit Namen Rhode, um zu hören, wer da wäre. 14 Und als sie die Stimme des Petrus erkannte, tat sie vor Freude das Tor nicht auf, lief hinein und verkündete, Petrus stünde vor dem Tor. 15 Sie aber sprachen zu ihr: Du bist von Sinnen. Doch sie bestand darauf, es wäre so. Da sprachen sie: Es ist sein Engel. 16 Petrus aber klopfte weiter an. Als sie nun aufmachten, sahen sie ihn und entsetzten sich.

             Wieder ist es fast filmreif. Die Magd Rhode an der Tür ist so von Sinnen, dass sie den Flüchtling, den doch jedermann jagen könnte, auf der Straße stehen lässt. Kopflos rennt sie zurück und sagt, Petrus stünde vor dem Tor. Die Beter aber glauben alles, nur nicht, dass ihr Beten für Petrus so prompt erhört sein könnte. Sie halten es eher für möglich, dass da sein Engel, eine Art himmlischer Doppelgänger des Petrus – „der Schutzengel galt gleichzeitig als das Ebenbild des Menschen“ (G. Schille, aaO.; S 273) – stünde als dass sie damit rechnen: Er ist es selbst.

Und als sie ihn dann sehen, sind sie entsetzt, geraten auch sie außer sich, so wie die Magd vorher. Salopp könnte man sagen: Sie werden eine Versammlung von Ekstatikern – in dieser Nacht sind alle außer sich.

Wieder einmal steht hier εξέστησαν, sie sind in Ekstase,außer sich, wie schon im Bericht über das Pfingsten der Heiden (11,45) und wie in der Verzückung des Petrus in Joppe (10, 10). Es scheint so zu sein: Wo Gott so in das Geschehen der Zeit hinein greift, geraten Menschen aus der Fassung, verlieren sie ihre übliche Haltung, sind sie außer sich.

17 Er aber winkte ihnen mit der Hand, dass sie schweigen sollten, und erzählte ihnen, wie ihn der Herr aus dem Gefängnis geführt hatte, und sprach: Verkündet dies dem Jakobus und den Brüdern. Dann ging er hinaus und zog an einen andern Ort.

             Petrus aber scheint jetzt die Ruhe selbst. Er bezeugt, was an ihm geschehen ist. Es geht dabei nicht um das „wie“ der Befreiung, sondern darum, dass es die Tat des Herrn ist. Er hat ihn aus dem Gefängnis geholt. Und dann lakonisch kurz: Informiert Jakobus und die Brüder,  über die Befreiung und doch wohl auch: Ich tauche jetzt unter.  Das könnte heißen: „Petrus tritt die Gemeindeleitung ab.“ (G. Schille, aaO.; S. 274) Wohin Petrus geht, ist nicht wichtig. Er ist jetzt wieder unterwegs.

Diese Geschichte von der Gefangenenbefreiung mutet uns modernen Lesern eine Menge zu. Wir haben es gerne nüchterner, realistischer. Hier ist viel, zu viel Überirdisches im Spiel. Aber vielleicht kann man von Gott in der Welt und seinem Handeln in der Welt gar nicht anderes reden als dass man ständig an die Grenzen unserer – zugegeben beschränkten – Weltsicht  gerät.

Gegen alle Skepsis, die sich nicht genug wundern kann und das Ganze gerne als schöne Legende deuten würde, hält ein Kommentar fest: „Obwohl legendenhaft im Stil der Gattung der Befreiungswundergeschichten erzählt, verdient unser Text darin unser Zutrauen, dass er auf historischen Fakten basiert. Das Martyrium des Zebedaiden Jakobus, die Inhaftierung des Petrus vor dem Paschafest, und seine – gegen alle Erwartung, wie auch immer bewerkstelligte – wunderbare Befreiung, sein Weggang von Jerusalem im zwölften Jahr nach Jesu Tod, die Übernahme der Gemeindeleitung durch den Herrenbruder Jakobus dürfen als ebenso gut verbürgt gelten wie der frühe Tod des Agrippa I.“ (R. Pesch, Die Apostelgeschichte, EKK V/1, Zürich 1986  S. 222) Manchmal muss man sich wohl einfach eingestehen: Dass wir nicht alles mit unserer Vernunft begreifen, spricht nur für die engen Grenzen unserer Vernunft, aber nicht gegen die Wirklichkeit des Geschehens.

 

In wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.

Das habe ich schon so oft gesungen. Das habe ich auch oft erlebt. Nicht wunderbar, aber zum Wundern. Nicht mit himmlischen Engeln an meiner Seite, aber mit irdischen Engeln, Engeln, auch ohne Flügel und Lichtglanz.

So leuchtet Deine Herrlichkeit, mein Gott, auf. Und doch spüre ich auch da: Du Gott, weitest mir die Welt, lässt mich auf Hilfe hoffen, auf Rettung warten, auf einen Ausweg in verfahrenen Situationen, in denen wir wie eingefangen sind.

Du machst frei aus Gefängnismauernund aus den inneren Gefängnissen, in die wir uns so leicht selbst festsetzen. Amen